Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 4 (1906)
- Issue
- Heft 1 (5.1.1906)
- Date
- 1906-01-05
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2. Entwicklung folge» wird. Die Schrift dagegen hat immer gelehrt, das; alle Formen des Lebens aus der Hand des Schöpfers gekommen sind. Das Wasser und die Erde bringen sie im Uebcrflus; hervor: aber Wasser und Erde bringen sie hervor „ein jegliches nach seiner Art". Gott schuf jede Art, nicht nur „große Walfische", sondern „allerlei Tier, das da lebet und webet"; nicht nur „die Tiere auf Erden, ein jegliches nach seiner Ilrt", sondern auch „allerlei Gewürme nach seiner Art". Mit einem Wort, alles Leben existiert, weil alles Leben geschaffen ist. Man erinnere sich, daß dies nicht eine Vorstellung war, die der Zeit angehörtc, da die Bibel gegeben ward. Das Altertum glaubte an Urzeugung. Es ward ,z. B. allgemein angenommen, daß die niederen Formen des Lebens aus einem verwesenden tierischen Körper entständen. Dieser Glaube ward ausgedrückt in der Formel: Corruptio nnins generativ alterins, „die Verwesung des einen ist die Zeugung des andern". Aristoteles lehrte, cs gäbe drei Quelle», aus denen lebendige Wesen entsprängen: einige werden lebendig geboren; andere aus einem Ei hervorgebracht und andere — eine sehr große Zahl — kommen ins Dasein, ohne von einem andern lebenden Wesen erzeugt zu sein. Reptilien, Fische, Maden, Insekten und ganz kleine Formen des Lebens würden spontan ans Flußschlamm und Fäuluisstoffcu erzeugt. Plinius erwähnt die Sage, das; eine Schlange aus dem Rückenmark eines Mannes erzeugt werde. Virgil singt: Zeit ist dann, zu eröffnen die Kunst, die Arkadias Meister Rühmlich erfand, durch welche schon oft erschlagene» Rindern Schwärm' aus verwesendem Blut anfkeimtcn . ,"4) Ties war das Rezept, um einen neuen Bienenschwarm zu erzeugen, und Varro sagt, die Bienen würden „Stiergeborcne" (Bougonai) genannt, weil sie aus verwesenden Ochsen erzeugt würden. Ter griechische Ausdruck zeigt, daß auch im alten Griechenland dieser Glaube herrschte. Ter Glaube erhielt sich ebenfalls in christlichen Zeitaltern, und nicht bloß als gemeiner Aberglaube, sondern auch als die llcbcrzcuguug von Gelehrten und Forschern. Er ist schwer zu töten gewesen, und unter veränderten Formen hat er sich noch bis auf unsre Zeit fortgepflanzt. Tic Idee der Urzeugung ist vielen zu wertvoll, um sich leicht davon zu trennen, denn sie ist die einzig mögliche Tür, durch die sie dem Glauben an einen Schöpfer entrinnen können. Wenn die kleinsten Lebewesen ans toter Materie entspringen können, was brauchen wir mehr, um alles Leben um uns her und sogar unsre eigne Existenz zu erklären? Das kleine Lebewesen, sagt man, wächst unter günstigen Umständen: cs nimmt neue Formen und größeren Umfang au. Wir brauchen nur Zeit genug, so kann die Welt auf diese Weise ohne einen Schöpfer hervorgebracht werden. Mau bildete sich ein, daß nichts leichter sei, als die niedersten Lebensformen zn erzeugen. Ein Aufguß (inlusiou) von Heu oder Moos z. V. ist, wenn er ein paar Tage lang der freien Luft ausgesetzt gewesen, voll davon. Sie werden Infusorien genannt, weil sie in solchen Aufgüssen entstehen. Woher stammen sic? Sind es neue Wesen oder bloße Nachkommen von Wesen, die in der Wjelt existiert haben seit dem Augenblick, wo diese in ihrer Vollständigkeit aus Gottes Hand hervorgegangen war? Dies ist die Frage, welche endgültig entschieden ist durch den französischen Gelehrten Pasteur und durch Prof. Tyndall. „Im Lause seiner Untersuchungen," sagt Tyndall, „fand sich Pasteur der Frage betreffs der llrzcugnng gegenüber, der die Forschungen Pouchets soeben neues Interesse verliehen Hatten. . . . Die Behauptungen und Experimente Pouchets wurden eines nach dem andern erklärt oder umgestoßen, und die Lehre von der Urzeugung blieb in Mißkredit, bis sic durch Dr. Bastian mit Wärme, Geschick und eine Zeitlang mit Erfolg wieder belebt wurde."'') Prof. Tyndall selbst vervollständigte den Beweis, daß, wenn die Luft von der Infusion ausgeschlossen oder von den Keimen befreit wird, von denen die gewöhnliche Luft voll ist, keine Gärung und keine Verwesung stattsindet. Wo immer Gärung und Verwesung sind, 4) Georgicon IV. 283—285. (Uebersetzt von Voß.) s) New Fragments p. p. 185. 186. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Nr. 1. da entstehen sic aus Sauten und Eiern, die überall in der Luft vorkoininen und aus dieser in die Flüssigkeit gelangen. Die Lebeivcse» euistchen nicht aus der Gärung oder Fäulnis, sondern Fäulnis und Gärung sind die Folgen der Lebenstätigkcit dieser kleinsten Lebewesen. Auch der Bazillus stammt von cinein Bazillus ab. Es gibt ebensowenig eine Urzeugung unter den kleinsten Lebewesen, wie unter den Menschen. In cinein kürzlich erschienenen Buche wird daS Zeugnis der Wissenschaft so ziisainmcngefaßt: „Wir wissen jetzt, daß die llrzellcn der ivirklich ursprünglichen „Arten" noch vielmehr individualisiert sind, als die chemischen Elemente. Wir wissen, daß das kleinste Wese» ivie der größte Weltkörpcr bis in ihre feinsten .Bestandteile so stark individualisiert sind, daß immer nur diekleinsten, letzten Individualitäten aus ihresgleichen hervorgchen können. Eine lebende Zelle kann nur aus einer lebenden Zelle ihrer Art hervorgchen; es gibl schlechterdings keine Urzeugung in irgendwelcher Form. Aber sogar innerhalb einer jede» Zelle kan» Kern nur aus Kern, Protoplasma nur aus Protoplasma hervorgehcn. . . Daraus folgt zwingend, daß ursprünglich so viele Arten von Zellen geschaffen sein müssen, als es Arten gibt in der Pflanzen- und Tierwelt."4) Das ist das letzte Wort der Wissenschaft, und doch ist cs auch das erste Wort der Bibel. Die Schrift steht in scharfem Kontrast zu der Unwissenheit und dem Aberglauben der Vergangenheit. Das erste Kapitel der Genesis war wissenschaftlicher als das, was bis vor ganz kurzer Zeit für wissenschaftlich galt. Sie sagt uns, daß alles geschafsc» ward, und daß Wasser und Erde Gottes Befehl empfingen, zu erzeugen nach der Art, die ihnen überwiesen war — nach der Art und nach keiner andern. Und jetzt, nach langem Studium der Schöpfung und nach mühevoller Forschung unter den kleinsten Formen des Lebens, versichert uns die Wissenschaft, daß dies Gesetz überall gilt, und daß die niedrigsten wie die höchsten Lebcnsforinen die gleiche wunderbare, schöpferische Fähigkeit zeigen. Woher die Schrift diese Kenntnis nahm, ist eine Frage, die jeder scharfsinnige Geist tun wird; und cs gibl nur eine Antwort: Ta die Belehrung nicht von Menschen hat koiniucn könne», muß sie von Gott gekommen sein. Die Alienbill.;L o n d o u, 31. Dezbr. M o r g e n tritt die Alienbill in Kraft. Die englische Tagespresse findet es erst jetzt für notwendig, ihre Leser, die — was auch ganz begreislich ist — den mehr brennenden Fragen des Tages, wie die Parlamentswahlen und die Home-Rule-Frage, ihr ungeteiltes Interesse schenken, auch über die praktische Anwendung und Handhabung dieses schmachvollen — nach anderen edelsten — Aktes zu instruieren. Die Geschichte des Werdeganges dieses Aktes ist noch so jung und einem jeden jüdischen Zeitungsleser so gut bekannt, daß ich cä für ganz überflüssig betrachte, sie an dieser Stelle auch in der kürzesten Weise zu rekapitulieren. Die nachstehenden Zeilen sollen nur der Schilderung der Art und Weise dienen, wie diese unglückliche Dill gehandhabt und praktisch angewandt werden wird, eine Information, die, zn einer Zeit, wo eine Riesen - Emigration unserer zu Tode gehetzten Brüder in Rußland erwartet wird, der Kenntnis keines Juden entgehen darf. Dreizehn Häfen tvnrden einstweilen zu „Immigration ports" bestimmt, d. h. zu Häfen, die sich dem neuen Einwanderungsgesetze unterziehen müssen, und zwar: Cardiff, Dover, Folkestone, .Grange month, Harwich, Hüll, Leith, Liverpool, London (einschließlich Qneensborough), Ncivhaven, Southampton und die Tynehäfe» (Newcastle, North Shields und South Shields). Die Verwaltung dieses neuen 'Administrationszweiges wird den Titel „Immigration Board" führen, mit einem Beamtenstab von „Jnimigration osficers" eigens dazu bestimmt. Zun, General-Inspektor der Einwanderung wurde laut dem „Daily Telegraph",. Mr. Haldauc Porter ernannt, ein bekannter Anti-'Alienist, der früher unter Major Evans-Gordon diente, und der ln der Kommission «) Portig. Das Wcltgesetz des kleinsten Kraftaufwandes. B. I. S. 16. 5kockki.,. Univ.