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Neue jüdische Presse · 1906-01-19 · Heft 3 (19.1.1906) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
4 (1906)
Issue
Heft 3 (19.1.1906)
Date
1906-01-19
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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' Seite 2. stark gebauter Mann, der eine Fahrkarte nach Süd- Afrika hatte. Er wurde ebenfalls schnell behandelt und den dabcistehendcn Beamten des Londoner jüdischen Shelter zugewicfcn. Dann kamen die Chinesen, die in einer Gruppe standen »nd sich munter unterhielten, als ob sic nichts Böses ahnten. Sie hatten einen Anführer, mit dem sich die Beamten über den Zweck ihrer Reise unterhielten. Während die Chinesen behandelt wurden, was ziemlich lange dauerte,- ivnrde Minjan gemacht und Mincha gebetet. Als das Gebet zu Ende war, ging die Reihe an die Jude», und ein Zins erscholl: „Frauen und Kinder zuerst!" Die Frauen wurden meistens paar- - weise gehandelt und zwar in der ersten Kajüte. An einem Tische fast der Jmniigrcitionsbcamte, ein Uebcrsctzcr und der Kapitän des Schisses. In einer angrenzenden Kajüte befand sich der examinierende Arzt, der meistens Brust und Augen untersuchte, nach welcher Examination der Einwanderer vor dem ' Jmmigrationsbcanitc» zu erscheinen hat. Die Fragen bezogen sich ans das Vermögen der Einwanderer und die Adressen, au die sie sich begeben. Mehrere Frauen begaben sich zu ihren Gatten, einige zu ihre» Brüdern oder serncren Verwandten, ein junges hübsches Mädchen wollte ihren Bräutigam aufsuchen, mit dem sie sich bald nach ihrer Anknnst verheiraten wollte. We Frauen und Kinder ivurdcn zugelasscn. Zuletzt kamen die Männer, deren Examination länger dauerte und zugleich mehr Interesse bot. Auf die Frage nach Vermögen wurde kaum eine befriedigende Antwort gegeben. Der Tnrchschnittsbesitz in barem Gelde war 10 Rubel; ein junger Mann besaß überhaupt nichts Baarcs, brachte aber Ware, im Werte von 50 Mark mit, mit der er hausieren wollte. In der Frage nach den Motiven des Auswcndcrns ließ der Beamte Gnade vor Recht walten und forderte keine Beweise, wenn die jetzigen Unruhen in Rußland als Grund angegeben wurden. Ein Einwanderer war Soldat, der in Elisabcthgrad, wo er stationiert war, sich gciveigert hatte, auf die Streikcr zu feuern und daher fliehen mußte, ein anderer entkam dem Pogrom von Odessa. Ws ihn der Beamte fragte, warum er Odessa verlasse» habe, antwortete er kurz: „Weil sie meine Frau ermordeten," worauf ihn der Beamte, ohne weitere Fragen an ihn zu richten, landete. Das Resultat der Examination aus der „Silvia" war, daß alle Passagiere ohne Ausnahme zugelassen wurden. Ganz anders gestaltete sich das Schicksal des „Sperbers", dessen Passagiere kurz darauf inspi- ~ ziert wurden. Dieses Schiss zählte 108 Passagiere, nämlich 100 russisch-polnische Inden und 8 Deutsche. Von den erstcrcn wurden 37 als „nndesirable" befunden, im Lause des Tages wurde diese Zahl jedoch aus 22 reduziert. Zu denjenigen, denen die Zulassung verweigert wurde, gehörte eine Familie aus Ekaterinoslaw, die durch den dort stattgcfnndcncn Pogrom ihr ganzes Vermögen und zwei Knaben von 13 und 11 Jahren verloren hatte, und die jetzt im Besitze von nur 90 Rubeln war, anstatt 130, über die sic nach den Vorschristen verfügen sollte. Die meisten der „undesirablc" Befundenen waren Handwerker, Schneider, Bäcker, Buchbinder und andere, die Rußland der Pogrome halber verlassen hatten. Ein Arbeiter hatte sogar eine Tchisfskartc bis nach Philadelphia. Einer Frau mit zwei Kindern, die nach Boston in Amerika fahren ivollte,- um dort ihren Mann und Vater, der sic seit Jahren verlasse» hatte, ausfindig zu mache», wurde die Einlassung verweigert, weil sic ihre Transmigration durch eine Fahrkarte bis nach Amerika nicht beweisen konnten. Interessant ist, daß auch den Passagieren des „Sperbers" in Hamburg versichert wurde, daß sie unter dem neuen Gesetze nicht zu leiden habe» werden, da sic Fahrkarten besitzen, die lange vor dessen Inauguration ausgestellt wurden. Um 9 Uhr abends kehrte ich mit dem Zug nach London zurück, müde von den Eindrücken des Tages und dem Anblick des Elends meines Volkes, Der Zug eilte mit merkwürdiger Schnelle dahin, als ob ihm die Nähe von Gravcsend