Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 4 (1906)
- Issue
- Heft 2 (12.1.1906)
- Date
- 1906-01-12
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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faiuilirublott. l Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnementspreis pro Vierteljahr: In Frankfnrt a. M. Mk. 1.— frei ins Haus. Bei der Post °- abonniert int In- und Ausland Mk. 1,02 (ein- § schließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: l Deutschland und Oesterreich - Utlgarn Mk. 1,50, - | sonstige Länder Mk. 2.— M ----- HedaKtio« und Hefchäftsjtekke: Srsnkfurt s. IN.-» Leiligkreuzgasse 32» Ecke Llapperfeldstraße Telefon 10307. -5^-- Herausgeber: Salg H>eis. Jnsertionspreise: Die viergespaltene Petitzeile.25 Pfg. Die Reklamezeite.100 „ Platz- und Daten-Vorschrift ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach Uebereinkunst. Freitag, de« 15. Tewes 5666 (12. Januar 1906). Ro. 2. -4. Jahrgang. Inhalt des Hauptblattes.; Artikel: Die bevorstehenden englischenParlamentswahlen und die Juden. — Die Woche. — Aus aller Welt. — Personalien. — Feuilleton: Ekn kleines Drama. — Die Zeder vom Libanon. — Kunst und Literatur. — Vakanzen. — F!p m i l i e n n a ch r i ch t e n. Die bevorstehenden englischen Parla- , mentswahlen und die Inden. :7- Von Dr. I. M. S—d. - Die legislative Periode, die auf die bevorstehenden Parlanicutsivahlcn, welche mit dem Anfang nächster Woche beginnen, . folgen wird, ist von ungchdnrcr Bedeutung und Wichtigkeit für das englische Volk, da sic reformierend und nmbildcnd ans die verschiedensten Zweige des öffentlichen Lebens Englands zu wirken verspricht. Bleibt das jetzige liberale Ministerium in oklieo, so muß die vou den irischen Nationalisten innigst ersehnte, von den patriotischen Engländern aber gefürchtete und gehaßte Home Rulc- Fragc zur Diskussion kommen und höchstwahrscheinlich bejaht werde», kommt aber die konservative Partei wieder ans Ruder, so ist es klar, daß dann die Chamberlain'fchen Tarifreformen und Prvtektionsträume alle Aussicht habe» werden, endlich in ErsRlnng zu gehen. Es ist hier nicht unsre Ansggbc, ein Urteil über die Vorteile oder Nachteile, die die eine oder die andere dieser Reformen zur .Folge haben wird, abzngcben, ich ivollte nur in aller Kürze anzeigen, daß sie jedenfalls England eine neue Färm verleihen und das politisch-ökonontisch-religiöse Leben dieses Reichs in ganz neue Bahnen lenken werden. Auch für uns Inden ist die Frage, wie sich das nächste Kabinett und die Majorität des House of Commons gestalten werden, jetzt geradezu eine Lebensfrage, da von ihr die mildere oder strengere Ausübung des Fremdengesetzes vollständig atzhüngt, wie ich in dieser Zeitung in einem frühereit Artikel bereits erklärt habe. Es darf daher iticht Minder nehmen, wenn das Volk den diesjährigen Mahlen ein ungewöhnlich großes Interesse entgegenbt^ngt und. der Wahlkampf mit einer solchen Wut und Verbitterung jetzt ansgesochten wird, sür die ttiemand beit phlegmatischen, always polite Engländer fähig hchlten würde. Ich ivill nicht den Propheten spielen, wenn ich Voraussage, daß die Libcraletr diesesmal den Sieg davon tragen iverden, die jetzt vereinigt dästehn und utit den Irländern fraternisieren, während die Tory-Partei durch die rücksichtslosen Kchnpfesmethodcn Chamberlains einen inneren Kampf nvh dazu