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Neue jüdische Presse · 1906-01-26 · Heft 4 (26.1.1906) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
4 (1906)
Issue
Heft 4 (26.1.1906)
Date
1906-01-26
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. soll die Tinge nicht belachen und nicht beweine», sondern sie begreifen. Tiefes Micheltuni aber ist unbegreiflich, auch für Philosophen (große Heiterkeit), man kann darüber nur lachen und nur weinen. Ihr jungen Juristen lehrt unser Volk, daß Recht zugleich Gerechtigkeit sein muß, und daß zum Rechte die Pflicht gehört, vor allem die große Pflicht unbedingter Hingebung an das Vaterland. Ihr Theologen stärkt den Zug nach oben. Pflegt nicht bloß das, was man so im allgemeinen Religiosität nennt, sondern für uns heißt cs Christentum, lind wer bei uns Christentum sagt, sagt auch Kirche und muß auch Konfession sagen. Und endlich Ihr Techniker alle! Tie Elektrizität ist die Königin der Zeit. Auch Ihr sollt mithelfen! Helft, unser Volk mit allen guten Geistern zu elektrisieren, init Elektrizität von oben, und immer auf gute „Verbindung" mit oben zu halten. — Tann brauchen wir nichts zu fürchten. Furchtlos und treu in die Zukunft! Ich lasse die Zukunft der deutschen Jugend leben! (Stürm. Beifall.) Tie Zukunft der deutschen Jugend! — Einst war die deutsche Jugend der Hort aller edlen Gedanken, ans ihr wuchsen die kraftvollen Männer, deren weiter und auf's Ganze gerichteter Blick Tcutschland an die Spitze der zivilisierten Nationen brachte: doch die von einem Stöcker und seinen Mannen erzogene, von deren Antisemitismus durchseuchte Jugend vermag unmöglich Männer hervorzubringen, ivclche das Wohl des Ganzen fördern, denn ihnen fehlt das Verständnis für das Tcnken und Fühlen eines jeden einzelnen seiner Teile. — Das Verhältnis zn seinen jüdischen -Mitbürgern ist der Maßstab für den Knlturwcrt eines Volkes. Seitdem und solange der Antiseinitismus Gemeingut der Gebildeten der deutschen Nation ist, marschiert Tcutschland nicht an der Spitze der Zivilisation. Die Trennung dorr Staat und Kirche und ihr< Folgen für das französische Judentum. Es ist ein bemerkenswertes Zusainuientreffen, daß an demselben Tage, da im Journal Offieiel das Dekret der von den beiden gesetzgebenden Körperschaften angenoinmeneir Trennung von Staat und Kirche erlassen wurde, der typische Vorsteher des nach altem Schlage organisierten französischen Judentums verschied, der Großrabbiner Zadoe Kahn. Mit diesem » e u e n Gesetze bricht diealte äußereVerfassung des hiesigen Judentums zusammen, während der Tod Zadoe Kahns die innere Einheit zersplittert. Vor der französischen Judenheit ist somit eine schwierige Aufgabe ausgetaucht, für deren befriedigende Lösung sich keine ausschlaggebende Persönlichkeit aufsinden läßt. Tie tonangebende Rolle im französischen Judentum führen dermale» die Gebrüder Salomon und Theodor Reinach, die neolog gesinnt sind. Was Wunder nun, daß manche Reformbestrebimgen, die bei Lebzeiten Zadoe Kahn's sich nur halblaut zu äußern wagten, nunmehr in ungeschminkter Form sich Lust machen. . . . Hat doch Salomon Reinach keinen Anstand genommen, in seiner am Grabe des Grand-Rabbiner gehaltenen Trauerrede manche Anspielungen auf die Notwendigkeit von einzuführenden Neuerungen im Sinne des sich entwickelnden Judentums zu machen. Was für eine äußere Form das nun auf sich selbst angewiesene französische Nabbinat hinfort annehmen wird, läßt sich noch nicht genau bestimmen. Aller Wahrscheinlichkeit nach wird ein Groß-Rabbiner für Frankreich nicht wieder ernannt werden, obwohl das Konsistorium erhalten bleibt. Nur soll künftighin an Ort und Stelle eines Grand-Rabbiners ein Kollegium von drei Rabbinen eingesetzt werden, das die Religionsangelegenheiten verwalten soll. Nun aber drängt sich die Frage auf: welche Mittel, geistige und materielle, werden diesem Kollegium zn Gebote stehen für die Wahrung des Zusammenhaltes der Gemeinden? Darauf wird uns die unmittelbare Zukunft ja Bescheid geben. Wir wollen hoffen, daß diese Prüfung an der französischen Judenheit vorübergehe, ohne sie zu schädigen. Erfreulicher Weise bietet die neue Gestaltung der äußeren Formen auch eine Kehrseite, die dem Judentum nur zu statt«; kommen kann. Wenn manche Frankfurter