Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 4 (1906)
- Issue
- Heft 1 (5.1.1906)
- Date
- 1906-01-05
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Nr.-1. „Kollegen", die sich nicht entblöden, die Zurückhaltung von einem Chillut Schabbos, wie vom Schreiben am Habbat, als „Rückständigkeit" und ärgerliche Erschwerung des Unterrichts vor der Ocffcntlichkeit zu bezeichnen. Bei dieser gcmeinsanicn Verbandstätigkeit handelt es sich aber nicht bloß uni soziale, wirtschaftliche usw., auch nicht etwa blos; um didaktische Aufgaben, auch nicht einmal der Hauptsache nach. Vielmehr ist in den Beschlüssen der Dclcgiertenversammlung des Lehrcrverbandes.. vom 26. und 27. Dezember 1898 „die Behandlung aller die jüdischen Lehrervcreinc in Deutschland bctrcfsciiden F r a g c n d e s U n t e r r i ch t s als erster Zweck festgesetzt worden. Hierunter ist fast ausschließlich der jüdische Religionsunterricht verstanden, wie sich dieses von selbst ergibt, au; der Tatsache, daß mindestens 75 Prozent der Pcrbandsmitgliedcr nur Religionslehrer sind und ferner daraus, daß man für die Erörterung voir allgemeinen Unterrichtsfragen eines besondren jüdischen Lehrcrverbandes nicht bedürfte. Siehe Die Verbände nsw. S. 3 ff. Nun haben alle maßgebenden Vertreter des gcsetzestrcuen Judentums, die überhaupt zu dieser Frage das Wort ergriffen, ausnahmslos erklärt, daß cs nach den Grundsätzen des überlieferten Judentums für jüdische Lehrer, die auf dem Boden des traditionellen Judentums stehen, eine gemeinsame Wirksamkeit zur Behandlung von Fragen des Religionsunterrichts mit den Verleugnern desselben nicht geben könne. Der Richtigkeit dieses unbestrittenen Satzes kann sich auch der Verfasser jenes Artikels im Frankfurter Israelitischen Familien Blatt nicht verschließen. Erklärt er doch ausdrücklich, daß cs sich bei der von ihm befürworteten gemeinsamen Tätigkeit um die „Aiitarbcit an einer jüdischen Arbeit, bei der die religiösen Interessen unberührt bleiben könne n" handelt. (Der Satz ist von dem Verfasser selbst durch Sperrdruck hervorgehoben.) Und dennoch stellt er die Forderung für den fest znorganisierenden gesetzcstreucn Lchrerbund, „daß dieser Zusammenhang nicht zu einer Trennung von der jüdischen Gesamtheit führen dürfe. (Auch diese Hervorhebung im Drucke rührt von demselben Verfasser her.) Eine Lösung dieses Widerspruchs gibt es nicht. Es ist ein Krankhcitssymptom, wenn Postulate des einfachen Denkens in Frage gestellt werden. Geschieht es aber doch, so hilft cs nichts, die Frage zu ignorieren; sie muß ungeachtet ihrer Ueberflüssigkeit beantwortet werden. Dieses bildete die Voraussetzung, die 42 Vertreter des gcsctzestreuen Judentums dazu bewog, die religionsgcsetzlichc Unzulässigkeit der gemeinsamen Behandlung rcligionsunterrichtlicher Objekte mit den Leugnern der Göttlichkeit der Thorah für die Bekenner derselben auszusprechen. Selbstverständlich hat sich kein gesetzestreuer Rabbiner gesunden, der die Möglichkeit des Zusammenwirkens dieser 2 entgegengesetzten Bekenntnisse für Fragen des Religionsunterrichts, um die cs sich hier handelt, behauptet hätte. Selbst den treibenden Faktoren der Verbandsbildungen, soweit sie für sich die Zugehörigkeit zum gesetzestreuen Judentum beanspruchen, ist angesichts der bekannten allzu abschreckenden Auswüchse der Verbandssaat der Atem ausgegangen. Man sah, daß die öffentliche Meinung zu sehr emporschäumte, als daß man sie mit der zugkräftigen Patenrphrasc von der Pflege der »erduldenden und der Fernhaltung der trennenden Momente hätte beschwichtigen können. Da kam man auf den rettenden Einfall, cs müsse in die Verbandssatzungen zum Schutze der gcsctzestreuen Kollegen im Lehrerverbande eine Kautele ausgenommen werden, die rhncn gegen Vorkommnisse wie die Veröffentlichung der ominösen „Denkschrift" Garantie bieten sollte. Wer wie jeder Einsichtige voraus wußte, konnte man eine solche Kautele nicht herausbringen. Endlich, nach langem Brüten, kam doch ein Küchlein herausgekrochen, aber es erwies sich nicht als lebensfähig: es sollte in die Satzungen des Lehrerverbandes eine Kautele ähnlich dem Paragr. 