Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 4 (1906)
- Issue
- Heft 3 (19.1.1906)
- Date
- 1906-01-19
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2692297-2692460-2692463--02165-2696746- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 3.__ In Oesterreich z. B. leben die Juden unter einer äußerst liberalen Regierung, aber trotzdem gehen die russischen Juden viel lieber nach England, den englischen Kolonien, den Bereinigten Staaten und Argentinien, obwohl doch Oesterreich diel näher läge. Sie wissen eben recht gut, daß eine liberale Regierung garnicht imstande ist und nicht die Absicht hat, den Juden in Osteuropa Erleichterung zu bringen. In Oesterreich gibt es überfüllte Ghettos nnd lebenskräftigen Antisemitismus, und ich spreche ans Erfahrung, wenn ich behaupte, daß jüdisches Elend und jüdische Armut nirgends auf der Welt mehr vorhanden ist als etwa in Krakau. Tatsache ist, daß die Judenfrage in Osteuropa nicht allein Sache der Regierung ist, unter welcher das jüdische Volk dort lebt, sondern Sache des Volkscharakters. 2. Natürlich kann keine große Kolonie gegründet werden ohne gründliche Vorarbeiten. Ist das ein Grund, überhaupt keine Kolonien zu gründen? Wenn England nach diesem Grundsatz gehandelt Hütte, würden die besten /Teile des britischen Reiches nicht existieren und unser Uebersuß air Volk würden jetzt Fremdlinge in fremdem Lande sein. Wie Mr. Zangwill sagt, ist es Pflicht der Judenheit, mit ihrer großen Macht und ihrer großartigen Energie ihre eigene Frage zu lösen. Ein Zurückbleiben in Rußland unter einer reformierten Regierung — wenn das je eintretcit sollte — würde die Judenfrage ebensowenig lösen, als eine Auswanderung der Juden in nicht jüdische Zander. Nirgends lvar ein Land geeigneter als Zufluchtsstätte für bedrängte Juden als das Land der Freiheit, die Vereinigten Staaten. Die starke Einwanderung in dieses edelmütige Land hat aber zu einem Gesetz geführt, welches die Einwanderung erschwert und dieses Gesetz ist nach und nach stärker geworden »nt voller Einstimmung des amerikanischen Volkes und wird auch noch immer 'schärfer werden. Ueberdies hat sich nach und nach infolge des Hercinströmens ein starker sozialer Antisemitismus gebildet. Je eher die jüdische Terrotialorganisation ihr großes Werk beginnt, ein jüdisches Land für das jüdische Volk zu gründen, um so eher wird jenes Land geeignet sein als Zuflucht für arbeitsame Familien zu dienen. Die Gründung anfschieben, heißt die Schwierigkeiten der Vorarbeiten zu vergrößern und die Gelegenheit zur einzigen und wirklichen Lösung der Judenfrage zu durchkreuzen. 3. Die Behauptung, die Gründung einer jüdischen Kolonie würde die Etablierung eines Ghettos im großen Stile sein, hat dieselbe Berechtigung als ob man von einer englischen oder schottischen Kolonie in derselben Weise von einem Ghetto jener Völker spräche. _ Gebt den Juden ein Land zu eigen, wo jede Unfreiheit, soziale wie politische, -beseitigt ist, wo niemand sie Zuläufer schimpfen kann rmd ihr werdet alles gute in ihnen zur Entwickelung bringen und sie stolz darauf machen, Kolonisten im eigenen Lande zrr sein. Frankreich. Paris, 12. Jan. Auf ein Gesuch des Oberrabbiners Morse Halevy in Konstantinopel mit die Erlaubnis zur Veranstaltung einer Sammlung zu Gunsten der russischen Opfer, erteilte — wie