Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 3 (1905)
- Issue
- Heft 45 (24.11.1905)
- Date
- 1905-11-24
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 frankfurter JsraelMLeS Familienblatt. Aus aller Wett. Deutsches Reich. BreSlau. Die »Breslauer Zeitung" schreibt: Der Antisemitismus erhebt in der Sozialdemokratie immer ungenierter sein Haupt. Kürzlich sprach der „Vorwärts" in einer Polemik mit dem Verleger des „Berliner Tageblatts" nur noch von Moses Masse. Jetzt finden wir in der Breslauer „Volkswacht" einen gegen den Breslauer Papierwarcnfabrikanten Bernhard Guttmann gerichteten Artikel, in dem es heißt, daß „dieser Herr. allerdings wegen seiner Abstammung christliche Nächstenliebe nicht zu betätigen für nötig hält." Bachen. Legat. Der vor einigen Wochen im Alter von 78 Fahren kinderlos verstorbene Rentner und frühere Tuchfabrikant David Marx hat sein Gesamtvermögen im Betrage von 5—600 000 Marl ber hiesigen jüdischen Gemeinde vermacht. Das Kapital soll für immer unberührt bleiben, die Zinsen nach Beschluß des.Vorstandes und der Repräsentanten verwendet werden. Verschiedene Verwandten ausgesetzte Legate fallen nach deren Tode der Gemeinde zu, welche die Zinsen ausbezahlt. Oestcrreich-Uugaru. Lemberg. Biele Hunderte russischer Flüchtlinge halten sich in Galizien auf. Es sind nicht nur Juden, sondern auch Mitglieder der christlichen Intelligenz. Die Hotels sind mit russischen Gästen überfüllt. Rußland. Petersburg. Der Bürgermeister von Orscha (Gouv. Mohilew) hat hiesigen Advokaten folgende für die Rolle der russischen Behörden bei den Judenhetzcn charakteristische Mitteilungen gemacht: „Am Abend des 20. Oktober a. St. erschien der Gehilfe des Polizeichefs, Mizgailo, mii einem Aufträge des Gouverneuers Klingenberg. Gleichzeitig kamen in die Stadl Bauern, die mit Acxten und Gewehren bewaffnet waren. Als man sie fragte, warum sie gekommer seien, antwortete sie offen, daß sie von der Gemeindeverwaltung geschickt seien, „um die Russen zu verteidigen, welche die Juden niederzumetzeln beabsichtigen." Am 21. Oktober forderte der Geistliche Maskow die Bauern auf, „Rußland zu retten". Am 22. Oktober bildete sich eine Prozession, die mit der Zerstörung des Hauses des Juden Wassermann endete. Der Jsprawnik (Kommissar des Distrikts) und alle Beamten der Polizei nahmen an der Prozession teil. Die Familie Schwartzkop (8 Personen) wurden massakriert in Gegenwart der Polizeikommissare Gaisjewitsch, Mizgallos, des Kommissars Madzalicwski und einer Truppe Soldaten, die mit der Menge zusammengingen. Der Bürgermeister und der Erzbischof von Mohilew telegraphierten dem Gouverneur Klingcnberg, daß die Polizei die Menge gegen die Inden aufreize. Keine Antwort. Die israelitische Bevölkerung von Orscha rief in ihrer Verzweiflung kleine Abteilungen de, „Selbstwehr" aus den benachbarten Dörfern Sklow Kvpys und Dubrowna Herbei. Die Depesche ging durch die Hände der Polizei und die Folge war, daß Soldaten und bewaffnete Banditen die Selbst- Wehr am Bahnhof erwarteten; 5 junge Leute von Sklow wurden getötet und die übrigen schrecklick verstümmelt, von den in einem Boote aus Dobrownc eintreffenden Personen wurden 8 getötet. Von der übrigen wurden, als sie in ihr Dorf heimkehrten noch -7 getötet. Der Gouverneur Klingenberg hatte den Vizegorvcrneur Ladygerski nach Orscha geschickt allein derselbe erschien erst um 11 Uhr abends am 22. Oktober — dem 'Tage des „Pogrom" — ir der Stadt selbst, obgleich er bereits um 3 Uhr nachmittags am Bahnhof eingetroffen war." Petersburg. 