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Neue jüdische Presse · 1906-01-12 · Heft 2 (12.1.1906) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
4 (1906)
Issue
Heft 2 (12.1.1906)
Date
1906-01-12
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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ff g. |f. I. |- fe Seite 2. Halbjuden sind, wie Harry Lawson, Coningsbh Disraeli, konservativ, Felix Schuster, liberal und andere. — Im Londoner Wahlkreis North Paddington kandidiert ein konservativer Jude namens Arthur Straus;, der ein naturalisierter Ausländer ist. Dieser Umstand ries eine Spaltung in der dortigen konserv. Wählerschaft hervor und verursachte stürmische Szenen und eine tüchtige Bastonade. Interessant ist die folgende Erklärung, welcher dieser Kandidat der Jewish Chroniclc zusendet: „Da meine Gegner ein Gerücht zirkulierten, ich hätte in einer meiner Wahlkämpfe meine Angehörigkeit zuin JNdentumc verleugnet, danke ich Ihnen für die Gelegenheit, die Sie mir bieten, dieses böswillige Gerücht aufs emphatischste zu dcmcntiercn. Ms ich gefragt war, ob ich ein deutscher Jude sei, antwortete ich, das; ich kein Deutscher bin, sondern Engländer, der vor 30 Jahren naturalisiert ward." Der Ausdruck „German Jnd" nämlich ist hier noch etwas viel schlimmeres als „polnischer Jude" in Deutschland. Eine besondere Wahlagitation wird seitens der Jtovereine hier und in Manchester entwickelt. Hier wurde ein Flugblatt in einigen Tausend Exemplaren verteilt, in dem die Wähler ersucht werden, ihre Kandidaten, jetzt zu einer Zeit, wo sie für alles mögliche leicht zu haben sind, auszufordern, die Kolonisationspläne der Jto zu unterstützen, wenn sie dem Parlaments nächstens vorgelegt werden, was auch viele tun. Ganz besonders hatte darunter der sonst sympathische Kandidat Stuart M. Samuel zu leiden, weil er zu den 8 leitenden englischen Juden gehört, die in ihrem jüngsten Ausruf im Namen des Nnsso- Jewish Fund die Jto und den Zionismus einer provozierenden Kritik unterzogen. Auch er musste seine übereilte Handlung bereuen und sein schriftliches Versprechen geben, die Ziele und Zwecke der Jto nach Kräften zu fördern und zu unterstützen. Die Woche. Tie „Zeitschrlst für Demographie und Statistik der Inden" bringt in ihrem jüngsten Hefte ans der Feder ihres Redakteurs Dr. Arthur Ruppin eine sehr gewissenhafte Zusammenstellung über die Gesa m t z a h l der Juden ans der Erde, die nach Ruppin 11 Millionen beträgt. Die Statistik konstatiert eine bedeutsanie Ortsverschiebung des jüdischen Volkes insofern, als vor 25 Jahren nur 230 000 — 2,5 <>a aller Jude n i n Amerika wohnten, während heute ihre Zahl (nach dein Mnerican Jewish Ucar Book) 1484 883 — 13,4 aller Juden beträgt. Da hiervon allein 1418 813 in den Vereinigten Staaten wohnen, so braucht es nicht Wunder zu nehmen, das; die Juden der Vereinigten Staaten bereits eine führende Rolle in dem jüdischen Leben der zivilisierten Staaten spielen. Diese Führerschaft an sich zu reißen, gelang dem amerikanischen Ir,den schon deshalb sehr leicht, da er als freier, selbstbewusster Mensch nicht das ewige ängstliche Äkücksichtsnchmcn auf das Wohlwollen oder Mißfallen eines jeden nichtjüdischen Nachbar» kennt, das besonders bei den Juden des zivilisierten Kontinents Europas gang und gäbe ist. Es ist ja noch in aller Erinnerung, das; durch die Festigkeit der