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Neue jüdische Presse · 1905-11-24 · Heft 45 (24.11.1905) · p. Seite 5

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
3 (1905)
Issue
Heft 45 (24.11.1905)
Date
1905-11-24
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 45. Frankfurter Israelitische? Familienblatt. Arbeiter daran teilgenommen hätten, dann wäre euch kein Federchen nachgeblieben; das haben bloß die Flegel und die Bauern zustande gebracht." „Ich werde euch sagen," erklärte der zweite Arbeiter, „die ganze Geschichte ist bloß ausgedacht worden für die Selbstverteidigung zweier Völker." Er meint wahrscheinlich die gegenseitige Keilerei. Viele russische Bürger von den „Wohlgesinnten" sind dieser Ansicht und behaupten, daß man die Homeler Angelegenheit schon längst hätte fallen lassen und die Angeklagten in Freiheit setzen müssen. „Welch' eine Verteidigung," bemerkte des jungen Soimouows Freund, „was war z. B. in Monastirek, da singen 'sie ebenfalls an, die Juden zu schlagen, und sie, die strengen Altgläubigen, sind ebenso fähig, die Russen in einem Löffel Wasser zu ertränken. Solch' eine Roheit. Das kam daher, weil das Gerücht herumging, daß man für den jüdischen Pogrom keine Strafe bekommen wird." Monastirek ist eine von den Vorstädten Hömels, deren Einwohner eine rege Teilnahme am Pogrom an den Tag gelegt hatten. „Was beschuldigst Du die Altgläubigen; als ob sie allein so roh wären," bemerkte ärgerlich der alte Soimonow: „Ich sage dasselbe," entgegnete unerwartet einer der altgläubigen Gäste, der die ganze Zeit geschwiegen und ein Glas Tee nach dem andern getrunken hatte. — „Nein, warte nur ein wenig," sagte Soimonow aufgeregt, „was predigt er da für Moral? In Monastirek gibt es auch verschiedene Menschen. Z. B. an der Lubenski-Brücke. Da sagte der Schmied Skatschkow zur Menge: „Diesen Inden da muß mau verhauen!" Kirillo Samsonow, den man Lobatschew nennt, der mit einer Schaufel in der Hand daneben stand, schwang dieselbe und haute ihn so stark über den Kopf, daß die Schaufel entzwei sprang. Skatschkow fragt ihn: „Ach! wofür schlägst Du mich?" „Dafür, daß Du die Leute aufhetzest; wenn Du willst, so gehe selbst, dann wirst Du sehen, was Du dafür bekommen wirst!" Dieser schämte sich und schlich sich nach Hause." „Wer ich bleibe dabei," behauptete der Alt- B gläubige, „die Altgläubigen im Städtchen sagen: „Tie Juden sind ein unzuverlässiges Volk." Aber auch wir können von uns selbst nicht, sagen, daß wir zuverlässig sind. Man verbietet uns z. B„ ein Gebethaus zu bauen. Wir müssen ein Wohnhaus bauen; - 5 und es dann in ein Gebethaus verwandeln. Man j' " will uns z. B. gewaltsam zur Orthodoxie bekehren; wir sind einverstanden, daß die rechtgläubige Lehre gut ist, aber wozu die Gewalt? Wenn die eurige gut ist, so bleibt bei ihr, ist die meiuige auch schlecht, so ist das doch Sache meines Gewissens. Jeder Mensch besitzt seinen Stolz und seine Eigenliebe, will nicht, daß man ihm Gewalt antut. Z. B. unserem Geistlichen verbietet man, hinter dem Sarge her zu gehen, er tut es doch, nur nicht im Ornat. Selbst Kirchen zu bauen, ist uns nicht gestattet. Man sagt, daß wir Russen sind, aber wir haben auch keine Rechte." „Wie sprechen Sie?" bemerkt Androssow mit mißbilligender Verwunderung. „So spreche ich," bestätigt hartnäckig der Altgläubige. „In de» Krieg nimmt man Altgläubige, wie auch Juden. Dem alten Tetjakow hat man seine» einzigen Sohn genommen, er geht umher und weint: „Wenn mcn die Kinder erzieht," sagt er, „kann man nicht mal ein elendes Papierchen für sie bekommen, sobald sie aber herangewachsen sind, muß man sic hergeben. Nachher bringt man sie uns ohne Hände oder ohne Füßq zurück. Ich habe schon gesehen, wie man einen solchen gebracht hat. Er kann sich nicht mal die Nase schnauben, wenn er es nötig hat, denn nicht einmal ein Stumpf ist ihm geblieben. Was soll ich nun mit ihm anfange»?" fragt er, — „mich von ihm lossagen, in seinen Adern fließt mein Blut, und dieses wird es nicht zulassen. Man wird ihn mit Orden behängen, soll ich von ihm diesen Orden nehmen, ihn mir anlegen und im Namen dieses Ordens um Almosen bitten?" „Was wollen Sie," entgegnet Androssow, „man muß doch das Vaterland verteidigen." Aber der Altgläubige war in Hitze geraten und wollte keine Vernunft annehmen.