Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 4 (1906)
- Issue
- Heft 3 (19.1.1906)
- Date
- 1906-01-19
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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^trtnßfutrfctr 3frnrlitifilirs foinilünblntt. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnementspreis pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei ins Haus. Bei der Post abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich-Ungarn Mk. 1,50, sonstige Länder Mk. 2.— HedaKtion Md HefchLfksstölle: Frankfurt 2. m„ Leiligkreuzgah'e 52, Ecke Rlapperfeldstraße Telefon 10507. Hsrausgeber: Kali; Jnseriionspreise: Die viergespaltene Petitzeile.25 Pfg. Die Reklamezeile.100 „ Platz- und Daten-Vorschrift ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach Uebereinkunft. 4. Jahrgang. Freitag, den 22. Tewes 5666 (19. Januar 1906). Ro. 3. Inhalt des Hauptblattes. Artikel: Was und wohin? — Der erste Tag des Fremdengesetzes. — Ungarischer Brief. — Die Woche. — Aus aller Welt. — Feuilleton: Ein kleines Drama. — Dank- — Vakanzen. — Bereinskalender. — Familiennachrichten. Was und wohin? Zur Brüsseler Konferenz. Was anfangcn und wohin? Vor diesen Fragen steht gegenivärtig unser Volk ratlos da. Und doch steht das Ahasver-Volk nicht zum ersten Male vor Fragen solch' schwrrwiegender Natur. Des öfteren musste eS sich in seiner Verzweislnug fragen: Was anfangcn und wohin? Und die Antwort? Man folge dem jüdischen Vo"e auf seinen Pfaden zu Lande und zu Wasser, man betrachte die tiefen, blutigen Spuren, die noch bis ans den heutigen Tag nicht getilgt sind, und man wird ersehen, welche grauenhafte Lösung diese Fragen gefunden haben. — Und die Ursache dieses traurigen Ausgangs? Ein jeder, der ein wenig in d.r Ahasver-Geschichte geblättert hat, kennt die Ursache. Desorganisation! heißt sie. Es gab keine Organisation, weil es keine Organisation geben konnte. Ein jeder beantwortete die Frage, wie er wollte, wie er konnte. Tie Zeiten habe» sich glücklicherweise geändert. Ucbcrall, wohin man in der großen Welt blickt, heißt cs Organisation, alles steht organisiert da. Und doch steht das jüdische Volk »ach wie vor ratlos fragend: Was anfangen, wohin? — — Es war zur Zeit, als das russische Barbarcnvolk die zivilisierte Welt mit einem alt-neuen Artikel, „Pogrom" genannt, beglückt hatte, das Jahr 1882 christlicher Zeitrechnung war im Anzug, damals, als nach der Katastrophenpanse des Jahres Tach (1648) das jüdische Volk grausam ans seinem Traum der menschlichen Verbrüderung gerissen wurde und mit Schrecken die alten Fragen „Was", „Wohin" ausschrie, da ging ihm plötzlich ein Licht auf, cs fand eine Lösung der 2000jährigen Frage, es richtete seine Blicke nach dem Orte, woher es gekommen, nach seiner alten Heimat. — Die Antwort war gegeben! Nunmehr wußte cs, was cs zu tun, und wohin es zu gehen habe. Es schuf sich eine Organisation, es schuf eine Tribüne, Zion wurde von nun an sein Leitstern. — — — Der Weg war gefunden, das zerstreute Volk müßte gesammelt und seine Schritte auf diesen Weg gelenkt werden; es mußte noch eine Weile v e r st r e ichen, bis es für Zion reif gemacht worden. — Ta geschah etwas Ungeheuerliches, dem schwer geprüfte», katastrophenrcichen jüdischen Volke wurde ei» noch nie gekanntes Leid zngefügt! Tie henkerische Regierung eines in die Hunderte Millionen zählenden Volkes hetzte ihre barbarischen Knechte, ganze Scharen von Hooligans in Uniform, auf das jüd. Volk, und es wurden in die Zehntausende — Mann, Frau und Kind, jung und alt — bestialisch gemordet und verstümmelt und ein Nationalvermögen vernichtet. Entsetzt schreit das jüd. Volk wiederum: Was ansangen, wohin? Ter Weg nach Zion ist einstweilen verlegt; es bedarf vielleicht eines Menschenalters, um die angehäuften Hindernisse wegzuräumen. Und ein Hinansschicbcn der Lösung ist unmöglich, fünf Millionen Juden, fast die Hälfte des gesamten Volkes, befinden sich auf einem feuerspeienden Vulkan. Aber wer sollte nun die Antwort auf diese schwerwiegenden Fragen geben. Etwa ein Verein? Oder gar ein paar GroßsinanzierS hinter geschlossenen Türen? Heißt es nicht, eine unerhörte Verantwortung ans sich laden, Fragen von solcher großen Tragweite auf eigene Faust „ohne den Wirt" lösen zu wollen! Und aus wen sollte ein solches Vorgehen Eindruck machen? Etwa auf die Nation oder gar auf die russische Regierung? — Nur eine Aktion der Gesamtjude n h c i t und deren Organisationen kann etwas E r s p r i e ß l i ch e s b r i n g e n! Und deshalb muß, bevor etwas geschieht, der Rat der Vertreter aller Schichte», insbesondere der Betroffenen selbst, eingcholt werden. Von diesem Gesichtspunkte ans begrüßen wir die B