Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 4 (1906)
- Issue
- Heft 3 (19.1.1906)
- Date
- 1906-01-19
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 3. Seite 3. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. als ein Verdienst zu bezeichnen, wenn ein Mann, diesen Jndifferentismus seiner Umgebung nicht teilend, seine Zeit der Sache der Judenheit widmet. Gleichfalls in letzter Zeit verschied das jüdische Magnatenhausmitglied S i g in und B r o d h , auch „Der Fürst der Zeitungen" genannt. Brody sing als einfacher Journalist an und brachte cs durch seinen immensen Flcist dahin, daß er bald zu den hervorragendsten ZeitungSschriststcllcrn zählte. Er gründete später 2 Tagesblntter, die bald in grossen Aufschwung kamen und ihren Begründer zu einem der reichsten Männer Budapests machten. Bon diesen seinen irdischen Gütern machte der Verstorbene in edelstem Sinne Gebrauch. Die 90er Jahre dcS vorigen Jahrhunderts brachten Stiftung ans Stiftung von Signmnd Brody. Im Jahre 1897 begründete er ein jüdisches Kinderhospital, das den Namen seiner damals verstorbenen Frau, Adele Brody, trügt und sondierte es mit dem Betrage von 610,000 Kr. In feinem Testamente bedachte er obiges Kinderhospital neuerdings mit 100,000 Kr. und stiftete weitere 100000 Kr. zur Erweiterung des jüdischen Hospitals in Budapest. Noch eine Anzahl größerer und kleinerer Stiftungen künden von seinem Wohltätigkeitssinue. F. Die Woche. Tie Erwartung, das; der n cnc p r c u ß i s ch e I n st i z m i n i st e r einen neuen, für die jüdischen Beamten dieses Ressorts günstigen Kurs bedeuten Iverde, hat sich sehr schnell als ein Traum erwiesen. Abgeordneter Wiemer hatte im Preußischen Landtage bei der Lesung des Etats, ein Kapitel, bei dem bekanntlich über Alles und Jedes gesprochen wird, seiner Genugtuung über das Scheiden des JustizmiuisterS Schönstedt ans seinem Amte Ausdruck gegeben und hatte dabei crtvähnt, das; die Begnadigung des antisemitischen Grafen Pückler wohl auch auf das Konto Schönstedts zu setzen sei; hierauf erwiderte der neue Justizminister Beseler, das; er — und nicht sein Vorgänger Schönstedt — die Verantwortlichkeit für die Begnadigung des Grafen Pückler trage. — Es bleibt also beim alten, und eines Tages wird man im Panoptikum den „letzten preußischen Landgerichtsrat jüdischer Konfession" sehe» können! * * Mr. S. Winson Churchill, der ileue Unterstaatssekrctär für die Kolonien, welcher gegenwärtig in Manchester für das Unterhaus kandidiert, hat eine Einladung des Dr. Tnlberg, des Ehrensekretärs der dortigen Abteilung der Jto („Jüd. Tcrritorial-Organisation"), an einer Versammlung derselben ^eilznnchmen, mit folgendem Schreiben beantwortet: „Hochgeehrter Herr! Ich beantworte Ihr Schreiben vom 26. Dezember erst jetzt, da ich zuvor die Mtcn über das seiner Zeit den Zionisten gemachte Anerbieten studieren iuolltc. Ziveifellos sind Ihnen die mit der 'Errichtung einer autonomen Indischen Kolonie in Britisch-Ostafrika verbundenen Schwierigkeiten bekannt. Abgesehen von der unter den Juden selber darüber herrschenden Meinungsverschiedenheit, abgesehen von der Frage, ob das angebotene Territorium auch wirklich geeignet ist, nimmt die Zahl der englischen Ansiedler Innerhalb und kn der Nähe des betreffenden Gebietes rapid zu. Diese Schwierigkeiten haben nicht verfehlt, meinen Amtsvorgänger. Mr. Littleton, bedenklich zu mache». Selbst Lord Elgin, welcher den Gegenstand sowohl ans Sympathie für die Bestrebungen der jüdischen Rasse, als' auch im Hinblick auf die jüngsten furchtbaren Leiden des