Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 4 (1906)
- Issue
- Heft 4 (26.1.1906)
- Date
- 1906-01-26
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Kraitkfrtrter Ifntrlitifdirs femilirntilatt. I —! I Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnenientsprcis pro Vierteljahr: In Frankfurt c>. M. Mk. 1.— frei ins Haus. Bei der Post abonniert im In- und Ausland Mk. 1.02 (einschließlich Bestellgebühr)., Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich-Ungarn Mk. 1.50, sonstige Länder Mk. 2.— —-—.- AedaKtlow und H>sfchäft,sstsM: Srankfurl 2. IN.. Deiligkreuzgasse 32, Ecke Rlapperseldstraße Gelefon 10507. Hemusgsber: Sali; «'- --- ft Jnsertionsprcise: Die vicrgespaltene Petitzeile.25 Pfg. Die Reklamezeile.100 „ Platz- und Daten-Vorschrift ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach Uebereinkunft. ' 4. Jahrgang. Freitag, de« 29. reves 5666 (26. Januar 1966). No. 4. Inhalt des Hauhtblattes. Artikel: Das Verhältnis der rechtsstehenden Juden zu den rechtsstehenden Parteien der christlichen Welt: — Der Antisemitismus — Genieingut der Gebildeten. — Die Trennung von Staat und Kirche und ihre Folgen für das französische Judentum. — Zum Schulze-, sctzentwurf. — Die Woche. — AusallerWelt. — Feuilleton: Ein kleines Drama. — Der „Held". — KunstundLiteratur. — Vakanzen. — Aus derGeschäftswelt. — Vereins-Kalender. — Familien - Nachrlchten. Das Verhältnis der rechtsstehenden Inden zn den rechtsstehenden Parteien der christlichen Welt. Im Hinblick auf den überaus glänzenden Wahlsieg der Liberalen in England dürfte es einmal angebracht sein, in einer jüdischen Leitung zu untersuchen, welches besondere Interesse ein solch' liberaler Sieg für uns Juden hat. Das; ei» linksstehender Jude sich ob dieses Ausgangs des Wahlkampfes mit Recht freuen darf, ist klar. Schon die Tatsache, dag eine so große Macht wie England liberal vcrivaltet werden wird, genügt. Tie Frage ist nur, wie sich ein rechtsstehender Jude zu einem Siege der linken Parteien zu stellen hat, denn: gibt es etwas Natürlicheres als, daß der dem Gesetze seiner Väter treue Jude für diejenigen, die Religion und Tradition auf ihre Fahne geschrieben haben, eintrete? Doch'die Sache ist nicht so einfach, wie sie scheint. Leider werden auch noch in imserer Zeit Tinge ini Namen der Religion gepredigt und betätigt, die wahrlich nicht mit ihr vereinbar sind, ja ihr schnurstracks zuwiderlanfen: Entrechtung, Verdummung der Massen, Verfolgung, Bedrückung und sogar Ausrottung, überhaupt alles Ungerechte und Schlechte, was sich der Starke zu seinein Besten dem Schwachen gegenüber erlaubt, geschehen auch heute noch im Namen der Religion. Man iverfe einen Blick auf Rußland, man vergegenwärtige sich einen modernen Torquemada ä Ia Pobedonoszew, mau schaue auch in die innere Politik manch' europäischen Landes außerhalb Rußlands und begeistere sich dann für eine solche Richtung! Die Frage ist deshalb so zn stellen: Ist es angebracht, daß ein rechtsstehender Jude die Reaktion mit allem, was ihr anhängt, fördert? — Tie Antwort hierauf muß entschieden verneinend lauten, denn das Blühen der Reaktion liegt loeder im Interesse der Staaten noch in dem der Monarchen. Tie Reaktion dient nur gewissen Cliquen, die — obwohl klein' — stark sind und die von jeher die geschworene» Feinde von Judenheit und Judentum waren, da letzteres als Religion ganz andere Werte aufstellt — das Judentum lehrt die Gleichheit A l l e r vor dem Gesetze, Recht, Gerechtigkeit und wirkliche Humanität sind Grundlage seines Wesens — und somit theoretisch wie praktisch als lebender Protest gegen eine bewußt falsch gedeutete Religion dasteht. Was nutzt all' die Förderung, die die Reaktion der Religion im allgemeinen angedeihen läßt, wenn sie in Wirklichkeit in Theorie und Praxis die eigentliche Religion in den Augen aller Welt hernbsetzt; höchsteus kann sie damit doch nur eine Scheinreligion, die auf Vorteile ausläuft, erzielen! ... _ Man verstehe uns recht: es liegt uns fern, zu behaupten, daß die Konservativen überall die Träger der krassen Reaktion sind. Sind doch die Konservativen Englands mindestens so liberal wie die Liberalen anderer Länder und haben stets ihren jüd. Mitbürgern — mit Ansnahinc der letzten Zeit, in der sich ei» antisemitischer Zug — siehe "Alienbill! — auch unter ihnen eingeschlichen hat — Gerechtigkeit widerfahren lassen! — Was wir wollen ist, daß der ans dem Boden der jüdischen Tradition fußende Jude nicht ohne weiteres für alles, was Religion heißt und unter ihrer Maske geschieht, eintrete, denn das Jndcntum will den wahren Fortschritt der Menschheit und verwirft demnach jeden Rückschritt. 