Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 4 (1906)
- Issue
- Heft 4 (26.1.1906)
- Date
- 1906-01-26
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 4. Damm vermissen wir auch eine Forderung, wie sic Direktor D r. Adle r im Anhänge zu seiner ' lesenswerten Broschüre: „D a s Schulnnterhaltungsgefetz und die preußischen Bürger jüdischen Glauben s. Dritte, durch einen Anhang: „Ter neue Schulgesetzentwurf und die jüdische Schule" vermehrte Auslage (Perlag von I. Kanffinann, Frankfurt am Main)". S. 13 f. ansstellt, nämlich: Es ist de» Inden zu gestatten, auf ihre eigenen Kosten öffentliche Schulen zu errichten, wo die Zahl von 60 bezw. 120 Kindern nicht vorhanden ist und durch die Errichtung einer solchen Schule dem Schulverbande Kosten erwachsen würden. Tenn mit der Errichtung privater Schule», die immerhin noch möglich ist, ist niemandem gedient: weder den Gemeinden, noch den Schülern und Lehrern; sie werden immer nur eine kümmerliche Existenz als Winkelschulen fuhren und >ver sie nicht besuchen will, kann nicht dazu gezwungen werden. Zur Erhaltung des Judentums aberbrauchen wir leistungsfähige, jüdische Schulen. Das wissen die jüdischen Volk s s ch ulte h r e r des Reg.-Bez. Cassel besser als die Leiter des Verbandes. In knappen, maunhasteu Worten verlangen sie, ohne aus Einzelheiten einzugehe», die Erhaltung ihrer öffentlichen jüdischen Volksschulen unter Berufung auf das königliche Besitzergreifnngs- Pateut vom 3. Oktober 1866. Möge diese Petition ein geneigtes Ohr finden und den Stand von der schweren Sorge für die Zukunft befreien, die eben auf ihm lastet. Die Woche. Seit der Inden-Emanzipation liegt die Leitung unsres Volkes in den .Händen der Assimilativik. Die Orthodoxie hatte dank ihrer Kurzsichtigkeit, seiner Zeit freiwillig das Heft aus ihren Händen gegeben. Die neuen, entjndeten Führer zertrümmerten alle .Heiligtümer Israels, schufen neue Werte und steuerten mit aller Kraft der Entnationalisierung der Massen zu. lind die Orthodoxie schlief. Mit unglaublicher Gleichgültigkeit sah sie die Zerstörung der alten, heiligen Burg. Nur Vereinzelte besaßen de» Mut und den Eifer, den Entwciher» und Verrätern entgegenzutrcten. Aber auch diese taten es halb, indem sie sich ihnen nur auf dem religiösen, nicht aber auf den nationalen und politischen G e b i e t e n cntgcgenstcllten. Nach Ivir vor bliebe» die Assimilantcn ans diesen letzteren Gebieten die Wortführer deS.jüdischen Volkes. Die Orthodoxie glaubt irrtümlicherweise, daß ein Differenzpunkt zivischen ihr und der Ncologic nur in konfessioneller Hinsicht herrsche, nur die Zahl der Gebote bilde den Unterschied, die einen für sich die Tarjag MizwanS, soweit sie in der Diaspora durchführbar sind, als verbindlich erachtend und die anderen nur wenige von ihnen — sagen wir Schcwa MizwanS.; aber sowohl crstere wie letztere waren sich darin einig, daß die Inden nur Magyaren, Tschechen Polen »sw. jüdischer Konfession sind. Aus die großen Schäden, die dieses Verjähren in nationaler Hinsicht uns gebracht hat, braucht nicht hingewicsen zu werden; würde doch selbst der Orthodoxeste sich energisch verwahren, so man ihm sein Germanentum aiczweislc. ES bleibt nur, ans die Schäden in politischer Beziehung hiuznweiscn. Allein, wer wollte auch dieses anzweifeln. Ein Blick auf die verworrene Lage der Juden in dem nationalitätenreiche» Oesterreich genügt, um dies zu bestätigen. Man vergegenwärtige sich die