jüdischen Volkes mit großem Wohlwollen behandelt, wird nicht umhin können, diesen Hindernissen Rechnung zu tragen. Dennoch will ich hoffen, das; alte diese Schwierigkeiten sich überwinden lassen werden. Ich stiniure dem Inhalt des von Mr. Zangwitl in der Times vom 12. Dezember 1907, veröffentlichten Schreibens vollkommen zu und erkenne mit ihm die hohe Anziehungskraft an, welche eine unter der Flagge der Duldsamkeit und der Freiheit errichtete Heimstätte auf ein über den ganzen Erdball zerstreutes und hartverfolgtes Volk ausüben muß. Ein solcher Plan ivird von einem hohen Geiste beseelt. Er vermag Energie und Begeisterung zu entfachen und besitzt eine treibende Kraft, über welche sonst kein anderer individueller Kolonisationsvlan verfügen kann. Ob- Ivvhl Lord Rothschild der Ansicht ist, daß; der uumittclbaren Not der jüdischen Flüchtlinge am besten abgcholfen wird, wenn man ihnen die Gelegenheit zur Ansiedelung in Canada und Argentinien gibt, so glaube ich dennoch nicht, daß die edle. Sie begeisternde Bision durchaus verblassen soll, und ich will alles, was in meiner Ai a ch t ste h t, t n u, n m s i e zu schützen und zu verwirkliche n. Innerhalb der weiten Grenzen des englischen Reiches und unter seinen großmütigen, liberalen Institutionen muß doch Raum für die Entwickclnng und das Wachstum der 'verschiedenen Rassen, llebcrlieferungen und GlaubenSbefenntnisfe sein. Es ist ein besonderer Vorzug deS Imperialismus, daß er Reichtum, Glück und eine höhere Einheit für alle garantiert." Diese Aenßerung bedeutet einen diplomatischen Erfolg für den Tcrritorialismus nicht nur, weil sie von einer Persönlichkeit stammt, die in englischen Kolonialaugelegcnheiten von großem Eiustnß ist, sondern vielmehr, Ivcil sic eine Erwiderung enthält auf das bekannte Schreiben Lord Rothschilds und anderer antijüdischeu Notabeten des englischen Judentums (in „Jcw. Chronicle"), das gegen Zionis luus und Territorialismiis gerichtet ist. Wie mail ans diesem Schreiben ersehen kann, glaubten sic damit den Zionismus und insbesondere den Territorialismus in den Augen der englischen Regierung, die diesen Bestrebungen, vorzugsweise dem Tcrritorialismns fördernd beisteht, diskreditiere» zu können. Tie angeführten Aeußernngcn des englischen Staatsmannes sind darum ein erfreuliches Zeichen, das; die nichtjüdische Welt die jüd. Bolksbestrebungcn höher schätzt, als die Meinung einiger Persönlichkeiten der jüdischen Haute-Finanee, welche die Rechnung ohne den Wirt, ohne das Volk machen — weil sie cs gerne totschweigen möchten. Tas Volk aber schreit. — Es wäre schon Zeit, daß auch die Welt mehr Sinn und Verständnis für die Interessen unseres Volkes bekunde — das so arm und doch reicher ist, als all seine reichen Verleugner. Aus aller Well. Deutsches Reich. Berlin. Infolge der entsetzlichen Iudenbetzen in Rußland ist der Auswandererstrom nrächtig angeschwolten. Trotz dieser traurigen Erscheinung haben die Organisationen beschlossen, die zur Lindcrnng der Not in Rußland g e s a m m e l t e n 6! e l d in i t t e l nicht z u r U u t c r st ü tz u n g de r Auswanderung zu verwenden. Zu diesem Beschluß führten folgende Gesichtspunkte: 1km mit den verhältnismäßig geringen Summen mir einigermaßen wirksam zu hel'eu, mü'seir s'e vornehmlich zur Wiederanfrichtung der in Rußland zerstörten Existenzen verwendet werden. Nur ans diese Weise kann der Gesamtheit der Geschädigten wieder einigermaßen anfaeholfen tverdcn. Die Answandernng dagegen hilft höchstens einzelnen Personen; die Zurückbleibcnden geraten icdoch durch den