Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 4 (1906)
- Issue
- Heft 1 (5.1.1906)
- Date
- 1906-01-05
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Beilage zu Nr. 1 des Frankfurter Israelitischen Familieublattes. Inhalt der Beilage: Artikel: Gedächtnisblätter einer jüdischen Mutter. — Die Neubildung der Verbände. — Die Wasserkräfte Palästinas. — Die deutsch-amerikanischen Juden kn Handel und Industrie. — Aus aller Welt. — Personalien. — AusderLehrerwelt. — Aus der zionisttschen Bcwegung. „I ü d i s ch e I u g e n d." Gedächtnisblätter einer jüdische» Mutter. (Nachdruck verboten.) Vorwort. Mit den nachfolgenden „Gedenkblättern einer jüd. Mutter" wird in abwcchslungsvoller Reihe ein Einblick in das Innenleben einer jüdischen Frau gegeben werden, die nicht etwa aus Lust zum Fabulieren zur Feder gegriffen, sondern dabei nur von dem Gedanken geleitet war, den Kindern und Enkeln am Beispiele der Vorfahren den rechten Lebensweg zu weisen. Wohl liegt dieses literarische Vermächtnis schon in Buchform vor.*) Das jüdisch-deutsche Idiom, in dem es verfaßt ist, kann aber nur von Kennern richtig verstanden und dann freilich auch umsomehr geschätzt werden. Durch eine möglichst dem Original angcpaßte llebersetzung sollen nun diese Ergüsse einer wahrhaft edlen Seele zum Herzen unserer Leser und insbesondere der jüdischen Frauen und Töchter sprechen. Der volltönende und erschöpfende Inhalt des Buches läßt jede nähere Einleitung überflüssig erscheinen. * * * Was ich hier niederschreibe, was ich schon niedergeschrieben und schreiben werde, geschieht in tiefer Hcrzensbetrübnis nach dem Hinschcidcn meines lieben Mannes, Friede mit ihm, der unser getreuer Hirte gewesen. Wahrlich, nur unserer Sünden ivillen hat der Allgütige ihn zu sich genommen, denn „des Unheils wegen ivnrde eilige» sammelt der Biedermann". Ich will hierbei nicht lange verweilen, denn ich will Euch, liebe Kinder, diese „Erinnerungen" in 7 Büchern eingetcilt, hinterlassen, so Gott mir Leben gibt, und da wird es am besten sein, wenn ich mit meiner frühesten Jugend beginne. Geboren bin ich im Jahre 1647 in Hamburg und ich danke mit der ganzen Glut meines Herzens dem Schöpfer, das; er mich nach seinem allmächtigen Willen geschaffen und bitte ihn, den guten, gütigen Schöpfer, mich in seinen heiligen Schutz zu nehmen, all' die Tage meines hiniedigen Erdenwallens. Wohl bin ich in Hamburg geboren, aber wie ich erzählen hörte, bin ich noch nicht 3 Jahre alt gewesen, als eine große Judenvertreibnng in Hamburg stattfand und alle Juden sich nach ülltona: retteten. Altona stand damals unter dänischem König und unter ihm erfreuten sich die Juden der besten Förderung. Dabei ist es kaum eine Viertelstunde von Hamburg entfernt und hatte damals etwa 25 jüdische Haushaltungen. Dort also haben wir längere Zeit gewohnt und sind später wieder nach Hamburg übergesiedelt. Der Hamburger Senat gab den Juden Pässe, die vierwöchentliche Gültigkeit hatten und ihnen gestatteten, in Hamburg Geschäfte zu treiben. Ein jeder Paß kostete 1 Dukaten und mußte nach 4 Wochen stets erneuert werden. Oft aber sind ans diesen 4 auch 8 Wochen geworden, denn einige jüd. Geschäftsleute hatten Senatoren oder sonstige Beamte in Kundschaft. Es ist aber den Leuten auch gar schwer gefallen, sich zu ernähren, mußten sie doch ihren ganzen Verdienst in Hamburg suchen. So kam es denn auch vor, daß manche arme Leute sich ohne Paß hineinschlichen und von der Polizei gefangen genommen wurden. Die Auslösung hat dann viel Geld gekostet und hat viele, viele Leiden verursacht. Morgens bei Tagesanbruch nach dem Gottesdienste sind die Männer sofort in die Stadt (Ham- *) Tie Memoiren der Glstckel von Hameln, 1645 bis 1719, herausgegeben von Prof. Dr. David Kaufmann. Frankfurt a. M., I. Muffmann, 1896. bürg) gegangen, und gegen Abend bei Toresschluß kehrten sie wieder nach Altona zurück. Wenn sie so hinanszogen, mußten sie oft um ihr Leben