3—n. Der Antisemitismus — Gemeingut der Gebildeten. Ter Judenhaß galt bisher als Gemeingut des Pöbels, jener Masse, in der der rohe Rasse-Instinkt noch frei und ungehemmt seine Blüten treibt. Langsam ist es jedoch damit in unserem deutschen Volke, deni Volke der Denker und der Dichter, anders geworden, denn seitdenl ein Hospredigcr in Berlin anno 1881 dem alten Judenhaß unter dem neuen Namen „Antisemitismus" wieder Leben cinhauchtc, ward er als Sohn seines neuen Vaters salonfähig; und jetzt, nachdem noch nicht ein Menschenalter verflossen, ist er sowohl in den Salons des Adels und der Bcaintenschaft, als auch ans den Universitäten, den Stätten der freien Wissenschaft, bereits ein alter Hausgast geworben. Alljährlich, lvenn der Verein deutscher Studenten in der Metropole des Teutschen Reiches sein Stiftungsfest feiert, wird auch auf das Wohl des alten .Hausgastes manch' Glas geleert und manch' kräftiges Wort seinem Blühen und Gedeihen gewidmet. — So auch dieses Jahr! Das Kgl. Neue Operntheater war am Abend des 19. d. Bits, bis zum letzten Platz gefüllt, um den Festkommcrs des Vereins deutscher Studenten in Verbindung mir der Feier zur Erinnerung an die Wiederanfrichtung des Teutschen Reiches zu begehen. Zahlreich hatten sich auch wieder die Ehrengäste eingestellt: Vertreter der Universität, der Armee, Marine, der Kirche, der höheren Beamtenwelt. Auf der Bühne war das Musikkorps des Kaiser Franz Garde-Grenadierregiments postiert. "Aus Lorbcerbüschen erhob sich die große Kaiserbüste, zur Seite das Banner des Vereins Deutscher Studenten. Von den Ehrengästen seien genannt: die Generalmajore v. Loebell und v. Zeppelin, Kapitänleutnant Boy- Ed aus dem Reichsmarineamt, Reichstagsabgeordneter Hofprediger D. Stöcker, Geh. Reg.-Rat Professor Dr. Äd. Wagner, Reichstagsabgeordneter v. M a s s o w von der konservativen Fraktion, Reichstagsabgeordneter L a t t m a n n, Senatspräsident Heinsius, Senatspräsident Dr. v. Strauß n. Torney, der Polizeipräsident von Schöneberg» G r a s v. W e st a r p (A. H. des Verein» Deutscher Studenten Berlin), eine große Anzahl von Räten ans den verschiedensten Ministerien, viele Geistliche, darunter Hvfprediger O h l y (A. H. des Vereins Tentscher Studenten, Berlin), ferner Professor Lezins. früher in Kiew, Vertreter befreundeter Vereine und Korporationen. Reichskanzler Fürst v. B n l o w hatte ein freundliches Schreiben gesandt, Prinz I o ach i m A l b r e ch t v o n P r e n ß e n eine Glückwunschdepesche. Nach der Kaiserrede und der Rede auf das Tcntsche Reich ergriff st n d. j u r. K v r in a >i n das Wort, um ei» Bild der Entlvicklnng des Vereins deutscher Studenten zn geben. Er erwähnte mit Nachdruck in seiner Rede, daß die Bewegung, die zu dem Vereine deutscher Studenten führte, mit einem bewußten Gegensatz gegen das übergreifende Judeiitunl begonnen habe, daß inzwischen der gesellschaftliche A u t i s e m i t i s m u s Gemeingut der m e ificit Gebildeten geworden fei und daß der negativen Tendenz des A n t i s e in i t i s - m»s bald die positive folgte. Es sprachen sodann u. a. Generalmajor v o n Loebell und Geh. Regierungsrat Professor Tr. "Adolf W a g n e r, und dann nahm der Vater des modernen Antisemitismus, Hospredigcr a. D. Stöcker, begeistert begrüßt, das Wort. Was ihn besonders hierher gerufen habe, sei die Erinnerung an 188l und seine Zugehörigkeit zn den Gedanken und Arbeiten des Vereins deutscher Studenten. Es war das wunderbare Jahr der Kaiserlichen Botschaft, in das der Geburtstag des Verbandes fällt. Wenn sich einst die Kabbalisten den Kops zergrübeln iverde», mcs) 1 und 8 und 8 und 1 zu bedeuten habe, so werden sie endlich darauf kvminen, daß in diesem Jahre der Verein Deutscher Studenten gegründet worden ist. (Große Heiterkeit und Beifall.) Stöcker erinnerte an jene Tage; der Geist, der damals vorhanden war, war der Vergangenheit nicht würdig! Drei Inden regierten damals Berlin! Aus dem Zusanimenbruch von damals ist der Umsturz ausgetaucht, der heute mit seinem unheimlichen Feuer die Nachbarländer angezündet hat und uns die schleichende Revolution erklärt. Wenn wir nach Rußland sehen und bei uns zuschauen, so sind es wiederum Juden, die sichherausnehmen, die Welt in Brand setzen zu woll e n. (Stürmische Zustimmung.) Tarum rufe ich auch heute zum Kampfe gegen alle schlechten Geister! (Bravo!) Es war ein großer "Augenblick, als die Berliner Bewegung an der Jugend begann und 1881 zn den vielen Vereinen dieser frische, freudige, begeisterungssähige Verein Deutscher Studenten kam. Alan erzählt von den alten Adlern, daß sie ihre Jungen aus den Flügeln mit empor nehmen, damit sie fliegen lernen. Tas war auch unser Bestreben damals, das soll heute fortgesetzt werden. Tas deutsche Volk leidet an akuten und schleichenden Krankheiten, die akute ist der vaterlandslose Umsturz, die schleichende die Schlafmützigkeit, das Micheltum, das nicht heraus und nicht kämpfen will. Ihr Mediziner, wenn Ihr in Torf und Stadt geht, arbeitet mit daran» das deutsche Volk von diesen Krankheiten zu heilen. Auch Ihr Philosophen! Einer sagte einmal: man