Wegzug der jungen und arbeitsfähigen Kräfte in eine noch schlimmere Lage. Da zur Auswanderung einer jeden Person eine erhebliche Summe allein als Reisegeld erforderlich ist, so könnte man selbst mit vielen Millionen nur einem winzigen Bruchteil der Geschädigten zur Auswanderung verhelfen. Dani kommt noch als absolut entscheidend, daß die Haupteinwanderungsländer 'mittellose Einwanderer von der Landung in jedem Falle ansschließen. Schließlich ist in Betracht zu ziehen, daß der Arbeitsinarkt in den Einwanderungsländcrn so schlecht ist, daß viele Tausende der eingewanderten Inden obne Brot blieben, so daß also nicht einmal mit der Auswanderung den Auswandernden selbst geholfen ist. Berlin. Ein russischer Auswanderer in Canada schreibt: „Ich war seit dem 11. September beim Dreschen, also abwesend von Creelman, Sa-t. Mein Lobe betrug 2,27» Dollars per Tag mit Kost und Logis. Vorgestern bin ich nach Creelman znrückaekehrt: in den ganzen 9 Monaten hatte ich n»r 7,0 tzlrbeitsiaae da im Herbst meistens schlechtes Wetter war, sodaß man nicht jeden Tag dreschen konnte. An den arbeitslosen Tagen wurde nur Kost und Logis aeaeben. aber kein Lohn. Ich habe während dieser Zeit vieles gelernt, ganz besonders, ivas die eauadische Landwirtschaft anbelangt, da ich vielleicht 77» verschiedene Farmer besucht habe. Bei dieser Arbeit erinnerte ich mich der Worte von Professor Warbnrg in Be'lin. den ich um Rat fragte, bevor ich nach Canada reiste: „Tie werden aber in Canada wie ein Rferd arbeiten müssen." Ich war aber auch mit dieser Arbeit zufrieden und ich hörte manchmal, wie der Eigentümer mich für meine Arbeit lobte. In den Arbeitstagen wurde schon um 7» II hr gesrühstückt, um 6 klhr angefangen zu arbeiten, Mittag dauerte nur so lanac daß die Leute fertig eisen konnten. Es wird bis 7 lllir gearbeitet, manchmal auch' bis 9 Ikbr oder 10 klhr in der Nacht. Ich habe'mir aber auch meine 200 Dollars gespart, welche ich einer Bank zur Verwahrung geben werde. Für 'den Winter habe ich hier im Hotel eine Stellung mit 17» Dollar monatlich. mit voller Kost und LvgiS. Meine Arbeit ist. zu heizen, die Pferde zu süttcrn und die Kühe zu melken. Das Eremplar der Zeitung (gemeint ist Nr. 6 dcS Korrespondenzblattes des Zentralbureans für jüdische Answanderungsangelegenheitens habe ich erhalten. Ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie mir jeden Monat ein Eremplar zuschicken könnten, da diese Zeitung für mich sehr interessant ist. Wegen meiner Schwester ist cs so, daß ich Ihr nicht zu helfen weiß, ie möchte wohl nach Canada kommen, da ich ihr auch eine Tchiffskarte schicken möchte und sie könnte auch hier in Creelman 17» Dollar den Monat bekommen und Kost und Logis für sehr leichte Arbeit: sie ist aber so religiös erzogen, daß ich sicher bin. daß sie es hier gar nicht aushaltcn kann, denn cs wäre ihr hier nicht möglich, sich jüdisch zu führen. Jetzt habe ich Ihnen etwas Neues mitzntcilcn, nämlich, daß ich seit dem 1. Oktober auch schon eine Heimstätte ausgenommen habe. Ich 7>attc eine sehr gute Gelegenheit: es kostete mich 17 Dollar, 10 Dollar Einschreibcgebühr und 7 Dollar die Reise nach Regina, denn dort ist das Dominion Land Office. Man kann dies auch durch Briefe abmachen, aber da ich nicht viel Zeit hatte, auf eine Antwort zu warten, so ging ich selbst nach Regina. Ich denke im nächsten Frühjahr anzufangen^ das Land zu bearbeiten." Bcrli». Der Hiltsvercin der Deutschen Juden hat weitere 800000 .,!