dnrchniacheninnß. Mit einem größeren. Eifer/ wenn auch ohne jeäc Erbitterung und ohne jeden persönlichen Angriff, geschieht jetzt die Beteiligung der Juden an bch passiven und aktiven Wahlen. Noch nie interessierten sich die Juden fiir die Parlamcntswahlen wse jetzt, da, bei der günstigen politisch-sozialen Lage, Ich der sie sich hier befinden, es für ihre Interessen gchtz gleich war, Web die Leitung der Regiernng übernimmt. Ganz aitders ist eS aber jetzt, wo die unglückselige Alienbitl cingcführt wurde, die jeden Inden mit jüdischein Herz berührt, ja, aufs höchste empört. Dieses Gesetz hat die Massen des Volkes ganz der liberalen Partei zugeführt. Abgesehen von der Handhabung deS FremdengesetzeS, die gänzlich von den politisch-sozialen Lehren der nächstens zur Herrschast gelangeitden Partei abhängt, sühlt es die Masse als ihre heiligste Pflicht, den Wortführern und Schöpfern dieses verhaßten Aktes bei den Wahlen tüchtig hcimzuzahlcn. Diese, wie Mayor Evans-Gordon, der wegen seiner Verdienste um die Alienbill auf Vorschlag des scheidenden Balfour'schen Ministeriums baronisiert tvurde, Hope Kyd, unser „Glaubensgenosse" Sir Harry Samuel und unser Halb - Stammesgenossc Harry Lawson (ein Sohn des Besitzers des „Daily Telegraph") kandidiereit gerade in jenen Wahlkreisen, die eine große Zahl von jüdischen Wählern Und eine noch größere Zahl von jüdischen Einwohnern überhaupt besitzen. Diese werdeit es noch immer nicht müde, auS der Alienbill Kapital zu schlagen und die christliche Bevölkerung jener Distrikte, die stark antisemitisch sind, glauben zu machen, daß sie rnotfier Englattd mit dieser Bill vor Ruin gerettet haben und daß von nun an nur Wohlstand und Arbeitsfülle im Lande herrschen werdeit. Am tollsten treibt es Air. Kyd, der Kandidat für Whitechapel, der in einem Aufrufe an die Wähler des Distrikts vor dem j ü d i s ch e n Gegenkandidaten Mr. Stuart Samncl (ein Nesse von Sir Samuel Montagu) warnt, da er ans seinen Bruder, Mr. Herbert Samuel, der jetzt Vizeminister des Innern ist, einwirken könnte, in der Ausübung der Beschränkitng der Frcmden-Eintvandernng Gnade vor Recht walten zu lassen. Er verspricht auch, dem East End of London, welches jetzt ganz „a n s l ä n d i s ch" aussieht, seine echt englische «Gestalt znrückzngeben, die es vor zwanzig Jahren hatte, als ob niemand tvüßte, daß in den Straßen, in denen jetzt ruhige und friedliche Menschen leben, vor ztvanzig Jahren Räuber und Mörder der schlechtesten Sorte sich aushielten, so daß kein Schutzmann sich dorthin ivagte. Man braucht nur einen älteren Roman aufzuschlagen, um sich davon zu überzeugen. Bei alle dent gebricht es diesen Herren noch +ut dem, sagen wir, Mut, mit dem sich die kontinentalen Antisemiten so löblich auszeichnen, und während sie auf der einen Seite de facto Antisemitismus schlimmster Sorte predigen, liebäugeln sie aus der andren Seite mit den englische n Juden und machen auch die höflichsten Komplimentc dem ZioniSmns und der Jto. Die Juden rüsteit sich jetzt tüchtig zum Kampfe und in den verschiedensten Orders, trade llnioos und Benefit societies wird geräuschlos, aber eifrig gearbeitet für die oder jene Partei, für den oder jenen Kandidaten. Die Zahl der jüdischen Wähler in einigen.Kreisen voti London, Manchester, Leeds und Liverpool ist sehr groß, zwar nicht groß geitug, um eine Majorität zu erzielen und einen eigenen