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Neue jüdische Presse · 1906-01-19 · Heft 3 (19.1.1906) · p. Seite 11

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
4 (1906)
Issue
Heft 3 (19.1.1906)
Date
1906-01-19
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
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Nr. 3. Kampf, der von den arbeitenden Klassen gegen den Kapitalismus gcsührt wird zum Schutze ihrer rechtmäßigen wirtschaftlichen Interessen. Tie Ideologen und Führer der Arbeiter-Partei verstehen unter ,jKlassenpolitik" etwas anderes. Ihr Bestreben geht dahin, alle Erscheinungen des politischen und nationalen Lebens unter die Kategorie der Klasscn-Jntercsscn, der Wirtschaft zu bringen, das Volk in zwei feindliche, unversöhnliche Teile zu spalten: in Bourgeoisie und Proletariat, die wirtschaftlich getrennt und durch nichts aneinander gebunden wären. Ihr Bestreben geht dahin, den ökonomischen Faktor an die Spitze des geschichtlichen Prozesses zu stellen und ihm die ganze soziale und geistige Entwicklung in ihrer unübersehbaren Mannigfaltigkeit unterznordncn. Unter einer „nationalen Politik" versteht man eine auf die Erhaltung und Enttvicklung des gesamten Volkes als eines Ganzen, als einer knltnretl-historisch unteilbaren Einheit gerichtete Politik. Sie wird besonders intensiv bei einem Volke, das weder durch ein unabhängiges Territorium noch durch eine eigene staatliche Organisation geschützt ist, und unter anderen politisch stärkeren Nationen eine Minorität bildet. Sie wird das höchste leitende Kriterium bei einem Volke, zu dem die stärkeren Nachbarn in einem feindlichen Verhältnisse stehen, daS als eine fremde nationale Körperschaft unterdrückt und verfolgt wird. Tas jüdische Volk befindet sich schon seit vielen Jahrhunderten in dieser Lage und wird es noch lange bleiben müssen unter den verschiedenen Graden der Unterdrückung. In Rußland haben dieser Druck und die mit ihm verbundenen Fährnisse die größte Spannung erreicht, die in der modernen Zeit überhaupt möglich ist und hätten folgerichtig eine entsprechende Spannung der nationalen Energie, eine einmütige nationale Politik Hervorrufen müssen. Aber was sehen wir in "der Wirklichkeit? Anstatt sich in der Politik nach den Interessen der gesamten Nation, der die größte Gefahr droht, zu richten, zwingt man uus zur Klassenpolitik, die die Gesamtheit anscinauder reißt und partielle ökonomische Interessen an deren Stelle setzt. Tie Kampfparole: „Proletarier aller Länder, bereinigt euch", wird von Inden ausgesprochen in einem Momente, da man zur Rettung des Volkes unaufhörlich hätte rufen müssen: „Inden aller Klassen und Parteien, vereinigt euch!" Ter doktrinäre ökonomische Monismus hat das Verständnis für den Zusammenhang der Volksinteressen zerstört, das seelische Leben der Menschen verwirrt und das natürliche Gefühl der brüderlichen Solidarität der Mitglieder einer Nation, die mit einem unglaublichen Heldenmut ihren dreitauscudjährigeu historischen Weg zurückgelegt hat, getötet. Wenn die Klassenpolitik innerhalb einer starken Nation, die vom eisernen Ringe des Territoriums, der Ttaatsorganijation oder sogar der ausgedehnten lokalen Autonomie umschlossen ist, zur Vorherrschaft gelangt, so kann man dies als einen Fehler, eine Einseitigkeit, aber nicht als eine Gefahr für die Jntregität der Nation betrachten. Aber tvenn diese Politik des Klassenhaders von den arbeitenden Massen eines Volkes befolgt wird, das bloß von kultnrell-nationalcn Interessen znsammengehalten wird, und das ans jedem Schritt Gefahr läuft, von den cS umgebenden Völkern verschlungen zu werden, so ist dies nicht mehr ein Fehler und eine Einseitigkeit, sondern ein Verbreche», weil cs den Zerfall des Volkes