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Neue jüdische Presse · 1906-01-12 · Heft 2 (12.1.1906) · p. Seite 5

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
4 (1906)
Issue
Heft 2 (12.1.1906)
Date
1906-01-12
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 2 frankfurter Israelitisches Familienblatt. Seite 5. de» Zähne» z» lassen. begab er sich, von einem Halbzehnt Frauen imb ebenso viele» Halberwachsenen begleitet, in unser Hans. Beim Eintreten nahm er die Mühe ab und flies; laut seinen „guten Tag" ans: dann sprach er etwas, das niemand unter »ns verstehen konnte. '.Glücklicherweise erriet bald der Baker, nni tvaS es sich handelt nnd yvandte sich an den Deutschen mit folgenden Worten: „Ah, Ihr vulct avade die dösige Bücher mit dem Zehleur, was der dösiger Mensch hat iibcrgelosjt; ja, eines;, nit vur?" (Zn Deutsch: „Tic lvünschen ivahrscheinlich jene Bücher mit dem Kreuz, die jener Mensch zurücklies;- Ist es so, nicht wahr?". Der Deutsche verstand ihn — wahrscheinlich auch nach Vermutung — nnd antwortete bejahend. Sosort beförderte man mich, der eben aus dem Cheder zun; „Mittagessen" gekommen war, ans den Dachboden, um den Staub von den Büchern abznschiitteln nnd sie hernnterzntragen. Er bezahlte den Vater für die Arbeit, nahm die Bücher in Empfang, verabschiedete sich seht freundlich nnd gutmütig nnd reiste ab. 'Wir alle frohlockten nnd jubelten. Vier nnd ein halb Rubel — wie vom Himmel heruntcrgcfallen! Kanu man denn nach so etwas das Vertrauen zu Gott verlieren! — — „Jetzt will ich Kleider für die Kinder nehmen," erklärte die Mutter. „Halt! — und Stiefel für Leibele?" — bemerkte der Vater. „Gott, was kommt er da immer mit diesen Stiefeln! Wir können ihm auch, wir bisher, für dreißig, vierzig Kopecken ein Paar Pantoffel kaufen. WaS für Neuheiten mit einem Mal! Stiefel — Stiefel! Sie sitze» mir schon ans dem .Halse, diese Stiefel!" „Ja, tvir können Pantoffel kaufen-! — er wird sie auch, tvie bisher, zivci Wochen trage» nnd dann das ganze Jahr barfüßig sein. Vergiß ja nicht, daß er bald, mit Gottes Hülfe, Bar-Mizivoh sein ivird. Soll er am Bar-Mizwoh-Tag barfuß gehen? Man muß doch immerhin etivas veranstalten — wenn auch nur einige einladcn. Und hauptsächlich nun, — man wird doch ihn Samstags in die Spnagvge bringen müsse». Sols er etwa barfüßig vor die Torarvlle treten, was?" Gegen solche Arguniente konnte die Mutter nichts einwenden. „O, meine sinsteren Jahre," schrie sie ans, „daß ich auch daran Hab vergessen können! Die Bar- Mizivoh meines Sohnes habe ich erlebt — und mir ist es nicht einmal in Gedanken gekommen. Die Rot kann einen so verzehren, daß man sich selbst vergißt!" Rach ziemlich langen Erwägungen ivurde beschlossen, drei Rubel auf .Kleider für die Schivestern zn verwenden und das klebrige — 1> - Rubel — für meine Stiefel. Freilich reicht es iveder für das Eine noch für das Andere ans, aber, man kann im roten Laden R.^Pinchaß ein wenig auch ans Borg nehmen und der Lchnstcr wird auch ans ben-Rcst des Geldes bis nach Pefsach warten müssen. Mit diesem Beschluß gaben sich alle zufrieden, ansgenommen aber Chaja, die nicht ein Zitzsondern ein Baregekleid haben wollte, wie es für eine ihrer Kameradinnen bestellt ivurde. (Fortsetznng folgt.) Die Zeder vom Libanon. Von S. T i l e » s k i. Einsanikeit! quälender als Hunger und Durst, schwerer als Sklavcnkette» bist du! Und Jonathan, der edle F-ürstensohn war einsam, ganz allein. Nicht .Kerkermaueru umschlösse» ihn. Er war umgeben von Menschen, die äußerlich ganz ihm glichen. Sie sprachen dieselbe Sprache, nnd doch verstand er sic nicht. Er sah ihr Tun und Treibe», ihr Hasten nnd Haschen, sah ihre Begierden nnd Leidenschaften, hörte ihr Lachen nnd Jauchzen, ihr Weinen nnd Klagen, und dennoch ivar er allein, ganz allein. Abseits von alt dem Weltgetriebe stand er, fremd und kalt. — — — — — — — — Er suchte das Licht, strebte auswärts, immer höher, suchte sehnsuchtsvoll nach der Wahrheit Spur, wollte mit