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Neue jüdische Presse · 1906-01-19 · Heft 3 (19.1.1906) · page 9

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
4 (1906)
Issue
Heft 3 (19.1.1906)
Date
1906-01-19
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Beilage zu Nr. 3 des Frankfurter Jsraelitifcheu FaunliMattes. Inhalt der Beilage: Artikel: Gedächtnisblätter einer jüdischen Mutter. — Die Neubildung der Verbände. — Die jüdische Einwandernng nach Amerika im Jahre 1905. — Preßstimmen. — Aus aller Welt. —Personalien. — Aus den Vereinen. — Aus der Lehrerwelt. — Aus der zionistischen Bewegung. — „Jüdische Jugend." Gediichtnisbliitter einer jüdischen Mutter. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung). In dieser Weise haben wir in Hamburg unser Leben verbracht, und der selige Vater hat mit Juwelen und anderen Dingen gehandelt, lvie ein jüdischer Kaufmann, der von allem etwas nascht. Der dänisch-schwedische Krieg hat sich immer mehr ausgedehnt und das Kriegsglück lag auf Seite der Schweden, sodaß sie ganz Dänemark in Besitz nahmen und bis vor die dänische Hauptstadt kamen und sie belagerten. Da hätte nicht gefehlt, das; diese feste Stadt auch in Feindeshand gefallen wäre, wenn nicht Adel und Bürger Gut und Blut für das Königshaus eingesetzt hätten. So hat denn Gott das Los des dänischen Königs zum Guten gewendet, und das hat er loohl verdient, da er seinem Volke stets ein fromnier und gerechter Herrscher*) gelvesen ist und auch den Juden wohlgesinnt loar. Trotzdem wir in Hamburg lvohnten, mußten lvir dennoch pro Haushalt 6 Reichstaler Kriegssteuer zahlen, aber sonst nichts. Später kamen dann die Holländer den Dänen zu Hülfe, schickten ihre Kriegsschiffe drlrch den Sund und endeten so den Krieg durch einen Frieden zwischen den beiden kriegführenden Mächten. Trotzdem sich so die beiden Reiche versöhnten und auch durch Heirat verwandt sind, „picken sie doch seither einer auf den anderen". Zu dieser Zeit ist meine Schwester Heudelchen Braut geworden mit dem Sohn des hochgeehrten Rabbi Gunipel aus Cleve. Die Mitgift betrug 1800 Reichstaler, eine für die damalige Zeit außerordentlich respektable Leistling. In ganz Hamburg kannte mail keine so hohe Mitgift und in ganz Deutschland lvar eitel Freude über diese in jeder Hinsicht ausgezeichiletc Verlobung. Aber mein sel. Vater hat sein Geschäft voller Gottvcrtrauen geführt, er hat sich auf die Gnade Gottes verlassen und gehofft, daß er unter Seinem Beistände auch ebenso gut für seine anderen Kinder dereinst werde sorgen können, wie er auch stets bis zu seineni Tode mehr wie alle Anderen, die Gastfreundschast in reichster Weise Pflegte. Soll ich denn auch von der Hochzeit schreiben, die er meiner Schwester richtete? Soll ich erzählen von den wackeren Biederleuten, die mit dem hochgeehrten Rabbi Gumpel zur Hochzeit gekommen sind? Und gar ivas der Rabbi selbst für ein heiliger Mann gewesen ist — das läßt sich nicht beschreiben. Auch den ganzen Glanz und Pomp der Hochzeitsfeier kann ich nicht in Worten wiedergeben, besonders in welcher Weise der sel. Vater die Armen und Dürftigen erfreute. „Möge uns allen sein Verdienst beistehen!" Der sei. Vater ist schwächlich und auch schon bejahrt gewesen und hat darum gesucht, die Verheiratung seiner Kinder zu beschleunigen. Darum hat er mich, obwohl ich kaum 12 Jahre alt war, schon verlobt, und ich bin 2 Jahre verlobt geblieben. Meine Hochzeit wurde in H a m e l n abgehalten. Mit Vater, Mutter und etwa 20 Gästen haben wir uns dorthin aufgemacht. Damals hat es aber dahin noch keinen Postverkehr gegeben. So mußten wir uns von den Bauern Leiter-Wagen mieten, um nach Hannover zu gelangen. Sofort als wir in Hannover ankamen, haben wir nach Hameln geschrieben, man solle uns Wagen entgegenschicken. Meine Mutter glaubte nämlich, man könne dort Kutschen haben, wie in Hamburg, und dachte sicher, der Schwiegervater werde wenigstens für die Braut und deren Angehörige eine Kutsche senden, um sie einzuholen. Am dritten Tage *) Friedrich III. von Dänemark. daraus sind indes 3 Bauernwagen angekonnnen, mit Pferden, „die man am besten auf den Wagen gelegt hätte." Obgleich meine sel. Mutter darüber gar ungehalten war, hat sie daran doch nichts ändern können. Wir haben uns in Gottesnamen aus die Bauernwägelchcn gesetzt und sind ivohlbehalten nach Hameln gekommen. Am Abend war dann ein großes Gastmahl und die wackeren Leute, besonders mein Schwiegervater, Rabbi Josef Hamel, ein Biedermann sondergleichen, taten uns gar große Ehre an. Nun hat sich meine l. Mutter immer noch ein wenig darüber geärgert, daß man uns nicht mit Kutschen abgeholt. Rabbi Josef, ein trefflicher, witziger Mann, merkte das wohl, trank aber der l. Mutter mit einem großen Glas Wein Gesundheit zu und sagte: „Meine liebe Schwäheriu, sind Sie nicht ungehalten. Hameln ist nicht Hainburg. Wir haben hier keine Kutschen und wir sind ganz schlichte Landleute. Ich will Ihnen erzählen, wie es mir ergangen ist, als ich auf meine Hochzeit gezogen bin. Mein Vater hieß Schmuel Stuttgart und war Vorsteher über ganz Hessen. Ich war verlobt mit meiner Freudchen, der Tochter von Nathan Spanier. Zur Mitgist erhielt ich 2000 Reichstaler und mein Vater, Gott Hab' ihn selig, hat mir 1500 Reichstaler versprochen. Das ist zur damaligen Zeit eine gar große Mitgift gewesen. Wie die Hochzeitstage nun herankamen, hat mein sel. Vater einen Boten gedungen, der hat Fisch geheißen. Diesem hat mein sel. Vater das Mitgistsgeld auf seinen Buckel gelegt, damit er es nach Stadthagen bringe. Dort hat mein Schwiegervater — Nathan Spanier — gewohnt. Ich und mein Bote Fisch haben uns auf die Beine gemacht und sind nach Stadthagen gegangen. Zu dieser Zeit ist gerade Rabbi Leib, auch ein Schwieger meines Schwiegervaters, in Stadthagen gelvesen. Als man nun dort hörte, der Bräutigam sei nicht mehr tveit entfernt, ist Rabbi Leib mit seinen Genossen mir entgegengeritten gekommen. Rabbi Leib lvar in Hildesheiin gebürtig und lvar ivohlhabender Leute Kind. Wie er nun zum Bräutigam kommt, sieht er ihn und seinen Boten Fisch, beide zu Fuß. Darauf macht er Kehrt, reitet wieder zurück und erzählt, >vas er gesehen: Freudch c u s B r ä u t i g a m k o m m t a ll f e i n e ni F i s ch a n g e r i t t e n. Da ich nun, liebe Schwäherin, wohl auf einem guten Pferd reiten kann, so bitte ich Sie, das mit den Wagen nicht übel aufzunehmen." So ist denn auch alles in ungetrübter Freude abgelausen! Die Hochzeit fand bei Frohsinn und Wonne statt, und Vater und Mutter zogen wieder in die Heimat zurück! So mußte ich denn schon als kaum lljähriges Kind unter fremden Leuten weilen und doch ist mir' das Herz nicht schwer geworden, denn ich habe von meinem frommen Schwiegervater und meiner braven Schwiegermutter überaus große Befriedigung gehabt. Was waren das für ehrbare, fromme und achtungswürdige Leute! Wie haben sie mich gehegt und gepflegt, mehr als ich es wert gewesen bin! Kann und soll ich ausführlich berichten von meines Schwiegervaters -Frömmigkeit und der Gottesfurcht meiner Schwiegermutter, davon wie er, sein Andenken zum Segen, ein wackerer Mann gewesen wie ein Gottesengel? Jedermann kennt den weiten Abstand zwischen Hameln und Haniburg, und ich war doch noch ein junges Kind, ausgewachsen ohne alle Sorgen. Und nun kam ich von einer solch' großen Stadt wie Hamburg auf einen so winzigen Platz wie Hameln, wo nur 2 jküdische Familien wohnten und Hameln an sich ist doch ein gar armseliger, freudloser Ort. Aber das alles hat die s eelische Befriedigung nicht ausgewogen, die ich hatte, wenn mein l. Schwiegervater morgens um 3 Uhr aufgestanden ist und hat seinen Schulrock (Talis) umgetan und gebetet. Das war gerade neben meiner Schlafkammer und darüber habe ich ganz Hamburg vergessen. Das war ein heiliger Mann! Mögen wir seiner Verdienste teilhaftig werden und möge uns der Allgütige vor Sünde und Schande bewahren. Auch seine frommen, hochgeachteten Kinder zeugten von seinem erhabenen Beispiel. (Fortsetzung folgt.) Die Neubildung der Verbände. Beurteilt