nach sich zieht. Also die Klasscnpolitik, tvenn 'sie sich auch mit dem Mäntelchen einer bestimmten Nationalität deckt (z. B. beim „Bund"), kann nicht national sein, da sie notwendigerweise die Interessen des Volkes den Interessen der Klasse zum Opfer bringt. Welche Plattform ist nun für den gegebenen Augenblick geboten, mit der die Juden, teilnehmend an der allgcnicinen Staatsarbeit nach der revolutionären oder schöpferischen Richtung, systematisch ihre eigene Volkspolitik durchführen könnten? Tiefe Plattform ist die der politischen Temokratic oder genauer der konstitutionell-demokratischen Partei, der sich alle gesunden und politisch reifen Elemente der russischen Gesellschaft anschließen. Tiefe bietet in ihren" verschiedenen Schattierungen unsere» fortschrittlichen und radikalen Elementen ein maximales Programm, aber auch ein Minimal-Programm für die sozialistische Partei, die zwecks Erlangung größerer politischer Reife sich mit uns vereinigen müßte, bis zur Erreichung ihres Minimums. Wir stellen nur eine Bedingung, das; die jüdische Gruppe innerhalb dieser Partei eine autonome nationale Organisation bilde, die zur allgemeinen Partei in einem föderativen Verhältnisse stehen soll. Ter Grundstein zu dieser Organisation wurde im Frühjahr dieses Jahres (1905) gelegt. Ich spreche vom „Verbände zur Erlangung der gleichen Rechte für das jüdische Volk i» Rußland".. Tiefer „Verband", der sich von Anfang an zur Partei der konstitutionellen Temokratic bekannte, hat sich zur Ausgabe gestellt: „Tie bürgerlichen, politischen und nationalen Rechte der Juden in ihrem vollen Umfange zu perivirklichen." Es ist die erste jüdische Organisation, die auf ihre Fahne die Forderung der nationalen Rechte neben die der bürgerlich-politischen ausgeschrieben hat. Unter „nationalen Rechten" versteht das vom „Verband" verösfentlichtc Programm folgendes: „Tie Freiheit der national-kulturellen Selbstbestimmung ist in allen ihren Formen, und zwar die aiif eine breite Basis gestellte Autonomie der Gc- Frankfurter Israelitisches Familienblatk. ineinde, die Freiheit der Sprache und des Schulunterrichtes". Tiefe kurzen, in zu allgemeiner Form abgesaßten Formeln, die auf der präliminaren Organisations - Konferenz des „Verbandes" ausgearbeitct worden sind, sollten auf dem demnächst znsaminentretenden „Verbandstag" präzisiert und konkreter formuliert iverden. Tie Aufgabe der neuen Konferenz soll eine zweifache sein: l. Tie Verwandlung des „BerbandeS" in eine jüdisch-politische Organisation, die berufen wäre, für die Gleichberechtigung des jüdischen Volkes zck kämpfen durch die Organisierung der Parlamentswahlen. Aus alter Wett. Italien. Rom. Der Papst erklärte in einer Unterredung, er billige die Absicht Italiens, auf der Marokko- Konferenz für die Religionsfreiheit der Inden i n M a r o k k o einzntrctcn. Er erinnerte dabei an seinen Protest gegen die I u d e n m eHelei e n in Rußland und sagte, die Menschheit sei eine Brüderschaft; er achte die Juden hoch wegen ihres Festhaltcns an ihrem alten Glauben. Palästina. Jerusalem, 7. Januar. Nach einem langauhaltenden schönen Herbst, der bereits die Landwirte zu ängstigen begann, stellte sich plötzlich der Winter nniso strenger ein, indem starke Niederschläge, Schnee und F r o st unaufhörlich miteinander abwechseln. Seit Menschengedenken hat die heilige Stadt keinen solchen Winter erlebt. In den erste» Jannartagcn wütete ein Sturm mit solcher Gewalt, daß kein Schiss in Jaffa landen konnte, lieber Wassernot wird in diesem Jahre nicht zu klagen sein; denn schon heute sind die Zisternen fast übervoll. Die F r e m d e n s a i s o n hat noch nicht begonnen. Man verspricht sich aber auch nicht viel von der bevorstehenden Saison. Denn, wie