die Alliance Jsraelite Universelle mitteilt — der t n r - ki sch c Ju sti zun d Kultus m i n i ste r Ab d u l R a h m a n im Aufträge des Sultans folgenden Bescheid: * ' I : „In Angelegenheit der Sammlung, die Sie nach dem Muster der Sammlungen in den andern Ländern mittels einer auS israelitischen Notablen znsamniengesetzten Spezialkommission unter Ihren Glaubensgenossen im Reiche zu veranstalten wünschen, um Geldmittel aufznbringen für die Unterstützung der durch die Judciimassakrcs in Odessa und in andern russischen Städten geschädigten Familien, bringe ich zu Ihrer Kenntnis, daß gemäß einer Mitteilung des Großvezirs das Preiüicrsekretariat des Palastes davon Nachricht gibt, daß ans Grund eines kaiserlichen Jrade m i t R ü ck s i cht auf die große T r c u e, durch w c l ch e die Israeliten sich unter den o t t o m a n i s ch e n U n t e r t a n e n a u s z e i ch n e n, die beantragte Vollmacht bewilligt worden ist. In Anbetracht des Umstandes, daß es eine M e n s ch e n p f l i ch t ist, den erwähnten Familien Liebe und Freundlichkeit zu erweisen, steht auch dem nichts im Wege, daß sich Mitglieder anderer Glaubensgemeinschaften an dieser Sammlung beteiligen. Ein Teil der ausgegebenen Zcichnungsbillets wird Sr. Kais. Majestät" präsentiert werden; Instruktionen betreffs der Ausführung dieser ganzen Verordnung sind dem Ministerium des Innern übermittelt worden." — Wie die „ÄGzefirah" meldet, habe der Sultan als Protest gegen die Jndenexzesse in Rußland die Häsen für die russischen Inden öffnen lassen. Rußland. Kiew. Nach dem Manifest vom 30. Oktober! Die Polizei begann in der letzten Zeit sehr fleißig mitternächtliche Haussuchungen vorzunehmen, um Juden ausfindig zii machen, die kein Wohnrecht in Kiew haben; 23 Juden wurden ans den! Betten geholt und aufs Revier gebracht. Frankfurter Israelitischer Familienblatt. Odessa. Russischer Polizeischwindel. In der letzten Zeit trieben sich hier Individuen herum,' die die Juden versichern, sie könnten unter sehr günstigen Bedingungen nach Palästina und überhaupt nach dem Anslande reisen, wenn sie nur zu diesem Zwecke ein ihnen vorgelcgtcs Schriftstück unterschreiben würde. Manche Inden haben voreilig ihre Unterschrift hcrgegeben, ohne den Inhalt des Schreibens zu kennen. Wie es sich jetzt heransftellt, enthält dieses Schreiben die Versicherung, daß die Polizei während der Jndenexzesse sehr loyal sich verhalten hat. Bcfsarubicu. Im Dorfe C z e r l e n y zwangen Bauern unter Führung des Gemeindevorstehers die Inden durch T o d e s a n d r o h n n g zu r Auswanderung. Ans ganz Bessarabien flüchten Judenfamilien nach der Bukowina. Zschornitzy. Anläßlich des Jahrmarktes fanden hier I n d e n c x z e s s e statt. Rumänien. Jassy, 16. Januar. Ermordung einer j ü d i s ch e n F a m i l i c. In der Ortschaft H e r tz a wurde von einem unbekannten Täter der Kaufmann Läufer samt ' seiner Frau und .Kindern ermordet und seines Schmuckes und Bargeldes beraubt. Bukarest. Zwei Juden aus Bessarabien wollten sich über die rumänische Grenze hinüberschmuggelu. Sie wurden von den Kosaken ergriffen, au einen Baum gefesselt und lebendig verbrannt. 0 leuilMoii. 