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Neue jüdische Presse · 1906-01-05 · Heft 1 (5.1.1906) · p. Seite 5

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
4 (1906)
Issue
Heft 1 (5.1.1906)
Date
1906-01-05
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 1. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Seite 5. Oesterreich-Ungarn. Wien. Seit dem l. ds. Mts. erscheint das Jüdische Volksblatt unter deui Titel „National-Zeituiig, Organ für die gesamten Interessen des jüdischen Volkes" zweimal wöchentlich. Das Blatt erstrebt als seine vornehmste Aufgabe die Anerkennung der Juden Oesterreichs als 'Nationalität in dem demnächst vom Reichsrate zu beratenden neuen Wahlgesetze, das den Wahlmodus auf dem Nationaliläteiiprinzip aufbauen wird. Grotzwardein. Hier fand unter Teilnahme zahlreicher Vertreter der Komitats- und Stadtbehörden die feierliche Eröffnung des n e n e n j ü d i f ch e n Spitals, das 'modern und mit dem Komfort der Neuzeit eingerichtet ist, statt. Die seit 177 Jahren existierende Chewrah Kadischah erbaute und unterhält das Krankenhaus, zu dem der Staat einen Beitrag leistet. Sereth (Bukowina). Hier wurde eine Jeschiw v h , in der Bachurim ans der Bukowina, ans Galizicn und ans Rumänien Anfnahme finden, nach ungarischem Muster gegründet. Die Kinder armer Eltern erhalten Kost »nd Quartier unentgeltlich. Lemberg. Geistliche Hetzreden. In einer Banernversamnilnng in Warzyce verhinderten die Landtagsabgeordneten Pater S t o j a l o w s k i und Pater Wesolinski eine Beschlußfassung über den Antrag zu Gunsten der Einführung des atlgcincinen Wahlrechtes. Beide geistliche Abgeordneten hetzten däbei in gewohnter Weise gegen die Juden, die sich, wie sie betonten, am lebhaftesten für die allgemeinen gleichen Wahlen einsctzc». Die katholische Kirche aber, gegen die man in Frankreich einen Vernichtungskrieg eröffnet habe, sei auch hierzulande in Gefahr. Man »volle den Bauern ihren Glauben entreißen. Mit den Arbeitern, welche auf eine Herabsetzung der Preise der landwirtschaftlichen Produkte hinarbeiten, dürfen die Bauern nicht Zusammengehen. Pater Stojaloivski versicherte, daß der galizische Landtag seit acht Jahren, das ist also seitdem er — Stojaloivski — demselben als Mitglied angehöre, kein einziges volksfeindliches Gesetz 'mehr beschlossen habe. Volksfeinde seien nnnniehr einzig und allein die Juden. „Naprzod" erinnert daran, daß es im Jahre 1S07 infolge der gleichfalls in der Ortschaft Warzhee gehaltenen Hetzreden Pater StojaloivskiS in mehreren Bezirken Wcstgaliziens zu Ausschreitungen gegen die Juden gekommen sei. Großbritannien. London. Bei den im Monat Januar in England stattfindcndeil N e n tu a h l e n z u in P a r l a in e n t werden nicht weniger als 2 0 Inden sich u m ein Mandat bewerbe n. Davon werden 2 als Tarisreformer der Chainberlaiii'schen Schule, 7 als Unionisten, 7 als Liberale und 1 als Konservative kandidieren. Von den Kandidaten sind 12 bereits Mitglieder des gegenwärtige» Unterhauses. Es sind das die llnioiiisten: H. H. Marks, Captain Jesfel Walther Rothschild und Louis Sinclair, die Liberalen: M. Levh, Stuart M. Samuel, Rnfus Jsaaes und Hardert Samuel, der nenernannte Unterstcatssekretär des Innern, und die Konservativen: Sir Benjamin L. Cohen, Sir Harry S. Samuel, Colonel Lueas und Sir Edward Sassoon. Rußland. Moskau. Vom Kongreß der Lands ch a f t c r und t ü d t e. In Sachen der I n d e u frage ist vom Kongreß nachstehende Resolution angenoiniiren worden: Tie Exzesse, die