Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 3 (1905)
- Issue
- Heft 45 (24.11.1905)
- Date
- 1905-11-24
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2692297-2692409-2692454--02022-2696597- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
DB Seite L Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Nr. 45. massakrierten Juden zur Sühne auf. Und wahrlich, das Gefühl der Gemeinschaft der zivilisierten Welt darf diese Greueltaten nicht ungesühnt lassen; sie muß in geeigneter Weise nicht nur Protest erheben gegen'.ein Vorgehen--das die elementarsten Begriffe der Menschenrechte mit Füßen tritt, sie muß diesen Protest auch praktisch zu .betätigen wissen. Ties hilfreich durchzuführen, ist die Jubenschafi nicht mehr auf sich allein angewiesen, denn die Frage ist nicht nur eine Judenfrage, sondern eine Frage der Humanität. Auch die in der Jndenschaft sich bergende' geistige Kraft kann, wenn die Gemeinschaft sich bestätigt. Ersprießliches zeitigen, denn sie kann erforderlichen Falles einen finanziellen und volkswirtschaftlichen Boykott durchsetzen. .... Hoffentlich, ja gewiß, wird jetzt eine Zell lang Ruhe einkehren, denn wenn sich die Bestie vollgesogen hat, gibt sie dem Opfer Ruhe; aber wer garantiert dafür, daß, wenn politische 'Zwecke wieder eine Judcnmctzclei erheischen, dann die Macht sich zurückhalten wird, wenn sie sieht, daß sie es ohne empfindlichen Schaden hm kann. Nein! Ta müssen geeignetere Mittel in Bewegung gesetzt werden, diese müssen energisch in Angriff genommen werden. Tie Weltbund überhaupt die Jndenschaft, kann ihre Aufgabe darin nicht erschöpft sehen, daß — wenn die Behörden in wiederkehrenden Zeitabschnitten eine Metzelei in Szene setzen — der Jude sich nur auf das Sammeln beschränke. Das hieße: seine Kraft unterschätzen! Es wäre ängezeigt, wenn ein Komitee entsendet würde, welches — unabhängig von der Hilfsaktion — sich mit den Koryphäen des In- und Auslandes ins Einvernehmen setzen und über eine gesellschaftliche Mtion beratcn und schlüssig wird, Lamll eine finanzielle und volkswirtschaftliche Maßregel gegen Rußland in Bewegung gesetzt werden könne." Und welchen Anklang fand dieser vernünftige Zerschlag, der Len.einzigen Weg zeigt, durch den die russischen Juden vor wefteren Metzeleien geschützt werden können, unter den Budapester Elfte-Inden? — Hier die Antwort: „Dieser Antrag des Herrn Mini- ' sterialrates fand im Komitee keinen Anklang." — Kommentar überflüssig! — Ter „Standard" hatte leider mft seinem Mißtrauen gegen die jüdische Geldaristokratie recht; jedoch nicht nur in Teutschland, > wie er hervorhebt, sondern auch in Ungarn und wohl auch noch in anderen Ländern, ist den assimilierten Elfte-Juden ein „jüdisches" Interesse abhanden gekommen. * * * : Die russischePresse macht Witte für die Massakresverant wörtlich. So schreibt die Petersburger Börsen-Handelszeftung „Birjewie Wedomosti": „1902 sagte Plehwc: „In Strömen jüdischen Blutes. werde ich die Revolution ertränken" — und jetzt hat die neue Regierung das Testament Plehwes vollzogen. Tenn anders ist es nicht zu begreifen, warum die Regierung den Mördern keinen Halt geboten hat, während sie die Studenten und. friedlichen Arbefter so energisch auseinander zu treiben »«steht und es ihr dabei nicht aufs Schießen ankommt. Obwohl man zum Sprengen von friedlichen