Israelitisches Familienblatk. Katholiken sich dahin äußern, daß durch diese Trennung von Staat und Kirche die Religiosität nur gewinnen werde, da alsdann die Privatinitiative, der offiziellen Vormundschaft enthoben, sich gedeihlicher werde entfalten können, so dürfte man es getrost auch für die jüdischen Religionsinteressen mutmaßen. Bisher waren hier die Rabbinen Bnreankraten mit allen diesem Stande anhaftenden Unzulänglichkeiten. Wenn man auch der offiziellen konsistorialen Botmäßigkeit manches Ante nachsagen muß, insofern, als sie allzu arge Reformäsferei nicht einreißen ließ, so tat sie doch andererseits herzlich Ivenig für die Belebung und Veriiesung des jüdischen religiös-nationalen Gefühls unter der Heranwachsenden Jugend. Unter dem neuen Regime werden die Rabbinen mehr als Seelsorger und geistliche Hirten angesehen werden denn als Regierungsbeamte, und folglich werben Gelehrsamkeit und persönliche Tugenden eher zn solchen Würden verhelfen. Auch den eingewanderten Jude» wird dadurch die Möglichkeit geboten, auf die Gemeindeangelegenheiten einwirken zu können. Aus die Wählerstimmen angewiesen, unter deUen nach und nach die Einwanderer das Gros ausmachen werden, werden auch die französischen Juden den moralischen Anforderungen derselben Rechnung tragen müssen. Dadurch wird auch ein Anschließen der französischen und der eingeivanderten Inden bewirkt werden. Vom zionistischen Standpunkt aus betrachtet, kann diese Trennung von Staat und Kirche nicht verdrießen. Ter Wellenschlag des Zionismus hat das französische Judentum bisher wenig gestreift. Nicht daß die Juden hier keinen Sinn und kein Verständnis für allgemein jüdische Interessen hätten. Soviel steht fest, daß auch im Schoße der I. C. YL. es eben die französischen Mitglieder find, die der Kolonisation PKlästinas ein gewisses Interesse entgegenbrachten und auf deren Antrieb die I. C. A. überhaupt ihre Aufmerksamkeit der Kolonisation in Palästina zugewenbet hat, entgegen den Mitgliedern der anderen Länder, einschließlich Englands, die sich heftig dagegen sträubten. Ich kenne auch in keinem anderen Lande einen mit gleicher Würde bekleideten Rabbiner, wie der selige Zadoe Kahn, der offen heraus seine Sympathien für den Zionismus bekundete. Aber die offizielle Organisation der franz. Judenheit verschuldete es, daß die Rabbinen als öffentliche, vom Staat besoldete Beamte keine zionistische Initiative einzuschlagen wagten, um sich nicht, wie sie wähnten, den Ausfällen der französischen Chauvinisten und Nationalisten aussetzen zu müssen.Indessen wurden eben die französischen Juden durch ihre eigenartige Organisation daran gewöhnt, für jedes jüdische Unternehmen die Weihe des ossizielle» Vorstandes abzuwarten, ja, jede Initiative in jüdischen Sachen von diesem ausgehen zu sehen. Tie Trennung von Staat und Synagoge wird nun diesen Bann, der eine Entwicklung des Zionismus in Frankreich verhinderte, lösen. Anerkanntermaßen bilden die östlichen Juden das Reservoir, ans dem dem verkümmernden, dahinsiechenden hiesigen Judentnme neues Leben zugesnhrt wird. Ter selige Zadoe Kahn, dem die höheren Interessen deS Judentums immer vorschwebten, war sich des Nutzen bewußt, den der .Zufluß östlicher Juden.für die Zukunft der französischen Judenheit ansmachte. Er hat es auch unumwunden mehrmals in öffentlichen Ansprachen geäußert. Aber dieser 'Verjüngungsprozeß wurde bisher durch die offiziellen Organisationen hintangehalten. Jetzt aber, von den Fesseln der offiziellen Obhut befreit, wirb der Zionismus, durch die östlichen Juden fortgepslanzt, auch unter den französischen Inden einen günstigen Boden finden. Namentlich findet hier der Territorialismus eifrige Anhänger. Ans die Anregung eingewanderter Juden ist hier ein territorialistischer Verein gegründet worden, dem bereits sehr zahlreiche Mitglieder beigetreten find. Dieses Zusammenwirken der östlichen, noch mit den besten jüdischen Traditionen genährten Staminesgenossen mit ihren französischen Brüdern wird überhaupt ihr jüdisches Bewußtsein und ihr jüd. Fühlen erfrischen, schon abgesehen von dem unmittelbaren Beistand, den die Letzteren, als die wirtschaftlich günstiger Gestellten, dem Territorialismus zu leisten im Stande sind. Auch hierin wird sich die günstige Wirkung der