Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 4 (1906)
- Issue
- Heft 2 (12.1.1906)
- Date
- 1906-01-12
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 2. Guttm an», Frau Dr. Brau», Frau Moses uud Frau Kauter, die mit dem Vorstand der Schwesternvereinigung der Gesellschaft Eintracht sich iu die Leitung des Hortes teilen wollen. Hierauf erklärte er den Hort, der zunächst 22 Mädchen in den schulfreien Stunden von 4—7 Uhr nachmittags ein Schutz vor sittlichen Gefahren werden soll, für erössnet. Ter Hort steht unter Leitung einer Lehrerin, Fräulein Freund, der junge Mädchen helfend zur Seite stehen werden. Posen. Die neue Synagoge. Auf dem Grundstück zwischen Wroiiker-, Teich-, verlängerter Juden- und Kleiner Gerberstraße herrschte bis zum Eintritte des Frostes eine rege Bautätigkeit, die, soweit der rings um das Gebäude gezogene Bauzaun einen Einblickdurchläßt, von den Vorübergehenden mit Interesse beobachtet wurde. Die bereits beendeten Fnndaincntierungsarbeiten lassen erkennen, daß hier ein umfangreicher Bau erstehen wird. Es.handelt sich um,'big neue Synagoge, welche als Ersatz der Alten und der Neuen Bctschulc an der Jndenstraße dienen soll. Äilf dem Grundstück, auf dem sich nunmehr die neue Synagoge erheben wird, befanden sich vordem die S. B. Latzsche Stndier- und Siechcnanstalt und eine städtische Schule. Mit der Latzsche» Anstalt schloß man einen Tauschvertrag dahingehend, daß - die Anstalt die Grundstücke der Alten und der Neuen Betschule erhält. Sobald die neue Synagoge in Gebrauch genommen werden kann, werden beide Schulen abgebrochen, und an ihrer Stelle wird ein Neubau zivecks Aufnahme der Anstalt entstehen. Den in städtischem Besitz sich befindenden Teil des Grundstücks trat die Stadt unter der Bedingung an die Synagogengemeinde ab, daß diese den zur Erbreiterung der- Teichstraßc notwendigen Teil des Grundstücks der Latzsche» Anstalt gratis hergebe. Die neue Synagoge wird die Tcichstraße entlang das ganze Grundstück füllen, loährend an der Wronkerstraße ein Vorplatz geschaffen wird und an der Kleinen Gerberstraße gärtnerische Anlagen vorgesehen sind. Der Ban, ein inonuinentaler Kuppelbau im roinanischen Stil, ivird mit Rathenotver Ziegelsteinen iit Klosterformat verblendet werden. Der Rohbau ivird voraussichtlich bis zum Herbst! 1906 vollendet sein. Die Gcsamtkosten des Baues belaufen sich auf etwa 500 000 Jk Der Haupteingang zur Synagoge wird au der Wronkerstraße liege». Daneben werden sich zwei Eingänge^» den Fraiienemporen, die das erste Stockwerk bilden werden, befinden. Vom Haupteingange ans gelangt man durch einen Vorraum in die große Halle, welche 650 Männersitze enthält. Die Zahl der Frauensitze ist etwas geringer. Jin Hintergründe, also nach der Jndenstraße zu, wird sich das Allerheiligste befinden und zu seinen Seiten ein Raum zur Aufnahme eines Männerchores von 30 Sängern. Außer der Hauptsynagoge wird in dem Gebäude noch eine Wochentagssynagoge sein, welche 60 Sitze umfassen soll. Ein Rabbiner- und ein Kantorzimmer, die Wohnung des Hauswarts, sowie Garderoberänme usw. werden gleichfalls in dem Gebäude vorhanden sein, die letztgenannten Räumlichkeiten sowohl parterre, als auch im ersten Stock. Elektrische Beleuchtung und Gasreservebelenchtnng, ferner Zentralheizung Iverden nicht fehlen. Oborntk, 3. Januar. ErbrocheneZedokohbüchse. Der Repräsentantenvorsteher der hiesigen jüdischen Gemeinde. Jakob Wreschner, versuchte ani Montag Gelb in die Zedokohbüchse der Synagoge zu stecken, was ihm aber nicht gelang. Er mußte bei näherer Besichtigung die Entdeckung machen, daß die Zedokohbüchse ihres Inhalts beraubt war und jedenfalls mittels Nachschlüssels oder Dietrichs geöffnet sein mußte. Der Spitzbube hatte die am Kasten ani Geldeinwurf befindliche Blechplatte verkehrt . eingesteckt, so daß der Diebstahl