-Eibl. Frankfurt am Main zur detaillierten Ausarbeitung derRcstriktivus-Maßrcgeln der Einwanderung, die jetzt ihre Arbeit abgeschlossen hat, den Sitz eines Sekretärs inne hatte. Liegt zwar noch immer kein genauer Bericht über die Arbeiten der Kommission vor, so ist es jedoch, nach dem Wenigen, das bis nun publik gemacht wurde, schon leicht einznschen, daß es auch der Kommission nicht gelungen ist, diese furchtbar kvuiplizierte Frage konsequent und g e r e ch t zu lösen. Feder Punkt, der konsequent dnrchgeführt ist, verletzt gröblich die Gerechtigkeit und so uuigekehrt. Es ist daher Vieles der Einsicht und dem Gewissen des einzelnen Beamten überlassen und hängt so gut wie gänzlich von den politischen Ansichten des am Ruder stehende» Kabinetts ab, was natürlich gegen den Geist der englische» Konstitution und Verwaltung auffallend verstößt- Jedes Schiff, das mehr als 12 Passagiere zählt, muß von den Fmmigrationsbeanitcn untersucht werden. Diese Reduktion ans 12 anstatt 20, Ivie es lirsprüngtich in dem Entwurf lautete, geschah auf Veranlassung des früheren Ministers des Innern. Ein Schiss darf auch ohne jede vorhergehende Inspektion landen, wenn gewisse Garantie» der Schiffahrtsgesellschaften vorlicgen. Alle andren. Schiffe (auch Schiffe, die Matrosen bringen, welche Beschäftigung in England suchen) werden von den obengenannten Stationen ohne Unterschied angehalten. Die Schiffe, welche nach London gehen, werden bereits in Grnvesend au der Themse angehalten werden, wo die Beamten int Falle einer großen Anzahl von Passagieren, sic nach London begleiten und die Inspektion während der etwa anderthalb Stunden dauernden Fahrt vornehmen und nach vollzogener Arbeit mit dem sie begleitenden Jmmigrationsburcan-Dainpfer nach Gravessend zurückkchren werden. Tie Dienstzeit erstreckt jich von 6 Uhr morgens bis 8 Uhr abends. Schiffe, die, außerhalb dieser Zeit cintreffen, müssen an der Station anhalten und übernachten. Dieser Punkt birgt in sich eine ernste Gefahr für den Londoner Morgenmarkt, der den größten Teil der Produkte, vor allem Nahrungsmittel, aus dem Kontinent bezieht. Durch das Uebcrnachte» in GraveSscnd werden die Produkte, die bereits am frühen Morgen auf dem Markte verlauft werden sollten, weitere 21 Stunden in London liegen müssen, wodurch sehr viele Artikel ihren Wert überhaupt verlieren werden, wie Obst, Gemüse usiv. Die Inspektion wird von Beamten und eigens dazu bestimmten Aerzteu vorgenommen, letztere haben jedoch kein Recht, über die Landungszulassung oder -Verweigerung zu entscheiden. Reisende der ersten Klasse werden zuerst behandelt und ohne weiteres gelandet. Dann beginnt die Inspektion der anderen Klassen. Jeder .Immigrant hat einen Fragebogen zu beantworten, der 13 Fragen enthält, also 11 Fragen weniger als es in Amerika der Fall ist. Die Fragen beziehen sich auf Namen, Alter, Wohnort, Beruf, Mittel, Aussichten auf Lebensmittel in England, Leinnund und dergleichen. In Amerika wird der Einwanderer noch auf seinen körperlichen und geistigen Gesundheitszustand und ob er je in einer Armenanstalt untergebracht war, befragt. Der Einwanderer braucht .keine Zeugen für die Wahrheit seiner Antworten zu bringen, eine inkorrekte Beantwortung kann ihm jedoch eventuell Gefängnis verursachen. Ilm in England eingelassen werden zu können, muß der Immigrant über ein Minimumkapital von 5 Pfd. Sterling und 2 Pfd. für jedes fernere Mitglied der Familie verfügen, sich in cinein befriedigenden körperliche» n nd geistigen Gesundheitszustand befinden und dem Beamten den Beweis liefern, daß er einen Beruf habe, der in England gut bezahlt wird und daß. er in diesem seinem Berufe genug geschickt sei, um sich und die scinigen dort anständig erhalten zu können, ohne den verschiedensten Wohltätigkeitsinstitutioncn zur Last zu fallen, oder, was am besten ist, daß er zur Ilebernahmc einer Einstellung geladen sei. Die Kenntnis der englischen Sprache gehört zu den wichtigsten Bedingungen für eine Einlassung. — Personen, die beweise n können, daß sic wegen ihrer politischen oder religiösen Ueberzcugungen in ihren Heimatländern der Gefahr der körperlichen Verletzung oder der Einkerkerung ausgcsetzt waren und sic deshalb verlassen mußten, werden gelandet werden, wenn sie auch den oben- X