Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 4 (1906)
- Issue
- Heft 3 (19.1.1906)
- Date
- 1906-01-19
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 3. Seite 10. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. stattfinden, so daß sich also hieraus für die gesetzestreue Lehrerschaft die Parole ergebe, nach wie vor als mitwirkende Kräfte in einem Verbände zu verbleiben, dessen höchstes und maßgebendstes Organ — der Verbandstag — die Idee der religiösen Fortbildung vermittels der die Göttlichkeit der Thorah verhöhnenden Werke von Wellhansen und Genossen mit Befriedigung entgegengenommen hat?! Sollte aber etwa die zweite Stelle gemeint sein, die die durch den Bericht der 10 Kundschafter hervorgerufene Auflehnung des Volkes gegen Gott zum Gegenstände hat, so würde sich die Bezugnahme auf Moschehs Verhalten gegenüber der angedrohten plötzlichen Vernichtung des Volkes (9h»». 14, 12) als Beweis für die zu erhaltende Verbindung mit allen von einer jüdischen Mutter Gezeugten als Söhnen unsres Volkes ebenso unzutreffend, ja in einer Hinsicht noch ungeschickter erweisen als die erstere. Denn abgesehen davon, daß auch hier Ivieder von Moscheh zur Abwendung des angekündigten Verhängnisses auf die falsche Auffassung hingewiesen wird, welche die Ausführung desselben im Geiste der Völker, d. i. der Egypter und Kanaaniter über Gott und seine Weltenleitung verursacht werden würde, ist ja Moschehs Bitte lediglich darauf gerichtet, die plötzliche Vernichtung des ganzen Volkes durch Pest abzuwenden, daß Gott es nicht „wie einen Mann", d. h. die Gesamtheit des Volkes mit einem Schlage .hinwegraffe. „Offenbar enthält dieses „Leisel, eeboä" schon den Gedanken, daß, wenn die des Landes unwürdig gewordenen Väter in naturgemäßer Weise 'nach und nach wegstürben, und statt ihrer die Söhne erst in das Land kämen, dadurch die Gotteserkennung unter den Völkern nicht leiden würde" (so Hirsch zuV. 15). . Somit zielte Moschehs Bitte lediglich darauf ab, die angedrohte plötzliche Vernichtung des Volkes zu beseitigen, nicht aber das Strafgericht gegen die die Gotteswaltung Leugnenden überhaupt aufzuhalten. Es war eben Moscheh nicht im Zweifel, daß eine dahin gehende Bitte als der Wiederherstellung der verletzten Majestät des göttlichen Willens zuwiderlaufend unmöglich erfüllt werden konnte. Daß wirklich Moscheh hierbei den Geist der den Untergang der Schuldbeladenen während der 40jährigen Wüstcnwanderung verfügenden Gotteswaltung voraus erkannte, und daß somit seine Bitte sich gar nicht gegen jenes Strasverhängnis gewendet hatte, geht auch aus der ihm eben auf diese Bitte erteilten Antwort Gottes: „Lolaobti kidworeclio“ (SB. 20) in Verbindung mit dem unmittelbar darauffolgenden, das Todesurteil über die sich gegen die Bestinrnrung des göttlichen Willens Auflehnenden einleitenden Ausspruche: „Weulom cliai oni" (V. 21) mit Klarheit hervor. Und trotzdem müssen auch hierbei wieder, wie bei der Egel-Verirrung, die Hauptschuldigen eines plötzlichen Todes sterben (V. 37). (Schluß folgt.) Die jüdische Einwanderung nach Amerika im Jahre 1965.*) Die jüdische Einwanderung nach Amerika betrug 129 310 Personen, d. i. gegen das Vorjahr (106 236) eine Zunahme von 23 774 Personen. Im Verhältnis zur Gesamteinwanderung, welche in diesem Jahre sich auf 1026 499 beziffert — gegen 812 870 im Vorjahre — hat sich die jüdische Einwanderung von I3o/o (1904) auf 12,6<>/o vermindert. Unter den eingewanderten Rassen nehmen die Juden wie im Vorjahre den zweiten Platz ein; nur die Süd-Italiener sind in größerer Zahl (186 390) eingewandert. In welchem Maße die einzelnen Herkunftsländer an der jüdischen Einwanderung beteiligt sind, zeigt folgende Tabelle: Es kamen aus: 1905 1904 Rußland . 92 388 gegen 77 544 Oesterreich . 17 352 „ 20 211 England **) . 14 299 „ 817 Rumänien 3 854 6 446 Deutschland . . 