0 Ein kleines Drama. Erzählung von Ben- A m i. Autorisierte Uebersetznug aus dem Russischen von L. Car o. (Fortsetzung). Abends erschien R. Mendel, der Melamcd meines jüngeren Bruders. „hinten Abend, R. Beinisch! Guten, Abend, Rachel!" Es lag ctlvas besonders kriecherisches in seiner diesmaligen Begrüßung; er erfuhr nämlich die Geschichte mit dem Deutschen in sehr übertriebener Darstellung und glaubte so, der Vater sei fast reich geworden. „Gutes Jahr!" — erwiderte mein Vater, der gerade zwischen den Kniecn eine Presse mit Büchern hielt, die er mit . seinem runden Messer bcschnitt. Die Mutter bat den R. Mendel Platz zu nehmen, während der Vater seine Arbeit fortsetzte, ohne den Rücken gerade ausznbicgen. Als er' mit dem Beschneiden der Bücher fertig tvurde und die Presse losschraubte, erhob er das Haupt und wandte sich an den Eintretendeu, der indessen alles, was auf dem Tische war, zu betrachten und anzustarren begann. „Nu, was möchten Sic sagen, R. Mendel?" „Hm, was ich sagen möchte? Was kann denn eigentlich ein Jude vor Pessach sagen? Es ist Geld nötig. . . . Bedenken Sie, etwas Gutes. . . . „Es heißt also, Sie sind nach Geld gekommen, Geld zu holen?" „Gott . . . was heißt denn: nach Geld gekommen. . . . Selbstverständlich — nötig ist es schon. Welcher Jude Hab es denn nicht nötig. Man ist ja auch.das ganze Jahr nicht in Gold gekleidet; und da kommen die Feiertage, solche Feiertage. Null möchte ich Sie bitten, um — wenn nicht viel — zwei Rubel — und wenn möglich — schon die ganzen drei. . . . Ztvci haben Sie mir bereits gegeben — möge Ihnen der Allmächtige ein langes Leben geben. . . . Wenn alle Eltern so zahlen würden, wik Sie. . ." „Ich habe, N. Mendel, nur 1',- Rubel — ich gebe sie Ihnen ab. Das klebrige werde ich, mit GotteShilfc, nach Pessach bezahlen. Jetzt, wissen Sie, bin ich sehr eingeengt . . ." Als R. Mendel die anderthalb Rubel erhielt, schwatzte er noch ein ivenig über dies und jenes und ging bald fort. Kaum lvar die Tür hinter ihm geschlossen, als die Mutter wütend über den Vater herfiel. „All meine bösen Träume über Deinen Kopf, Leib und Seele!') . . . Hat man denn je einen! solchen Dummkopf gesehen! . . . Nicht einmal einer Katze den Schwanz verbinden — nicht einmal das kann er.-) ') Um den Geist der die jüd. Golnssprachu charakteristischer Redensarten zu belvahren, lasse ich manche spezifisch jüdische Wendungen, die sich kaum entsprechend übersetzen lassen, fast in ihrer originellen Form folgen. D. Uebers. -) Eine Ironie der Ungeschicklichkeit und Unbcholseuheit. Seite 5. Ich hätte ihm doch jetzt keine anderthalb Rubel gegeben! Ich Härte ihm anderthalb Geschwüre gegeben. Daß ihn der Teufel hole. Sieh mal. wie ein Teufel ihn hergebracht Hütte — diesen Melamed da. ... Er hat von unseren Reichtümern erfahren! Nicht mehr möge der besitzen, der uns beneidet. Und dieser Tölpel gab ihm nun die letzte Kopeke ab. . . . Oi, ich möchte Gewalt schreien. . . Daß ein Mensch seiner Kinder so vergessen kann! Einen Monat lang läßt er mich nicht in Ruhe: Leibele habe Stiefel nötig — und plötzlich steckt er alles dem Teufel ein. ..." „Also, nach Deiner Meinung brauche man ihn nicht zn bezahlen — soll er umsonst arbeiten?" „Ihn würde der Teufel nicht holen, wenn auch nach Pessach er. es erhalten sollte." „Aber er ist doch auch ein Jude: er hat auch etwas für die Feiertage nötig." „Oj, ich kenne schon, ich kenne schon Deine Antwort. Ties in der Leber liegt sie mir. Welch ein Barmherziger, zunächst aber