Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 4 (1906)
- Issue
- Heft 2 (12.1.1906)
- Date
- 1906-01-12
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Nr. 2 sicrtc, sondcrn auch an ihm aktiv beteiligt war. Ter Herr Senator halt es für »»»ivglich, zu sagen, daß die Polizei den Pogrom provoziert hat, aber nur deshalb, weit er nicht gewillt ist, unnötig scharfe Bezeichnung zu wähle». Senator Kusminsky hat Fälle festgestellt, wo die Polizei direkt an den Mordtaten und Folterungen tcilgenoinnien hat. Alle Rangstufe» der administrativen Behörde haben gleichinäßigerweise nichts gegen die Inszenierung des Pogroms getan. Aus eigener Machtvollkommenheit hat Senator Knsminsky 42 Polizeibeamte dem Gericht übergeben, davon 4 Pristaws (Aufseher), 7 Pristawgehilfen, 12 Stadtvicrtclanfseher und 19 Schutzleute. Ta aber in Odessa jetzt der Kriegszustand proklamiert ist, so ist cs ans „praktischen Rücksichten" nicht möglich, all die Schuldigen sofort vom Dienste zu entlassen. Sie werden vom Stadthauptmann General Grigorjew, der nach der Versicherung des Senators das allgemeine Vertrauen der ganzen Bevölkerung genießt, nach und nach entlassen werden. Was den früheren Stadthauptmann Ncidhart betrifft, so hat der Senator in seinen Handlungen den vollkommenen Bestand eines Verbrechens scstgestellt. In diesem Sinne hat der Senator dem Oberprokurator des Senats ein Gutachten vorgelegt, da es außerhalb seiner eigene» Kompetenz lag, Neidhardt den Gerichten zu übergeben. . Petersburg. Regierungs-Antisemitismus. In den letzten Tagen erfolgten einige Anordnungen der Regierung, die zeigen, daß das Kabinett nicht nur eine Schwenkung in seiner allgemeinen Politik gemacht hat, sondern auch, daß es gewillt ist, die antisemitische Richtung des aiioien regime weiter aufrecht zu erhalten. — Besonders waren cs die Auszeichnungen,- die dem berüchtigte» Gönner der jüdische» Pogroms, dem Mohilewer Gouverneur K lingenberg bcschieden waren, die in letzter Zeit die Aufmerksamkeit auf diese Zustände lenkten. Erst vor kurzem zirkulierten Gerüchte, daß er angesichts seiner schändlichen Rolle in dem Honieler und Mohilewer Pogrom ans dem Amte entlassen werden würde. Tiefe Gerüchte wiederholten sich dann später, als cs bekannt wurde, mit'welcher Grausamkeit in seinem Gouvernement, in der Stadt Orscha, 30 junge Inden, die ihren. Brüder» zu Hilfe eilten, ermordet und daß diese Mordtaten mit Erlaubnis der örtlichen Polizei ausgeführt worden seien. Jetzt aber wurde dieser Antisemit zum allgemeinen Erstaunen in den Senat berufen. — lind zu derselben Zeit, wurde der Gencralgouvernenr des südwestlichen Rayons, General F r c e s e, seines hohen Postens enthoben, weil er nach Petersburg gekommen war, dort die Aufhebung einiger Ausnahmegesetze gegen die Juden anzuregen. „Miss. Korrespondenz." Petersburg. Aus den Gouvernements Wolhynien und Podolien werden Jndencxzcssc berichtet: es ist jedoch nur zu Plünderungen gekommen. So überfielen im Städtchen Kateluja am 28. Tez. Bauern gelegentlich des Markttages die Buden der Juden und plünderten sic vollständig aus. Am 31. Tez. überfielen Bauern in den Törsern Potock, Wandrowka, Woidwcz und Pschotschini die jüdischen Bilden. Petersburg. Die Nowoje Wremj a, das vornehmste Organ der Reaktion, die sich von jeher als eine an Raffiniertheit unerreichte Vorkämpferin des antisemitischen Schwindels