New-?jorkcr Großbankicrs Schiff, Seligmann usw. Rußlands Bemühungen, eine Anleihe aufziinchincn, fruchtlos blieben. Das Zentrum des jüdischen Volkes — sowohl qualitativ, als auch quantitativ — liegt aber auch heute noch in dem barbarischen Rußland, dessen schwere Hand nach der Volkszählung von 1897 auf 5 110 000 Jude» lastet, eine Zahl, die sich trotz der starken Auswanderung auch heute noch nicht vermindert haben dürfte und zwar infolge' des Geburtenüberschusses. * * * Tic frommen Männer der „K r e u z z e i t u n g" wissen sich vor Neid über die großen Taten der russischen Reaktion mit all' ihren Hooligans und Helsershelsern nicht zu halten, sic vergehen vor Sehnsucht nach der Ausrottung der Juden. Wir lassen die Kreuzzeitung.selbst sprechen: „Im Revolutionieren des Volkes durch Wort und Schrist waren die Stammesgenossen des Herrn Singer ich Frankfurter Israelitisches Familienblatt. immer eifrig und oft erfolgreich. .Geschäftlich wie redaktionell sind sic heute die maßgebenden Leiter des ozialdemokratischen Zentralorgans. Man merkt das ehr deutlich an der Art der Reklame, die sich im Anzeigeteil und an der Bruiiiienvcrgiftung, die.sich im redaktionellen Teile breitmacht. Wenn man das zersetzende und gemeingefährliche Treiben dieser Gesellschaft beobachtet, wie sie Tag ür Tag in ihren Schmutz zieht, was dem Deutschen hehr und heilig ist, Kaiser und Vaterland, so wird man an einen Brief Hans v. Biilows erinnert, der unter dem 22. Mai 1866 an Alexander Ritter schrieb: „Ein deutscher Bürgerkrieg, ich gestehe es unverhohlen, vcrstiinmt mich ganz nnd gar nicht. Ich halte ihn für unabwendbar — früher oder später — nnd sehr gesund. Tic erste» Deutschen, die ich niedergeschosscn wünschte, wären freilich im Interesse des wahren Fortschritts sämtliche fortschrittliche Kammcrmitglieder, Zeitungsschreiber nnd Juden." Am Schluß verdreht selbstverständlich die Krcuzzeitung die Äugen und fügt hinzu: „Wir billigen diese» Wunsch nicht". — Aber wozu denn die Ansührung der Bülowschen Aeußerung, wen» ihr schlechte Absichten fern liegen? Uebrigens ist .ihre weitere Bemerkung: „Immerhin ist dsc Auslassung H. v. Bülows interessant genug", ein beredtes Zeugnis, wohin die Kreuzzeitung segelt. Allein, ist jedoch das Vorgehen der Kreuzzeitung ihrer Tendenz nach immerhin verständlich, so ist es nicht zu begreifen, warum eine so objektive Zeitung, wie die Kölnische Zeitung, eine unverantwortliche, falsche Behauptung ihres Odessacr Korrespondenten — nämlich, daß die gesammelten Hilfsgelder Westeuropas zur Anfertigung von Bomben und zur Unterstützung der russ. Revolution verwendet werden — miedergibt. Allerdings gibt sie gleichzeitig ihrem Zweifel Ausdruck; doch, warum die Wiedergabe einer solchen vagen Behauptung, die sür die Juden Rußlands in ihrer gegenwärtigen, gefährlichen Situation von verhängnisvoller Tragweite sein kann. * * * Endlich haben sich unsere ängstlichen Großen zu einer Mion aufgerafft. Sie sind aus ihrer Reserve herausgetreten und gegen ihre alte Gewohnheit der Zurückhaltung sind sie öffentl i ch ausgetreten. Es gilt diesmal den letzten Judenmassakres des russischen weißen Bären! Unter dem Vorsitze Lord Rothschilds wurde dieser Tage eine große P r o t e stv e r s a m m l u n g in London veranstaltet. Der schlaue, liberal tuende Witte hat es ververstandcn, eine lange Zeit die liberale Welt Rußlands, sowie ganz