Trennung zwischen Staat und '_' Nr. 4. Synagoge bewähre». Bei der alten Ordnung der Tinge wäre ein solches Zusammenwirken fast ausgeschlossen. Als günstiges Zeichen des Z u f a m in e n s ch l u ss es der französischen mit den östlichen Juden dürfte auch folgender Fall hervorgehoben werben: Vorige Woche berief das Konsistorium die Vorstände aller hier bestehenden jüdischen Anstalten und Vereine behufs Beratung wegen einer zum Andenken Zadoe Kahns zn gründenden Stiftung, und unter anderm wurden auch die Vorsteher russisch- und rumänisch-jüdischer Anstalten eingeladen. Das ist ein Zeichen der Zeit! Nie hätte sich unter dem vorigen Regime das Konsistorium einfallen lassen, russische und rumänische Juden in seinen Sitzungen zu Rate zn ziehen, sogar nicht, tvenn es sich um die Interessen der eingewanderten Juden gehandelt hätte! Tas neue Regime nimmt sich schon vorteilhafter aus! I. C a r n y. Zum Schulgesetzentwurf. Ter Kamps um die Schule ist uun aus der ganzen Linie entbrannt und über die Abgeordneten, besonders aber über die Mitglieder der Kommission, ergießt sich eine wahre Flut von Tenkschriften, Resolutionen und Petitionen. Schon darum ist es zn b edauern, daß die Verteidiger der. in ihrer Existenz bedrohten jüdischen Schulen sich nicht z n einer einheitlichen Aktion z n s a m m e n g e f u nden haben. Ob die von den verschiedensten Seiten kommenden und zum Teil sich widersprechenden Anregungen so beachtet oder gar studiert werden, wie es bei einer einzigen Petition der Fall sein würbe, die klar und scharf die Forderungen erhebt, die die Inden sowohl als gleichberechtigte Staatsbürger und Steuerzahler, wie auch auf Grund ihrer religiösen Eigenart verlangen müssen, darf bei der Stimmung in gewisse» politischen Kreisen zum mindesten bezweifelt werden. Zweifellos hätte eine solche gemeinschaftliche Kundgebung nur ans dem Boden der jüdischen Konfessionsschule zustande kommen können. Leider hat der Verband der deutschen Juden in seiner Petition sich nicht voll und ganz auf den Boden der jüdischen Konfessionsschule gestellt. Tie beigegebene Tenkschrift begründet die zahlreichen Abänderungsvorschläge in sehr eingehender Weise. ES wird aber für unsere Leser schwerlich von Interesse sein, alle die technisch-juridischen Einzelheiten zn erfahren, die Na ausgeführt werden. Wir wollen nur die Entschiedenheit hervorheben, mit der der Verband gegen die in unseren früheren Ausführungen über den Gesetzentwurf bereits hervorgerufene Verletzung der verfassungsmäßigen Gleichberechtigung der Inden kämpft. Auch gegen die drohende Konfiskation des Vermögens der aufznlösenden jüdischen Schulsozietäten und gegen die Gefahren, die bei der Auflösung den jüd. Volksschullehrern drohen, werden gewichtige Gründe ins Feld geführt, besonders da der Text des Gesetzes kein Wort darüber enthält, was aus den fest angestellten Lehrern iverden soll und eine kurze, obendrein unklare Bemerkung in den Motiven des Gesetzes keinerlei Rechtsverbindlichkeit hat. Es ist aber bedauerlich, daß die Herren Advokaten des Verbands d. d. I. sich nicht dazu entschließen konnten, ihre Liebe für die sogenannte Simultanschule zu unterdrücken. Wenn die Verfasser der Tenkschrist nicht wußten, daß schon bisher unsere Simultan« schulen nicht allgemeine, paritätische, sondern nur ch r i st l i ch - s i m u l t a n e Anstalten waren, so sollten sie doch ans der ^Lektüre des Gesetzes ersehen haben, daß die Simultanschulen der Zukunft nichts weiter als katholisch-evangelische Schulen sind, die sogar christliche Tissidenten nicht berücksichtigen. Warum da noch gerade an der Spitze der Tenkschrift so großer Wert darauf gelegt wird, daß für die Juden ,chie Gemeinsamkeit des Unterrichts da, wo sie bereits vorhanden ist, nicht zerstört werde", erscheint schwer verständlich. Unser Heil ist nicht in der Simultanschule zn suchen, in der die Kinder in christlich-religiösem Sinne unterrichtet und erzogen werden, an der nie und nimmer ein jüdischer Lehrer Anstellung finden kann, sondern in der jüdischen Schule. Froh sein sollten wir Juden, ivenn wir nur recht viel jüd. Schulen bekommen können und uns nicht dagegen wehren, wenn sie uns irgendwo gegen unseren Willen aufgedrängt werden.

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