fürchten. Wegelagerer, Räuber und sonstiges Lumpengesindel lauerten ihnen aus, sodaß eine jede Frau fürwahr Gott dankte, wenn ihr Mann wieder wohlbehalten zu Hause eingetroffen war. Mit den aus Hamburg Zugezogenen wohnten damals in Altona kaum 40 jüdische Familien, sie besaßen alle keine großen Rcichtümer, aber ein Jeder ernährte sich ehrlich, schlecht und recht. Der Reichste unter ihnen war Chaim Fürst, Friede mit ihm, bei einem Vermögen von 20 000 Rcichstalern. Der selige Vater besaß etwa 8000 Reichstaler, andere noch weniger, sic alle aber haben sich redlich durchs Leben geschlagen und in Eintracht und Frieden zusammen gelebt. Im allgemeinen ist man aber dabei zufriedener gewesen, als es heutzutage die Allerreichsten sind. Wer selbst nur 500 Taler sein eigen nannte, ließ es sich wohl und guter Dinge sein, jeder lebte glücklich und zufrieden mit dem ihm gewordenen Anteil, weit mehr als in unserer jetzigen Zeit, in der die Reichen nicht zu crsättigen sind. Mit Recht heißt es in betreff dieser im Verse: „Kein Mensch stirbt und hat auch nur die Hälfte seines irdischen Begehrens erfüllt gesehen!" Allezeit lebt in meiner Erinnerung das Gedächtnis an meinen sel. Vater, der ein so gottesfürchtiger Mann gewesen, wie es kaum einen zweiten gegeben und er hätte es auch im Leben recht weit gebracht, hätte ihn nicht das Zipperlein so sehr geplagt. Dennoch hat er aber Frau und Kinder bestens versorgt, Als ich nun etwa 10 Jahre alt wurde, brach zwischen dem König von Schweden und dem König von Dänemark ein Krieg aus. Viel kann ich davon nicht erzählen. War das dvch in meiner frühesten Kindheit; ich saß damals noch als Kind in der Schulstube. In dieser Zeit wurde uns in Altona gar bange und kummervoll zu Mute. Ter Winter war so bitterkalt, wie seit 50 Jahren keiner gewesen war und man hat ihn den „Schwedcnwinter" genannt. Da hatte der Schwede leichtes Spiel. Alles war Stein und Bein zusammengefroren und da konnte er überall gut übersetzen. An einem Sabbat war es, da kmn die Schreckenskunde: „Der Schweb' kommt!" Es war am frühen Morgen, noch zur Schlafenszeit. Wir sind auf den Schrcckcnsruf hin aus den Betten gesprungen und die Eltern sind mit uns kaum bekleideten Kindern in die Stadt gelaufen, wo wir teils bei den sephardischen Juden,*) teils bei den Bürgern Unterschlupf fanden. Nachdem wir hier längere Zeit zugebracht hatten, siedelten wir wieder ganz nach Hamburg über und der Vater war der erste (deutsche) Jude, der wieder in Hamburg seinen Wohnsitz nahm. Jhni folgten dann alle die 22 Haushaltungen, die mit uns nach Altona geflüchtet waren, wieder nach und in Altona blieben nur die schon vor der „Judenvertreibung" dort wohnhaften zurück. In Hamburg hatt> man damals wenig Judensteuer zu zahlen, denn das konnte jeder mit dem betreffenden Steuerbeamten nach Gutdünken abmachen. Wir hatten aber in Hamburg keine Synagoge nnd überhaupt keinen privilegierten Wohnsitz, nur durch Gnade nnd Barmherzigkeit des Rates durften wir uns dort aufhalten. Die Juden sind aber doch zum Gebete zusammengekommen und haben, so gut sie es konnten, in den Wohnungen Gottesdienst gehalten und obgleich man bei Rate davon wußte, hat man gerne „durch die Finger gesehen". Sobald aber die Geistlichkeit davon erfuhr, widersetzte sie sich und verjagte uns, sodaß wir als „schüchterne Schafe" nach Altona „schulen gehen" mußten. Nachdem dies eine Zeit *) Die sephardischen Juden hatten in Hamburg besondere Ansiedelungsprivilege. lang gewährt, sind wir wieder „in unsere Schiilchev gekrochen". Und dabei blieb es. Zeitweilig hatten wir Ruhe und zeitweilig war man hinter uns her, bis auf diesen Tag. Und ich fürchte, das wird immer so sein, so lange wir in Hamburg leben und die Bürgerschaft dort regiert. „Gott der Allmächtige in seiner Gnade nnd Liebesfülle erbarme sich unser und sende uns den Erlöser, daß wir dem ''Allmächtigen, sein Name sei gesegnet, dienen in der Reinheit unseres Herzens und unser