— „Was habe ich für ein Vaterland?" fragt er. „Hier diese meine Hände und diese Schwielen sind mein Vaterland. Und noch ein elendes Hüttchen, wo ich lebe. Ter Fürst Paskewitsch, der hat in der Tat ein Vaterland, wieviel Land haben sein Vater und sein Großvater ihm hinterlassen. Man müßte es so verteilen, daß zwanzig Desjätinen auf jeden Mann kommen; wenn er zurück käme, würde ihm das Land gehören." „Darüber wissen wir nichts," erklärt Androssow in einem Tone, der keinen Widerspruch duldete. „Diejenigen wissen es, die klüger sind als wir." „Du bist so glatt, geschmeidig, daher weißt Du es auch nicht," entgegnet der Altgläubige. „Aber kannst Du mir nicht sagen, weshalb das Volk so unglücklich ist, weint und nicht in den Krieg gehen will? Ta die Briler haben sich empört, die Ljackowitscher hat man mit Konvoibedeckung gebracht, zwei ganze Dörfer .... Ist das Mobilisation? In den Städten wird geplündert. „Wir gehen so wie so in den Tod", heißt es. „Auch Ihr sollt erfahre», was Unglück ist." Aber wenn man ihnen Land versprechen würde, so würde jeder gerne gehen. Obgleich ich ein Greis bin, so würde ich doch auch gehen, weil, wenn ich sterbe, das Land den Kindern bleibt." „Warten Sie ein wenig!" unterbricht ihn finster der unbändige Schlosser. „Dieser soll mir eine Antwort geben." — Er zeigt mit dem Finger auf den Kameraden des jungen Soimonow. — „Du trittst also für die Demokraten ein? Oder vielleicht bist Du gar selbst ein Demokrat?" — Er zeigt nicht übel Lust, zum srühcren Gesprächsthema zurückzukehren. Aber die Reden des Altgläubigen haben eine erhöhte Stimmung in die Unterhaltung gebracht. „Und wenn auch Demokrat, was dann?" erklärt furchtlos Soimonow's Kamerad. „Soll man weinen? Man soll lieber begreifen, was an der Sache dran ist!" „Die Demokraten sind gemeine Kerle," erklärt der Schlosser mit drohender Stimme. „Und die Raubmörder sind Bösewichte," entgegnet ebenso laut der Gefährte Soimonow's. „Was?" Der Schlosser erhöht die Stimme um eine halbe Oktave. „Was sagst Du?" „Diebe, Räuber, Feiglinge," bestätigt Svimonow's Gefährte, „die nur alte Frauen und kleine Kinder angrcifen. Alte Frauen mit eisernen Stöcken über den Kopf zu schlagen, ist das etwa nicht Mord?" „Hast Du cs gesehen?" fragt drohend der Schlosser und erhebt sich sogar vom Platze. „Tie ganze Stadt hat es gesehen, nicht ich allein," entgegnet Soimonow's Gefährte, „aber weshalb schreien Sie so? Ich höre auch so." „Die Demokraten wollen nichts Schlechtes," erklärt seinerseits der junge Soimonow. „Sie wollen eher Gutes. Ein klein wenig Glück für jede» armen Menschen" .... „Und was willst Tu?" — rief bissig der Schlosser. „Leider ist keiner da. Euch zusammen mit diesen armen Menschen zu verhauen." „Die Hände sind Euch dazu zu kurz," entgegnet der Sohn Soimonow's. Zn meiner Verwunderung nahm der alte Soimonow es auch dem Schlosser übel, daß er so ungeniert seinen Sohn anschrie. „Wozu sie schelte»? Sie sind Kinder ehrbarer Eltern, nicht irgend welche Findlinge!" — „Ihr tätet besser, Kinder, auf die andere Seite hinüberzugehen!" schlägt er der Jugend vor. „Hier bei den Alten ist doch nicht Euer Platz." — Tie Jungen erheben sich von ihren Plätzen und entfernen sich. (Schluß folgt.) Die Braut. (Erinnerungen an Kischinelv.) Von Jehuda Steinberg. Uebersetzt von L. Caro. Erschreckt erwachte sie. Verblüfft sieht sie um sich: Wo bin ich? ... . Woher die Betten da? .... Fenster. . . Wände . . . Was für Menschen sind es? ... Warum krächzen sie so! . . . Welche Melodien schleichen da herum? .... Weshalb kann ich nicht aufstehen? . . . Was ist denn das? .... Ein Traum? . . . . Was mag dies denn sonst sein, daß abgerissene Gedanken in meinem Kopse so lvild herumspringcu? . . . Was ist nun geschehen? ... Diese verworrenen Fragen hielten jetzt ihre Seele gefesselt. Es wirbeln in ihr die Gedankensplitter .... Es. taucht nun in ihrem Gedächtnis etwas ans . . . . — — — Sie saß auf der Bank mit ihrem Bräutigam.