Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Presse · 1905-11-24 · Heft 45 (24.11.1905) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Presse
Volume
3 (1905)
Issue
Heft 45 (24.11.1905)
Date
1905-11-24
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2692297-2692409-2692454--02021-2696596
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

ZsraitkfrtrLer Zsnkiitislhes Imilinklitt i r1 ■ , ’ Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnementspreis pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei ins Haus. Bei der Post abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich - Ungarn Mk. 1,50, sonstige Länder Mk. 2.— HledaKktoir tttrt HefchLfrsstelke: Frankfurt a. M„ LeUigkreuzgaffe 52, Lcke Llapperfeldstraße T-r-fo« 10507. Jnsertionspreise: Die viergespaltene Petitzeile.25 Pfg. Die Reklamezeile.100 „ Platz- und Daten-Vorschrist ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach Uebereinkunft. 3. Jahrgang. Freitag, Leu 26. Cheschwan 5666 <24. November 1905). No. 45. Inhalt des HauptblatteS: Artikel: Zur Lage. — Die Woche. — Die Wirkungen der russischen Vorgänge auf daS Ausland — Aus aller Welt. — Feuilletou: Homeler Silhouetten. — Die Braut. — Kunstund Literatur- — Familiennachrichten. Zur Lage. „Drei Tage und Nächte dauerten die Schrecken des Mordens und Plünderns der entmenschten Horden. Viele Tote und Verwundete; Greise und Kinder wurden nicht verschont; Frauen und Mädchen wurden geschändet und dann ermordet; Müttern wurde der Leib aufgeschlitzt, um das Kind im Mutterleib zu morden: schaudererregend sind all die bestialischen Grausamkeiten, die an uns, unsren Frauen und Kindern begangen wurden. Die Stadt gleicht einem Schlachtfelde und ist dem Erdboden gleich gemacht. Viele Hunderte von Familien dem Untergange preisgegeben. Die jüdische Selbstwehr verrichtete Wunder der Tapferkeit, wiederholt schlug sie die Mordbrenner in die Flucht, aber Polizei und Militär stellte sich ihr entgegen und hinderte mit Waffengewalt die Verteidigung." So, oder ähnlich, lauten die Berichte von all den Städten, die dem Verderben geweiht wurden. . Es ist also klär, daß Comte Witte die reine Wahrheit spricht, wenn er versichert, daß die Regierung außer Stande war zu helfen; denn es ist ziemlich schwer, einen „Pogrom" einzüleiten und zu leiten und ihn zu gleicher Zeit zu verhindern . . . Der Herr Ministerpräsident hat schon längst einer jüdischen Deputation gegenüber seine warme Sympathie für die Juden auszudrücken geruht. Nur meinte er, daß es für die Juden gefährlich wäre, wenn man ihnen auf einmal die Gleichberechtigung gewähren wollte, denn es könnte dies die Bolksleidenschaften gegen sie erregen. Der freundschaftlichen Fürsorge des Herrn Witte danken wir es also, wenn bis zur Stunde die Rechtlosigkeit der Juden in Rußland — trotz aller Manifeste und erteilter Konstitution — ganz genau dieselbe geblieben ist. Wenn trotz dieser weisen Vorsicht die Volksleidenschaften in einer noch nie dagewesenen Weise gegen die entrechteten Juden wüten, so kann Herr Witte natürlich nichts dafür, denn er hat sein Möglichstes getan — er beließ die Juden in ihrer Rechtlosigkeit. In diesem Kampfe zwischen Juden und russischem Militär blieb per Sieg den russischen Waffen, weil diese Schlachten besser vorbereitet'waren, als die in der Mandschurei, alles ging, weil wohlorganisiert, mit der größten Präzision von Statten, nur Herr Trepow und Herr Witte haben nichts gemerkt, und als es kam, standen sie unvorbereitet und hilflos da. So kam es, daß wir die größten Opfer der russischen Befreiung brachten und zunächst nicht den kleinsten Vorteil davon haben. Aber die Reichsduma soll es bringen; sie wird darüber entscheiden, ob auch die Juden Menschen seien und. darum Menschenrechte genießen sollen. Es ist offenbar, daß hinter diesem Versuch, Zeit zu gewinnen, sich die Hoffnung verbirgt, eine reaktionäre, den Wünschen der Machtfaktoren sich fügende Majorität zusammenzubringen, mit deren Hilfe man die Juden um ihr Recht wird betrügen können. Diese Hoffnung der russischen Regierung ist nicht so unbegründet, als manche glauben; denn man darf füglich mit Recht bezweifeln, ob sogar die liberalen Elemente dem offenbaren Wunsch der Regierung, die Juden ihres Rechtes zu berauben, so sehr sich widersetzen werden. Ws tausende Juden ihres Lebens unter grauenvollen Martern beraubt wurden, haben sie sich nicht hervorragend hervorgetan. Ja, ihre bei dieser Gelegenheit gezeigte Ruhe und Kaltblütigkeit ist außerordentlich lehrreich. Der Demonstrationsstreik in Petersburg ist — wegen Verhängung des Belagerungszustandes über Polen proklamiert worden. Und auch der Semstwo-Kongreß hat kein Wort der Entrüstung über die gegen