nach alten Gesichtspunkten. Von Tr. M. C ah n. (Fortsetzung.) Es erübrigt nun noch eine originelle Bemerkung in jenem Artikel zu betrachten. Dort heißt es nänilich: „Wenn der von Herrn Dr. Breuer geführte Teil unserer Orthodoxie an Stelle unseres Lehrers Mauscheh gewesen wäre, dann hätte er, als Gott das Volk wegen seiner Untreue vernichten und Mauscheh zu einem großen Volke machen wollte, erwidert: „Tue wie Du gesagt hast." Mauscheh Rabbenu hat nicht so gesprochen — und auch wir dürfen nicht vergessen, daß alle von einer jüdischen Mutter Gezeugten als Söhne unsres Volkes mit uns verbunden sind und wir ihnen gegenüber heilige Pflichten haben, deren wir uns nicht ledig sprechen können." Ein geistreicher Einfall! Zweimal hat Gott das Wort gesprochen: „Ich will sie vernichten und Dich zu einem großen Volke machen," das erste Mal nach der Egel-Verirrung (Exod. 32, 10), das zweite Mal nach der durch die Kundschafter bewirkten Auflehnung des Volkes (Rum. 14, 12). Im ersten Falle sleht Moscheh um die Lebenserhaltung des Volkes mit der Begründung, daß des Volkes sofortige gänzliche Vernichtung die Menschheit an den Waltungszielen Gottes irre machen und in ihren Wahnvorstellirngen von der Bosheit und Tücke der Götter bestärken würde (s. Hirsch a. a. O. zu Vv. 11 und 12). Wer das ganze Auftreten Moschehs zeigt mit Evidenz, daß er nicht etwa mit dem verirrten Volke paktierte, sondern mit der allerentschiedensten Energie die vollkommene Aufgebung des Frevels unverzüglich verlangte. Er zerschmettert die Bundestaseln, um zu zeigen, daß dieses Geschlecht des göttlichen Wortes nicht mehr würdig sei. Dann läßt er das Volk die ins Wasser gestreuten Staubkörner des verbrannten und fein zerriebenen goldenen Kalbes auftrinken, womit sie die vollkominene Bereitung ihres Wfalls auf der Stelle an den Tag legen mußten. Endlich aber erließ er vom Tore des Lagers aus seinen Ruf r Mi laschem eloj. „Wer es mit Gott hält, komme zu mir!" und erteilte den sich hieraus um ihn scharenden Leviten auf Geheiß Gottes den Auftrag, durch das Lager 511 ziehen und die Schuldigsten (s. Joma 66, 6) mit dem Schwerte hinzurichten, so daß etwa 3000 Mann fielen. „Kauli omar hasehera Eioke Jisroel!" So hat Haschern,/d erGottJsraels, gesprochen, so lautet die Einleitling Moschehs zu dem den Leviten erteilten Auftrag, das Schwert zu ziehen und die eigentlichen Frevler hinznrichten. Soll Gott Eioke Jisroel bleiben, so darf die Geistesverwirrung nicht andauern; eine Fortwucherung derselben hätte mit zwingender Notwendigkeit den Weiterbestand des Volkes vernichtet. Die Leviten aber, die dieses göttliche Strafgericht vollzogen hatten, wurden von Moscheh aufgefordert, von nun aber die Hüter des Heiligtums zu sein und des göttlichen Beistandes und Segens versichert. Nur durch solch durchgreifendes Eintreten für die Wiederherstellung der verletzten Autorität des göttliches Gesetzes konnte der Fortbestand des jüdischen Volkes als Gottesvolkes, entsprechend dem Eloke Jisroel — gerettet werden. Allerdings mußte immer noch ein Teil des Volkes und zwar diejenigen, die von dem Strafgerichte Moschehs aus formellen Gründen nicht hatten ereilt werden können (s. Josua dortselbst) durch plötzlichen Tod hinweggerasft werden (a. a. O. V. 35). Ist das nicht der lauteste Protest gegen best Versuch, eine gemeinsame Wirksamkeit zwischen den Hütern des göttlichen Gesetzes und seinen Verleugnern in der Behandlung von Fragen jüdischer Lehre und jüdischen Lebens zu entfalten?! Mußte nicht ein Blick auf diese Episode der Ahnengeschichte dem Verfasser jenes Artikels die Auge öffnen, um ihn erkennen zu lassen, daß nicht wir, die wir die Verschleierung dieser religiösen Gegensätze abweisen, unS im Widerspruch zu unserem Lehrer Moscheh befinden, sondern diejenigen, die den Wahn erzeugt haben, es könne ungeachtet dieses auch von Ihnen anerkannten kontradiktorischen Gegensatzes dennoch ein ersprießliches Zusammenwirken in religiösen Dingen

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