16 der Satzungen des Rabbinerverbandes ausgenommen werden. ' Nach diesem Paragr. 16 dürfen innerhalb des Rabbinerverbandes religiöse Fragen, die einen Verstoß gegen die religionsgesetzlichen Bestimmungen der maßgebenden Decisoren enthalten, nicht erörtert werden. Landläufig ausgedrückt: Was schon von maßgebenden Autoritäten (Poskim) als Halachah recipiert ist, darf von dem Rabbinerverband nicht in Frage gezogen werden. Wie sehr diese Kautele auch innerhalb des Rabbinerverbands nach der linken Seite lächerlich und nach der rechten zwecklos ist, ist in meiner Schrift über Die Verbände S. 83 fs. nachgewiesen. Aber geradezu sinnlos ist es, eine ähnliche Kautele für den Lehrerverband aufstellen zu wollen. Hat es denn.derLehrcrverband mitreligionsgesetzlichen Entscheidungen zu tun? Das werden selbst die größten Chauvinisten des Verbands, die den Lehrer zmn religiösen, alias geistlichen Führer der Gemeinde uno den Rabbiner entbehrlich machen wollen (s. /Die Verbände S. 7), nicht als Aufgabe desselben erklären wollen. Der Vorschlag erweist sich soknit als ein arges Verlegenheitsmanöver von einer Seite, die die Zugehörigkeit zum konservativen Judentum für sich in vollem Maße in Anspruch nehmen möchte und den Schwerpunkt ihrer Stellung und Wirksamkeit doch nur in der intimsten Herzensverivandschaft mit den radikalsten Verleugnern des göttlichen Wortes findet. Ucbcrdics hatte man auf jener Seite noch eine greifbare aktuelle Veranlassung, unter allen Umständen eine Schntzbestimnlnng für die gesctzcstrcnen Mitglieder des Lehrerverbands heraustüsteln zu wollen. Während nämlich nach der Verösfentlichnng jenes dem überlieferten Jndentum hohnsprcchenden Entmann'schcn Exposes, durch welches den jüdischen Lchrervereinen bei der Behandlung der Fortbildnngssragc die unsere heilige Thora schändenden, und das Jndentnm als solches herabwürdigenden Schriften der Reuß-Graf-Wellhauscn'schcn Schule als Material cmpsohlen wurden, ein orthodoxes Mitglied des Rabbincrverbands in mehreren jüdischen Zeitschriften erklärte, daß, wenn der Vorstand des Rabbinervcrbands jemals so Vorgehen würde, wie der Vorstand des Lchrcrverbands cs getan, dies unbedingt den Austritt der maßgebenden orthodoxen Mitglieder des Rabbiner-Verbandes zur Folge haben und dessen Weiterbestand und seine Grundlage erschüttern würde, entschloß man sich ans jener wohlbekannten Seite gerade jetzt, im Angesichte jenes von dem Vorstande des Lehrerverbands gegen das gesctzcstreue Jndentnm begangenen Frevels zum Eintritt in denselben Lehrerverband und führte ihn mit den sämtlichen dorthin gehörenden Lehrern zusammen aus (Die Verbände usw. S. 135 ff.). Das Befremden, das ein solcher Schritt hervorricf, und die infolgedessen an jene Seite gerichteten Interpellationen führten zn der Absicht, eine Schutzbcstimmnng gegen künftige Attentate auf das gesctzcstreue Judentum in die Satzungen hincinbringen zu wollen, wobei man sich freilich hätte sagen müssen, daß eine Kautele niemals von rückwirkender Kraft sein, also auch jenen verhängnisvollen Fehltritt — den Anschluß an den Lehrcrverband unter den vorhandenen Umständen — nicht wieder gut machen könne und daß sich eine wirksame Schutzbestimmung unter Beibehaltung der gemeinsamen Behandlung von Fragen des Religionsunterrichts als der vornehmsten Aufgabe des Lehrcrvcrbands überhaupt nicht denken lasse. Wie sehr jener Fehltritt dazu angetan war, die Begrisfsverwirrung bis zum Aeußcrsten zu steigern, erhellt dgraus, daß man das Schamgefühl ob solcher unnatürlichen Verbindung durch die schellcnlante Erklärung zn unterdrücken suchte: „G c m e i n s a m (d. h. im Verein mit den Thorah-Leugnern) m ü s s e m a » d i e b c st e n M i t t e l n n d Wege für die relig i ö s e E r z i c h u n g d e r I u g c n d f i n d c n n » d benutze n!"