14 November. Während der lebten unruhigen Tage haben sich 8000 Juden aus Petersburg nach Wiborg (Finnland) gerettet wo sie von den Bewohnern in liebenswürdiger, kostenfreier Weise ausgenommen wurden. Petersburg. 18. November. Ein Telegramm aus Kriwoj-Nog (Gouv. Jekaterinoslaw) besagt, daß dort seit mehreren Tagen eine Judenhetze stattfindet, wobei bereits zahlreiche Menschen gefallen sind. Die Not ist entsetzlich, eine Hilfe ist noch nicht eingetroffen. Petersburg, 14. November Der ^.Verband der Verbände" veröffentlicht einen Aufrufan Hie Bevölkerung, worin ihr geraten wird, sich zu organisieren und zu bewaffnen, da auf die Polizei kein Verlaß sei. Es werden hier Tausende pon Proklamationen der Nationalistischen Vereinigungen, deren Hauptsih Moskau ist, verbreitet, die die Parole ausgeben: „Tod den Juden, weil sie die Republik wollen, und Tod dem Grafen Witte als dem Mitschuldigen der Inden!" — Die Juden fliehen zu Tausenden nach Finnland. Petersburg. Die »Iewrejskaja Shisnj" schreibt in ihrem Leitartikel vom 10. Nov. unter anderem: „Es werden Jahre vergehen. .... Die in diesen Tagen auflcuchtende Morgenröte der russischen Freiheit wird zu einer hellstrahlenden Sonne aufflammen. Ein Freudenfest der Befreiung werden diese Tage für Rußland sein. Die freien Söhne des freien Landes werden das Geburtsfest ihrer Freiheit feiern, sie werden ungetrübt die volle Weihe dieses Festes genießen. Und wir... In Trauergewänder werden wir uns hüllen zur Jahrzeit dieser Tage, und nach den Friedhöfen werden wir uns begeben, eine lautlose, trauernde Schar. An den Gräbern unserer Brüder werden wir uns drängen in diesen Tagen, an den. vielen, vielen Gräbern der gemarterten, in diesen Tagen uns so jäh entrissenen Brüdern. Und einsam in unserem Schmerz mitten unter den Jubelrufen des freien Landes werden wir weinen und leise die Worte voll ewiger Trauer flüstern, die ewigen Worte: „El mole rachmim" .... „Wo, in welcher Epoche unserer finsteren Geschichte sind solche Bilder zu suchen? Wieder erwacht das Mittelalter, wieder die Kreuzzüge, die schwarze Pest... . „Ob die finsteren Mächte des Pöbels, ob die rasenden Mörder der Despotie ganz Rußland mit unserem Blute überschwemmt — in dieser Stunde des Jammers ist es uns einerlei. Wir werden kämpscn, kämpfen gegen die finstere Unwissenheit des Volkes, -kämpfen gegen den blutrünstigen Satrapen für Licht und Freiheit, aber, jetzt, in dieser schrecklichen Stunde, an den noch unverscharrten Gräbern unserer Brüder, an den noch nicht erstarrten Leibern der neuen Märtyrer, unter dem Weinen und Stöhnen der 'Witwen, Waisen und der in ihrem Märtyrertum io großen Mütter, im fürchterliche» Schein der lodernden Flamme, in dieser 'chrecklichen Stunde des uferlosen nationalen Schmerzes lasset uns alle, alle Denkenden im Volke unseren Fluch unserem fürchterlichsten Feinde, unserem „Golus" senden, der von uns Tausende und Abertauseirde der teuersten Opfer gefordert, und lasset uns den heiligsten Schwur oblegen, zu kämpfen bis Als Ende fürdie endgültige Befreiung unseres Volkes." „Aber nicht