verlautet, soll cS dieses Jahr auch in Cairo so kalt sein, daß viele der Fremden sich gezwungen sehen, die Stadt, sonst im Winter ein sehr frequentierter'Aufenthaltsort, zu verlassen. Umso «igeduldiger wird hier die zweite jüdische R e i s e g e s e l l - s ch a f t erwartet. Die Gäste werden leider auch russische Emigranten in ganz beträchtlicher Anzahl zu scheu bekommen. Dieses Mal sind im Reiscplan 8 Tage für den Aufenthalt in Jerusalem vorgesehen. Da Zeit genug gegeben ist, ivird es voraussichtlich auf die Loyalität der Führer ankommen, daß alle Institute gleich eines Besuches gewürdigt werden. So z. B. ist das vorigemal das Rothschild'sche Hospital zu kurzgekommen, obgleich dessen Leistungen ganz vorzügliche sind. Von einem tüchtigen Arzte geleitet, der sich allgemeiner Hochachtung erfreut, steht dieses Krankenhaus keinem in der heiligen Stadt nach. Hoffentlich wird cs auch in Zukunft gebührend gewürdigt tvcrdcn. Zn den Kosten der Nenanpflanzung in R i s ch o n l e Zion, anstatt der ansgehackten Weinreben, hat die Jka Fr. 100 Pro Dunam (1 Dnnam — 925 qm) bewilligt. Somit ist die Kellerfrage erledigt. Haamith. Personalien. Frankfurt a. M.» 15- Januar 1906. Die Familie des sowohl seiner persönlichen als auch medizinischen Vorzüge wegen weithin beliebten Herrn Dr. E. R o s e n b a u m, Vorstandsmitglied der Israelitischen ReligionSgesellschaft, hat einen tieftraurigen Verlust erlitten. In der Blüte der Jahre wurde der jüngste Sohn, A d o l f R o s e n b a u in , durch eine 8 Tage andauernde, tückische Krankheit dahingerafft. Wie eine düstere nnheildrohcnde Wolke hatte die bange Besorgnis während dieses Schmerzenslagers über allen >n dem großen Kreise der Mitfühlenden geschwebt. Dieser allgemeine Schmerz fand auch bei dem Leichenbegängnis seinen stummen Ausdruck. Warme Worte kollegialen Dankes und Empfindens rief Herr L e o p. Merzbach im Namen der Vorgesetzten und Geschäftskollegen dem jungen Freunde ins Grab nach, und Herr B. Sonnenberger überbrachte den Schcidegruß des Synagogenchors der Israelitischen Religionsgesellschaft, dem der Vereinigte ein treues Mitglied gewesen. Mögen Eltern und Anverwandten, aus deren Mitte ein lebensheiteres, hcrzensfrohes Gemüt mit dem Heimgegangenen so jäh entschwunden, neben der Zuversicht auf die göttliche Waltung, erhebenden Trost finden in den Beweisen der Schätzung des Entschlafenen, die ihr allenthalben zu keil werden, und sie erkennen lassen, daß er, trotz der kurzen Spanne Zeit, die es ihm vergönnt war bei ihnen zu weilen, er es verstanden hatte, im Sinne des Gottesgesetzcs und der elterlichen Erziehung ein wackerer, charakterfester Jehndi zu sein. Seite 11. Frankfurt a. M. Gegenwärtig weilt hier einer der bedeutendsten russischen Gaonim, Rabbi K l a tz - kin aus Mariampol. Rabbi Klatzkin, der schon als Jüngling die Welt von seiner phänomenalen Begabung reden machte, ist in seinen Chidnschim, die sich durch Tiefe und Klarheit auszeichnen und die von seiner großen Charifus und BekinS Zeugnis ablegen, gradezu genial. Seine beiden Responsenwerke „Ewen horeschoh" und „Jmre Schefer" erfreuen sich großer Verbreitung und gelten als klassisch in ihrer Art; in beiden befinden sich wissenschaftlich-talmudische Mhandlungen, so z. B. über Maschkolaus (Wage, Maß und Münzenwert), mathematisch bearbeitet und dann über den Wert der Schechitah vom medizinischen Standpimkte. Es erscheinen von Rabbi Klatzkin, der fünf Sprachen versteht, und überhaupt ein universelles Wissen besitzt, jetzt noch zwei Werke in der hebräischen und russischen Sprache, die Zeitfragen behandeln. Frankfnrt a. M. Rabbiner S. Wertheimer aus Jerusalem ist hierher gekommen, um hier einige Zeit im Interesse jüdisch-literarischer Studien zu verweilen. Er