nach dem 17. Oktober stattgefnndcn haben, haben mit besonderer Härte die israelitische Bevölkerung betroffen, deren Opfer in einigen Ortschaften sich auf Hunderte, ja sogar Tausende bclaiifcn. Unter diesen Exzessen haben gegen 60 von Inden bewohnte Städte und Flecken gelitten. Diese Erscheinung und ihre Zügellosigkeit erklärt sich durch die 'Nachlässigkeit, ja sogar durch die Beteiligung der Behörden an der Organisation solcher Exzesse, infolge der bei der Administration und der Bevölkerung unter dem Einfluß der Ausnahmegesetze eingewurzelten Ueberzengiing, daß hinsichtlich der Inden alles erlaubt fei und die Rechtlosigkeit der Juden, die Einschränkung der Bewegungsfreiheit, der Berufswahl und des Rechtes auf Bildung ein Kennzeichen des BevölkernngSteiles märe, gegen den es ungestraft möglich wird, Geivalttnten sowohl gegen die Persönlichkeit als das Eigentum zu üben. Zwecks Arisrottniig dieses sind unverzüglich Maßnahmen zu treffen, um neuen Schrecken vorziibengen. Ter Kongreß hat sich bereits prinziviell für die rechtliche Gleichstellung aller Bürger in Rußland ohne Unterschied der Nationalität und Konfession ausgesprochen. Tie Anwendung dieses Prinzips auf die jüdische Bevölkerung erscheint angesichts der Ereignisse als eine Maßnahme der praktischen Politik, die für die Regierung, die die Grundlagen der int Manifest verheißenen Freiheiten und Rechte dnrchsührt, unaufschiebbar und notwendig ist. Die Regierung muß anerkennen, daß dem Inden, wie jedem anderen Bürger des Russischen Landes seine Menschenrechte gesetzlich geschützt werden und alle Eiiischränlungen persönlicher Rechte, die durch die .Konfession bedingt sind, fallen müssen. Ter Kongreß erkennt, daß gegenwärtig die Gleichberechtigung der Inden festgesetzt werden muß, was die Aufhebung sämtlicher Gesetze, Regeln und Zirkulare/ die ihre Rechte einschränken, nach sich zieht. Ter Kongreß hält es für notwendig, daß der Staat der durch die Jiideninassakres ruiiiiertcii Bevölkerung zu Hülfe eilt. Bulgarien. Philippopel, 1. Januar. E h a n u k a - F e i e r. Wir voriges Jahr veranstaltete der Franenoerein „Benot Zion" auch dieses Jahr eine Ehannkafeier Dienstag, den 26. Dezember, im hiesigen zionistischen Klub. Die Lehrerin, Frl. Visa Farckii, hielt einen ziemlich langen Bortrag, in dem sie nach einem Vergleiche der Lage der JuSen zur Zeit der Makkabäer mit der Henrigei, i» rührender Weise der russischen Tchreckenstage gedachte. Dem Vorträge folgten einige hebräische und spaniolische Deklamationen, eine dramatische Szene ans dem jüdisch - spaniolischen Leben, während inzwischen ein Orchester von Mandolinen und Guitarren spielte. Die am Schlüsse vor genomniene Sammlung für den jüdischen Ralionalfvnds hatte ein erfreuliches Ergebnis. Die hiesige israelitische Schule feierte bergauge neu Donnerstag Channka. Bei der enormen Größe der Schule, die 071 Zöglinge zählt, miißlen die Schüler in drei Gruppen geteilt werden. Nachdem ein Schüler die Ehannkageschichte ans hebräisch erzählt hatte, sprach einer der Lehrer auf spaniolisch über die nationale Bedeutung des Channkafeftes. Lieder und Deklamationen in hebräischer, bulgarischer, deutscher und französischer Sprache wechselten ab. Bon den dramatischen Szenen ist „Chaua mit ihren 7 Söhnen" am besten gelungen. 