genauer Wage wägen, Gutes und Böses, Recht und Unrecht. Versenkte seinen nimmer rastende» Geist bald in den sternbesäeten Himmel, bald wieder in dunkle McereSschlündc. Wollte aus Wüsten Paradiese schaffen, Felsen fruchtbar machen, wilden Strömen die Bahn vorzeichne», und sank mit gebrochenen Schwingen nieder. — — — — — Die Menschen/unter denen er atniete, verstanden ihn nicht. Jvnathan's Fühlen und Denken glich nicht dem ihrigen. Er hörte Melodien nur seinem Dhr vernehmbar, sah Bilder nur seinem Auge sichtbar. Er sehnte sich weg von dem prnnkvolten KönigShofe, nnd er flüchtete in die Natur, in die große Harmonie, in das Symbol des Ewigen. Die Bäume des Waldes, die Blumen des Feldes, der murmelnde Bach waren seine Genossen, seine unveränderlichen, treuen Freunde. Mit flüsternden, säuselnden Stimmen erzählten sie ihm zanbervollc, wundersame Märchen. Stolz steht ans dem Libanon die herrliche uralte Zeder. Sie schien dem Gesetz vom Werden und Vergehe» nicht unterlvorfen zu sein. Die Bäume um sie herum sehen gleichsam' huldigend zu ihr hinauf. Die Strahlen der Sonne durchglühen sie, der Wind singt ihr Liebeslieder zu. Unter ihre!» immergrünen, nie welkendem Lanbdache träumte er von Belten, die nie waren, nie sein werden. Bon einem Gestern, einem Morgen! Von verschlossenen Bahnen, Türen, die Himinelspsorten öffneten, von End nnd Anfang. Scheu und ängstlich wandte er sich ab von seinem königlichen Vater, von seinen Brüdern. — — — — Die Zeder war die Vertrante des Jünglings, die Freundin seiner Seele, die Eriveckerin seiner noch schlummernden Gedanken. — ' — — — — In ihrer Nähe wurde er lebendig. Alle guten, großen Ideen erschlossen sich ihm, nnd er sog sie mit ergnickte» Sinnen ein. Die Zeder gab ihm Form und Nahrung dort, wo er erlahmend abließ. Der Libanon ivurde sein Asyl, der kraftvolle Baum der Quell, ans dem er Leben trank. Abends wenn das Sternenmcer erschien, lvenn das Geräusch der Welt verstummte, erzählte sic Jonathan zaubervotle, wundersame Märchen. Das Reh kam nnd horchte, der Bach hielt ein in seinem Lauf und die Lüfte hielten den Atem an. „Biele, sehr viele Jahre sind es," begann die Zeder, „daß mich ein heißer Sonnenstrahl vom Boden her vorgeküßt. Ich Ivar ein schwaches, verkümmertes, unscheinbares Pflänzchen. Einem Grashalm gleich, der mit dem Morgen sprießt nnd vor dem Mittag dortt. Meine ungleich stärkeren Schwestern verspotteten mich ob meiner Zartheit." „Wie, du willst auch zn uns gehören?" höhnte eine derselben. „Betrachte mich, sieh meinen ge- Ivaltigen Stamm, meine herrlichen Aestc, welch' balsamische Wohlgerüche entströmen mir! Hörst du den Gesang der Nachtigall, die iinmeincn Zweigen wohnt? das geivaltige Rauschen des Windes, das durch meine Blätter geht? Nur der Starke, der Kräftige ist lcbcnSberechtigt! Du armes Pflänzchen, wie bald wirst du zertreten am Boden liegen." Nnd alle meine Schwestern nickten und stüsterten mir hämische Worte zn. £, )vie sehnte ich mich fort von ihnen, den Glücklichen! Warum hat mich die Muttererde hervorgcbracht? murrte ich in unverständigem, wildem Trotze. Warum hat mich der Schöpfer an einen Platz gestellt, den ich nicht behaupten, nicht ansfüllen kann? Soll ich nie znm Wohnplatze der lieblichen Waidessänger werden, durch meine Zweige nie das Lispeln des Sephirs gehn, dem müden Wanderer nie Schatten bieten können? Besser ich vergehe, kaum dem Boden entsprossen. Sieh mich an, du Menschenkind, nnd bewundere staunend, was die starke Hand, die Leben und Gcdeihen gibt, ans dem nnscheinbaren Pflänzchen gebildet hat. Die Hufe der Rosse haben mich nicht zerstampft, der ha»he Frost mich nicht gelötet. Ich bin da, lebe und gedeihe, viele, viele Jahrhunderte schon. Sieh' mich an, in ineiner königlichen Majestät, hat mir nidjt der Allgewaltige das Siegel der Kraft aufgedrückt, bin ich nicht das lebendige Zeugnis seiner großen Macht? Ist in mir nicht Schönheit und Stärke vereinigt? Kann ich nicht stolz mit allen meinen (Genossen