Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 4 (1906)
- Issue
- Heft 1 (5.1.1906)
- Date
- 1906-01-05
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Seite 3. Nr. 1. angeführten Bedingungen teilweise oder nnch keinesfalls entsprechen können. Dieser Pnnkt klingt zwar sehr edel, ivird aber in der Praxis höchstwahrscheinlich nur sehr selten Anwendung finden, da es aus Gründe», die man leicht cinsehen kann, fast niemals einem solchen Flüchtling gelingen lvird, die gewünschte» B e >v e i s e zn erbringen, nur dies in den Verordnnngen seitens der Einwanderungskommission durch Unterstreichung hervvrgehvben lvird. Wäre dies eine Zache der Möglichkeit, so dürften alle russischen Inden, die jetzt unter der Kosakennngaika verbluten, ohne lvciteres zugelassen lverden. — Da die Restciktivnsgesetze für Transmigranten keine Ausnahmen bilden, so dürsten die englischen Schiffahrts-Gesellschaften dadurch große Berlnste erleiden, indem jetzt die nach Amerika Emigrierenden nicht mehr London anfsuchcu werden, >vie sie es bis nun ans verschiedenen Gründen, getan haben, sondern nachdem sie bereits die Wohltat der preußischen Inspektion an der russisch-deutschen Grenze gekostet haben, von Hamburg dirck nach Ncwyvrk fahren lverden, um sich en route keiner zweiten Inspektion in England unterziehen zn müssen. Wird ein Immigrant vom Untersuchungsbeamten für „condesirable“ befunden, so wird ibm die Landung verweigert. Er erhält dann einen Schein mit Angabe der Gründe seiner Nichtzulassung und der Bemerkung, daß ihm das Recht zustehe, innerhalb ZI Stunden an das „Board vf Appeal" des „Immigration Board" zil appellieren. Das Gesuch kann einem Eiuwanderungsbeamten übergeben oder der nächsten Zvllamtsstation zugestcllt lverden. Das Board vf Appeal besteht aus Beamten des Iinmigration Board, Vertretern verschiedener Schifsahrtsgesell schäfte» und Wohltätigkeitsanstalten, die gleiches Recht haben, über die Gewährung oder die Abweisung des Gesuches zu bestimmen. Im Londoner Board vf Appeal des Iminigrationc-bureäns, das in Bla livall seinen Zitz haben wird, lverden auch unter 20 Repräsentanten der Präsident und zwei andere Komitceinitglieder des jüdischen Board os Guardian Zitz und Ztimine haben. Eine höhere Instanz als das Board os Apveal ist das Ministerinni des Inner», zu dem die neue Institution gehört. Morgen lvird ein Zchiff mit Einwanderern von Hamburg oder Bremen erwartet. Dieses Tchisf wird der erste Zeuge des Z » s ch l i c s> e n s der c i n - z i g e n Z u f l u ch t s st ä t t e, die unser e n u ng l ü ck l i ch e n B r ü d e r n » och o f f e n st and, und d e s D r c n b r u ch e s E n g l a n d s sein e n alte », st o I z e n F r e i h e i t s t r a d i t i o ir e n g e g c n ü b e r. Und die Presse lvird in ' Gravesseud stark vertreten sein, um nachher ruhig der Welt mitteilcn zu können, daß ein unglückliches Volk unglücklicher geworden ist. So weit über das Wesen der neuen „Gseirah". Wie sie in Wirklichkeit gchandhabt lverden und wie sie unser armes Volk empfinden lvird, kann, lvie gesagt, nicht prophezeit werden. Das Wort darüber gehört der nächsten Zukunft. Wollen wir das beste hoffen! Brief aus Frankreich. Das französische Volksleben gleicht einem tollen Hexenkessel, in dem es siedet und brodelt. Tie bewegte französische Seele muß immer einen Ableiter haben. Nur die „Glvire" kann die französische Volksteidenschast dämpfen und da Glvire nicht immer zu haben ist, so muß die „Affaire" oder der „Z kaudal" die Gloiresucht ersetzen. Dieser Grnndzng des französischen Bolkscharaktcrs erhellt 'nianchc dunkeln Zeiten der französischen Geschichte. Und wer in die Lücken des Webstuhls der französischen Zeit Einblick nehmen will, muß mit dieser charakteristischen Eigentümlichkeit der französischen Psyche rechnen. Diese Erkeniitnis bietet uns manches zum Berstündiiis der französischen Indcnheit, auf deren Entlvicklung und gegenwärtige Lage die wechselvolle Witterung im französischen Volksleben einen ungewöhnlichen Einfluß ansübt. Nirgends in der Diaspora ist der Jude von dem Knlturmilien so stark beeinflußt, lvie in Frankreich. Der Einfluß ist aber kein günstiger. Wenn sich der französische Jude heute einer relativen Ruhe erfreut, so ■ kann er darauf gefaßt sein, daß er morgen von einer