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Neue jüdische Presse · 1906-01-26 · Heft 4 (26.1.1906) · p. Seite 5

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
4 (1906)
Issue
Heft 4 (26.1.1906)
Date
1906-01-26
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 4._ Tuch für den Tisch, auf dem man die Thora vorliest. Ihr größtes Ideal aber war für sie — Geld für Anschaffung einer Thorarollc zusammeuzusparen und sie dann feierlich, mit Musik, in, die Synagoge hineinzuführen, wo inan sie von Geschlecht >zn Geschlecht lesen würde. Dieses Ideal ivurde ilinen zur Aufgabe ihres ganzen Lebens, das nur erst dann seine Bestimmung und seinen Sinn erhalten konnte. Und R. Schmnöl begann Tag und Nacht zu arbeiten; er vergaß ganz das Ansruhen und dachte nur an jenen frohen Tag, wo sein Ziel erreicht sein wird. „Es ward uns kein slinb beschert, das wir unter den Tran-Baldachin bringen könnten, so tvollen Ivir die heilige Thora unter einen Baldachin bringen." Sv sprach ost R. Schinuel zu seiner Frau, die, wenn sie diese Worte vernahm, das Kinn mit einer Hand zu unterstützen und stille Tränen zu vergießen pflegte. Das waren die bescheidenen Beivohner der niedrigen Erdschutte. Als wir cintraten, trafen ivir den R. Schniuöl ilnd seine Frau beim Frühstückessen an. Ein Rand des Tisches war mit» einem dicken, grauen Handtuch bedeckt, auf ihm bcfaildcn sich: ein bereits angefängene- Kornbrot, ein Salzfäßchen und ein Teller mit eingcbrocktcin Lauch, vonSviinenblumenöl übergosscn. Die Hanslentc empfingen uns sehr gutherzig, ohne doch die Bestellung zu ahnen, die sie ganz verwunderte. Chinka hat ein bischen Schnaps ans dem Boden der kleinen, dunkel angelaufeneii Karaffe nnd ein Stückchen in Eier Hartgebackenen Fladen ausgesucht — die Reste des letzten Sonntags — und überbrachte all dies meinem Vater. Es begannen nun gegenseitige Nachfragen über Verdienste, Vorbereitungen zu den bevorstehenden Feiertagen und so tveiter. Ta sprach fast ausschließlich Chinka, N. Schniuöl schüttelte nur mit dem Kopf und flocht selten sein Wort ins Gespräch ein. — Endlich trat man an den Hnuptgegenstand heran. R. Schmuöl erklärte als feiten Preis — drei Rubel. Mein Vater crschrack säst vor der Höhe dieses Preises und erklärte, daß in diesem Falle an die Bestellung gar nicht zn denken sei. _Mir erstarrte dabei das Herz. — R. Tchmuöl riet nun, ein Paar alte Stiejelschasten anfzumachen — dann lverde es im ganzen 2 Rubel kosten. Mein Vater erwiderte, daß er, wie, es ihm scheint, überhaupt keine Stiefclschaftc habe und erhob sich, um fortzugehen. Verzweiflung beherrschte mich. „Nu mache cs ihm für 21!-- Rubel" — sagte Chinka mit einem besonders weichen Tone. Wahrscheinlich bemerkte sie meine Berzivciflnng. Sic betrachtete mich mit ihren wundervollen Augen, die mir in jenem Augenblicke ivie eines Eitgcls schienen. „Wenn Du damit einverstanden bist, so habe ich nichts dagegen" —. antwortete leise R. Schniuöl. „Aber lvissct, R. Schmuöl, ich werde/ Ihnen vor Pessach nur anderthalb Rubel, nnd das 'klebrige, mit Gotteshilfe, erst nach den Festtagen, geben können." „Mag es so sein, wenn Tis anders nicht können," antwortete Chinka für ihren Mann, mit derselben Weichheit in der Stimme. R. Schmnöl begann darauf das Nachessen-Gebet zu verrichten, indem er dabei die Augen ganz zndrückte. Erst nach Beendigung des Gebetes setzte ich mich endlich auf die Bank hin, zog meine schmutzigen, zerrissenen schuhe mit den ganz ausgetretenen Absätzen ab ilnd stellte R. Schmnöl, mn ein Maß zn nehmen, meine erstarrten, durchnäßten Füße zur Verfügung, die mit durch nnd durch durchnäßten schmutzigen Socken bedeckt lvaren. „Armer, armer Junge" — sagte Chinka, wohl gerührt, indem sie auf mich ihre samnietnen Angen richtete, aus welchen so viel Inniges, so viel warnte Teilnahme hervorstrahlte. „Er lvird sie gerade am Vorabend der Festtage bekommen" — erklärte R. Schmnöl, indemer sich nach dem Maßnehmen erhob. — — — — — Das ist die Geschichte der Entstehung meiner Stiefel, des ersten Paares in meiucm Leben. Was ist nun da zn vcrlvundern, nvenn