(■. für die Opfer der russischen Jndcnversolgnngen an Rothschild and Sous in London überwiesen. Hamburg. R ü ck w a n d e r e r. 37 mittellose Auswanderer trafen mit dem Hamburger Dampfer „Silvia" von London liier ein. Tas Israel. Hilfskomitee nahm sich der Mittellosen an und sorgte für deren vorläufige llntcrknnft. Köln. Tm liberalen deutschen Vaterland! Die katholisch-agrarische „Rheinische Volksstimmc" schimpft mordsjümmerlich über die Inden und Jndengenossen. Für die in Südafrika kämpfenden deutschen Soldaten seien nur tvenige Mark zusammengekratzt worden, umsomehr aber für die russischen Juden. „Da fleckte cs freilich anders: die Hnnderttausende flogen nur so zusammeii. Echt daitsch! Für die eigenen Landeskinder mir Ach und Krach ein paar Pfennige, siir das verlauste und verkommene Judengesindcl rotes Gold. Es sind ja Ausländer, vor denen liegt der Deutsche bekanntlich in Eh'furcht ersterbend ans dem Bauche. Daß selbst die>em elenden Gesindel der Boden zu heiß wurde, weil selbst der russischen Schafsgeduld die Wühlereien der Bande zu dumm wurden, macht nichts — der echte deutsche Mann enimiert sie deswegen doch als Märtyrer. Und stovft dem Pack, d,em cs nicht verschlägt, die aanze Welt in Brand und Aufruhr zu setzen, zum Dank dafür noch die Taschen voll, während die eigenen Söhne im glühenden Sonnenbrand verscknnachte» und. verdursten. „Du stolzes Tentschland . schäme Dich!" Strusiburg i. Elf. Auf eine an den „Verein I ü d i s ch e r S t II d e n t e n" eraangene Einladung von seiten des deutschen .Dochschulverbantzes zur Teilnahme an dem unter Ausschluß der konfessionellen Verbindnnaen stattfindenden Reichs- und Kaiser-Kommers. erwiderte der Verein: er c''blicke in der Veranstaltung einen äußeren Ausdruck des von dem Verbände geführten Kampfes geaen die konfessionellen Verbindungen, und-er lehne cs deshalb aeuiäß seinem im vorigen Semester aefaßten K>»rtelltaasbeschlusse ab, sich an diesem Kampfe zu beteiligen. Hingeaen werde der ..Verein Jüdischer Studenten" den Geburtstag des Kaisers in seinem eigenen Vereinslokal festlich begehen. Pose». Stadtverordnetenversammlung und r u s s i s ch c H i l f s a k t i o n. Eine Anzahl konservativer Stadtverordnete hat vor ei"iaen Wochen den Antrag gestellt. 2000 . il. für die Ovker der russischen Judenverfolgungen aus städtischen Mittel,, zu gewähren. De>' Magistrat hat hieraus eine Bo'lage einaebracbt. 1000 .U. für die russischen Jnd-n und 3000 Jl. für die Deutschen in Rußland zu dewilliae,,. Nachdem Rechtsanmält P l a c z e k namens der sreisinniaen Fraktion erklärt hatte, daß sie für die Anträge stimme» werde, wurde zuerst von vol- 11 i s ch c r Seite, daun von dcui konservativen Stadtverordneten Rechtsanwalt H a r t w i g Widerspruch erhoben. Als Letzterer erklärte, daß man unter keinen klmständen. für Ausländer, er meinte die Juden, Ivohl aber sü>- die stammesverwandten Deutschen in Rußland Gelde>' geb-n bürte. er daber beantraae. die gesa'»ten 1000 . U. dem Hilfskomitee für Ansiedlung russischer Deutschen in Posen zu "'b-rweisen. erklärte d>e frei-inniae F-akt-on, daß üe n u » m e h r geschlossen geaen beide A n - t r ä a e stimmen Iverde, Iveil die Art und Weise der Behandlung solcher Anträae iest-ns des Reck'tsanwalts Hartwig und des volni'chen Redners eine geradezu emvörendc sei. Hierauf wurden beide Teile des Magistratsantrages a b g e l e h n t. Oefterreich-Nnaarn. Wien. Eine nicht alltägliche güten» b e l e i d i g u n g s k l a g e, die auf die in Wien leider noch immer so oft zu Tage tretende gesellschaftliche und konfessionelle Hetze ein grelles Licht wirft, beschäftigte jüngst bas Bezirksgericht Josefstadt.