sofort bemerkt wurde. Dem Diebe fielen, da die Büchse erst vor einigen Tagen geleert worden war. höchstens 10 Jk in die Hände. Spuren, welche auf einen Einbruch schließen lassen, fehlten' an dein Gebäude. Zur Zeit wirb die Synagoge für die Gasleitung installiert. Oesterreich-Ungarn. Wien. Der Voranschlag des Jahresb u d g e t s pro 1906 der i s r. K u l t u s g e m e i n d e fetzt die Einnahmen mit Kr. 2441 340 und die ordentlichen Ausgaben mit Kr. 2 483 934 an. Die Einnahmen setzen sich aus folgenden Posten zusammen: Kultussteuer Kr. 1200 000, Bethäuser und rituelle Angelegenheiten Kr. 202 871, Unterrichts-Angelegenheiten Kr. 38 078. Friedhofs- und Beerdigungs- Angelegenheiten Kr. 120000 usw. Die Ausgaben weisen folgende Posten auf: Bethäuser und rituelle Angelegenheiten Kr. 636029, Unterrichts-Angelegenheiten Kr. 303 049, Spital Kr. 195 000, Versorgungsanstält Kr. 95000 usw. Wien. Die Hetzrede Dr. Luegers und die Polizeidirektion. Wie erinnerlich haben unsere Wiener Juden auf die berüchtigte Rede Dr. -Luegers hin bei der Wiener Polizeidirektion um Mssolgung eines Waffenpasscs mit der Begründung ersucht, daß sie sich durch die aufreizende Rebe des Wiener Bürgermeisters in ihrem Leven bedroht fühlen. Die Polizeidirektion ließ die Betreffenden vorladen und versuchte, sie zur Zurückziehung ihres Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Gesuches oder zu einer anderen Begründung de- Ansuchens zu veranlassen. Ein Teil der Gesuchsteller zog auch das Gesuch zurück. An diejenigen Petenten, die auf der ordnungsmäßigen Erledigung ihres Gesuches beharrten, erging de dato 27. Dezeniber 1905 folgende Erledigung der k. k. Polizeidirektion: „Die k. k. Polizeidirektion kann Ihrem Ansuchen um die Erteilung eines Waffenpasscs Zum Tragen eines Revolvers im Sinne der Paragr. 17 und 19 des kais. Patentes vom 24. Oktober 1852 R.-G.- Bl. 223 keine Folge geben, da der im Gesuch angegebene Grund den Verhältnissen nicht entspricht. Gegen diese Entscheidung steht Ihnen der binnen 14 Tagen von dem der Zustellung dieses Dekretes nachfolgenden Tage an gerechnet, bei der k. k. Polizeidirektion in Wien einzubringende Rekurs an die k. k. n.-ö. Statthalterei offen. Eine Zweikronenstcmpelmarke folgt im Anschlüsse mit." (Unterschrift.) Prag, 4. Jan. Gestern Abend fand hier eine von jüdischnationalcr Seite einberufcne B o l k s v e rs a m m l u n g mit dem Programm: „D i e Jude u und die W a h l r e f o r m" statt. Zur angesetzten Zeit hatten sich im großen Saale der Produktenbörse zirka 1000 Personen eingefnnden, größtenteils Zionisten. Nachdem zum Vorsitzenden ein Nichtzionist gewählt worden war, erstattete Tr. Leopold Kahn-Wien, Mitglied des A.-.K., ein l'-stündiges Referat. Er führte darin ans, daß die Juden trotz ihrer eminent kulturellen Bedeutung noch immer keine Gleichberechtigung genießen, daß den Juden gegenüber § 19 des Staatsgrundgcsetzcs und § 302 des Strafgesetzes in einer Weise gehandhabt werden, die sich charakterisiere durch den bekannten Ausspruch eines noch nicht lange verflossenen Justizministers in einer der häufigen galizischen Mädchenentführnngsgeschichten: „An den Mauern des Klosters hört unsere Macht ans". Tessenungcachtct finden alle Bestrebungen der Juden', diesen unhaltbaren Zuständen ein Ende zu machen, bei den Juden selbst heftigsten Widerstand; mußten wir ja vor kurzem die Erfahrung machen, daß ein Tr. Byk den traurigen Mut fand, in Gemeinschaft von etwa 10 Personen sich als Vertretung der gesamten galizischen Judcnschaft anfzuspielen und im Interesse des Klubs der edlen Polen und seines eigenen Mandats halber gegen die jüdische Autonomie zu protestieren. Und doch ist eine jüdische Vertretung der Juden das einzige Mittel, ihnen Achtung und vor allein Frieden zu sichern, denn bis jetzt sind die Inden der Prügelknabe der