Versammlungen Polizei und Milftär stets reichlich zur Verfügung hat, versagte der gesamte Regierungsäpparat, als Taufende Juden einige Tage hindurch geplündert und ernwrdet wurden." Ebenso schreibt die Petersburger „Si Otecestwo": „Es unterliegt keinem Zweifel, daß an dem Blutvergießen sich die Regierung selbst beteiligt hat. Wenn die neue Regierung beweisen will, daß der Weg der Reformen zu Wirren führt, dann möge sie es laut sagen, damit das Volk wisse, daß die neue Regierung der Peitsche und der Knute, die vom Volke Vertrauen verlangt, bis aufs Messer bekämpft werden muß. Die Regierung darf aber nicht vergessen: wenn sie nicht gewillt ist, die Wut des Volkes zu beruhigen, werden die Novembertage furchtbare Folgen nach sich ziehen. — Aus den Gebeinen der Erschlagenen werden große Scharen von Rächern erstehen, und das Land wird sich so erschüttern, daß alles, was bis geschah, als angenehme Ruhe erscheinen wird. — Wir wollen der ganzen Welt mitteilen, daß die Regierung, die den Frieden gegeben, ihn ^gestört hat durch furchtbare Schrecken, an die selbst die Reva? lutton niemals gedacht hat." * * * .; Einstimmig verlangen die jüdischen Zeftungen Rußlands, daß bei der Verteilung der Gelder der Hilfskomitees größte Vorsicht walte und daß man die gesammelten Gelder den kleinen Gemeinden zuweise, denn die großen Gemeinden vermögen sich selbst zu Helsen. Die jüdische. Presse mißbllligt es, daß die ersten Gelder den G r o ß g e - meind en Kiew, .Odessa und Warschau zugewiesen wurden. Wir finden diese Forderungen für sehr berechtigt und machen unsererseits die Hilfskomitees auf dieselben aufmerksam, damit sie dahingehend ihre Tisposittonen ändern. Die Wirkungen der rusfischen Vorgänge »ns das Ausland. Frankfurt a. M. Sonntag, den 26. d. Mts., Vormittags 11 Uhr, findet ein Matinee des Vereins ehemaliger Schüler des Philanthropins zu Gunsten der russ. Hilfsfonds in der Frankfurt-Loge statt. Die Herren Auerbach und Kirch vom Schauspielhaus, Hensel und Schneider und Frau Schacko vom Opernhaus, sowie die Herren Wolf Müller, Friedrich Heß und Siegfried Würzburger haben ihre Mitwirkung zugcsagt. Berlin, 21. November. Polizeilich aufg e l ö st wurde die gesttige Pückler-Versammlung. Vor überfülltem Saal sprach Graf Pückler über die Judenverfolgungen in Rußland. Er führte aus: die Quälereien jüdischer Greise und Kinder seien zwar nicht empfehlenswert; doch könne das System der russischen Judenmassakres nur vorbildlich für die anderen Länder wirken. Ws Graf Pückler die Anwendung dieses Systems in Deutschland näher erläuterte und zunächst die Berliner Schmiedemeister aufforderte, als die ersten der „schwarzen Berliner Hundert" die Judenverfolgung zu eröffnen, erklärte der überwachende Polizeileutnant die Versammlung für aufgelöst. Köln, 21. Nov. Dem Kölner Hilfskomitee hat auch der Erzbi s ch of Kardinal Fischer einen Beitrag überwiesen. Sein an Rabbiner Dr. Frank gerichtetes Begleitschreiben lautet: „Eingeschlossen erlaube ich mir, Ihnen meinen Beitrag, 100 JL, zur Linderung der Not Ihrer Glaubensgenossen in rllußland' zu übermitteln. Es ist tief zu beklagen, daß in einem Land, das sich christlich nennt, solche Greuel Vorkommen können. Hoffentlich wird die jüngst doch auch für das religiöse Gebiet in Aussicht gestellte Freiheit solche traurige Vorkommnisse in Zukunft verhindern