mich bei dem Gedanken an sie eine gewisse,wonnige Gemütsbewegung ergriff; iveiin ich jeden Morgen mit dein glücklichen Bewußtsein erwachte, daß mich etwas- Gutes, unglaublich Gutes erwartet; wenn ich von der stärksten Anhänglichkeit und Zärtlichkeit zu ihnen durchdrungen lvnrde, noch ehe ich sie gesehen. Frankfurter Israelitischer Familienblatt. Ja, waS sage ich: — nicht gesehen! Ich sah sie in ihrem Keim, als sie noch in der Gestalt eines formlosen LederftnckeS, dem R. Schmnöl den ersten Ausdruck zn geben bemüht ivar, auf Leisten angeschlagen wurden. Ich sah sie, als an die Vorderseite, die bereits die nötige Form annahm, die Hintere Seite angenäht lvnrde. Ich sah sie, als die unteren Kauten abgebogcn und an die Hinterreihe des Leistens angeschlagen wurden, um die Sohle auzubringen. Ich sah sie, als die Letztere angelegt ivurde ilnd sah, mit welch einer Geschicklichkeit .und Geschwindigkeit R. Schmnöl mit einer Ahle kleine-Löcher durchbohrte und in zwei geraden Reihen hölzerne Stifte einschlng, die er vorher zwischen den Zähnen hielt. Ich sah sie, als er sie dann mit einer stachen Feile glatt machte — kurzum, ich habe keinen ivichtigen Moment in dem Gang ihrer allmählichen Entwicklung außer Acht gelassen. Sobald ich nur einen freien Augenblick abpreßte, lief ich ungesäumt zu R. Schmnöl nnd blieb dort stundenlang sitzen. Als wir eine Woche vor den Feiertagen vom Cheder ganz befreit wurden, da begann ich, dort fast ganze Stunden zuzubringen. Und mit ivelch einem Vergnügen ich dort zu verweilen pflegte! Neben der Hauptsache, die mich so sehr hinlockte, war mir überhaupt dort sehr angenehm. Den», während in unserem Häuschen eine Unordnung herrschte: der Boden war ganz bedeckt mit Schnitzeln der Bücherseiten, die alle Winkel voll machten, an die Füße, an alles sich ansetzten, und das ganze Zimmer war mit im Einbinden begriffen — war cs dagegen hier so sauber, so reinlich:; bei uns entstand oft ei» Lärm durch die Kinder, durch die lauten Gespräche meiner Mutter — hier aber herrschte Ruhe, die nur durch die Hammerschlägc oder dilrch ein leises Gespräch unterbrochen lvnrde. Außerdem war es hier so gemütlich, so ivarm, und bei uns war cs so kalt, feucht Nnd nnfrenndlich. Am Vorabend blieb ich dort bis in die tiefe Nacht hinein nnd ungern ging ich nach Hause, wo ich anstatt Abendbrot unzählige Vorwürfe von der Mutter erhielt. Ich verstehe schon viel vom Schuhmacher-Handwerk; ich kenne all die anfeiuandcrfolgten.'Machinationen, die man an Stiefeln durchzumachen hat, ich kenne alle Instrumente und ihre Handhabung. Nur heute gelang es mir nicht, bei N. Schmnöl zu sein. Gestern verließ ich meine Stiefel noch ohne Absätze — und Reb Schniuöl ließ -sie bei Seite und machte sich an andere. Das hat mich sehr betrübt: er beruhigte mich aber nnd sagte, daß ich sie heute zur Mittagsstunde habe» werde — unter allen Bedingungen vor dem „Badcgehen". ... ' (Fortsetzung folgt.) Der „Held". Skizze von A. R e i s e n. liebersetzt von I. b. E. „Chaik'l d e r K r ä in e r" — so wird er von allen genannt. In der Tat aber paßte ans ihn dieser Name kaum. Denn eigentlich sitzt im Laden die ganze Woche hindurch seine Frau Chane nnd er bleibt zn Hause oder sitzt in Beis-Hamidrasch nnd lernt. Nur Sonntags ist er gezwungen, das Mvrgengebet viel früher als an den sonstigen Tagen zu beenden ilnd sofort nach .Hause zu gehe», nni in aller Eile zu frühstücken. Darauf begibt er sich mit derselben Eile auf die Straße, um seiner Frau Chane im Laden behilflich zu sein. Das war ihm eine wahre Qual. Wäre nicht der „sündhafte Leib", der unerbittlich Speise und Bekleidung fordert — würde er keinen Anstand nehmen, seine Frau Chane, die ans ihn immer hörte, zn bitten, den Laden gerade an diesem Tage zn schließen. . . . * Er zittert am ganzen Körper. . . . Auf der Straße rauscht nnd wimmelt cs. Die Bauern kommen mit ihren Fuhren aus den naheliegenden Dörfern an. Stolz kommen sie herangcfahren nnd suhlen sich im Judenquartier ganz wie zuhause. Chaikl steht an der Türe seines/ Ladens, betrachtet die große Menge Bauern