schiefe Lage der Jude» in einem Orte, wo drei Nationalitäten — sagen wir: Polen, Tschechen und Deutsche — sich in den Haaren liegen. Wäre da nicht angebracht, anstatt mit einer oder mit allen drei Nationen, bloß mit sich zu halten und eine eigene Politik zu treiben. Erst mit dem Auftreten des Zionismus beginnt eine Aendcrung einzutreten. Es würde zu weit führen, tvollten wir alle seitens der neuen. Kämpfer gemachten Schritte auszählen. Ein Hinweis auf die autonomen Bestrebungen eines Teiles der Inden Rußlands,, sowie Oesterreichs, die nur als Produkte des neueil Kurses nnznsehen sind, genügt, um zu zeigen, wohin die neue Richtliilg segelt. — Als Zeichen dieser neuen Aera wollen wir einen Akt der letzten Tage berichten: Lord C h u r ch i l l, der englische Staatssekretär für Frankfurter JsraMisches Familienblatt. die Kolonien, wurde als liberaler Kandidat in Manchester, dem bisherigen Wahlbezirke des gewesenen Ministerpräsidenten B a l s o u r, aufgestellt. Der Zufall wollte, daß er die Unterstützung der jüdischen Wähler bedurfte, letztere aber — 700 an Zahl — machten zur Bedingung, daß er sich verpflichte, die Alien-Bill, welche unter Balfour zum Gesetz gemacht worden war, möglichst wirkungslos zu machen. — Eine solche Forderung i m a n s g c f p r o ch e n e n j ii d i s ch e n I n t c r e s s e zu stellen, sind nur diejenigen imstande, die eine eigene, eine jüdische Politik treiben; für Engländer mosaischer Konfession wäre sie ausgeschlossen. * -i- * Zwei Nachrichten las man dieser Tage in den Zeitungen, die dadurch, daß sie nacheinander standen, in dieser ihrer Zusammenstellung Bände sprechen. In Berlin waren lvieder einmal zwei Legate von über einer Million für Stistnngszwccke vermacht worden und zwar das eine von christl. Seite für Gründung einer evangelischen und das andere von. jüdischer Seite für Gründung einer interkonfessionellen Anstalt. 'Nun geht es mit den interkonsessionellen WohltätigkcitS- Jnslitntioiicn in der Regel so, wie mit den simultanen preußischen Volksschulen: sie wahren die Parität innerhalb der beiden christlichen .Konfessionen, aber durchaus nicht gegenüber den Inden. Selbst nicht einmal dafür, daß in der Verwaltung eine gewisse Anzahl jüdischer Herren sitzen müssen, ist »Meistens gesorgt. Unzählig sind die Institutionen, die;' von jüdischem Gelde geschaffen, ihre Segnungen jüdischen Petenten versagen. Es sind das gerade so Ajjimilativnsblüten nüe jene Heiratsannonce in einer der letzten Nninmeru der „Frankfurter Zeitung", in der skr zwei Brüder israelitischer Konsession, jedoch mit „arischem Typus" israelitische Lebensgefährtinnen gesucht werden — wahrscheinlich solche, die für die Erhaltung des „arischen Typus" in der Familie Garantie bieten! Doch in einer Zeit, in der eS Rabbinen gibt, die, obwohl sie weder 'bei Tag noch bei Nacht hinter den Talmudfolianten sitzen und obwohl ihnen während ihrer ganzen Amtszeit weder das Kaschrnß eines Huhnes noch das eines Topfes Kopfschmerzen bereitet, nicht einmal einem Proselyten unentgeltlich Religionsunterricht erteilen wollen, (siehe Berlin unter Rubrik „Ans aller Welt;"), ist in lveiten Kreisen jegliches Gefühl und Bewußtsein für die Berpslichtnngen, die ein Jude seinem Volke und seinem Jndentnme schuldet, abhanden gekommen. Aus aller Welt. Deutsches Reich. Berlin, lieber die Bewegung innerhalb der preußischen I n d e n h e i t zur 'S! b w e h r der ihr ans de in p r e u ß i s ch