r ü s s e I e r K o n f e r e n z, die sich anschickt, dem. jüd. Volke in seiner großen Not zu helfen, ihm den richtigen Weg zu weisen. Wohl sind wir uns der Schwere der Sache bewusst: auch die Einbernser sind sich augenscheinlich noch nicht darüber im Klaren, was zu machen sei, denn noch liegt ihrerseits kein Programm vor. "Allein die Tatsache, daß jüdische Führer und Vertreter vieler Länder zusammenkommcn, um eingehend und gründlich die gegenwärtige Lage der Juden zu prüfen, ist sehr wertvoll. Zwar ist die Einheitlichkeit der Aktion durchbrochen, da einige Organisationen der Konferenz fcrnbleibcn. Ging ja die Idee der Konferenz von zionistischer Seite ans, ein Umstand, der für kurzsichtige, protzenhaste Zionistenfresser genügt, um eine große Aktion zum Scheitern zu bringen. /Unseres Erachtens nach war cS ein Fehler, daß die Einberufung nicht von einer.g e - in ischten Kommission ausging.) Toch hoffen wir, daß die Ferngebliebenen ihre Zustimmung zu den Beschlüssen der Brüsseler Konferenz noch nachträglich geben werden. Welches sind nun die Punkte, die von der Konferenz in Erwägung zu ziehen sind? — In erster Linie: ein einheitlichesHandcln gegen die russische Regierung durch Boykottiern n g seitens der j ü d i s ch e n F i n a n z w e l t, bis Rußland sich bcqncmt, den Juden die Gleichberechtigung zu g e w äh re n. Es müßten Mittel und Wege ausfindig gemacht werden, auf die reichen Inden einen Truck auszuüben, daß sie für eine kurze Zeit zur Errettung ihres Volkes ans Getvinn verzichten. (Daß einem Witte ein g es ch l o s i e n e s Vorgehen imponieren wird, beweist seine Aeutzerung, die er vor einigen Tagen gelegentlich der Audienz jüdischer Delegierter behufs Gleichberechtigung der Inden gemacht hat: „In wessen Namen sprechen Sie eigentlich und von welcher Partei sind Sie geschickt," fragte er ironisch, „meines Wissens macht jeder Jude eine Partei für sich an?!") — In zweiter Reihe aber wäre zu erwägen die Schaffung eines Nachtasyls für die bereits auf der Flucht Begriffenen und zwar für die einigermaßen Bemittelten unter ihnen. Hoffen wir, daß die Brüsseler Konferenz uns die "Antwort ans die Frage „WaS und Wohin" gebe» wird. S. . . n. Der erste Tag des Fremdengesetzes. Von Tr. I. M. S—d. Das Geschick,, das erste Schiff, mit welchem das Fremdengesetz seine Operationen anfangcn sollte, zu sein, traf den „Sperber", der mit einer Anzahl jüd. Passagier 2 Tage zuvor Hamburg verlassen hatte. Tas Schiff sollte hier Montag, den 1. Januar uni 5 Uhr des Morgens eintreffen. Als ich mich am Sonntag Abend nach Gravesend aufmachen wollte, um in aller Frühe der ersten Fremdenexamination zuzusehen, begegnete ich einem Freunde, einem früheren Beamten des jüdischen Shelter, der mir riet, die Reise bis auf Montag Vormittag zu verschieben, da bei dem jetzigen: Wetter eine Verspätung von einigen Stunden mit aller Bestimmtheit zu erwarten wäre. Ich leistete seinem Rate Folge und, wie sich erwies, zu meinem Besten, denn als ich gegen 10 Uhr des Neujahrstags in Gravesend angelangt war, traf ich dort bereits eine Menge Londoner und ausländischer Zeitungsvertreter, die bereits, am Hafen fünf Stunden warteten und deren Geduld beinahe den „Platzpunkt" erreichte, vom „Sperber" war jedoch noch immer keine Spur. Tie arnien Menschen hatten noch fünf fernere Stunden zu warten. Gegen drei Uhr des Nachmittags wurde die „Silvia", ein anderes Schiff mit Emigranten aus Hamburg, das hier einen halben Tag nach dem „Sperber" eintreffen sollte, sichtbar. Nach einigen Minuten zeigte sich auch der „Sperber". Die „Silvia" raubte so dem „Sperber" sein Erstgeburtsrecht. Eine freudige Bewegung ging durch die armen Korrespondenten, die ihr „Werkzeug" in Vorbereitung hielten, und die Jmmigrationsbeamten, die sich in ihrer neuen Rolle sehen wollten. Endlich! Nach einer Viertelstunde etwa hielt die Silvia an, und wir begaben uns alle auf das Schiff. Die Passagiere sahen uns erschrocken und verwundert — anfgescheucht zu. Sie wußten von dem neuen Gesetz, als sie aber ihre Karten in Hamburg am 28. Dezember lösten, wurde ihnen gesagt, daß diejenigen, die im Besitze von Fahrkarten sein werden, die vor dem ersten Januar ausgestellt waren, dem neuen Gesetze nicht unterworfen sein werden. Sie zählten 75 Mann, darunter 1 Engländer, 3 Deutsche, 32 Chinesen und 39 Russen und Polen, unter welchen auch ein paar Christen, Bauern, sich befanden. Zwei Jmmigrativnsbeamte und ein Arzt machten sich an die Inspektion. Zuerst kamen die Passagiere der ersten Klasse und der einzige englische Passagiere der zweiten Klasse an die Reihe, die ohne weiteres gelandet wurden. Der erste Name, den der Beamte ausrief war — Wolf Jsakowitsch! Ein älterer.