ausgezeichnet hat, hat nach einer kurzen Unterbrechung ihr antisemitisches Treiben tviedcr ausgenoinnien und fordert offen die Vernichtung der Juden — Auch ein Zeichen von der Wiedcrerstarknng der Reaktion und ein Betveis dafür, daß die kurze Aera des Liberalismus in den Hoskreisen wieder erstickt ist. Warschau. Die „Hazefirah" teilt mit, daß im Ministerium für Polksaufklärung ein Projekt, welches die Beschränkungen in der Aufnahme der Juden in d i c S ch u l e n a u f h e b t, ausgcarbcitct war und daß dieses Projekt dein Vernehmen nach in Anbetracht der Erstarkung der Reaktion wieder zurückgezogen worden ist. Odessa. Die Zahl der hier an den Schreckenstagen vom 4.—(5. Novbr. getöteten Jude n ist jetzt endlich definitiv s c st g e st e l l t worden: sic beträgt 304. Bei 45 der aus dem jüdischen Friedhöfe beerdigten Opfer konnte, da sic bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt waren, die Persönlichkeit nicht nachgcwiesen werden. Italien. Rom. Wie das „Giornale d'Jtalia" nieldet, setzt sich der Vatikan dafür ein, daß die K o n f e r e n z in Algeciras eine Resolution zu Gunsten der Religionsfreiheit der Bewohner von M a - r o k k o annehnie. Rumänien Bukarest. Rumänische Regierungs- Praxis. Der minderjährige, leichtsinnige Lohn eines sehr reichen Christen war Wucherern in die Hände geraten, hatte flott Wechsel unterschrieben und noch obendrein die väterliche Unterschrift gefälscht. Darob in der Kammer eine Interpellation, die mit rumänischer Fixigkeit eine sokn-tige Ausweisung der Wucherer verlangte. Die in gewesen Dingen stets dienstfertige Regierung sagte sofort zu, wartete — um eine Gegcninterpellation zu vermeiden — bis die Kammer der Weihnachtsfeicrtage wegen geschlossen war, und verfügte dann die Ausweisung von neun Wucherern. Da sie die zahlreichen christlichen Wucherer als Staatsbürger natürlich nicht ausweisen kann, so wählte sie sich willkürlich unter den Juden, die wohl sämtliche Pflichten der Staatsbürger, aber nur die Rechte der Ausländer genießen und als solche jederzeit ohne jede gerichtliche Formalität innerhalb 24 Stunden über die Grenze befördert werden können, ihre Opfer. So behandelt man in Rumänien 270 000 Juden wie Parias — und das europäische Gewissen schweigt! Amerika. Rew-Uork. Nach dem American Jewish 2)enr Book für das Jahr 1905/6 wohnen im Staate Newyork, d. h. in der Stadt Newyork und deren Nachbarorten 750 000 Juden; dann folgen die Staaten Pennsylvania (mit der Stadt Philadelphia) und Illinois (mit Chicago), die je^400 000 Juden zählen; ferner Massachnsscts (mit der «tadt Boston) mit 60 000 und Ohio (mit der Stadt Cincinnati) und Missouri (mit der Stadt St. Louis) mit je 50000 Juden. Die weitere» Staaten des nordanierikanischen Bundes haben erheblich weniger jüdische Einwohner. Afrika. Johannisburg. Auf der vor einiger Zeit abgehaltenen ersten Konserenz der südafrikanischen Zionisten schätzte Dr. Hertz in einem Vortrage d i e Z a h l der Juden in Südafrika auf 49000 (davon in der Kapkolonie 20 000 und in Transvaal 25 000). Vor einigen Jahrzehnten hatte Südafrika noch fast keinen Inden. Die jetzt ziemlich erhebliche jüdische Bevölkerung, die sich hauptsächlich in Kapstadt und Johaunisbnrg konzentriert, ist der starken Einwanderung aus Europa znzuschrciben. Perfonalien. Berlin. Herr Dr. F. Karewski, Leiter der chirurgischen Poliklinik des jüdischen