- (Schluß folgt.) Die Wasserkräfte Palästinas. Von Ingenieur N. Willbuschewitsch, Jaffa (Palästina). Aus dem Russischen übertragen von Ingenieur I. Feingold. (Fortsetzung.) Seine Bedeutung für die Industrie erlangt der Jordan erst, nachdem er den Merom-Sce verlassen hat, auf einer Länge von 16 Kilometern bis zum Tiberias-See, woerausdieserkurzenStrecke ein Gefälle von 210 Metern aufweist. Annähernd läßt sich die Wassermenge des Jordans im Mittel auf 15—20 Kubikmeter pro «ckunde feststcllen, was insgesamt eine motorische Kraft von: 15 Kubikmeter X1600 Liter X 210 Meter X PS. X 0,75 — 31,500 effektive Pserdckräfte ausmacht. Die mittlere Zone des Jordans ist auch noch dadurch von Wichtigkeit, daß dessen Ufer Privateigentum bilden und infolgedessen erworben werden können. Am rechten Ufer des Jordans, in der Nähe der Brücke „Djif-Benath-Jacub" ist die jüdische Kolonie „Mischmar-Hajardan" gelegen, an deren Grenze sich auch eine arabische Wassermühle befindet, zu der das Wasser vermittelst Abzugskanal zugeleitet loird. Eine ungefähre Messung der Wassermenge des Jordans habe ich am 27. November 1903, noch vor Beginn der Regenperiode vorgcnommen, und zwar in der Nähe der Brücke bei Jericho. Diese Messung ergab folgende Resultate: Oberflächenbreite — 24 Meter. Annähernde durchschnittliche Tiefe — 0.71 Mir. Querschnitt — 24 mal 0,71 — 17,04 Quadratm. Stromgeschwindigkeit ca. 100 Nieter in 77 Sekunden oder 1,3 Meter in der Sekunde. Eine Wassermenge pro Sekunde also — 17,04 mal 1,3 — 22 .Kubikmeter. Eine zweite genaue Messung des Jordans habe ich nun im Frühjahre mn 6. März 1904 in der Nähe der neuen Eisenbahnbrücke, unterhalb der Stelle, wo sein großer Nebenfluß, der Jarmuk, in den Jordan mündet, vorgenommen. Infolge der sehr winzigen Niederschläge im Winter 1903/04 können die Resultate dieser Messung als Turchschnittsmaß für das ganze Jahr angenommen werden. Zur genaueren Berechnung kann der Querschnitt des Flusses in zwei Teile geteilt werden, in einen rechten mit größerer Stromgeschwindigkeit und in einen linken mit kleinerer. Tie Messungen wurden auch an beiden Teilen ausgeführt. Ws Resultat dieser Messungen ergab sich nun eine durchschnittliche Wassermenge des Jordans von c a. 33,25 Kubikmeter pro Sekunde.*) In der trockensten Jahreszeit sinkt der Wasserstand des Jordans um ca. 0,3 Meter und es ergibt sich hierbei eine minimalste Wassermenge vpn, ca. 22,8 Kubikmeter, also annähernd das gleiche, wie (es sich bei der ersten Messung ergab. ( Den Tiberias-See verlassend, fließt der Jordan zwischen zwei Gebirgsketten, den Gebirgen Juda und Adjulin, durch das Tal „El-Ror", das an Niveautiefc einzig dasteht. Dieses Tal beginnt am Tiberias-See mit einer Tiese von 208 Meter unter dem Meeresspiegel und endet südlich mit dem Toten Meere in einer Tiefe von 394 Meter, wobei es über 100 Kilometer lang ist und stellenweise bis an 20 Kilometer b.rcit. Während nun auf den .Höhen die Temperatur im Verhältnis zur normalen eine niedrige ist, herrscht im Tale El-Ror, infolge seiner besonders tiefen Lage, eine beständige Hitze, wodurch dieses Tal die klimatischen Bedingungen der tropischen Länder aufweist. Fast das ganze Gebiet ist persönliche Domäne des Sultans, sogenannter Djiftlik, und wird an die dortigen Fellachen und Beduinen gegen ein Fünftel des Ernteertrages verpachtet. Es ist begreiflich, daß durch ein solches Wirtschaftssvstem diese Gegend der völligen Verwahrlosung anheimgefallen ist und von den Vorzügen der tropischen Kultur dort keine Spur zu finden ist. Der Jordan bildet in seinem Laufe durch das Tal El-Ror zahlreiche Biegungen, so daß seine Länge auf 200—300 Kilometer geschätzt wird, bei einem Gesamtgefälle von 186 Meter. Bei Errichtung von Wehren kann man an jedem Punkte ohne besondere Schwierigkeiten ein Gefälle von 3 Meter erzielen, stellenweise noch viel mehr, so daß die' Energie des Jordans sich an je einem Punkte ans etwa 1000 - Pferdekräftc beziffert.