erbarme Dich Deiner Frau, Deiner Kinder, Mörder Tu, Seelenmörder." Ich war ganz auf Seite der Mutter. Mich ergriff ein Gefühl der Verzweiflung und ich saß die ganze Zeit und weinte bitter und ich verzichtete auf das Abendbrot. Sv bin ich unbewegt mit meinem Schmerz zivei, drei Stunden geblieben. Spät abends, als alle zn Bette gingen und Stille im Ziinmcc cintrat, kam der Vater heran, legte seine .Hand ans mein Haupt und sagte mir leise: „Sei nicht betrübt, Leibele — Dn wirst schon Stiefel bekommen." Ich erhob zum Vater meine vor Tränen glänzenden Augen. Welch ein reizendes, wunderbares, aber auch abgeplagtes, ermüdetes Gesicht er an jenem Albend hatte! Und es war mir wohl und doch schmerzlich, ihn anznfehen. Am nächsten Tag, nach Beendigung des Gebetes in der Synagoge, begaben wir uns mit dem Vater zu dem Schuster R. Schmuöl. R. Schmuöl wohnt unweit von uns in einer gemieteten Erdhütte, die dem Inhaber jenes zerrauften Hauses gehörte, an das sie sich anlehnte. CStiT"völlig^dnnkles Vorhaus, wo sich ein Feuer"- herd befand, auf dem in den warmen Jahreszeiten die Speisen zubcreitet ivnrden, führte in ein kleines Zimmer, wo ein gutes Drittel des Raumes durch einen kolossalen Ofen besetzt war, der viele Blenden hatte, d. h. Vertiefungen oder Nischen, die verschiedenartigen! Gebrauch im Haushalte dienten. Ein großes, weißes, hölzernes Bett, mit einer großen gestrickten Decke hübsch überzogen; ein ebenso einfacher kleiner Tisch, zwei Tabvurets und zwei lauge Bänke — dies ist die ganze Hauseinrichtiing zn der noch R. Schmuöls Werktisch mit niedrigem Sitz und ein Stück Spiegelglas, das in eine der Wände cingekittet lvar, hinzuznfügen wären. Dessen ungeachtet, zeichnete sich das Zimmer durch eine gewisse ungewöhnliche Gemütlichkeit und Freundlichkeit aus. Ucberall herrschte Ordnung und Sauberkeit. Alles war mit Weißzeug bedeckt und behängt; selbst üben die zwei kleinen Fcnstercheii hingen hübsche weiße Vorhänge, die allem einen besonderen Reiz verliehen. R. Schmuöl war eine ziemlich seltene Erscheinung in Israel: er hatte nämlich keine Kinder. Es war ein ruhiger, bescheidener, arbeitssamer Mann, der ungefähr fünfzehn Stunden täglich an seinem Werktisch hockte und neben dem Werktisch nur noch die Synagoge kannte, wohin er morgens und abends zn beten ging. Er betete herzlich, inbrünstig, obwohl er den Sinn der GcbctSworte garnicht verstand. Darum blickte er mit Ehrfurcht auf diejenigen, die den Sinn der Gebete verstanden und überhaupt auf diesem Gebiete kundig waren, und wenn es auch nur ein zwölfjähriger Bub sein mochte. Mit seiner Frau lebte er in Liebe, Eintracht und Frieden und war ihr in allem wie ein Kind gehorsam. Er war etwa vierzig Jahre alt, mittlerer Statur, braun, das Gesicht ein ivenig erdfarbig, wie ja bei den meisten Schuhmachern, mit guten weichlichen Augen, die eine gewisse kindliche Gutmütigkeit ansdrückten. Er kleidete sich nach deutschem Muster — sehr sauber. Dafür sorgte schon streng seine Frau Chinka — ein dickleibiges Weib mit etwas zu sehr rotem Gesicht, aber mit wunderbar hübschen Augen. Ihren Gemahl liebte sie gar sehr, aber behandelte ihn wie einen Buben,' leitete ihn in jeder Hinsicht und ließ ihn nichts ohne ihre Erlaubnis vornehmen. R. Schmnöl überlieferte sich ganz ihrer Leitung, nicht mir ohne Murren, sondern sogar mit Freude;