'Nachdem die „Ziickeräpscl" verteilt waren, herrschte unter den Schülern die freudigste Ztimmnng. Unter lautem Jnbeigeschrei ließen sie die jüvische Nation, ihre Sprache und ihre Helden — ebenso den Direktor und die Lehrer hochlcbcn. Amerika. Rew-Nork. Die hicsiaen jüdischen Vereine, welche 'lim Besten der jüdischen Einwanderer bestehen, haben ich unter sein Namen „The United Hebreiv Relief Association" zu einer Organisation znsammengeschlossen. Major Kansmaii Mandel wurde zum Vorsitzenden und Tr. Joressohn zum Sekretär der Organisation gewählt. New-?1ork. 2363 Juden Amerikas und Englands sandten Frau Clara T. Hw, in E r i n n e r u n g an ihre» vcrslorbriieii Gatten John H a h, Staatssekretär der Vereinigten Staaten, eine 'A drei s c. Tie Adresse rühmt die Dienste, die Mr. Hai, der jüdischen Gesamtheit geleistet hat, nämlich seine Note vom September 1002 an die Signatur-Mächte des Berliner Vertrages von 1S7M, die an sie apvcllierte. Rumänien zu zwingen, Artikel 11, der die Glaubens frriheit garantiert, zu beobachten, sowie ferner die Uebersenduiig der Petition der amerikanischen Juden wegen der Massakrcs in Kischinew nach Petersburg. Tie Adresse schließt: „In dem Drang und Ungestüm ''»serer geschäftigen Zeit werden selbst die größte.! Wohltäter der Menschheit bald vergessen: aber Israel das viele Jahrhunderte hindurch gelitten hat, unterläßt es »ie, sich der ihm eriviesciien Taten der Gerechtigkeit und Menschenliebe zu erinnern. Deshalb Ivird das Kaddischgebct, das 60 Rabbiner i» Eteveland zum ehrenden Gedächtnis Mr. Jolin Hay's am Juli 100.7, während seine sterblichen Ueberreste zur letzten Ruhestätte getragen wurden, vortrugen, in den Synagogen dieses Landes, sowie auch jenseits des Meeres dauernd angenommen werden als ein Teil des Gottesdienstes an unserem Persöhnniigstage." Frau Clara S. Hai, hat in einem sehr warmen Briefe — datiert Wasbingtoii, Dezember I l. 100.7 — ihren Tank für dicie Adresse ausgesprochen. Tan Krancisco. Eine internationale Ges e llsch a ft fü r die F-ö rd eru n g de r i übischen Rechte ist hier durch Reo. Dr. Jacob Voorsanger gegründet worden. Tie Gesellschaft will allen unterdrückten Jude» der Welt zu ihren Bürgerrechten verhelfen. Ein kleines Drama. Erzählung von B c n - A in i. Autorisierte Uebersetzniig aus dem Russischen von L. C a r o. (Fortsetzung). „'Man müßte auch für dir Kinder etwas unfertige» lassen . . ." -- unterbricht der Vater das Schweige». „Wahrlich, T:i sprichst ja wie einer, der auf den Straßen heriiiiischlcndert. . . . 'Man »ins, frisch, mniiter und dazu verrückt sei, »:» von solchen Dinge» zu spreche». Habe zunächst Mazzos ini Hanse, dann lasse für die Kinder etwas anfertigen. Hni . . . Er würde für die Kinder etwas anfertigen lassen?! Was er da nicht znsamiilensaselt!" „Sieh' mal zu, ich denke, das; es Arbeit geben wird. Der Inspektor ist fest im Begriffe, manche Bücher einbinden zu lassen: dann auch der Priester. Abgesehen davon — ich vernahm, daß Reb Pinchaß einen großen Amsterdamer Schaß*) sich anschafste, den er dem Bräutigam seiner Dochter als Pessach- Geschenk schicken will. Vielleicht wird er ihn mir znm Einbiiiden geben!" „Vielleicht wird ec ihn Dir geben. Und wenn er ihn aber dem Fajwel gibt?" „Nu, Fajwel ist ja auch ein armer Jude, ihm wird es auch gelegen kommen." „Zum Teufel, Dein dumm Mitleid!" — schrie "die Mutter fast taut auf und erhob sich vor Ansregnng. wie man es am starken 'knarren bemerken konnte, von ihrem Bene. „Da fand sich nun ein Reicher, der sich nm Andere kümmert! Denke zuerst an Dich selbst nnd an Deine Kinder. Ich an seiner Stelle, - ich wäre schon zwanzig Mal bei Reb Pinchaß." „Wird man mich rnfen, werde ich hingehen" —. antivortere mein Vater leise und