nnd hört angstvoll dem großen Giwimmel zu. Sein Herz erzittert und bald fragt er sich selbst: Seite 5. „Herr der Welt, welch Bedeutung kann denn haben die geringe Zahl der Juden gegenüber dieser großen nnd starken Volksmenge?" .... Die Bauern umgeben seinen Laden nnd seine Angst steigt mit jedem Augenblick. Es ist ihm fast unverständlich, ivie so „seine" Chane, diese schwächliche Frau, mit jedciit von ihnen so sicher nnd stolz spricht und mit jedem von ihnen heruinstreitet, wenn sie ihr die Hälfte des Preises, zu dem sie selbst die Ware eingekauft, anbieten. „Du bist ein schreckliche-) Weib!" — möchte er ihr dann sagen. — „Weiß Gott, was für ein Unglück Du über uns bringen wirst. . . . Was eigentlich für ein Unglück es sein könne — das wagt er nicht über seine Lippen zu bringen . . . Es ist ja ein -so schreckliches, schauecvolles Wort. Bereits seit zwanzig Jahren kennt er es und denkt darüber nach — und tritt Sonntag ein, so bohrt sich dieses Wort erbarmungslos in sein Hirn voir Frühmorgens bis tief in die Nacht. '• Und wen» das Ttraßengewimmel ans irgend einer Ursache immermehr zunimmt — so scheint es ihm alsbald, als ob jenes Wort aufcrstanden sei. . . Sein Gesicht wird bleich, totblaß und er vermag sich dann kaum auf den Beinen zu halte». „Chane, Chane! sieh' mal zu, was dort eigentlich geschehen ist ..." Doch Chane ist allzusehr im Laden beschäftigt: sie ivügl nnd mißt, schwört und schreit, fragt nnd antivorlct, ohne gar ihren „Lamdon" zn beachten. Und nur wenn dieses Gewimmer zu den Ohren der Bauern gelangt, wendet sie sich an Chaikl mit erregter, heiserer nnd flehender Stimme: „Chaik'l, gib doch Acht!" Und der Wunsch Chaue's ist ihm immer ein Gebot. Er beginnt nun seine kaltblickenden Augen nach allen Seiten hin zu wenden und hält Uinschau über all die Plätze, wo die Bauern sich am meisten befinden. Und wenn einer der ihm nahestehenden Bauern an ihn heran kommt, mit robuster und grober Stimme etwas von ihm verlangt, so macht Chaik'l angstvoll einige Schritte rückwärts und sagt: „Sofort, bitte doch, sogleich . . ." Und Chaik'l glaubt nun fest, daß nach einer solchen sanften und gutmütigen Antlvort kein Bauer, auch nicht der schlimmste unter ihnen, imstande sei, ihm Böses zuzufügen. — Chaikl beruhigt sich für einen Augenblick . . . * Gegen Abend steigt die Angst Chaikl's bis zur höchsten Stufe. Die Bauern haben bereits ihre mitgcbrachtcn Waren verkauft — nnd haben sich auch bereits bcsosfcn. Nun beginnen sie lustige Lieder zu singen. Lhaikls Ohr, das von Kindheit an die gcheiinnisvolle Melodie, die die Talmudsrudien begleitet, gewöhnt ist, verträgt nicht diese Lieder und es kommt ihnc vor, als ob er in jeder ihrer Töne den Ruf heraushöre: „Schlaget die Juden!" Und Chaikl erbebt bei diesen Gedanken. Mit leiser, flehender Stimme slüstert er alsdann seiner Frau zn: „Gehorche mir, Chane, schließe doch endlich den Laden!" Chane jedoch denkt gar nicht daran, den Laden zu schließen. Sie ist mit dem Verkauf sehr bcschästigt. Ist doch heute Sonntag nnd der Verdienst von diesem Tage muß ja für die ganze Wochp reichen. — Und Chaikl zittert an Leib nnd Seele. * Die Tonne ist nun untergegangen nnd die besossenen Bauern reiten schon ab. Das Straßengewimuiel nimmt immer mehr ab nnd verschwindet endlich nachts ganz und gar. Die Läden werden geschlossen. Der Straßenwüchter, ein schlanker Mann mit einem dicken langen Bart, tritt an Chane heran, sagt ihr stammelnd einige Worte, die dem Chaikl wie chinesisch klinge», — und Chane steckt ihm darauf rasch etwas in die Hand hinein. Chaikl rafft sich aus. „Gott sei Dank! Gott sei Dank!" — summt er leise hin, fährt mit der Hand über seinen Bart und erhebt zufrieden die Augen znm Himmel. Chane zählt das gelöste Geld, zählt nnd rechnet, runzelt die Stirne nnd schickt sich a», nach Hanse zu gehen. Sie klingelt mit ihren Schlüsseln. Jetzt aber fühlt sich Chaikl so sicher und außer Gefahr — und er empfindet ein Bedürfnis, seinen Mut zn bekunden und noch eine Stunde im Laden zn bleiben. .....

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