- Was ist denn heute? . . . Ein Feiertag? . . . . Nein! Es ist bereits »ach de» Feiertagen. . . . Wir gingen hinaus und „sie" hinein .... Man läutet in den Kirchen. Nun? .... Sie saß mit ihrem Bräutigam und unterhielt sich über etwas Interessantes. Worüber? .... Ach! Weshalb tut ihr der Kopf so weh, sobald sie nur zu denken beginnt? .... Seite 5 Ja, sie sprachen von der Hochzeit .... Sie wollte die Hochzeit bis auf Schabbos-Nachmu hinausziehe», aber er war hartnäckig und wollte nur auf den ersten Samstag nach Schwuos verlegen. Sie stellte sich unzufrieden, doch innerlich freute sie sich darüber, daß er ihr nicht nachgab. Ein zufriedenes Lächeln breitete sich über ihr Gesicht aus; ein Lächeln, das mit de» Kompressen und Bandage», die sie eiuhüllten, durchaus nicht harmonieren wollte. Nun? .... Und was weiter? . . . Es fehlt da etwas in der Mitte! .... Wie kam es, daß sie sich plötzlich zu Hause sah? Wieso drangen die Barsüßler in den Saal ein? Und wie ging es zu, daß unter ihnen auch der Schullehrer sich befand? .... Wozu hat er sich eine Maske angelegt? .... Hat sie ihn denn nicht erkannt?! Ei» Mann, der in ihr Haus täglich einkehrte — und den sollte sie nicht erkennen?! Und weiß sic denn nicht, warum er zu ihnen so oft zu kommen pflegte? Schade um ihn! Ein „gebildeter" Mensch — und doch eine solche Schwäche .... „Sie" alle haben diese Schwäche . . . Aber wozu die Maske? Warum hat sie ihm eine solche Ohrfeige versetzt? „Ach! Wie schmerzt'S . . . ." Ein heller Strahl der traurigen Wahrheit blitzte plötzlich in ihrem Gedächtnis auf. Die abgerissenen Aedankenfäden verbinde» sich allmählich mehr und mehr. Alles lebt vor ihr wieder auf, als geschehe es hier vor ihren Augen. „Ach! Wie schmerzt'S . . . ." „O! weh! O, Mama!" — stöhnten die Verwundeten und Kranken. „O! wie schmerzt's ...." — kam es wiederholt aus der zweiten und dritten Kammer. Jeder Seufzer drückte einen sonderbaren Schmerz einer leidenden Seele aus, der nur ihr selbst begreiflich sein konnte. Und jeder Aufschrei verhallte so, ohne irgend welche Aufmerksamkeit ans sich zu lenken. Tenn es schien dem Beobachter, als seufzten und stöhnten sie alle zusammen. .... Und all diese Seufzer vereinigen sich zu einem Ganzen und bahnen sich einen Weg durch den schmalen Korridor auf die Straße hinaus. Es scheint, als ob eine schwarze Wolke aus ihnen aufsteige und über den Betten hängen bliebe. . . . Zwei Krankenschwester erschienen unter den Kranken.! . Mit ihren weichen Stimmen bemühen s'e s'ch, jstden mit einem Trostwort zu besünstigen. Sie sprechen halblaut miteinander. Tränen ersticken ihre Worte. Sie traten an die unglückliche Braut heran und stellten vor ihr auf den Tisch zwei Mixturen. Die Aeltere wandte sich an die Jüngere, indem sie hinwies: „Das ist... Ja, wie heißt es . . . Aeußerlich. Zum Llbwaschen, zum Ausspritze» .... Und das zweite — innerlich . . ." Sie bemühten sich, jüdisch zu sprechen, wie sehr cs ihnen schwer fiel. Sie vermieden peinlich das Russische, als ob sie es jemandem zum Aerger täten. Die Unglückliche verlor wiederum den Zusammenhang. Sie erinnert sich nur noch einiger dunkler Vorgänge und strengt ihr Tenken an, um den Faden der Ereignisse zu sinden. Was ist nun geschehen? Ja. Sie sprang auf das Fenster und wollte vom oberen Stock herabstürze». Aber der Vater packte sie am Kleid: „Du sollst nicht, meine Tochter! Ein jüdisches Kind darf nicht Selbstmord begehen . . ." Sie knirscht vor Aerger mit den Zähnen: „sie" dürfen alles . . . auch andere töten . . . Und der Jude hat nicht einmal das Recht, sich selbst zu röten .... Aber haben „sie" denn jemanden getötet? Sie erinnert sich schon ... Sie schlugen mit einem Beil auf den Kopf ihres Bräutigams . . . sie schlugen ihn entzwei. . . Aber ihr scheint es, als hätte man sie getroffen: sie fühlt ja auch jetzt noch den Hieb . . . Und der Mann mit der Maske sagte ihr, sie solle nur ein Glas Wein trinken — und ihre Eltern

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