**) Der Bau von Abzugskanälen empfiehlt sich für das erste als zweckmäßiger, da die Sperrung des Jordan durch Damben zu große Kapitalien erfordern dürfte, sowohl für die Anlagen selbst, als auch für die Erlangung von Konzessionen, deren Gelingen mitunter sehr fraglich ist. Doch die Nutzbarmachung großer Wasserkräfte wird vorderhand auch gar nicht in Aussicht genommen. Turch Abzugskanäle kann nian aber schon mit Leichtigkeit ein großes Gefälle bis zn 8—10 Mtr. erzielen und so Effekte von mehreren Hundert Pferdekräftcn erzielen, was hinlänglich ausreicht zum Betrieb von einer großen Anzahl industrieller Unternehmungen, so z. B. einer Zuckerfabrik, die hier sehr am Platze wäre wegen der außerordentlich günstigen klimatischen und kommerziellen Bedingungen und der vorzüglichen Bodenbeschafsenheit, wie schon aus den Minen einer alten arabischen Zuckerfabrik „Tachunath-El-Schuckcr" zu schließen ist, auf dem Grundstücke, das von der Schule „Kiriath- Sofer" unweit der Eisenbahnlinie Haifa-TamasknS- Mekka erworben worden, ist. Eine Konzession zum Bau eines Wzugskanals aus eigeneni Grundstücke ist bedeutend leichter zu erlangen, noch vorteilhafter aber ist's, bereits bestehende Mühlen zu erwerben und dann die vorhandenen Kanäle erweitern, das Gefälle vergrößern usw. In solchen Fällen erübrigt sich das Nachsuchen besonderer Konzessionen, da die Mühlen ja längst bestehen, selbst auch dann, ivenn an Stelle der Mühlen andere Betriebe errichtet werden. Solche Mühlen mit Abzugskanälen sind allerorts zn begegnen. An der Straße von Media nach Milgamia ist eine Mühle gelegen mit einem ziemlich breiten Abzngskanal und mit einem Gefälle von ca. 4 Metern, welches seicht verdoppelt werdcit kann. Tiese Mühle bietet für uns besonderes Interesse schon aus dem Grunde, weil sic einem dortigen Juden gehört. Tie Mühle ist nebst anliegendem Grundstücke und Kanal für Jk 20—30 000 zn erwerben. In jüdischem Besitze befinden sich die Ufer des Jordans von seinem Ausflüsse aus dem Tiberias-See an bis nahezu zur Eisenbahnbrücke. Nur auf einer Länge von etwa 2 Kilometer am Anfänge dieser Strecke gehören die Ufer des Jordans an beiden Seiten der Schule „Kiriath-Sofer", weiter aber auf einer Länge von 10 Km., in gerader Lustlinie gerechnet, gehört nur das rechte, westliche Ufer den Kolonien A b e - d i a und M i l g a m i a, die von der Jca in letzterer Zeit angekauft worden sind. Die südlichen Nebenflüsse des Jordans sind gleichsalls von größter Bedeutung. Ter größte und wasserreichste von diesen ist der Jarmuk oder „Scheriath- El-Aienadir", der einem kleinen See bei M' s e r i b auf einer Höhe von 438 Meter entspringt und in den Jordan in einer Tiefe von 258 Meter unter dem Meeresspiegel mündet, mithin auf dieser kurzen Strecke von 55—60 Kilometer ein Gefälle von ca. 700 Meter (genauer 696 Meter) aufweist. *) Die einzelnen Taten der Messungen, die im Originale ausführlich angegeben sind, habe ich der Kürze und Uebersichtlichkeit halber weggelassen. (Der Uebersetzer.) **) Ta das Gesamtgefälle des Tals El-Ror 186 Mieter beträgt, so ergeben sich theoretisch (was auch in der Wirklichkeit wohl zutreffen wird) für ein Gefälle an einem Punkte von 3 Meter 186/3 — 62 Punkte oder 62 mal 1000 — 60 000 Pferdekräfte Gesamtenergie des Jordans vom Tiberiassee bis zum Toten Meere. (D. Uebersetzer.)