e n Schulz cs e tz e n t w u r f drohende n Gesa h r e n wird folgendes mitgctcilt: Ter Verband der Deutschen Juden hat unter dem 7. Januar 1906 in einer ausführlichen Tenkschrift alle Beschwerdepnnktc erörtert und näher begründet. Ter Verband hat die Tenkschrift sämtlichen preußischen Gemeinden mitgetcilt, von welchen bereits etlva 700 ihre volle Zustimmung dem Abgeordnetenhanse gegenüber erklärt haben. Abgelehnt ist die Beteiligung im Ganzen von zlvei oder drei kleinen Gemcindcii. Soweit noch die Beschlüsse ansstehen, lvas hiernach nur noch bei der kleinen Minderheit der Synagogcngemeindcn der Fall ist, dürften lediglich formelle Hinderungsgründe den Beschluß verzögert haben. Tie Tenkschrift bittet um Streichnizg des § 24 im Entwarft, welcher die jüdischen Volksschulen vollkommen der Willkür der politischen Gemeinden und der Schulaufsichtsbehörde überantworten wollte. — Es wird ferner eine Garantie dafür erbeten, daß im Falle der Auflösung lebensfähiger jüdischer Volksschulen unter 'Anstellung eines Lehrers der Religionsunterricht ans die neue öffentliche Volksschule iibcrnoinmen lvird. — Endlich wird im wesentlichen eine Gleichstellung der jüdischen Minderheiten mit anderen Minderheiten.sowohl bei Begründung konfessioneller Schulen, tvie bei Besetzung der Schnldeputationcn und Schulvorstande befürwortet. Soweit bisher aus den Kreisen deS Landtages über die Aufnahme der Tenkschrift etwas bekannt geworden ist, scheint die Aufnahme des Rcgierungscntwnrses hinsichtlich der jüdischen Schuten und Schüler eine Mehrheit nicht zu finden. Auch iui übrigen sind die Beschwerden der Tenkschrift sichtlich nicht ohne Eindruck geblieben. Berlin, 23. Jmi. Die baherische?Regieru'ng hat ungeordnet, daß der llebertritt von Durch- Seite 3. Wanderern aus Rußland über die bayerische Auslandsgrenze nur mittels Eisenbahn und zwar nur auf den Strecken Eger-Markt Redwitz und L i» z - P a s s a u erfolgen darf und daß auf den Bahnhöfen Markt Redwitz und Passau eine ärztliche Kontrolle der Durchwanderer aus Rußland stattznfinden hat. Hierzu versügt der preußische Minister des Innern in Gemeinschaft mit dem Handels- Minister, daß Auswanderer, die auf den erwähnten Bahnhöfen einer ärztlichen Untersuchung unterzogen sind, so zu behandeln sind, als wenn sie eine preußische .Registrier- oder Kvntrollstation passiert hätten. Hungen (Oüerhessen). Unerquickliche Gern e i n d e v e r h ä l t n i s s c. Ter erste Vorsteher der israelitischen Religionsgemeiiide Hungen, I. S., hat gegen den Kaufmann L. M. wegen Beleidigung Privatklage erhoben, was dieser mit einer Gegenklage erwiderte. Tie Parteien, welche schon lange Jahre miteinander verfeindet sind, gerieten an einem Feiertage in der Synagoge in Wortwechsel, wobei der Vorsteher den M. mit „Tn" anredetc. Dieser verbat sich dieses, indem er laut rief: „Ich habe noch keine Schweine mit Tir gehütet." Weiter machten sie sich gegenseitig Vorwürfe über ihre Herkunft» wobei man auch das Wort „Trecksack" vernahm. Die Störung war so erheblich, daß der Kantor mit dem Vorlesen einhalteu mußte. Wie ans verschiedenen an das Kreisamt gerichteten Beschwerden festgestellt wurde, kommcii derartige Störungen in der Hungener Synagoge vielfach vor. Hat doch ein Gemciiidemitglied dem Prediger, als er mit dem Predigtkonzept die Kanzel betrat, zugerufen: „Schma Jisroel, auch noch vier Seiten voll!", sodaß die -ganze Gemeinde in helles Lachen ausbrach. Durch