zum ersten Male muß das jüdische Volk derartige blutige Abrechnung über sich ergehen Zossen. Doch nicht vermögen seine verschworenen Feinde das jüdische Volk zu zerknicken und von der Erde vertilgen. Das Bewußtsein von der Unverwüstlichkeit und Lebensfähigkeit des jüdischen Völ- *e§ wird uns ein großer Trost sein in den schweren Tagen des nationalen Schmerzes, cs wird uns helfen, uns aufzurichten von diesem bluttgen Traum, es wird üns die nöttge Energie und Heiterkeit verleihen, um mit noch größerer, innigerer Ergebenheit uns dem Werke der Befreiung unseres Volkes von den starken, risernen Ketten der Ohnmacht — des Golus zu widmen. Und das Volk wird frei, mächtig werden, es wird selbst Lenker seiner Geschicke werden im eigenen Lande, und die Schrecken, die das jüdische Volk während des ganzen langen Golus erlebt hat, sie werden in das Reich der Schauersagen verschwinden, 5er Sagen von den alten, ganz alten, nimmer wiederehrenden Tagen. Unter diesen Sagen wird auch die Sage von den Metzeleien im Oktober 1905 ihren Platz finden." 1. F. Amerika. Rew-Aork. Das Exekutivkomitee des »Verbandes galizischer und Bukowinaer Juden in Amerika" hat die Errichtung eines Einwandererhauses für aus Galizien und derBukowina einwandernde Juden beschlossen. Das Haus ist als ein Monumentalbau zur Erinnerung an die 250jährige Gedenkfeier der Ansiedlung der Juden in Amerika gedacht. Afrika. Deutsch-Tüdwesiakrika. Gelegentlich der dies, 'ährigen israelitischen Feiertage wurde der erste Gottesdien st in Swakopmund gehalten. Um das Zustandekommen hat sich zumeist Herr Salomon Stern große Verdienste erworben. Herr Stern gab in einer schwungvollen Rede seiner Freude darüber Ausdruck, daß es gelungen sei, die Gemeinde zu vereinigen und ermahnte zum Ausbarren. Die Gemeinde erhielt durch Vermittelung des Bezirksamtmannes Tr. Fuchs von seiten der Kolvnialgekellschaft für Südweitaf-ika einen P'aü zur Erbauung eines eigenen Kultusgebäudes zugewiesen; sie wird auch demnächst eine eigene Begräbnisstätte erhalten. Britisch-Oftafrlka. In Nairobi wurde am Jomkippur zum ersten Male ein jüdischer Gottesdienst abgehalten. Dem Gottesdienste, der von den Herren Block und Nosenblum geleitet wurde, wohnten 14 Personen bei. Bei dieser Gelegenheit wurde die Gründung einer jüdischen Gemeinde beschlossen und die Herren Fein und Rat- 'ind zu Vorstehern und Herr Harrier zum Sekretär derselben ernannt. In Ostafrika gibt cs gegenwärtig 30 jüdische Familien, die zum größten Teile Landwirtschaft^ und Viehzucht betreiben. irr. 45. 0 letuffefon. 0 (Nachdruck verboten.) Homeler Silhouetten. Skizzen von T a n, aus dem Russischen übersetzt von T. Bach. (Fortsetzung.) „Dafür sind es auch geineine Kerle," wirst seinersetts einer der Schlosser ein, ein struppiger Bursche mit zerzausteni Bart, der sichtlich angeheitert war. „Die jüdische Rasse ist weit davon entfernt, Demokraten zu sein, sie neigt zu etivas ganz anderem. Was wollen die Juden — Selbstherrschaft, ihre Rechte. Sie sagen: uns geht es schlecht. Als ob es ihnen allein schlecht ginge!" — Er läßt ein kräftiges Schimpfwort fallen und atmet tief auf. — „Russen und Juden werden niemals Freunde sein. — „Homel, sagen sie, ist unser uralter Platz, man darf uns in Homel nicht schlagen." — „Die Juden werden aber trotzdem nicht in Homel