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Neue jüdische Presse · 1905-11-24 · Heft 45 (24.11.1905) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
3 (1905)
Issue
Heft 45 (24.11.1905)
Date
1905-11-24
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 45. den. Sie wiederholten sich seit damals in Rußland und in Rumänien, und immer fanden die' Ereignisse. die Jndenheit trotz ihrer vielen benannten und unLenannten Häupter unvorbereitet. Kein Fond war ,in 10, in 20 und 25 Jahren für solche Fälle gesammelt,. kein Plan war erdacht, was in sölcheii Fällen zu geschehen hgbe, und nichts ist von all den hochklingenden Institutionen, die das Judentum vertreten Wolken und leider zu vertreten nicht die Fähigkeit haben, geschahen, um die Existenz des jüdischen Volkes zu sichern und solchen Katastrophen vorzubeugen oder gar sie hintanzuhalten. . . . Können denn unsere irdischen Schutzpatrone gar keinen neuen originelleren Gedanken ersinnen als Geld geben, Geld sammeln? Unddas alles für die russische Bestie, deren ülppetit unstillbar, die mehr verdauen kann, als 12 Millionen Juden, schaffe» können. .... Es ist schon an der Zeit, daß wir dem grausen Spiel ein Ende bereiten und an eine wirkliche Hilfe, an die Rettung der Juden, denken. Gerade im jetzigen Zeitpunkte,, da die Entrüstung über die tierischen Morde in Rußland alle besseren Kreise erfaßt, müssen die Juden aller Länder an ihre Regierungen, unterstützt von den Protestkundgebungen aller Juden ohne Unterschied der Parteien und Stellungen, herantretcn und sie bestürmen, dahin zu wirken, daß den Juden Rußlands ein Stück Land auf irgend einem unbewohnten Fleck der Erde überlassen werde. . . . ." Basel. Auch hier hat sich ein Hilfskomitee für die verfolgten russischen Juden gebildet. Ter Ausruf, den dasselbe in den. Zeitungen erläßt, ist unterschrieben von den Spitzen der Regierung, allen National- und Ständeräten und von den Geistlichen aller Richtungen. Die Unterschriften lauten: Dr. Paul Scherrer, Ständerat; Prof. Dr. Burckhardt-Finsler, Regierungspräsident; Dr. Ernst A. Köchlin, Präsident des Großen Rates; die, Nationalräte Emil Müry-Flück, Dr. Heinrich David, Dr. Paul Speiser, Dr. I. Jselin, Dr. E. Göttisheim, Dr. A. Brüstlein, die Pfarrer Altherr, Döbeli, A. von Salis; F. Tissot, Pasteur; Weckerle, Pfarrer. Herr I. Dreyfus-Brodsky hat 50 000 Fr. gespendet. Brüssel (Belgien). Dem Hilfskomitee, das sich hier gebildet hat, steht Baron Lambert Rothschild vor. Die Ausschreitungen gegen die russischen Juden werden voraussichtlich eine wesentliche Stärkung der zionistischen Idee herbeisühren. Ein Londoner angesehener Vertreter de" nationaljüdischen Propaganda erklärte, daß das in Dresden gesprochene Wort Kaiser Wilhelms „Sie sehen, meine Herren, wie es mit uns in der Welt steht!" auch für die Juden gelte. Selbst dem Blindesten müßten die Augen aufgegangen sein, daß es eine wohlmeinende Verständigung zwischen der einfachen, beschränkten großen Masse und den Jude» nicht gibt und vorläufig nicht geben; kann^ da'zwischen den Rassen Vorurteile ständen, die sich nicht von heute auf morgen beseitigen ließen. Me Situation sei bedauerlich und für den Menschenfreund arg betrübend, aber leider nicht abzuändern. Man täte deshalb besser, einzugestehen, daß es auf dem bisherigen Wege der Zersplitterung nicht weitergehe und nur eine Sammlung aller jüdischen Kräfte in einem großen.Gemeinwesen Sicherheit und Wohlstand zu garantieren vermöchte. Paris, 17. Nov. Die jeder Beschreibung spottenden Jildenmeheleien in Rußland haben einen Sturm der Entrüstung unter den französischen Juden hervorgerufen. Schon als die ersten teleqravhischen Berichte — kalt und scharf wie eine Messerklinge — Wer anlangten, lagerte sich Trauer auf alle jüdische Häuser. In den maßgebenden jüdischen