plötzlich heranbrechcnden Woge des A n t i s c- Frankfurter Israelitisches Familienblatt. »I i t i S III u s überflutet lvird. Tenn eine „Affaire" muß der Franzose haben, und der Zündenbock dieser Affaire ist immer der Jude. So war es bei der Affaire „Panama", bei der Affaire „Treyfnß", bei der Affaire „Humbert", und heute, wo das französische Volk um ein Nationalvermögen von 15 Milliarden Franken, die es in den Magen Rußlands gcsteckt, besorgt ist, sind es wieder oie Juden, die man für den Ausbruch der Katastrophe verantwortlich machen möchte. Das ist auch der eigentliche Grund, weshalb sich das französische Volk gegenüber den Jndenabfchlachtnugen in Rußland so indifferent verhalten hat. Nicht einmal ein Ianrös wagte es, im srnnzösischen Parlament seine Ztinune gegen die von der russischen Regierung inszenierten und geleiteten Indonmassakres zu erheben: denn nicht einmal ein IanröS kann gegen den gewaltigen Strom des Vollswillens schwimmen. Die russischen Pogrome haben zlvar paralysierend auf ein plötzliches Hervorbrechen des französischen Antisemitismus gewirkt — Penn itiitf) allem ist die französische Freiheitsliebe nicht in Abrede zn stellen — aber trotz aller Abschreckung merkt man eine starke judenfeindliche Stimmung in allen französisch. Gauen. Diese antisemitische Ztinimung wirkt lähmend auf den jüdischen Geist und auf die Entwicklung des Judentums in Frankreich. Eine der markantcstcu Persönlichkeiten der sranz. Juden ist jüngst gegen die „Zamobarona" (Selbstverteidigung) ausgetreten, mit der Begründung, den Franzosen keine Handhabe zu ihren indenfeindlichen Behauptungen zu liefern. Eine andere führende Persönlichkeit des franz. Judentums empfiehlt strenge Zurückgezogenheit von allen öffentl. Geschäften seitens der Iudenheit, damit man nicht immer in de» Vordergrund gezerrt werde. Die jüngsten Pogrome aber haben bei den französischen Inden ihre Aengstlichkeit aus eine zn starke Probe gestellt. Ter letzte Funken jüdischen Bewußtseins ist noch in der französischen Iudenheit nicht verglommen, und die Lenfzer unserer in Rußland gemarterten Brüder haben diesen kleinen Funken zu einem flackernden Feuer entfacht. Das beweist die Stellung der französischen Juden zum Territor i a l i s m u s. Unter dem Eindrücke der Pogrome stehend, ist cs gelungen, hier für den Territorialismns Persönlichkeiten zn gewinnen, Pie einer allgemein jüdischen Bewegung zuzuführen, ohne die jüngsten Ereignisse ein Ding der Unmöglichkeit gewesen wäre. Sic treten zwar noch nicht öffentlich auf, aber sie sind nnnuiehr gerne bereit, unter Ausschluß der großen Oesfentlichkeit einen Teil ihrer materiellen und moralischen Kraft in Pen Dienst unseres Volkes zu stellen. Dem hiesigen tcrrilorialistischen Zentralbureau gehören hervorragende jüdische Persönlichkeiten an. Geradezu erschütternd war die Ansprache eines reichen jüdischen Finanzmanns in der ersten territorialistischen Versaminlnng, die vor kurzem hier stattgefunden hat. In dieser Ansprache erklärte dieser französisch-jüdische Geldfürst, er sei zwar kein Jude„de bonno foi" (gemeint ist damit kein religiöser Jude) mehr, aber die letzten blutigen Ereignisse in Rußland veranlassen ihn heute, sein Judentum, trotz Mangel an religiösem Sinn, offen zu bekennen. . . . Der bekannte französische Schriftsteller uno Dramaturg A. Dreyfnß gehört dem territorial. Komitee an. Assimilationsbären lvie Rcinach arbeiten' auch jetzt noch mit allen ihnen zu Gebote stehenden Mittel» dem Territorialismus entgegen, aber das kleine Geschlecht hat den großen Moment nicht gesunden. . . . Es regt sich in der französischen Iudenheit jüd. Leben, das man durch assimilatorische Phrasen ilnd Verräterworte nicht töten kann. Natürlich weiß kein Mensch vorauszusagen, ob das hier stark vernonimene Echo ans den blutigen Tälern der mvskowitischcn Erde einen Wendepunkt in der Geschichte der französischen Iudenheit verursachen wird. Ich will nicht den Propheten spielen, aber ich stelle nur die ersten Aussichten einer neuen Periode fest. Der französische Volkscharakter verhindert nur jeden Schluß ans die fernere Gestaltung der Geschicke des Judentums in Frankreich.