und die von der offiziellen Kirche abweichenden Staatsangehörigen sämtlich vor Vergewaltigungen schützen, wie sie bisher leider mehrfach dort zu beklagen waren." Köln a. Rh. Die „Kölnische Ztg." schreibt: „Eine Reihe von Privatbriefen aus verschiedenen russischen Städten, die von einwandfreien Zeugen hcrrühren, zeigen, daß der durch die Gemetzel unter den Juden hervorgerufene Notstand jeder Vorstellung spottet. Der harte russische Winter hat bereits begonnen, es fehlt vieleir Tausenden an Obdach; Kleidung, Nahrung und Heizmaterial, so daß sie zugrunde gehen müssen, wenn nicht rechtzeitig Hülfe kommt. Unter diesen Umständen wird das oft bekundete werktätige Mitleid unseres Volkes ohne Unterschied der polftischen Patteiangehörigkeit und des Bekenntnisses wohl gern dem Aufruf zur Spendung von Gaben entsprechen, den das Hülfskomitee in unserer Mittagnummer vom Mittwoch den 14. November erlassen hat. Das Hülfskomitee hat zuverlässige Persönlichkeiten gefunden zur sichern und gerechten Verteftung der Liebesgaben, auch an die nichtjüdische geschädigte Bevölkerung." Berlin. Am 23. November er. findet im R a t - hause eine Sitzung statt, in der über weitere Schritte zu Gunsten der russischen Juden beschlossen werden soll. Die Einladungen zu dieser Sitzung sind von den Herren Oberbürgermei st er Kirschner und James Simon ergangen. Bamberg. Ter Erzbischof von Bamberg, Dr. v. Albert, hat. auf das Ersuchen, dem Hilfskomitee beizutreten, geantwortet: „Ich stelle gern meinen , Namen zu dem zu erlassenden Ausrufe zur Verfügung. Zu dieser öffentlichen Stellungnahme für, die Familien der ermordeten und beraubten russ. Juden veranlaßt mich nicht bloß das Gefühl allgemein menschlicher wie christt licher Nächstenliebe, sondern außerdem noch die Pflicht der Dankbarkeit für die tatkräftige Unterstützung, welche russische Juden den um die Mftte des vergangenen Jahrhunderts um ihres Glaubens willen verfolgten katholischen Christen bei ihrem Transport nach Sibirien angedeihen ließen." Wien, 17. Nov. Am 14. d. Mts. fand im Bureau der Israel. Mlianz eine gemeinschaftliche Konferenz des Präsidiunrs der Mlianz mit Telegattonen der beiden hiesigen B'ne-Brith-Logen ustd der zionistischen Organisation, sowie mit den Vorstandsmitgliedern der Oesterr.-Jsräet. Union "statt. Es wurde einstimmig beschlossen, die von der Jsrcsel. Allianz eingeleitete Hil>saktion mft aller Energie zu fördern. Bisher gingen der Israel. Allianz 270000 Kr. Spenden zu. Wien, 17. Nov. Sammlung in der ruffichen Botschaftskirche! Nach dem Sonntags- Gottesdienste richtete Herr James Kopan an die An-, wesenden die Aufforderung, zu Gunsten der russischen Juden eine Kollekte zu veranstalten. Ter Botschafter, Fürst Urüssow, spendete 1000 Kr., das Gesamtergebnis betrug 1480 Kr. — DepeschedesPräsidentendeSOe st erreich isch-russ. HilfsVereins an Witte! Stephan Tewonicki, der Präsident des Oesterr.