Kreisen war ein fortwährendes Telephonieren und Telegraphieren mit den in- und ausländischen Glaubensgenossen. Rat holend, um den Metzeleien Einhalt zu tun und zugleich um eine großanqelegte Hilfsaktion zu Gunsten der Witwen und Waisen einzuleiten. In den Bureanx der Alliance Jsraelite entstand ein? fieberhafte Tätigkeit. Jy allen jüdischen Häusern begegnete man einer bereitwilligen, hilfreichen Opferfreudigkeit. Schon in der ersten Woche wurde über 600000 Fr. gespendet. — Aber, was bedeutet diese Summe gegenüber der furchtbaren Katastrophe! Unter den hiesigen.russischen Juden rief die Schreckensnachricht eine unbeschreibliche Aufregung hervor. Wenn diese meist armen Juden ihren Brüdern mit Geld auch nicht helfen können, so wären sie doch gern bereit, ihr Blut für sie hinzugeben: und in einem in der Volksuniversität einberufenen Meeting der russischen Juden, zumeist Arbeiter, erscholl der allgemeine Ruf: „Gebt uns Waffen, wir wollen hineilen, unsere Brüder zu verteidigen!" Für jeden russischen Juden ist das neue nationale Unglück wieder ein dringender Beweis für die Notwendigkeit einer gesicherten Heimstätte: doch unsere westlichen Stammesgenossen scheinen sich dieses Zugeständnis noch nicht abringen zu lassen. Diesen Eindruck gewann ich in einer in der polnischen Synagoge einberufenen Trauerversammlung, an der Dr. Nor bau und ein französischer Rabbiner Mr. Netter teilnahmen. In salbungsvollen Sähen suchte Frankfurter Israelitisches Famiilienblatt. der Rabbiner Netter die russischen Juden damit zu trösten, daß noch eine rosige Zukunft ihrer in Rußland harre. „Wer an den Leiden teilnehme, wird auch Zeuge der Freuden sein. Dis Juden in Rußland können' getrost auf ein besseres Los hoffen, denn ihre Sache ist die der Menschheit; werden sie doch nicht weil sie Juden sind, verfolgt, sondern weil sie nach dem Lichte streben." „Ich selbst," sagte der Redner, „habe die Orgien des Antisemitismus in Algerien miterlebt. (Rabbiner Netter war in Oran angestellt, wurde aber infolge einer am Grabe eines Opfers der Antisemiten gehaltenen Rede, worin er die judenfeindliche Stadtbehörde kritisierte, abgesetzt.! Heute verleugnen alle ihre damaligen Verirrungen, und heute bewerben sich die damaligen Judenfeinde um die Freundschaft der Juden". Die anwesenden russischen Juden hörten kopfschüttelnd den Vertröstungen des würdigen Seelsorgers zu. Ihre Sinne sind von den geläufigen Schlagwörtern noch nicht bestrickt und sie nehmen sie deshalb noch nicht gläubig hin. Und als Dr. Nordau darauf das Wort ergriff schien er ihren Lippen die Antwort entrissen zu haben. Mit vor Aufregung'bebender Stimme, in der all das Weh unseres unglücklichen Volkes zu widerhallen schien, klagte er über Israel und geißelte seine falschen Propheten. „Nicht schöne Worte fordern unsere Brüder von uns. Der Vorredner hat schön gesprochen und uns eine rosige Zukunft vorgemalt. .Ich habe diese beneidenswerte Ruhe, diesen Glauben an die Menschenliebe nicht. Als Chmclnicky vor 250 Jahren Hunderttausende von Juden hinschlachtete, da sprach man wenigstens nicht von Progreß. Heute ist man stolz auf den „Fortschritt". Wo ist die Zivilisation? Wir schreien um Hilfe, aber man antwortet uns, daß man zu unseren Gunsten nicht einschreiten könne. Wenn wir uns nicht helfen, wird uns niemand helfen. Seit wie lange preist man uns schon den „Fortschritt". Und doch kam Tisza-Eßlar, Könitz! Jedesmal sagte man: Das war das letzte Aufflackern der Reaktion. — Im Jahre 1881 überschwemmten den Westen die Opfer der russischen Verfolgungen. Da fragte man sich erstaunt: Wie kann das.sein; das ist je gegen den Fortschritt? 