ruhig. Die Mutter ist ganz außer sich. „Vielleicht soll man nach Dir gar eine Kutsche schicke»! Psch . . . Es ist ja so wichtig. In der Tat. Einbinder Beinisch — es ist ja feine Kleinigkeit! Geziemt sich denn ihm, zu irgend einem R. Pinchaß hinzugehen und ihn um Arbeit zu bitten! Oj, es wird Dich zugrunde richte», es ivird Dich zugrunde richten. Dein dummer Stolz: Tn wirst mich noch dazu bringen, daß. ick, mit de» .'lindern betteln gehe» werde." Li „Nun, Tn weißt ja, Rachel: Du wirst mich nicht nmäiiderii können: ich bleib' schon so bis zum Grab. Wozu mm 'Nachts lärmen und die 'linder wecken!" „Das ist eben das Unglück, daß inan Dich nicht nnländern kann: daß Dir Tein dnmmer <2tolz teuerer ist, als Weib nnd Kind. Und ich will Dir jedoch noch einmal jagen: gehorche mal Deiner Frau und begebe Dich morgen früh zu R. Pinchaß, in seinen Lade». Es tut nichts: er wird Dir nichts ckbbeißen. . . . Was kannst Du dabei verlieren?" „Wenn er mich nötig habe» wird, so hat er schon, Gott sei Dank, wen nach mir zu schicken. Und wenn er es dent Fajwel geben will — soll er es geben. Ich werde doch nicht einem Juden sein Brot wegschiiapve» nnd — wollen wir davon nicht mehr sprechen." „Gcnng, genug mit Deinem verrückten Kopf. Du bist ja klüger als die ganze Wett. Oj, sterben kann man durch Dich. Har er ein „Vielleicht", so will er niit diesem „Vielleicht" rin Pessach zubereiten und die 'linder bekleiden uns weiß ich: was noch. 'Nun, wollen wir hören, >vas und für wen Du etwas anfertigen lassen möchtest." „Vor allem denke ich, müßte man für Leibele ein Paar Stiesel anfertigen lassen: er geht ja ganz barfüßig." „Heißt es: verrückt — so glaube!.. Womit cr ja angefangen hat! . . Es kann einem ja davon die Galle platzen. Da sind nun zwei erwachsene Mädchen, die fast nackt hcrnmgehen, nicht einmal einen Rock habe» sie — und er? hm . . . Stiefel für Leibele! .... Mir brennt das Gesicht vor Scham. Es kommt der Samstag — nnd cs ist nichts da, worin inan sich aus der Straße zeigen könnte. 'Auch die Tockter eines allerletzten Schusters — auch die hat etwas, worin sie ansgehen kann. Und die unserigen müssen nun zu Hanse hocken nnd sehen so nie das Licht, Gottes. Wie soll dies nnn ein Murterherz nicht grämen! wie kann es dabei nicht, verbluten! Es bricht mir das Herz zusammeii, wenn ich sie betrachte. Wodurch sind sie eigentlich schlimmer als die anderen? Sie sind doch, glaube ich, keine 'Krüppel. —■ Man braucht sich, Gott sei Dank, ihrer nicht zu schämen. Und ivelch goldige Hände: ans allem machen sie Gold! Nur haben sie kein Glück, — o, mein großes Elend! Ja, sic haben kein Glück, v, meine schwarzen Jahre! Die Ehaja, spricht sich wenigstens ans, wie es ihr zu 'Mute ist , es wird doch immerhin leichter. Die Aelrere aber sagt es nie heraus, sie leidet und schweigt: nur manches Mai weint sic sich aus — irgendwo in einem Winkeichen: daß cs ja niemand inerte." Tumpses Schluchzen erstickte die Worte der Mutter Ter Vater linstet heftig und stoßweise. Der Wind heult mir einer eigentümlichen Wut nnd Grimniigkeic: die Spelten tlvvfei, öfters im Ofenrohr stark an. Ich zittere ganz vor 'tälte und rücke mich imnicr näher zu meinem Brüderchen, das des Vaters Burnus, mit welchem wir uns beide zudecken, aus seine Seite hinüberzog. Tie Katze, ivelche bisher unter der Ofenbank behaglich ruhte, kriecht setzt, offenbar Beute witternd, plötzlich hervor nnd schreitet über »leine Beine. *) Sämtliche Traktate des Talmuds.

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