Parteien, jede Partei glaubt, die Juden müßten ihr Stimmvieh sein,- und fällt die Wahl nicht im gewünschte» Sinne ans, dfann müssen die Juden herhalten. Oesterreichs Juden wären bei Einführung der jüdischen Wühlerkurie durch 18 Mandate vertreten und würden also einen gewichtigen Einfluß haben: nur dürfe der große Augenblick nicht verpaßt werden. An der mitunter sehr erregten Debatte beteiligten sich Zionisten, Sozialdemokraten und auch ein jiid. Verfechter der heil. Wenzelslaus-Kroue. Merkwürdig ist, daß sich auch Zionisten fanden, die mit der Begründung, der Zionismus habe sich nur um sein Endziel zu kümmern, gegen die Schaffung einer jiid. Wahlkurie plaidierten. Als, wie schon erwähnt, der jüdische Vaclar sprach und sich die Unverschämtheit leistete, zu sagen, mit demselben Rechte wie die Juden könnten auch die Zuchthäusler eine eigene Wahlknrie fordern, entstand ein solcher Tumult, daß der Regiernngsvertreter die Versammlung auflöste. Nach der Auflösung der Versammlung begaben sich 2—300 Teilnehmer nach dem jiid. Vereinshcim, wo auf Grund des § 2 des Vereinsgesetzcs die Versammlung — vor geladenen Gästen — fortgesetzt wurde. Nach längerer Diskussion und einem Schlußwort des Referenten, wurde die beantragte Resolntionsdepesche an das Ministerium angenommen, worauf die Versammlung geschlossen wurde. Krakau, 6. Januar. Zurück ins Elend! Das israelitische Komitee zur Unterstützung russischer Flüchtlinge hat eine Gruppe von Russen, welche über einige Barmittel verfügen, über O d c rberg nach Amerika abgefertigt. In Oderberg wurden diese Auswanderer an gehalten, um das Ergebnis der in Frankfurt wegen Beförderung der Emigranten stattfindenden Konferenz abzuwartcn. Das Komitee wird nunmehr infolge Mangels an Fonds die Weiterbeförderung von russischen Flüchtlingen nach Deutschland, England und Amerika ein st eilen, zumal diese Staaten der Masseneinwanderung Schwierigkeiten bereiten. — Ein Teil der Flüchtlinge ist nach Rußland zurückgekehrt. Lcuiberg, 8. Jan. Gestern fanden in Galizien und in der Bukowina zusammen 200 Volksvers a m m l u n g e n zugunsten der nationalen A n t o n o m i e d e r Juden statt. Laut den bisher eingelaufenen Berichten verliefen die Versammlungen fast überall ohne jede Störung (Störenfriede waren in einigen Städten die Sozialdemokraten). 'In einzelnen ostgalizischen Städten sprachen auch die Vertreter der R u t h e n e n in den jüdischen Versammlungen und forderten die Juden auf, den historischen Moment nicht ent» schlüpfen zu lassen, um fürsich nnd die anderen Minoritätsnationen die Nation aleSelb st ändigkeitzu erringe n. — In Czer nowitz fand eine Massenversammlung statt, in welcher u. a. die Herren Reichsratsabgeord- Seite 3. neten Dr. Straucher, Dr. Kinsbrunner usw. mit großem Erfolge sprachen. — In allen Versammlungen wurden nicht nur die aus die Erlangung der nationalen Autonomie Bezug habenden Resolutionen angenonunen, sondern auch gegen die Haltung des Dr. Byk und seinen „offeneu Brief" energischer Protest erhoben. Großbritannien. London. AK. Oswald John Simon, einer der Einberufer der großen Protestversammlung gegen die Behandlung der Juden in Rußland, hatte sich um eine Aeußerung über die Fudenfrage an Mr. Chamberlain gewendet. Dieser erwiderte ihm unterm 2. Januar: „Ich habe Ihren Brief vom 1. Januar erhalten. Ich würde cs kauni für notwendig gehalten haben, noch einmal meinem tiefen Mitgefühl mit dem jüdischen Volke in seinen augenblicklichen Drangsalen Ausdruck zu geben. Die Taten, die gegen dack jüdische Volk ini Zusammenhang mit den Unruhen in Rußland verübt wurden, sind ein nicht zu tilgender Flecken auf unserer christlichen Zivilisation, und ich bin überzeugt davon, daß die Regierung die Unterstützung des Volkes dieses Landes finden wird, wenn sie in jeder nur möglichen Weise bei der russischen