unausstehlich verhaßt wäre, und mit dem fürchterlichen Getöse seiner Räder hämmerte mir ein Gedanke, ein bitterer Gedanke, in meinem sich nach Ruhe sehnenden Gehirn: England hat aufgehört, free England zu sein. Frankfurter Israelitisches FarnilienLlatk. und meinem armen, zu Tode gehetzte» Volke wurde seine letzte Zuslnchtsstätte gcnommcu. * ü: * Mittwoch fand die erste Sitzung des Board vs Appeal statt zur Behandlung der Gesuche der Verschiedenen als uttwünschcnsivcrt erklärten Einwanderer, in welchem 3 Juden als Vertreter des Jewish Board of Guardian's Sitz und Stimme haben: Leonard L- Cohen, Präsident des Board of Guardian's, H. R. Lcvisohn und Carl Stettaner, der vor kurzem als Vertreter des Rnsso-Jcwish Fund Rußland zusammen mit Dr. Paul Nathan und David Feinberg bereiste. Zu der ersten Sitzung wurde auch Mr. Hermann Landau, der Vorsitzende und Gründer des Jews' Temporärst Shelter cingeladcn. Die Sitzung tagte hinter geschlossenen Türen und die Presse ivnrde nicht zugelasscn. Uns ivnrde nur die Gelegenheit geboten, die großen Wägen zu sehen, in denen die Zneückgewiesenen »vie Verbrecher nach Blacklvall, dem Sitze des Board of Appeal, gebracht wurden. Finstere, kummervolle Gesichter, als ob sic vom Urteil des Board Leben oder Tod erwarteten. — Durch ein Mißverständnis trat eine Verspätung ein und das Board of Slppeal konnte unmöglich noch an demselben Tage alle Gesuche behandeln. Ein Teil der Znrückgelvicsenen mußte daher noch einen Tag warten und wurden in den großen Wjägeu ans das Schiss zurnckgesührt, Ivo sic noch eine weitere' bangcnvolle Nacht zubringen sollten. Die Frau mit den zlvei Kindern, die nach Boston gehen ivollte, um ihren Mann aufzusuchcn, ivnrde definitiv zurückgewiesen und wird nach Rußland retourniert werden. Die Emigranten, deren Gesuch gewährt wurde, weinten vor Freude ivie die kleinen Kinder. * 4- Eine ganze Anzahl andrer Schisse mit Immigranten traf am 1. Januar in den verschiedensten Häfen ein, so der „Reiher" von Bremen in Hüll, „The City of Bradford" von Hamburg in Grimsby und die Dampfer, die einmal oder nichrcre Male täglich zwischen Dicppe und Ncwhavcn, Boulogne und Folkestvne, Calais und Dover, Ostend und Dover usiv. verkehren. Ter „Reiher" zählte 60 Passagiere, die jedoch die Jmmigrationsbeaiilten in jeder Hinsicht befriedigten und daher ohne weiteres gelandet wurden. „The City os Bradford" zählte nur 10 Emigranten,, die, obwohl ihre Antworten unbefriedigend waren, auch zugelassen wurden mit Ausnahme von 7 Personen, ledige, unbemittelte Handwerker, die das Board os Appeal von Grimsby znrückgcwiesen hatte. Auch in Dover und Folkestone fanden ^einige Zurückweisungen statt, die jedoch keine heimatlose Juden betreffen. Jetzt da die Bill in das Stadium der Praxis getreten ist, werden immer mehr und mehr die Schwicrigkeiten und Ungerechtigkeit eines solchen Gesetzes osjenbar, geschweige schon der ungeheure Schaden und Verlust, den cs dem ganzen Lande verursachen wird, und Stimmen des Protestes gegen dasselbe werden daher Don den verschiedensten Richtungen immer lauter und lauter. Ein Hcidenjubel herrscht nur im Lager unsrer „Hooligans", die dem Vaterlandc den größten Dienst mit diesem Gesetze geleistet zu haben glauben oder vielmehr glauben machen, und die half-penny-papers, die sich durch ihre Verrohung der Massen besonders anszeichnen, werden nicht müde, jeden Znrttckwcisungssall zu besingen, und beloben, als ob es sich um den edelsten Humanitätsakt handelte. Ihnen schließen sich die meisten Konservativen an, die jetzt vor den Parlaments- Wahlen politisches Kapital daraus schlagen. Ungarischer Brief. Beinahe ein ganzes Jahr ist verflossen, seitdem die orthodoxe Jndenhcit Ungarns sich zu einer Landesversammliing zusammengefniiden, um über, ihre Angelegenheiten zu beraten. Es ist wahrlich die höchste Zeit gewesen. Es mußte etwas geschehen, um endlich etwas Ordnung in das Chaos zu bringen. Dieses war aus dem Provisoriuiu entstanden, in dem sich die Leitung der Orthodoxie seit dem Bestehen der Kanzlei bcfnnden hat. Tic Unvollständigkeit des Organisationsstatuts legte von Anfang der ganzen Leitung eine gewisse Untätigkeit, eine gewisse Lauheit in ihrem Gebahrcn auf. So mußte cs kommen, daß die Wirksamkeit dieser Körperschaft trotz des