734 669 g | 1 Ländern 1283 „ 549 *) Gemeint ist das amerikanische Fiskaljahr vom 1. Juli 1904 bis 30. Juni 1905. **) Diese im Verhältnis zum Vorjahre ungemein große Zahl der Auswanderer aus England beweist mehr als alles andere die schlechte Lage des Arbeitsmarktes in England. Was den Bestimmungsort aulangt, so begaben sich nach den Staaten: Ncwyork (Ncwyork) 83 724 Juden Pennsylvania (Philadelphia) 13 477 „ Massachusetts (Boston) 9 097 „ Illinois (Chicago) 5 480 „ New Jersey (Paterson, Camdeii, Newark, Trcntou) 4 226 „ Ohio (Cincinnati, Clcvelaud) 2169 „ Maryland (Baltimore) 2 376 „ Connecticut (Rew-Haven, .Hartford) 2 044 „ Der Rest verteilt sich auf alle anderen Staaten. Die meisten jüdischen Einwanderer blieben in den Städten, welche »eben den Staaten in Parenthese angeführt sind. An Geldmittel brachten die jüdischen Eintoanderer insgesamt 1824 617 Dollars. Das macht auf den Kopf 14,18 Dollars, während bei der Gesamteinwaiiderung 24,50 Dollars aus den Kopf entfallen. lieber die Gliederung und Schichtung der jüdischen Einwanderer mag folgende Tabelle Auskunft geben. Jüdische Gesamt- Einwanderung Einwanderung . Jahl Prozentsatz Zahl Prozentsatz Freie Berufe . . . 1163 0,89 13 643 1,32 Gelernte Arbeiter .60135 46 28 180112 17,54 Verschiedene Berufe 21 741 16,73 600 726 58.52 Ohne Berus ... 46 871 36,10 232 018 22,62 Es besanden sich unter den jüdischen Einwanderern Jüdische Gesamt Einwanderung Einwanderung Zahl Prozentsatz Zahl Prozentsah Männer. 82 076 63,1 724 914 70,62 Frauen. 47 834 36.9 301 585 29,38 Kinder (unt. 14 Jahr.) 28 553 21,9 114 668 11,17 Personen von 14-45 Jahren. . 95 964 73,8 855 419 83,33 Analphabeten 7) . . .23 577 18,1 239 091 23,29 Die Zahl der Won der Landung Zurückgcwiesenen ist verhältnismäßig nicht groß. Bei der Gesamteinwanderung waren es 11879 Personen (l,15°/o). Bei den Juden allein 1623 Personen (1,25°,'0). Darunter 1208 ivegen Mittellosigkeit, 353 wegen ansteckender oder ekelerregender Krankheit (meistens Favus und Trachom), 20 wegen Irr- oder Schwachsinn, 33 als Kontraktarbeiter und 8 als unterstützte Einwanderer; einige ganz wenige aus verschiedenen anderen Gründen. Von den aukommenden Einwanderern mußten 7786 bei der Landung in Krankenhäusern verpflegt werden (0,75 «v«), darunter 1534 jüdische Einwanderer (l,18o/o). Zum Schluß sei noch erwähnt, daß sich in den Krankenhäusern und ähnlichen Instituten, Irren-Anstalten und Strafanstalten Amerikas 39 646 Fremde befinden; davon stellen die Juden, die in den letzten 7 Jahren durchschnittlich ll,5°/o zur Fremdeueinwandcrung stellten, unr 2765 Personen — 6»/o. Davon 'befinden sich in Krankenhäusern u. ähnl. Anstalten 1274 Pers. — 8«/o Irrenanstalten 932 „ — 5°/o Strafanstalten 559 „ — 6°/o Preszstimmen.. Man unterscheidet zwei Kategorien innerhalb der russischen Sozialdemokratie: die allgemeine und die nationale Sozialistenpartci*) „B u n d". Er gibt sich als Vertreter der Interessen des jüdischen Proletariats aus. Theoretisch ist er zwar in gewissem Maße national, insofern er in seinem Programm die Forderung einer jüdisch-nationalen Autonomie ausgestellt hat. Seine Praxis aber im Laufe seiner ganzen Existenz steht im evidenten Widerspruch zu seinem Programm. In der letzten Zeit gab er wiederum ein Beispiel davon, tvie grausam er die jüdischen Interessen behandelt. Betrachtet man sein Verhalten gegenüber den letzten Judenexzessen und der Gründung von neutralen jüdischen Telbstwchrvereinen, die er 7) Dazu sind hier auch diejenigen gezählt, die zwar lesen, aber nicht schreiben können; ihre Zahl ist gering. *) Wir behalten uns vor, demnächst über die sozialistische und insbesondere über die jüdisch-soziale Partei in Rußland und ihre Stellung zu der Judenfrage ausführlich zu berichten. aus kleinlichen Parteirücksichteu zu verhindern suchte — und tuen», er auch dadurch die jüdische. Bevölkerung der Willkür des „schwarzen Hunderts" preisgegeben ivußte — so muß man leider den Namen „jüdische Hooligans" rechtfertigen, mit dem von einem Teil der hebräischen Presse der „Bund" bezeichnet wird. Die „Welt" schreibt in dieser Hinsicht sehrrichtig : .... Es rückte die Stunde heran, in der das jüdische Volk notgedrungen in den Kampf hineingezogeu wurde, wo ein ungeheures feindliches Land drohend seine Fäuste ballte gegen dieses kleine Volk. Nicht mehr politische Verhaftungen, nicht politische Prozesse, Massenabschlachtungen folgten nun. Tie russische Regierung hat beschlossen, dem gesamten jüdischen Volke den Krieg