Krankenhauses, ist zum Professor ernannt worden. — Dein Geh. Baurat R a t h e n a u wurde der K r o n c n o r d e n 2. Klasse verliehen. — Herr Professor Dr. Signi. Gabriel, Abteilungs-Vorsteher am ersten chcinichen Institut, wurde zuin Geheimen Regier u ii g s r a t ernannt. — Herrn Prof. Dr. Fcrd. B l n in c n t h a l, dirigierenden Arzt der inneren Abteilung des Israelitischen .Krankenheims der Chcwra Kadischa (Maß Jisroel) und Oberarzt der ersten medizinischen .Klinik der Charitö, ist vom König von Spanien das Koin in an d o kreuz des Is a b ekle n - Ordens verliehen worden. Hanau. Bei den Wahlen zur Hanauer Handelskammer wurde für den Wahlbezirk Kreis Schlüchtern Fabrikant Viktor Wolf in Schlüchtern gewählt. BreSlau. Herrn Salo Bloch, Prokurist der Dainen-Mäntel-Firnia E. Breslauer, wurde der K r o n e n o r d e n 4. K lasse verliehen. Brombcrg. Landtagsabgeordneter Kommerzienrat Aron sohu wurde zum Präsidenten der H a n d e l s k a in in e r gewählt. Hagenau i. Elf. Im Alter von 75 Jahren starb hier der Hopfenhändler Heinrich Weill, ein allseits geachteter Mann. Das imposante Trauergefolge, unter dem sich die Spitzen der Behörden befanden, gab Zeugnis von dein Ansehen, das der Verstorbene sich durch seinen Lebenswandel zn verschaffen wußte. Budapest. Die ungarische Publizistik hat einen ihrer ersten Vertreter verloren. Sicgninnd B r o d h, Herausgeber und Eigentümer des Neuen Pestcr Journals und Mitglied des Magiiatenhauscs, ist »ach langem, schweren Leiden im Alter von 65 Jahren verschieden. 0 FMeioil. 0 Ein kleines Drama. Erzählung von B e n - A in i. Autorisierte Uebersetzung aus dem, Russischen von L. C a r o. (Fortsetzung). Als wir nach Hause kamen, erzählte der Vater der Mutter, daß er R. Pinchaß begegnete und dieser ihn ersuchte, abends die Arbeit abzuholcu. „Siehst Du, wenn Du nur auf mich einmal gehört hast . . . Wolltest Du mir immer gehorchen, cs würde doch Dir und uns Allen zum Segen gereichen." Arme Mutter! Man kann ja keineswegs behaupten, daß sie den Vater nicht verstanden, nicht geachtet hätte. In seiner Abwesenheit sprach sic stets mit Ehrfurcht von seinen großen sittlichen Vorzügen, seiner beispiellosen Ehrlichkeit, seiner Sanftmütigkeit, seiner Güte und seinen Kenntnissen. Mer das Leben.in fortwährenden Entbehrungen und in ewiger Angst vor dem kommenden Tag nötigte sic, all die Erwägungen sittlicher Natur zu vergessen, sobald es sich nm praktische Fragen, Brot- Fragen. handelte. Da sic keine andere llrsachc für die schreckliche Armut finden konnte, so schrieb sic alles dem „Stolzieren" des Vaters und seinem „dummen, pedantischen Ehrgefühl" zu. Und so hat die harte, bittere Not meine Mutter in ein großes ununterbrochenes Mißverhältnis zum Vater gestellt, während sie doch durchaus feine chlechte, böse Frau war und zum Bstter die stärkste Anhänglichkcit hegte. Der Vater hat es sehr gut verstanden und schmollte ihr nie. Freilich ifnälten ihn ihre unaufhörlichen Vor- Ivürfe, ihr ungeziemendes Schreien und Klagen; da er aber überzeugt war, daß mit ihr nichts anzusangen sei — so ließ er sie sprechen, so viel sic nur wollte, obwohl er dadurch nnglaublich viel gelitten hat. Er war ein Mann von Geist, ein Büchersrennd. Es geschah manchmal, daß er sich während der Arbeit, wenn ihn ein jüdisches Buch, das er einband, interessierte, ins Lesen vertiefte und so, alles um sich