Europas — unsere Zeitung stand vereinzelt in ihrem Pessimismus da — irre zu führen. Auch unsere Großen rechneten auf den Grafen und haben, sich stark verrechnet. Der „liberale" Graf hat, nachdem ihm sein Plan, die liberalen Elemente zu teile»-m;d alsdann zu schlagen, gelungen, sich als Reaktionär schlimmster Güte entpuppt. Zwar macht er noch immer Versuche, sich den Schein eines Liberalen zu geben. Ist doch der russische Staatssäckel so gut wie leer nnd muß unter allen Umständen von neuem gefüllt werden. Mein, niemand wird jetzt noch auf das liberale Gaukelspiel des, Grafen hercinsallcn. Jedenfalls sind die Juden von dem irrigen Vertrauen an das liberale Ministerium kurriert. Nun heißt es jetzt, gegen den Massenmord Wittes, der auch die von einem Plehwe veranstalteten Morde in den Schürten stellt, laut zu protestieren, besonders aber gegen sein cynisches Verhalten den Juden gegenüber und gegen seine niederträchtige Unverschämtheit in der Schadloshaltnng der kausendfachcn Räuber und Mörder. Wohl sind wir uns dessen bewußt, daß noch so flammende Proteste nicht die reaktionäre Politik eines Witte zur Rettung der russischen Bureaukratie, in deren Rahmen auch die Judenverfolgungen hineingehören, zu ändern vermögen; aber die Welt soll unser lautes Aufschreien hören, sie höre und wisse, daß wir keine Schafherde sind, die sich) ohne zu mucksen, abschlachten läßt, und vielleicht läßt sie sich dazu bestimmen, den russischen Henkern ihr Geld vorzuenthaltcn, vielleicht... Nr. 2; Aus aller Welt. , Deutsches Reich. W Berlin. Als ein zeitgeschichtliches Dokument für die frömmelnde Blutgier iiii|' Z c r st ö r u n g s w u t, die in R u ß l a n d ans die ■ ungebildeten Klassen mit wahnwitziger Verhetzung wirkt, kann ein Flugblatt gegen diePolenundI nd e n gelten, das in Kiew und Umgegend in den beide»' - letzten Monaten in Tausenden von Exemplaren vert< breitet wurde. Tas Flugblatt lautet, nach der „Volks«? zcitung", in deutscher Uebersetzung: „Im Namen ocs Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes. Ter große Heilige des Kiew-Petscherrert Klosters befiehlt, dem Volke mitzuteilen, daß der. heilige Wladimir, der Rußland getauft hal) aus seinen; Grabe a u s st e h e jede Nacht, die Hei» ligen des Klosters wecke;;nd mit ihnen unsere von den ' Polen u n d Juden b e s ch i m p f t e Heimat' beweine. Mein Gott, so ist jene Glanzzeit hin, da die mächtigen Heere der fremden Stämme (Andersgläubige) zurückgeschlageu wurden! Schinrpf undr Schande den Nachkomme» des heiligen Wladimir, die 'ich vor einem Häufchen seiger Juden und eines 1 von diesen angenommenen Bande Studenten^ bcngels fürchten! So wisse denn jeder, dem der" russische Name »och teuer ist, daß die Inden und Polen nach unserem Blute dürsten, daß sie uns gegenseitig aushetzen wollen, um auf unseren Leichname;»^ zum Throne zu gelangen und den Kaiser niederzuwerfen. Wisse denn, wenn dieses geschieht, daun ist es z;t Ende mit unserer Mutter Heimat, in Stücke wird sie - gerissen von den Polen, Juden, Armeniern und a n fir' dereuBösen. Im Namen der Petscherrer Heiligeck .» hat der große Heilige folgende vier Sätze jit~; erfüllen geboten: 1. Alle sollen sich in ihrer freien Zeit in den Kirchengemäuern versammeln zur Beratung, wie manseine Heimat vor den Juden nnd Polen verteidigen"" könnte. 