zu erklären, die.Sklaven für ihre Ketten, das ganze Volk für die Revolte eines Teiles büßen zu lassen. Es hat mit Kischinew begonnen, cs folgten Hömel, Schitvmir, grauenvoller denn je wütete der Kämpf in den letzten Wochen, ein unehrlicher, seiger Kampf von Millionen gegen Tausende, von Mitrailleusen gegen Wehrlose. „Hie Rhodus, hie salta!" hätte man den „Bundisten" zurufen können. Hier war die Gelegenheit geboten, zu beweisen, daß sie nicht deshalb jüdisch-nationale Politik trieben, um nur die Revolution in Rußland zu fördern, sondern in erster Reihe für die Juden selbst. Sie hätten die Ersten sein müssen, die gegen den Mob mit Waffen in der Hand aufgetreten wären und die jüdische Selbstwehr hätten organisieren sollen. Aber sic waren nicht die Ersten. Tie Ersten, die sofort nach Kischinew die Selbstwehr cinrichteten, tvaren erwiesenermaßen die Zionisten. Gewiß, die „Buiidisten" habe» später auch das Prinzip der Selbstwehr anerkannt und mitgetau, uiid viele aus ihrer Mitte sind gefallen. Aber sie haben nicht immer und überall in den vorderen Reihen gekämpft, sogar oft die Tätigkeit der Selbstwehr-Orgauisation gebremst, da ihre Partei- Interessen ihnen mehr galten, als die Interessen ihres Volkes. So kam es, daß cs Zionisten waren, die in vielen Städten in entscheidender Stunde ihr Leben Hingaben, um die Ehre ihrer Brüder zu rette», Zionisten aller Schattierungen, besonders aber die von' alle» Sozialdemokraten so verhöhnten und verspotteten „Poale-Zion", von denen z. B. in Ekaterinvslaw allein über siebzig gefallen sind, und die sogenannte» „S. S." (Zionisten-Sozialisten). Wir verfügen über glaubwürdige Bciveise dafür, daß der „Bund" au vielen Orten einer zentralisiercndcn Tätigkeit der Selbstwehr-Organisation in den Arm fiel und sie paralisierte. In den Städten, Ivo der „Bund" seine meisten Anhänger zählt, sind allerdings keine Pogrome vorgekommcn, aber nicht wegen der schönen Augen des „Bundes", sondern wegen äußerer Umstände und der politischen Konstellation. Tort aber, wo jüdisches Blut in Strömen floß, iu den Städten Süd-Rußlands, im Zentrum, in den zahllosen Städtchen und Flecken, die vom rasenden Mob beinahe dem Boden gleich gemacht wurden, spielen die „Bundisten" kaum eine bedeutende Rolle und haben keinen großen Einfluß äuf die jüdische Bevölkerung. Es ist eine traurige Tatsache, eine betrübende und beschämende, besonders für den, dem die Interessen des gesamten jüdischen Volkes und nicht nur die einzelnen Klassen am Herzen liegen, daß in einer so schwere» Stunde es manche bundistische Gruppen für taktvoll »nd angemessen hielten, sich von den anderen jüdischen Organisationen fernzuhalteu. Aber der „Bund" ist nicht bloß taktlos, erstarrt in seinem Doktrinarismus, sondern auch nicht aufrichtig. Jetzt, sozusagen post festllm, bläst er iu die große Posaune, stellt sich als den einzigen Repräsentanten des jüdischen Volkes dar, läßt von seinen Anwälten 'im In- und Auslande seinen Mut preisen und verkünden, daß er allein cS gewesen, der den Selbstschutz geleitet hat, »och leitet. Das ist mehr als unwahr. Wir wollen noch hier bemerken, daß der „Bund" in Westeuropa große Summen für eine sogen. „Selbstwehr" gesanimclt und noch jetzt es zu tun nicht unterlassen. Ihre letzten Taten und Untaten bürsten auch den Assimilatiousjuden schon zu nnjüdisch sein! rp * * In einem Artikel „Nationale Politik oder K l a s s e n p 0 l i t i k", veröffentlich in russischer und hebräischer Sprache der bekannte jüdische Historiker S. D u b u 0 w, der einer der Mitbegründer des „Jüd. Vereins zur Erreichung der Gleichberechtigung" in. Rußland ist, seine Ansichten, über die politischn Aufgaben der russischen Judcnheit im gegenwärtigen Momente des Regimewcchsels. Wir reproduzieren hier einige. Auszüge aus seinem diesbezüglichen Artikel: Wenn ein politisch abhängiges, aber innerlich freies Volk seine eigene Linie in der Politik führen, die möglichst vollkommene Harmonie zwischen seinen nationalen Interessen und den allgemein-staatlichen erstreben muß, so entsteht die Frage:' Läßt sich die nationale Politik mit der Klassen-Politik vereinigen? Unter einer „Klassenpolitik" verstehen wir nicht den