die Juden verübten Gräuel gefunden. Dies alles^ sollte man meinen, wäre hinreichend, um uns zu denken zu geben. Dennoch scheint der Ernst der Lage einem Teil der russischen und den meisten der westeuropäischen Juden nicht recht klar geworden zu fein. Mit Recht sagt die „Hazfirah": „Me lange noch werden wir mit Redensarten uns trösten und die wahre Sachlage zu verdunkeln versuchen? Wir reden von dem „schwarzen Hundert"; es ist doch aber kein Hundert, sondern Hunderttausende, ja Millionen sind es, die nach unserem Blute dürsten! Ringsum umgeben uns Feinde, die zu jeder Zeit mit Freuden bereit sind, uns das Lebenslicht auszulöschen." Mit Recht beklagen die russischen Mitglieder des zionistischen Aktionskomitees die Zerfahrenheit in der jüd. Politik; daß auch jetzt, in den Stunden der äußersten Not und Gefahr, keine Einheit und Einigkeit zu erzielen ist. In dem erlassenen Aufruf beklagen sie es bitter, daß während den Juden noch die minimalsten Menschenrechte vorenthalten werden, ein Teil der russ. jüd. Jugend in ein Meer von sinnlosen Phrasen und hirnverbrannten Jdeologismen versinkt, mit denen sie die furchtbare Gefahr noch vergrößern. So soll eine der Kampsorganisationen die Parole herausgegeben haben: Kumpf bis zur Errichtung der freien Republik! Es soll der „Bund" sein, der diesen guten Witz gemacht haben soll. Aber wir hoffen, daß diese Nachricht sich nicht bewahrheiten wird. Wir tun es im JUteresse unseres Volkes, als auch im Interesse dieser Herrschaften selbst, weil uns kein Irrenhaus zu Gebote steht, wo sie — sollte sich die Nachricht bestätigen — unbedingt untergebracht zu werden verdienten. Wie begründet nun diese Klagen der russischen Aktionskomiteemitglieder auch sind, so dürfen wir es nicht unterlassen zu bemerken, daß diese Herren nicht gerade diejenigen sind, die zu dieser Klage und Anklage berechtigt sind. Waren sie es doch, die die Einheitlichkeit der jüdischen Politik und die Einheit unter den jüdischnationalen Politikern mit beklagenswertem Fanatismus in Trümmer geschlagen haben. Sie wollten nicht, daß der Zionismus alle Juteressen des jüdischen Volkes vertreten und alle, die sich zu ihm in Wahrheit bekennen, umfassen soll. Ihrer eigenen Taktik haben sie es zuzuschreiben, wenn diese jüdische „Hooligans", männlichen und weiblichen Geschlechts, die in Genf und Bern sicher sitzen, die — um uns ja die Folgerichtigkeit ihrer Brochürengelehrsamkeit zu beweisen, und um die Befreiung des russ. „Hooligantentums" auf ideale Weise zu erstreben — ohne Träne und kalten Herzens ihre eigene Väter und Mütter den Mördern ausliefern, unter den verzweifelnden jüd. Massen an Anhang haben gewinnen können. Nur die absolute Verzweiflung, nur die Vernichtung jeder anderweitigen Hoffnung auf Rettung, konnte dies zu Wege bringen. Darum ihr Herren, arbeitet auf's Neue mit an der Eröffnung eines Rettungsweges für unser armes Volk. Es ist keine Schande, sich zu irren. Eine Schmach, ja ein Verbrechen wäre es, einen erkannten Irrtum nicht eingestehen zu wollen. In diesen tränenreichen Stunden lasset uns den Weg zur Verständigung und Einigkeit suchen, denn dies vor allem tut uns jetzt not! 8. 8. Die Woche. Unter den Aeußerungen der letzten Tage über die russischen Juden finden wir die folgenden bemerkenswert: „Um die Behörden in Petersburg zur Vernunft zu bringen, möchte ich Vorschlägen, daß die großen jüd. Finanzhäuser sich vereinigen und sich weigern sollen, sich für eine bestimmte Zeit an irgend einer finanziellen Operation Rußlands zu beteiligen. . . . Entschlösse man sich zu einem solchen Borgehen und teilte es der russischen Regierung mit, so würde der gegenwärtige Schreckenszustand schnell ein Ende nehmen. Aber ich habe meine Zweifel, ob die Liebe zum sofortigen Gewinn für die jüdischen Bankiers auf dem Festlande — namentlich in Deutschland — nicht zu stark sein wird." So ein Leser im Londoner „Standard" (den Originalbrief siehe unter der Rubrik „Die Wirkungen der russischen Vorgänge auf das Ausland".) Im gleichen Sinne äußerte sich der jüdische Ministerialrat Dr. Ludwig Ballai, Präsident des Patentamtes des Kgl. ungar. Handelsministeriums, in einer Rede, die er in dem Budapester Hilfskomitee für die notleidenden russischen Juden hielt und deren Stenogramm die in Budapest erscheinende „Allg. Jüd. Ztg." bringt. „Es erleidet," sagt er, „gar keinen Zweifel, daß, wenn die Sammlung richtig organisiert wird, sie die jüdische Opferwilligkeit, wie auch das Mitleidsgesühl eines jeden anständigen Menschen in großartiger Weise bekunden wird. Aber wenn wir bedenken, daß diese Greueltaten unter dem Schutze der Regierung verübt wurden, so ruft uns das Andenken der

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.