Regierung Vorstellungen erhebt, die vielleicht geeignet sein könnten, irgend wie eine Wiederholung ’ der Massakres zu verhindern." Der Brief ist von Mr. I. Chamberlain persönlich unterzeichnet. Rußland. Petersburg. Großes Aufsehen erregt ein Nachruf, den der gegenwärtige F i n a u z m i n i st e r Iwan Schipow einem seiner in diesen Tagen verstorbenen Untergebenen, Herrn Jakob I s a j e - w i t sch Eliasberg in den hiesigen Blättern widmet und den er mit seinem vollen Namen! Unterzeichnete. Ist es schon an sich ein Novum, daß ein russischer Minister einem Untergebenen einen Zeitungsnckrolog hält, so ist in diesem Falle der Nachruf Schipows um so bemerkenswerter, als der verstorbene Eliasberg Jude war. Der schlichte und ergreifende Nachruf lautet wörtlich folgendermaßen: „Ämtskollegen und Freunde haben dem verblichenen Jakob Jsajcwitsch Eliasberg die letzte Ehre erwiesen. Mit ihnen trauerten sicherlich auch alle jene, die der Zufall, sei es auch nur ein einziges mal, mit diesem wahrhaft guten, sympathischen Menschen zusammenführte. Und groß ist fürwahr die Zahl derer, die ihn gekannt haben. Nach Absolvierung der juristische» Fakultät an der Universität in Odessa widmete sich Eliasberg, der den Grad eines Kandidaten des Rechtes erlangt hatte, in der Zeit von 1883 bis 1899 dem Dienst ini Obersekrctariat des zivilen Kassationsdepartements, wo jeder, der in diesem Departement zu tun hatte, mit ihm bekannt wurde. Im Jahre 1899 trat er in den Dienst des Finanzniinistcriums über, wo er als Beamter für besondere Aufträge dem Amte der Jnriskonsnlenten zngetcilt ward. Gründliche juristische Bildung, welche durch die Erfahrungen seiner langjährigen Tätigkeit in einem der schwierigsten und wichtigsten Departements ergänzt, erweitert und bereichert wurde, machte ihn zu einenr für das Finanzministerium höchst wertvollen Rechtskonsulenten bei vielen gesetzgeberischen Arbeiten, Prozessen und Verwaltungsfragen. Die Frucht der genauen Kenntnis von der Praxis des Senates, die der Dahingeschiedene sich erworben batte, war sein im Jahre 1900 erschienenes Werk „Die Ostseepraxis des regierenden Senates für die Zeit von 1891 bis 1899", worin die komplizierten Fragen des Lokalrechtes der Ostseeprovinzen erläutert und besprochen werden. Eliasberg war ein vortrefflicher Jurist, jedoch kein einseitiger Fachmann: denn noch vor seinem Eintritt in die juristische Fakultät besuchte er einen Kurs in der chemisch-technischen Abteilung des Rigaer Polytechnikums und überdies interessierte er sich während seines ganzen Lebens unablässig für exakte Wissenschaften, so daß er auch auf diesen Gebieten seine Kenntnisse stets bereicherte. In Eliasberg war umfassende, vielseitige Bildung harmonisch mit großem Geist und einem guten Herzen vereint. Men, die ihn kannten, wird sein kindliches Gemüt, sein zuvorkommendes, rücksichtsvolles Benehmen gegen seine Umgebung, seine Schlichtheit im Verkehr, seine Bereitwilligkeit. jedem hilfreich beiznspringen und ihn durch seine Erfahrungen »und sein ausgedehntes Wissen zu unterstützen, unvergeßlich bleiben. Eben dieser seltenen Eigenschaft wegen liebten und achteten ibn alle, die ihn kannten und jetzt beweinen. Sein Andenken wird mit Verehrung bewahrt werden!" Petersburg. Senator Kusminsky über den Odessaer P o g ro m. Ter Korrespondent der „Nuss. Korrespondenz" hatte eine Unterredung unk dem Senator A. M. Kusminsky, der gestern Abend aus Odessa zurückkehrte, wo er die Pogrombewegung vom Oktober untersucht hat. Senator Ki'isininsky hat bis jetzt keinen Minister — auch den Grasen Witte nicht — gesprochen und hält es deshalb für seine Pflicht, in seinen Mitteilungen zurückhaltend zu sein. Trotzdem sprach er sich dahin aus. daß ihn die Untersuchung zu der Uebcrzeugung brachte, daß die Odessaer Polizei nicht nur mit dem Pogrom sympathi-