wetteifern? Jahrhunderte höre ich die Mcereswctlcn rauschen, das mächtige Toben der Stürme, die die Erde erschüttern. Ich sehe den ewigen Wechsel, sehe Geschlechter kommen und gehen, Königreiche entstehen und nntergehen. Tausenden und aber Tausenden bot meine Krone Schutz nnd Schirm. Millionen und Millionen Böget sangen und jubilierten in meinen Zweigen dem Schöpfer ihre Lob- und Danklieder. Ter Flügelschlag der Zeit geht spurlos an mir vorüber. Doch glaube nicht, daß ich kampf- und mühelos dieses hohe Ziel erreichte. Du siehst in mir die Vollendung, das fertige Meisterwerk des Bildners, allein die Axtschlüge, die tiefen Wunde», die mir hcigebracht wurden, siehst du nicht. — — — Auch ich litt so wie du leidest, auch -ich hatte ein unbestimmtes Sehnen tief im Herzen. In jugendlichem Unverstand grollte ich ob meiner Schwäche. Mir schien es, als wären alle Lebewesen da, um einander zu vernichten. Ich sah den Starken den Schwachen verfolgen, den Aar herunterschießen auf das zarte Lämmlei», die Fische einander verschlingen. Lautlos zogen diese Bilder durch meine Seele. — Auch diese Schmerzen litt ich, die ihr Menschen mit dem Zauberworte Liebe benennt. Jahrhunderte sah ich hinauf zu einem glänzenden Stern. Hoch über mir stand er, in reiner vollkommener Schönheit. Meine Sehnsucht wuchs von Jahrhundert zu Jahrhundert. — — Und da plötzlich erlosch er, um nie mehr zu leuchten. Ich unterlag nicht. Dieses herrliche Gefühl zeigte mir die Welt in einem anderen Lichte. - Und weißt du, wer meine Lehrer waren? Diejenigen, von denen du dich abwcndest, diejenigen, in die Gott einen Funken seines großen Wesen verpflanzt hat. 'Nicht Stolz, nicht Hochmut, nicht Eigendünkel sind die Stützen und Säulen des Weltgebändes, sondern Liebe, alles ninfassende Liebe. Alles Geschaffene beugt sich diesem Gesetze, von den Sternen des Himmels bis zum letzten Sandatom. — — — — Und fühlst du nicht, du Menschenkind, daß du auch ein Teil d>er großen, gewaltigen Liebe bist? Stehst abseits und willst Edles und Kühnes vollbringen, ivillst Tiefen erforschen und aufhellen, ernten, ohne gepflügt zu haben? Willst den Werkmeister loben und schmähst und verachtest sein Werk. Ist kein Hauch der Liebe in dir, die das ganze Universum durchströmt? Die im Himmel ist und auf Erden, im Rollen des Donners, im Regentropfen, der in der Wolke hängt, und im Lichtstrahl der Sonne? Sie schwebt über die Lebenden und über die Gräber. Sie durchdringt die schaffende Natur, vom Riesenbaume bis zum zartesten Blütenstaub, vom Tier, das Türme auf seinem Rücken trägt, bis znm Infekt, dem ein Tropfen feine Welt ist. Kennst dn sie nicht, diese Liebe, die jeden Mißlaut hinschmelzen macht in Harmonie, nnd jeden Klagetou in Jubel verwandelt!" * So sprach die Zeder, nnd Jonathan, der Sohn des Königs Saul, fand David. Hell nnd licht wurde es um ihn. Er fand Liebe ohne Eifersucht, Freundschaft ohne Mißgunst. Seine Seele knüpfte sich an Davids Seele, nnd es enthüllte sich ihm das Unfaßbare, Unsagbare, Ewige. — — — — Kunst und Literatur. Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums. 'Ans dem dritten Jahresbericht ist hcrvorznhebea: Sämtliche Mitglieder erhielten die „Monatsschrift für Geschichte nnd Wissenschaft des Judentums" und das „Jahrbuch des Verbandes der Literatnrvereine". Cohens „Ethik" wurde in einer beschränkten Anzahl von Exemplaren znm ermäßigten Preise von <> Mk. den Mitgliedern zur Verfügung gestellt. — Die Gesellschaft hat folgende Schristen hcransgegeben: 1. Bäck, „Das Wesen des Judentums": 2. Eschelbacher, „Das Judentum und das Wesen des Ehrifte»- tums": Bloch „Die Kabbala auf dem Höhepunkt ihrer Entwicklung und ihre Meister" (Vortrag, gehalten auf der vorjährigen Generalversammlung). In kurzem erscheint: t. Steinthal, „Gesammelte Schristen über Inden und Judentum", hcransgegeben von Karpeles. — Der Ausschuß hat in seiner Sitzung vom 11. Juli Subventionen bewilligt: 1. Der Zeit-

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