ist der Verfasser mehrerer wissenschaftlicher Werke und Herausgeber alter südischer Manuskripte. Frankfurt a. M., 17. Jan. In der Synagoge am Börncplatz vollzog heute Mittag Se. Ehrw. Rabbiner Dr. Horovitz die Trauung von Fräulein Lilli v. Goldschmidt-Ro t h s ch i l d mit Freiherrn Philipp S ch e y v. Koro m 1 a. Die 21jährige Braut ist die älteste Tochter des österreichisch-ungarischen Geeneralkonsnls Maximilian von Goldschmidt - Rothschild, der Bräutigam, der 24 Jahre zählt, ein Sohn des ungarischen Gutsbesitzers Freiherrn Paul von Schey-Koromla in Wien. Die Synagoge war reich mit Blumen und Palmen geschmückt; den Galerien entlang zogen sich grüne Fcstons mit roten Rosen, und der Tran-Baldachin und seine Umgebung waren wundervoll niit Maiglöckchen und Flieder ausgeschlagen. Nach der Feier, die eine große Menschenmenge nach dem Börneplatz gelockt hatte, war Empfang in der Villa in der Bockenheimer Landstraße. An den Empfang schloß sich das Hvchzeitsmahl im Familienkreis. Dem Brautpaar, dessen Hochzeitsreise zunächst nach St. Moritz führt, sind Geschenke bom deutschen Kaiser und dem Groß Herzog von Hessen zngegangen. Berlin. Richard Friedländer, in Firma Gebrüder Friedländer u. Maaß, ivnrde zum Kommerzienrat ernannt. Hamburg. Unter zahlreicher Beteiligung erster Kreise der hiesigen Handelsivelt wurde Herr Bernhard Philipp, Seniorchef der Firma Nathan, Philipp u. Co., zu Grabe getragen. Hannover, lieber die Baronin Königs- Wärter, die ungeheure Schulden gemacht und sich der Staatsanwaltschaft freiwillig gestellt hat, sowie ihren an ihren Schulden unbeteiligten Gemahl wird mitgeteilt: Die Baronin K. ist die Tochter des Rabbiners Jonas in Hamburg. Sie nannte sich als Schauspielerin Helena Jolanda und war in Breslau, zuletzt in den achtziger Jahren am Berliner Residenztheater tätig. Dann heiratete sie den in Hannover ansässigen Herrn Königswarter, dessen Eltern aus Holland cingewandert waren, und der persönlich zum portugiesischen Baron ernannt wurde. Da er in Preußen eine Bestätigung dieses Titels nicht erlangen konnte, wurde er sachsen-koburg-gothaischer Untertan. Ob ihm als solchem der Freiherrntitel bestätigt ist, erscheint fraglich, denn der „Gothaischc Kalender" führt nur die mit dem hannoverschen Vertreter des Namens gar nicht verwandte österreichische Linie Königsivarter auf und verzeichnet die Ernennung des in Hannover lebenden portugiesischen Barons Königswarter nicht. Bor fünf Jahren traten diese beiden Ehegatten Königswarter vom jüdischen zum katholischen Glauben über, bei welcher Gelegenheit der Baronin Königswarter ein päpstlicher Orden verliehen wurde. Das Ehepaar trieb in Haimover wenig Aufwand. Egclsbach (Hessen). Die Herren Simon Grünban m, Hermann Kahn! und Max K a tz wurden zu Vorstehern der israel. Gemeinde" gewählt. Lingolshcim i. Elfatz. Die hiesige Lederfabrik Adler n. O p p e n h e i m e r stellte der Stadt Mark 10000, sowie eine jährliche Unterstützung von JA 500 für Schnlzwecke zur Verfügung. Aschaffenbnrg, 15. Jan. Bei der heute stattgefundenen Wahl der isr. Knltusverwaltung wurden mit großer Majorität die Herren A. Hamburger, S. Goldschmidt und W. Hamburger gewählt. Die beiden crsteren Herren gehörten früher schon der Verwaltung an, während der letztere neu gewählt wurde. Alzenau. Frau Rebekka Oe streich er, die älteste Frau unseres Ortes, verschied im Mer von 98 Jahren. Kattowitz. In der ersten Sitzung, des Jahres wurde anstelle des bisherigen Stadtverordneten-Borstchers Sanitätsrat Berliner, der durch seine Wahl zum Stadtrat in den Magistrat eingetreten ist, einstimmig I u st i z r a t Sachs gewählt, der schon vor 9 Jahren das Amt bekleidete. Anstelle des Stadtv.

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