-russ. Hilfsvereins sandte an Graf Witte folgende Tepesche: „Im Jahre 1901 habe ich unter dem Proteitorate des inzwischen verstorbenen Botschafters Grafen Kapnist einen Verein zur Erweisung von Hilfe an bedürftige russische Untertanen in Wien gegründet, welcher eitdem segensreich wirkt. Während des russisch-japanischen Krieges organisierte ich für Oesterreich Sammlungen von Spenden in Geld und Effekten für die russischen Kriegsverwundeten, stets waren es Juden, die als Philantropen das Meiste für die armen Russen und die unglücklichen russischen Kriegsverwundeten opferten. Ta in Rußland jetzt die Juden in barbarischer und schändlicher Weise, schutzlos abgeschlachtet und ausgeraubt werden, ist man hier furchtbar enttäuscht und unsäglich betrübt über diese unmenschlichen Vorgänge. Tie hiesige Intelligenz blickt vertrauensvoll auf Eure Exzellenz und erwartet mit Ungeduld das Aufhören des Blutvergießens der unschuldigen Opfer des vertierten russischen Pöbels. Können Eure Exzellenz mir nicht irgend welche beruhigende Aussichten zur Beschwichtigung der verzweifelten Stimmung der hiesigen Öffentlichkeit zukommen lassen?" Auf 'diese Tepesche langte folgendes dringende Antworttelegramm des Grafen Witte ein: „Mit Hilfe wohlwollender Leute kommt bald eine Beruhigung. Alles Mögliche ist von der Regierung getan." Triest (Oesterreich). Ter Vorstand, der hiesigen , israel. Kultusgemeinde bewilligte 20000 Kr. für die Opfer der rusfischen Judenmassakres. Prag, den 29. Nov. Gestern vormittag tagte eine von dem zionistischen Studentenverein „Bar- Kvchba" veranstaltete große Protestversammlung. Es wären über 1.500 Personen anwesend und sämtliche jüd', Korporationen vettreten. Nachmittags 4 Uhr fand die von den vereinigten zionistischen Vereinen veranstaltete T r a u erfrier in der Zigeunersynagoge, statt. Nach halbstündiger, scharf pointierter Rede des Herrn Rabbiner Dr. Deutsch wurde der „El mole rachamim", den Rabbi Scheftel Horowitz für die Opfer der Kvsakenverfolgungen 1648 verfaßte, mit wenigen Aenderungen von dem auf der Erde sitzenden Kantor vorgetragen. Budapest. In vielen orthodoxen Gemeinden sind infolge der Judenmassakres Tanesim.abgehalten worden. \ 1 Lemberg, 21. Nov. Hier wurde bei der gestrigen Aufführung von Oschirikows „Die Juden" im polnischen Stadttheater eine große russenfeindliche Kundgebung veranstaltet. Brünn (Oesterreich). Rabbiner Professor Dr. Kurrein-Teplitz schreibt in der hiesigen „Jüd. Volkst": „Die, 12 Millionen Juden werden nicht etwa, wie die Sozialdemokraten, wenn das Blut auch nur eines ihrer Genossen unschuldig vergossen würde, einen Rachezug ausrüsten, werden auch nicht, wie Japan, in voller siegesgewisser Rüstung Rußland überfallen und in verdienter Weise züchtigen. Wir Juden sind doch immer und überall in der Minorität, und wären wir es nicht, so wäre ein großer Teil der 12 Millionen assimilatorische Humanitätsmeier, die sich dem Rachezuge nicht anschlössen, da Rußland weit und den Juden im übrigen Europa doch von Rußland nichts Arges zugefügt wurde. Die Juden, ein friedliches, ethisch-kultiviertes. Volk, werden auch nicht wie andere vom wilden Haß und unbändiger Rachgier erfüllte Schichten der Gesellschaft, Bomben dem Zar und den Großfürsten schleudern, nicht einmal den Gouverneurs und Kommandanten, welche Militär und Polizei untätig dem tierischen Gemetzel zuschauen ließen. Die russischen Juden werden sogar wie bisher ihrer vertierten Stiefmutter ergebene Kinder sein! ..... Ms in den 80er Jahren die ersten Flüchtlinge aus Rußland eintrafen, hatte man schon lange nichts Aehnliches erlebt, und die Fehler, die damals geschahen, mögen dahingestellt bleiben. Man konnte sich denken, man dachte aber nicht, daß dergleichen Vorgänge in Rußland sich wiederholen wer-