vergessend, zwei, drei Stunden nnbeweglich blieb. Die kleinlichen, praktischen Spekulationen und Rücksichten waren ihm fremd. Das aber gab ihm die Möglichkeit, sich so vornehin zu halten, nicht heuchlerisch zu sein gegenüber den Reiche», die er überhaupt nicht gerne hatte, da er Reichtum als untrennbar mit Herzlosigkeit und Hvchmnt ansah. Spät am Wend desselben Tages erhielt der Vater von R. Pinchaß zwölf große Folianten des Talmuds mit großen roten und grauen Buchstaben und verschiedenen Verzierungen ans dem Titelblatt. Bei uns zuhause strahlten alle vor Freude und mehr als alle — die Mutter, die nicht aufhörte zn wiederholen: „Siehst Du: wenn Du nur ans mich einmal gehorcht hast?" . . . nsw. R. Pinchaß übergab dem Vater seine Bücher einfach darum, weil mein Vater die Arbeit besser verrichtete. Außerdem hegte er zu »reinem Vater eine gewisse unbewußte Achtung, obwohl er über sein „Stolzieren" sehr entrüstet war. Und wirklich! welches Recht hat denn ein Armer — seine Würde als Mensch zn wahre», wenn doch selbst ein Reicher nur selten sich einen solchen Luxus gestattet. . . . In jener Nacht entspann sich wiederuinMvische» Vater und Mutter ei» Gespräch betreffs meiner Stiefel. Die Mutter wollte durchaus nichts davon hören. Vor allem 'müßte inan, nach ihrer Ansicht, Zitzklcider für die zwei älteren Schwestern nehmen, erst dann „wollen wir sehen ..." Der Vater gab dazu seine Zustimmung. Nach einer Woche ließ inan den Vater zum Post-Kontrolleur rufen, bei dem er auch Arbeit erhielt. Nachts wurde iviedernni die Frage wegen der Stiesel aufgeworfen. Nach genauer Bercchnnng stellte sich aber heraus, daß cs kaum sür den Pessach- Bedars, ohne die Zitzklcider in Betracht zu ziehen, reichen werde. Man kann sich lebhaft denken, wie verzweifelt ich tvar, als ich inmitten des nächtlichen Dunkels das Resultat dieser Berechnungen vernahm. Der Pfarrer ist noch immer nicht mit seiner Arbeit gekommen. Aber cs geschah nun etwas ganz Unerwartetes. Schon nngeführ zwei Jahre lang trieben sich bei uns sünfzehn ganze Bücher herum, die hier ein junger Herr, wahrscheinlich ein Lehrer einer deutschen Kolonie, die etwa dreißig Werst von der Stadt entfernt gelegen war, zurückgetassen hatte. Das' waren, augenscheinlich, (Gebetbücher; denn auf der ersten Seite tzvar die .Kreuzigung Christi und ein großes Kreuz abgcbildet, was uns alle sehr anfbrachte. Der Vater hatte schon jede Hoffnung aufgegeben, daß diese Bücher irgendwann abgeholt werden könnten. Sie wurden in eine hölzerne Kiste zusaninicngelegt und auf den Dachboden befördert. Plötzlich, etwa zwei Woche» vor Pessach, kommt ein schöner, grüner, deutscher Fvnrgon an .unser HauS herangefahren und bleibt hart vor der Türe stehe», bis zn den Achsen in tiefen, dicken Sumpf versinkend. Auf dein Fonrgvn saßen obenan-. in einer Reihe eine schon ergraute, dickleibige Dentschin mit gutmütigem Gesicht, einem kleinen farbigen Shawl ans dem Kopf und ein noch dickerer Deutscher mit breitem, rasierten Gesicht und dreifachem Kinn, in einer kurze» Jacke, einer flachen Mütze mit großem breiten Schirm, und mit einem großen Pfeifenrohr im Munde. llugeachtet des tiefen Sumpfes, den man kaum durchwaten konnte, wurde alsbald der Fourgon^ringsuni von einem großen Haufen Kinder und Erwachsenen umgeben. Der Deutsche übergab der. Frau die Lenkricnicn, stieg sofort hcrnntcr und,, ohne das Pfeifenrohr aus