herrschen, das Schwert soll das Recht beweisen." „Was bist Du so kriegerisch geworden?" — fragte Soimonows Schwiegersohn verwundert. Die Leidenschaftlichkeit des Schlossers setzte ihn augenscheinlich in Erstaunen, denn die Ursache dieser Erbitterung konnte man aus den unzusammenhängenden Beschuldigungen des neuen Redners nicht erraten. „Das eine ist ihnen schlecht, das andere nicht rechtmäßig," fuhr der Schlosser.fort, die jüdischen Kritiker anzugreifen, „ioer hält euch denn, wenn cs euch nicht gefällt. Geht zum Teufel." „Es hat alles seinen Grund," erwiderte vorsichtig der andere Schlosser. „Es geht vieles nicht rechtmäßig zu." „Das wissen wir besser als ihr," beharrte der erste Schlosser zornig aus seinem Standpunkt. „Seht mal die Gelehrten! Wir werden uns nicht von Schmuliks belehren lassen! Wenns nötig ist, werden wir schon selbst fertig werden. Bei den Juden spricht aber nur der Neid aus allen ihren Handlungen. Wenn ich ein Landmann bin und Du auch einer bist, wenn Du eine gute Ernte hast nnd ich keine, dann muß ich Dich verbrennen? Nehmen wir Petrotschenko, z. B. ein russischer Kaufmann; er ist die Seele der - Stadt, und doch hat man von jüdischen Jungen erzählt, daß sie die ganze Familie des Petrotschenko ermordet haben." Der Kaufmann Petrotschenko spielt eine wichtige Rolle unter den Antiseiniten des Ortes. Am Morgen des Pogroms würde unter anderen aufregenden Nachrichten auch die verbreitet, daß die Familie des Petrotschenko ermordet sei. Er erzählte mir selbst, daß man um 11 Uhr morgens Eisenarbeiter zu ihm geschickt habe um zu erfahren, ob er sich in Gefahr befinde. „Oho!" bemerkte unzufrieden der andere Schlosser, „Petrotschenko ist.vielleicht zehnmal schlechter als ein Jude, denn beim Juden ist jede Ware billiger." „Natürlich," behauptete der erste Schlosser, „Petrotschenko kann sich nicht mit den Juden messen, da bei den jüdischen Waren nur die Etikette etwas taugt, die Waare aber taugt zum Teufel." „Es ist nicht wahr," erwiderte entschieden der andere Schlosser. „Wenn der Russe kein Narr ist, dann kann ihn der Jude nicht betrügen, aber wenn er ein Narr ist, dann führt ihn der Jude dreifach an, der Russe aber vierfach. Ich will euch sogar noch mehr sagen," fügte er in überzeugendem Ton hinzu. — „Kaufmann bleibt Kaufmann, ob Jude oder Christ, alles ein und dasselbe Gesindel. In Dobruschino war z. B. solch ein Fall. Ein altgläubiger Kaufmann, welcher das Evangelium stets vor der Nase hält, forderte stets am Sonnabend, wo der Jude seinen Laden geschlossen hatte, das Doppelte für seine Ware. Sein Nachbar, ein Jude, verkauft den Zucker um einen Kopeken billiger, als er. Diesem Nachbar passierte es einst, daß er keinen Zucker mehr hatte, da"sprach zu ihm der Russe: „Ich verlange von Dir 2 Kopeken teurer deshalb, weil Du billiger verkaufst als ich." Man hat sich nur das so ausgedacht, weil in Homel viele jüdische Kuuflente sind und nicht russische, so schreibt man ihnen alles zu." Ich fragte ihn nicht ohne Neugier, wofür seiner Meinung nach die Arbeiter die Juden ausgeplündert hatten? — Unter diesen widerspruchsvollen und zusammenhangslosen Meinungen interessiert es mich, irgend einen einheitlicheren Standpunkt zu vernehmen. „Die Arbeiter plünderten, sagst Du," rief der zornige erste Schlosser aufbrausend aus. „Wenn unsere