guten Willens ihrer Führer eine im. Ganzen unfruchtbare war. '_._Nr. 3. Endlich trat im Vorjahre eine Versainnilung der Vertreter aller orthodoxen Gemeinden in Budapest zusammen, um über die Sanierung dieses Zustandes zu beraten. Ter positive, nicht zu nntcrschätzeude Erfolg dieser nicht ohne Stürme verlaufenen Versammlung war, daß sich die O r t h o d o x i c eine legale Vertretung gegeben. Sic wählte eine» Präsidenten, ein Zentral- und Landeskoniitcc, deren .Kompetenz in den hinzugekommencu Paragraphen des zu ergänzenden Statuts nicdergelcgt und bestinlint ist. Tie ucugewählte Leitung hatte bald nach obiger Versammlung einen bedeutenden Erfolg zu verzeichnen. Der porige Minister für Kultus und Unterricht, Berzeviczy, hatte nämlich im Jahre 1901 den Orthodoxen Ungarns die Institution des Schiedsgerichts genommen. Ein früheres Gesetz hatte nämlich Difscrcnzeu in religiösen und Geiiieindeangclcgcnheiten au ein Schiedsgericht, das die streitendcu Parteien sich selber wählten, verwiesen. Es hatte dies den großen Vorteil, daß solche Disserenzcu nicht vor ein weltliches Gericht, dem die strittigen Punkte nicht genügend bekannt sein konnten, kommen mußten, wildern unter den streitenden Parteien ausgeglichen wurden. Eine Verordnung des obengenannten Minitcrs vom November 1901 entzog den orthodoxen Gemeinden diesen gewichtigen Punkt der ihnen gewährleisteten Autonomie und verwies sie mit ihren Differenzen an die Zivilgerichtc. Der neuen Kanzlcileitnng ist es mm gelungen, beim gegenwärtigen Minister Lukacs die Wiedergewährung des Schiedsgerichtes zu erreichen. Diesem, den Orthodoxen gegenüber bewiesenen Eiltgegenkommen hat die höchste Kultnsverwaltung des Landes in den letzten Tagen eine sür die Orthodoxie noch wichtigere Entscheidung folgen lassen. In einem vom 9. Januar l. I. datierten Erlaß bestätigt der Mini- 'tcr die obenerwähnten, vor einem Jahre gefaßten Beschlüsse der orthodoxen Landcsvcrsammlnng und die von derselben gctrosfcneit Wahle». Mit dieser Bestätigung ist ein gewichtiger Schritt zur Ergänzung des Organisationsstatuts getan. Auch ist aus derselben ans das Wohlwollen der ungarischen Rcgierng den Orthodoxen gegenüber zu schließen und demgemäß zu erwarten, daß die Regierung dent noch restierendcn Teil deö Ergänziliigsstatnts die Genehmigung nicht versagen wird. Der Wortlaut des ministeriellen Erlas» s e s läßt jedoch vermuten, daß dieselbe von Seiten der ungarischen N e o l o g i e beeinflußt worden ist. Diese mutmaßliche Becinflnssniig geht ans den Worten hervor, mit denen der Minister die Bestätigung des Organisationsstatnts cinleitet. Es heißt hier: „Ans Grund des allerhöchsten AnfsichtsrechteS erhebe ich auch insolangc, bis es möglich wird, hinsichtlich der Israeliten unseres Vaterlandes die Landcsaiitonomie auf Grund einer all - gemeinen Verein bar ung zu , Stande zu bringen, oder bis die königliche Kultus- und llntcrrichtsverwaltung hinsichtlich der orthodoxen Israeliten andere Verfügungen trifft, jenes Statut zur Geltung." Läßt nun die erste Hälfte des' Satzes vermuten, daß von außcrorthodoxer jüdischer Seite auf die Formnlicrung der Bestätigung eingewirkt worden ist, so daß diese immer noch eine spätere Neuregelung der jüdischen Rcligionsangelcgcnheitcn nicht ansschließt, so gibt der zweite Teil des cinleitcndcn Satzes mehr zu, denken. Indem die ministerielle Verssigiing sagt: „Oder bis die königliche Kultus- und Untcrrichtsvcrwaltung hinsichtlich der orthodoxe» Jsraelitcii andere Versügungeu trifft," stellt sie die gewährleistete Autonomie der Orthodoxie auf eine sehr schwache Grundlage. Es ist dies eine Einschränkung, die von einer den Orthodoxen minder wohlwollenden Unterrichtsverwaltung in einem für diese sehr ungünstigem Sinne gedeutet werden könnte..— In letzterer Zeit hat die neologe Judenheit Ungarns und speziell Bndapest's zivei bedeutende Männer verloren. Der eine war der Präsident der ueokogen Laiidcsvcrtretung M a r t i n S ch w e i g e r, der seit Begründung dieser Institution an deren Spitze stand. Jii unserer Zeit, da die Juden von Nameit auf dem Gebiete der Wissenschaft oder die sonst eine hohe soziale Stellung einnehmen, dem Judcntuni ganz fremd gegenübcrstehen, ist es immerhin

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