2. Juden nnd Polen nicht töten, sondern nur»-, die von ihnen gesandten Aufrührer jeden nach seiner^ Art und Weise (seinem Gerichte) abzufertigen. 3. Mit den Juden nichts zn tun zu haben und nichts bei ihncis kaufen. 4. Jeder, der so ein Blatt in die Hand bekommt, ist verpflichtet, nicht weniger als drei Kopien zu schreiben und eine davon in eine andere Stadt oder Torf zu schicken, und ist verpflichtet, dieses.,«; Schreiben anderen Menschen vorzulesen. Derjenige;,,, der das alles.in sechs Tagen nicht erfüllt, wird von). schweren Krankheiten und Unglück belastet? Wer aber mehr als drei solcher Schriften verschickt oder-'' verteilt, wird von einer alten Krankheit bc freit und er wird in allem Glück haben. Am Sonn,,,, tag wird sich viel Volk versammeln in der Lauras' Sophia-Kirche, Michailow- und Brudcrklöstern, unE von hier aus wird ein Aufruf an die Russen erlassen^ wegen ihrer Vereinigung gegen die Inden und Polens Amen!!" jt\ Wie ein derartiges, «unter der Maske der Religiös fitöt auftretendes Hetzblatt auf die rohen, von der^ russischen Regierung in Unbildung gehaltenen Volks^'' massen wirken muß, hat man schaudernd erlebt. isl Nürnberg. Wie der „Fränkische Kurier" meldererklärte Graf Witte zwei Vertretern des St^., Petersburger jüdischen Wohltätigkeitsvereins, daß die'., Regierung dafür sorgen werde, daß künftig fein?5'. Jüdenmetzeleicn mehr vorkämen. In allen Bezirken^-' in denen Jllden wohnen, seien die weitgehendste;»; Vorsichtsmaßregeln geschaffen worden. Versuches.-, Metzeleien unter den Juden zu veranstalten, würdeninnerhalb 30 Minuten niedergeschlagen sein. '■ Breslau. Auf seinem letzten Stiftungsfest«^' leistete sich der Verein christlicher R e f c i*: rcndare ein außerordentlich taktloses a n t rs c m i t i s ch e s Lied. Wegen dieses Liedes hat itutt^,) mehr der Justizminister die disziplinarisch |r Voruntersuchung einleiten lassen und den Ober--! landcsgerichtsrat Ackermann mit der Führung der-^' selben betraut. Das Verfahren richtet sich g e g e den Landgerichtsrat H o f m a n n Rs dc;;s> vermeintlichen Verfasser des Liedes, eventuell midjju,- gegen d e it Vereinsvorstand, nicht abe^Tch gegen alle Vereinsmitglieder. fc) Breslau. Am 3. Januar nachmittags fand den Räumen der Industrieschule für israelitische MndD' chen, Fischergasse, die E r o s f n u n g des i s r a e l i tischen Kinderhortes statt, der durch die Bc»^. mühungen der Schwesternvereinigung der Gesellschaft^' Eintracht ins Leben gerufen worden ist. Rabbiner Dr. Rosenthal hielt die Weiherederp und dankte den anwesenden Borstandsdamen der gcx^ nannten Vereinigung, daß sie dies Werk echter HumaLs' nität geschafsen, daß sie es verstanden hätten, in bielciCv: Herzen das Gefühl für die Notlage der Kinder zu- . wecken, denen zu helfe» soziale Pflicht sei. Er rebetesch die Kinder selbst an und ermahnte sie, die Lehren anzu« nehmen, die ihnen hier zu teil werden würden, sich nit , Pünktlichkeit und Sauberkeit zu gewöhnen, an Örd§A. nnng und Unterordnung, und alle diese Eigenschaften^) mit hinaus zu nehmen ins Leben, hinein zu trage;; das elterliche Haus. Alsdann svrach noch Herr Kaufs- , mann Max Guttmannmno dankte allen denen,'-5. die außerhalb des Vereins stehend, Hilfe geleistet hätst^' ten, vor allem dem Schulvorstande der Jndustrieschulchnch der bereitwillig die Klais« zur Verfügung gestellt Habs und den Damen Frau Dr: Rosenthal, Frau D

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