Kandidaten mit Erfolg stellen zu können, aber noch immer groß genug, um dem einen oder dem anderen zum Siege zu verhelfen. Ihre Zahl würde kolossal anschwellen und die Anfstellung eines eigenen Kandidaten ermöglichen, wenn die Massen sich naturalisiert hätten. Leider war es noch bis jetzt nicht der Fall, und 80 bis 90 Prozent der Massen sind durch -Nachlässigkeit oder llninöglichkeit, die 6 Pfund Sterling, die die Naturalisation kostet, aufznbritigen, an der Beteiligung an den Wahlen als noch immer An ge hörige fremder Staaten ausgeschlossen. Die Umstände, die sich jetzt zu Ungnnsten der Juden geändert haben, werden jetzt zweifellos den; Masse» die mannigfachen Vorteile der Naturalisation in beredter Sprache beweisen und eine Einbürgerung en wasse Hervorrufen, die auch ermöglicht wird durch eigenS dazu existierende Spar- und Hilfsvereine. — Daß Hope Kyd durchfallen wird, ist fast sicher, anders steht cs um die Kandidatur Sir Evans-Gordons. Wie süß wäre die Rache, wenn auch er draußen bliebe! Wollen wir hoffen! Größer noch als die aktive Beteiligung der Juden an den Wahlen ist ihre passive Beteiligung (wie unsinnig dieser Ausdruck ist, als ob die Kandidaten nicht bei weitem aktiver tvären als ihre Wähler!). Ich meine prozentualiter betrachtet, sowohl im Verhältnisse zur Zahl der jüdischen Wähler als zu der der jüdischett Bevölkerttng des Landes überhaupt. 31 Juden kaitdidieren dieses Jahr, anstatt '21 im Jahre 1900, und cs ist möglich, daß noch einer oder 2 hiitzttkomtnen. Nach den Parteien geteilt, gehören 15 der konservativen Partei, darunter jedoch 3, die Free Traders sind, 15 der liberalen und 1 der Arbeiterpartei an, sodaß die jüdischen Liberalen nur eine ganz winzige Majorität bilden, obwohl die aktiven jüdischen Wühler zweifellos größtenteils im Lager der liberalen Parteien stehen. 12 der Kandidaten haben jetzt Sitz im Honse of Commons. In London allein kandidieren jetzt 10 Juden (6 Konservative und l Liberale! unter 03 Kandidaten für ganz London, 8 in den Städten Chester, Grimsby, Hythe, Leeds, Monmouth, Pontefraet, Rcading und Stockton, und 13 in den Wahlkreisen der Connties. Zit den bekanntesten Kandidaten gehören: Sir B. L. Cohen, konservativ (Jslington), der, wenn auch ein hervorragender jüdischer Philanthrop und Gemcindeführer, einer der Äldvokaten der Alienbill war, Sir Philip Magnus, konservativ aber Free Trader, der ein berühmter Professor der Natnrwissenschafteit ist und die Londoner Universität vertreten wird, Sir tz. H. Samuel, konservativ (Limehouse), der zwar mehr berüchtigt als berühmt ist, Mr. Stuart M. Samuel, liberal (Whitechapel), Sir E. A. Sassvon, konservativ (.Hythe), Rufus Jsaacs, k. G. liberal (Reading), der jetzt als der berühmteste Advokat in England betrachtet wird, M. A. L. Langdon, k. C., liberal (Marylebone,, der zu den hervorragendsten und eisrigsten Mitgliedern des Direktoriums der Jto gehört, The Hon. L. W. Rothschild, konservativ aber Free Trader, H. H. Marks, konservativ (Thanet), ein Sohn des greisen Begründers der Resormgemcindc in London Rev. Prof. Marks, Charles S. Henry, Arbeiterpartei (Wellington) und Herbert Samuels, liberal (Cleveland), ein Nesse Sir Samuel Montagus, der jetzt das wichtige Amt eines linder Secretary des Ministeriums des Innern bekleidet. Außer diesen gibt es noch eine Anzahl Kandidaten, die jüdischer Abstamntttttg oder