Gebet verrichten in dem hocherhabenen Heiligtunr, in Jeruscholajim der heiligen Stadt. Ämen." (Fortsetzung folgt.) Die Neubildung der Verbände. Beurteilt nach alten Gesichtspunkten. Von Dr. M. C a h n. (Fortsetzung). Handelte es sich bei derartigen Verbänden in Wirklichkeit nur um Aufgaben sozialer usw. Natur, so bedürfte es nicht erst der Mahnung von jener Seite, ein einmütiges Zusammenwirken aller in ihren religiösen Anschauungen noch so sehr auseinandergehenden Kreise herbeizusühren, wie dies auch in meiner Schrift: Die Verbände usw. S. 98 s. ausgeführt ist. Daß viele unserer Gesinnungsgenossen sich unter dieser Voraussetzung dem Verbände der Juden angeschlossen haben, ist nicht zu verwundern. Sie sind durch die satzungsgemäße Abweisung von Fragen der Religion und des Kultus vollständig beruhigt. Die Bedenken, die sich trotzdem, auch bei aufrichtiger. Erhaltung dieser Satzungsbestimmung für die Bekenner des gesetzestreuen Judentums aus der Beteiligung anl Verbände ergeben, liegen nicht an der Oberfläche. Nachdem ich jedoch diese Bedenken nach meiner innersten Ueberzeugung, wie sich diese durch aufmerksame Beobachtung der Entwicklung unserer Verhältnisse seit zwei Jahrzehnten in mir herausgebildet hat, in meiner Zuschrift an den Ausschuß der deutschen Juden verössentlicht habe, hätte ich wohl billiger Weise erwarten dürfen, daß diejenigen, die sich als „die allerletzten erklären, denen die Reinhaltung der Geistes- und Lebensprinzipien des überlieferten Judentums nicht höher stünden als alle Vorteile sozialer usw. Natur", wenigstens zu meinen Ausführungen Stellung genommen hätten, anstatt mich in durchaus unzutreffender Weise zu bezichtigen, ich wolle die Trennung auf alle Gebiete, selbst auf das soziale übertragen. Was soll man aber dazu sagen, wenn bei dieser Gelegenheit mit Bezug aus den „Bund gesetzestreuer jüdischer Lehrer" erklärt wird, man halte es für ein dringendes Erfordernis, die positive Richtung, die sogenannte Orthodoxie, fest zu organisieren, betone aber energisch, das; dieser Zusammenschluß nicht zu einer Trennung von der jüdischen Gesamtheit führen dürfe." Mit dieser Aeußerung wird einem gesetzestreueu Lehrerbund innerhalb des allgemeinen Lehrerverbandes das Wort geredet. „In dieser Hinsicht," heißt es im Anschluß an diese Mahnung, „ist man,' seitdem die Führerschaft der Orthodoxie in den Händen des Herrn Dr. Breuer- Frankfurt ruht, zu weit vorgegangen; mmr will die Trennung aus alle Gebiete — selbst aus das soziale — übertragen." .... Gerade die Orthodoxie sollte ihr Vertrauen zu Gott, der schon jedes ehrliche Wollen zuin Besten lenken wird, zur Mitarbeit an einer jüdischen Arbeit, bei der die religiösen Interessen unberührt bleiben können, aussordern.". Dann wird aus dem Umstande, daß nur ein „Bruchteil" unserer orthodoxen Rabbiner den Aufruf unterschrieben hat, den Dr. Breuer jüngst gegen den Beitritt zum „Verband der jüdischen Lehrervereine im Deutschen Reiche" erließ, der Schluß bezogen, daß auch die Mehrzahl der orthodoxen Rabbiner Deutschlands nicht auf dem Standpunkte der Herren Dr. Breuer und Dr. Cähn stehen, sondern Gesinimngsgenossen jener sind, die „im Prinzip" dem Verband der deutschen Juden durchaus wohlwollend gegenüberstehen. Die unfaßbare Begriffsverwirrung, die bei der Begründung jener unnatürlichen Verbindungen in die Erscheinung tritt, tut sich in den erwähnten Sätzen wieder einmal in ihrer unverhüllten Blöße hervor. — Demnach sollten diejenigen jüdischen Lehrer, denen die Anerkennung der Taaroh hakedaaschoh der Lebensodem ist, weiter in gemeinsamer Wirksamkeit verharren mit den radikalen Verleugnern ihres Lebensprinzips, weiter über Fragen des Religionsunterrichts beraten und verhandeln mit denjenigen „Kollegen", die die bibelkritischen Werke der Wellhausenschen Schule als Fortbildungsmaterial für die jüdische Lehrerschaft mit in Betracht ziehen und sie in der Hauptsache als richtig erklären, mit solchen