- Herr Tr. N a ch u m S l u s ch t s ch, Professor an der Pariser Universität für hebräische Literatur und korrespondierendes Mitglied der von der französischen Regierung eingesetzten Kommission zur wissenschaftlichen Erforschung Marokkos, übergibt in den nächsten Tagen der Oesfentlichkeit ein Werk, das das größte Aufsehen erregen dürfte. Das Werk ist betitelt „G e s ch i ch t e der Inden und de s Indent u m s i n M a r o k k o". Tie französische Regierung hat diese Arbeit subventioniert und a u f T t a a t s k o st e n v c r ö f f e n t l i ch t. Mir dem Tage seines Erscheinens beginnt für die jüdische Geschichtsschreibung eine neue Epoche, denn dieses Werk, dem ein reiches und solides Tatsachenmaterial zu Grunde liegt, wird eine Seite in der jüdischen Geschichte aufdecken und beleuchten, die bis jetzt von allen jüdischen Geschichtsschreibern unberücksichtigt blieb, nänilich die Jndenheir als politischer Kultursaktor im Herzen Afrikas. In meinein nächsten Briese werde ich den Lesern des Familicnblattes den Inhalt dieses merkwürdigen Werkes unterbreiten. Herrn Prof. Tr. Sluschtfch kann ich aber schon jetzt zur glücklichen Vollendung dieses Werkes gratulieren und seinem Buche die ivcitcstc Verbreitung wünschen. Paris, Ende Dezember IÜU5. Maxime Le Maitre. Die Woche. Der Krakauer „Hamizpoy" bringt in seiner letzten Rümmer unter dem Titel „Zwei jüdische Versammlungen" einen für g a l i z i s ch e Verhältn i s s e typischen Artikel, dessen Uebersetzung wir hiermit im Wortlaute wiedergeben: „In StaniSlan lvaren zivci Versammlungen: eine Versammlung der h c b r ä i s ch e n L e h r e r und eine der j ü d i s ch e n R e l i g i o n s l e h r e r. In der ersten wurde nur hebräisch gesprochen und in der zweite» nur polnisch. Tie erste ivar gegen den Abfall vom Judentum und die zweite gegen den Bestand des Judentums gerichtet. Die erste brachte zu!» Beschluß, was ein echt jüdischjes Herz von einem Inden verlangen muß — und die zweite, was die jüdischen Feinde, die uns vernichten wollen, von uns verlangen. Die erste hat beschlossen, das Judentum zu kräftigen — und die zweite, jede Hoffnung des Judentums zn vernichten. Und trotz alledem sind die Mitglieder der zweiten von den Führern der Gemeinden, darunter auch viele orthodoxe, angestellt, lverden voir den Stenern der Juden honoriert und leben auf Rechnung der jüdischen Gemeinde, — und die Mitglieder der ersten sind von der Gemeinde verlassen, unsere Orthodoxen verfolgen sie und geben sich Mühe, ihnen ihr Brot zn nehmen. Aehnliche Verkehrtheiten sehen wir auch auf anderen Gebieten unseres Lebens. Viele Poschim, die vollständig mit der Traditio» gebrochen haben, die ihre Kinder zur Taufe und znm Antisemitismus erziehen, lverden von den Orthodoxen an die Spitze der Gemeinde gewühlt und gebieteil somit über Rabbiner, Schächter und alles, was den jüdischen Kultus und das Judentum angeht. Andererseits wiederum gibt es Inden, die sich für das Volk opfern könnten, die am Judeutnm »pit Leib und Seele hangen und ihre Kinder zu guten Inden erziehen, — und trotzalledem sind sie von der Orthodoxie verachtet und verpönt, und cs fällt niemand ein, sie an die Spitze der Gemeinde zn stellen und ihnen Lehrämter oder dergleichen zn übertragen. — Und was ist eigentlich ihre Schuld'? Nur, daß sie einen neuen Weg in der Bekundung ihrer Anhänglichkeit und Liebe znm Judentum cingeschlagen habe», — und R e u e s ist verboten. — Ter Weg der Assimilation ist freilich etlvas Altes, wir Inden sind schon daran gewöhnt, und die Assimilantcn haben schon längst die Ehrenplätze in der Indeilheit eingenommen, und deswegen ist die Assimilation koscher. — Aber nicht nur das, auch der Sozialismus hat bereits sein Beglaubigniigsattest, denn auch er ist nicht mehr,neu. Obgleich die Sozialisten am Jomkippur öffentlich Mahlzeiten veranstalten, und obgleich sie alles Heilige im Judentum anszurotten suchen, gibt es dennoch viele Orthodoxe und auch Chassidim, die nichts dagegen haben, wenn ihre Kinder zn dem Sozialismus übergehen. Dieselben Leute halten ihre Kinder mit aller Gewalt vom Zionismus fern: der Zionismus ist verboten, seine Führer sind in Acht und Bann getan: und aus welchem Grunde'? nur, weil mancher Raw ihn ans den Index gesetzt hat. Der Sozialismus ist aber noch von keinem Rabbiner in Acht getan worden! — So steuert die galizische Orthodoxie in ihrer Kurzsichtigkeit ihrem Ruine entgegen."