'Dann kam Kischinew — man sagt uns: Wartet, hofft! Wieder werden Tausende hingeschlachtet und wieder sagt man: Wartet hofft! Das ist die Weisheit unserer Großen. Die russischiüdische Frage, sagen sie, muß in Rußland gelöst werden. — Ja, Rußland löst nun diese Frage auf 'eine Weise. Aber wir wollen nicht diese Lösung! — Man spricht von der anbrechenden Freiheit. Jawohl wir haben immer für die Freiheit geblutet, für die Freiheit Anderer. Wir aber werden immer wie Paria- Gehandelt. Vielleicht lvird diese mes'iinische Zeit nach "000 Jahren kommen. Aber ich will kein Prophet stin Ich bin nur fähig, nach den gewöhnlichen Ge'ehen de" Logik zu denken, nach welchen 2 mal 2 gleich 4 iß und zwei Punkte eine gerade Linie bestimmen. Vor zwei Jahren sagte ich auf dem Kongreß von unseren Volkspolitikern: Sie haben offene Her-en und oifene Hände, aber nicht offene Angen. Sie gaben 2 Millionen für K'schin-'w. Jetzt wurden di-se M'll'onen geplündert. Auch jetzt wi'd Jeder geben. Man wird di" Welt durch die jüdische Freigiebigkeit erstaune" machen. Ab?r alles das hat keinen Boden. Al^es wi"d nieder verschwinden wie ein Tropfen Wasser an' üner glühenden Platte. Nur die hochherzigen Geber werden ärmer werden. In die'em Augenblicke müssen wir für die Wit wen und Waisen unserer Opfer sorgen: aber wir müssen zugleich dafür sorgen, unsere Brüder, die --och lebenden, herausruretten. Wir können nur wün- 'chen und beten, daß diese neuen Ovfer die Augen unserer Polksvolitiker öffnen, damit sie einsehen, wo das Heil liegt!" . Eine anhaltende Stille folgte auf die Rede Nordan's. Ja, es gibt keine Worte, unseren Schmerz uuszudrücken! I. Carny. London. Der Ministerpräsident von Australien richtete an den MinisterderenglischenKolonien eine Depesche des Inhalts, dab im ganzen Lande Protestkundgebungen gegen die russischen Greuel und in sämtlichen Kirchen Trauergottesdienste veranstaltet werden. Londwn. Ter „Standard" veröffentlicht ans Folkestown folgenden Brief eines Lesers: „Me an den Juden Rußlands und Polens verübten Barbareien und Verfolgungen sind so emvörend, daß man sie nur mit Entsetzen lesen kann, und alle Umstände lassen darauf schließen, daß die Regierung mit'chuldig ist. Tie großen Beträge, welche sie für ihre notleidenden Glaubensgenossen gezeichnet hat. ger-ichcn der Londoner jüdischen Gemeinde zur höchsten/Ehre. Indes bedarf es drastischerer Mittel, um die Behö"den in Petersburg zur Vernunft zu brinaen. Ich möchte daher Vorschlägen, daß die großenjüd. Finanzhäuser sich vereinigen und sich weigern sollen, sich für eine bestimmte Zeit — sagen wir 3, 6 oder 12 Monate, bis die russischen Verhältnisse sich geändert haben — an irgend einer finanziellen Operation Rußlands zu beteiligen. Ties könnte nach meiner Ansicht geschehen, ohne baß man zu befürchten braucht, daß christliche Finanz- Häuser an die Stelle der jüdischen treten und letztere Seite 8. den großen Gewinn einbüßen, den sie bei Anleihe--, Emissionen machen. Entschlösse man sich zu einen, solchen Vorgehen und teilte es der russischen Regierung mit, so würde der gegenwärtige Schreckenszustand schnell ein Ende nehmen. Aber ich habe meine Zweifel, ob die Liebe zum sofortigen Gewinn für die jüdischen Bankiers auf dem Festlande — namentlich in Deutschland — nicht zu stark, sein wird. H. B." London. Tie P r o t e st v e r s a m m l u n g der „Jto" war von 8000 Personen besucht. Sir Robert Reid leitete die Versammlung, er sagte u. a„ daß er, wenn nur ein einziger Tropfen jüdischem Blutes in seinen Adern rollte, nicht eher ruhen und rasten würde, bis für die von dem elenden russi- 'chcn Mordgesindel verfolgten Juden eine Zufluchtsstätte gegründet sei. Tie Hauptrede hielt Israel Zangwill. Seine Rede gipfelte darin, daß die Errichtung eines, autonomen jüdischen Landes für die allmähliche Aufnahme der unterdrückten Juden die einzige Lösung der russischen Judenfrage sei. Zangwill teilte mit, daß am 4. T ezb r., dem 250. Jahrestage der ersten