das Schöffengericht wurde M. zu 90 und S. zu 60 Jt. Geldstrafe verurteilt. Das Urteil wurde von beiden Teilen angefochten und der Vorsitzende des Berufsgerichts, der die unerquicklichen Vethältnisse der Gemeinde von seiner früheren Tätigkeit als Oberamtsrichter zu Hungen kennt, gab sich alle erdenkliche Mühe, im Interesse der Religionsgemeinde sowohl, als im Interesse der Parteien einen Vergleich zustande zu bringen. Tie Feindschaft der Parteien ist so groß, daß von eineni Entgegenkommen weder auf der einen, noch auf der anderen Seite geredet werden konnte. Nach annähernd fünfstündiger Verhandlung kam das Gericht zur Bestätigung des Urteils. Löln a. Rh. Auf dem am 14. ds. Mts. abgehalteiien G e m e i n d e t a g des Provinzial- Verbandes rheinischer S y n a g o g e n - G ein e i n d e n erstattete der Vorsitzende, Sanitätsrat Dr. Apfel-Köln, den Geschäftsbericht über die Zeit vom 1. Juli 1904 bis 31. Dezember 1905. Danach gehören dein Verbände jetzt 56 Gemeinden an. Der wichtigste Zweig der Tätigkeit des Verbandes bestand in der Einrichtung von Religionsunterricht in solchen Gemeinden, die ihn überhaupt entbehrten und Unterstützung derjenigen, welche nicht imstande waren, die Kosten desselben allein zu bestreiten. Eine im Jahre 1903 vom Verbände eingeleiterc Enquete hatte das erschreckende Ergebnis, daß 210 Kinder im Rheinland ganz ohne Religionsunterricht waren, dabei konnte diese Umfrage noch nicht einmal auf Vollständigkeit Anspruch erheben. Der Verband hat sich bemüht, in diesen unhaltbaren Zuständen Wandel zu schaffen; er unterhält! bezw. subventioniert heute den Religionsunterricht an folgen- Orten: Cobern, Bitburg, Nalbach-Hüttersdorf. Gietzenkirchen, Hennweiler-Brufcheidt, Unkel, Brodorf, Becherbach, Castellaun, Elsdorf, Sindorf, Binningen, Ochtendung, Kettwig und Kerlich, Bausendorf, Münstermaifeld und Kirchberg. Der Verband läßt also heute fast allen den Kindern Religionsunterricht erteilen, die laut der vorstehend erwähnten Enquete bis dahin ohne diesen Unterricht waren. Außerdem läßt er in allen diesen Genieinden auch den Religionsunterricht inspizieren. Auch die von dein Deutsch- Israelitischen Geineindebund subventionierten Schulen werden durch den Provinzial-Vcrband revidiert, wie überhaupt der erstgenannte Bund in allen, das Rheinland berührenden Fragen die Meinungsäußerung des rheinischen Gemeindeverbandes einfordert. Nach Erteilung der Decharge und Genehmigung des Voranschlages für das laufende (Geschäftsjahr, der in Einnahme und Ausgabe mit ca. 2500 Jf. balanziert, nahm sodann Herr Goldschmidt- Dortmnnd das Wort, um die Aufmerksamkeit des Verbandes auf die ungünstige finanzielle Lage des jüdischen Lehrerseminars in Münster zu lenken. Der Ausbau der Anstalt; mit einer weiteren Schulklasse mit zwei Lehrern wird von der Regierung gefordert, und die Regierung mache die weitere Bewilligung des bisherigen Staatszuschusses von Mark 6000 von der geforderten Ausgestaltung abhängig. Wenn es nicht gelänge Jf. 4000 pro anno zu schaffen, so sei das weitere Bestehen des Instituts in Frage gestellt. Es wird Herrn Äoldschinidt zugesagt, daß die Angelegenheit in der nächsten Ausschußsitzung behandelt werden soll, und dann referiert Herr Simon Kaufmann-Andernach über die Gründung von Regierungsbezirksverbänden, die notwendig seien, da der Provinzialverband unmöglich die Bedürfnisse jeder einzelnen Gemeinde überschauen könne. Im Bezirke Koblenz sei durch