Beratung über die Zulassung der Inden in England unter Oliver Cromivell, eine Konferenzmitdem Kolonialsekretär stattsinden werde, die die Frage eines Zufluchtslandes unter britischem Schutze zum Gegenstände habe. Sodann brachte Zangwill den folgenden Brief LordChamberlain's zur Verlesung: „Ich versichere Sie meiner aufrichtigen und anhaltenden Sympathie mit dem jüdischen Volke, das augenblicklich so grausam verfolgt wird, und meiner Bereitwilligkeit, jeden Plan zu unterstützen, der eine vraktische Erleichterung ihrer augenblicklichen Leiden gibt. Als ich das erste Mal de» verstorbenen Dr. Herzl vor einigen Jahren sah — während ich noch Kolonialsekretär war — machte derselbe einen gewaltigen Eindruck aus mich, nicht nur durch seinen intensiven Enthusiasnnls, sondern auch durch seine »rakti'che Beurteilung der Schwierigkeiten, welche sich ibm zur Erreichung seiner Zwecke in den Weg stellten. Seine Idee war damals, an das Nationatgeiühl der Juden zu appellieren und eine große Niederlassung auf einem hinreichenden Territorium unter britischer Flagge zu organisieren mit Hilfe des Geldes, das den großen jüdischen Organisationen zur Berfüg- -siig stand, und unter einem System von Municipalnerwaltung, welche der jüdischen Eigenart freies Spiel lassen würde, ohne wirklich ein Imperium zu sein. Das sollte die jüdischen Flüchtlinge vor Tyrannei und Verfolgungen befreien. Eine britische Kolonie sollte ihnen eine Heimstätte werden. — Diese Idee des Dr. Herzl war mir überaus sympathisch, da es der erste Versuch zu sein schien, ein Problem zu lösen, dessen Eristenz in seiner gegenwärtigen Form eine Schande undGefahrfür die europäische Zivilisation ist. Es tat mir sehr leid, als ich hörte, daß der Bericht des Komitees, welches hinausgesandt war, um das von der britischen Regierung angebotene Land zu vrüfen, ungünstig ansfiel. Roch mehr bedauerte ich, daß der Baseler Zionistenkongreß nach Kerzls Tode 'in solches Projekt ganz und gar beiseite gelegt hatte. Jetzt sehe ich. daß Sie und Ihre Freunde ent- 'chlossen sind, den Versuch auf der von Dr. Herzl norgeschlagenen Basis zu erneuern. Und obgleich die 'ingetretene Verzögerung die Schwierigkeiten vermehrt, so bin ich doch der Ansicht, daß die iüngst erfolgten Gräueltaten die Notwendigkeit vergrößern, möglichst rasch Mittel zur Aenderunq des augenblicklichen Zustandes zu finden, und daß die B er an t> Wörtlichkeit der christlichen Nationen in dieser Beziehung gewachsen ist. Ich würde mich deshalb freuen, meine Hilfe und meinen ganzen Einfluß jedem Plan zu gewähren, welcher von einer verantwortlichen Organisation der britischen Regierung unterbreitet wird und welche auf den Ideen des Dr. Herzl basiert. Ich stelle Ihnen anheim, dieses Schreiben der Oeffentlichkeit zugänglich zu machen." London. In der Memorial-Hall fand ein von der zionistischen Förderation einbernfenes, wohl von 10000 Personen besuchtes Mafsen-Meeting statt; den Vorsitz führte Sir Francis M o n t e f i o r e. Zn der Versammlung waren von solgenden Persönlichkeiten Telegramme einaekanfen: Lordmayor von London. Earl Rosebery. Premier minister Bakfour, Josef Chamberlain. H. H. As"»ith, Lord James of Herrcford, Lord Rothschikd. Bischof von London, Bischof von Ripon. Oberrabbiner Dr. Adler, Reverend Dr. Clifford, Reverend R. I. Campbell. Rom, 19. Nov. Heute fanden hier zwei Protestversammlungen gegen die Jildenmeheleien in Rußland statt, eine in der Universität, die von den Studenten einberufen war, die andere in der israelitischen Gemeinde. — Letztere sprach sich gegen das passive Verhalten der sogenannten Kulturmächte aus. Odessa, 12 Nov Ter britische Konsul übergab dem Fonds zur Unterstützung jüdischer Waisen 10 000 Lstr., die Spende des Lord Rothschild-London.

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