Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 3 (1905)
- Issue
- Heft 44 (17.11.1905)
- Date
- 1905-11-17
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 44. Frankfurter JfraelitischeS Fmmlienblatt. Seite 5 tuenden Gegensatz zu dem in England immer mehr anwachsenden Fremdenhatz steht, fand am 25. Oktober in Leeds statt. An ' diesem Tage wurde unter großer Teilnahme der gesamten Bevölkerung vom Oberbürgermeister das mit einem Kostenaufwand,: von ca. 50 000 Jt. errichtete, mit allein Luxus ausgestattete jüdische Frauenbad eröffnet. Mr. H. B. James, Vorsitzender der Magistratsabteilung für städtisches Eigentum, hielt eine Ansprache, in welcher er versicherte, daß die gastfreundlichen Einwohner von Leeds auch in Zukunft alles tun iverden, um den aus weiter Ferne zu ihnen kommenden Juden das Leben so angenehm als möglich zu machen. Ter Lordmayor behauptete in seiner Ansprache, England sehe die Fremdeneinwanderung sehr gern. Namentlich aber ist die christliche Bevölkerung von Leeds stolz darauf, eine Gemeinde jenes Volkes in ihres Mitte zu besitzen, das wegen seiner großen Vergangenheit alle Achtung verdient. Die städtische Gemeinde habe dieses Gebäude errichtet, um einem dringenden Bedürfnisse der jüdischen Einwohner zu genügen, und hofse, daß diese Anstalt sich selber und "ohne Zuschuß der Steuerzahler erhalten werde. Ter Vorsteher der jüdischen Gemeinde, Mr. Paul Hirsch versprach im Namen der Leedser Judenheit, Zolles zu tun, datz das Frauenbad den städtischen Steuerzahlern nicht zur Last falle. Leeds zählt unter 430 000 Einwohnern gegen 20 000 Juden, so daß die jüdische Bevölkerung daselbst 4,66 Prozent ausmacht. Rußland. Petersburg, 13. November. Auf Antrag des Ministerpräsidenten Witte wurden die Gouverneure der Provinzen E st h l a n d, P e r m, Tomsk, Kasan und der Stadt Odessa a b beruf e n, weil sie keine Maßnahmen zur Verhinderung der jüngsten Unruhen ergriffen haben. Odessa, 13. Nov. An Stelle des seines Amtes enthobenen Stadthauptmannes N e i d h a r d t wurde als Nachfolger General Grigorjew bestellt. Die größte Ueberraschung rief hier die in Rußland noch nie dagewesene Tatsache der Berufung eines I n den, A b r a h a in s o n, zuni Haup ta d m i n i st r a t o r d. S ü d w e st e i s e n b ä h n hervor an Stelle des zum Minister sür Verkehrswege ernannten bisherigen Tirektors Nemeschajew. t *' Kiew. 11. Nov. Der neue Generalgouverneur Schomlino >v hat de» Polizeimeister Z i ch o t s k y und den General B e s s c n o w, den direkten Führer des „S ch Warze n Hunder t", abgesetzt und eine Untersuchung der Juden-Krawalle eingeleitet. Die Bevölkerung fängt an, sich zu beruhigen. Das Geschäftsleben hat wieder angcfangen. Riga. Wie Progrome gemacht werden! Freitag Abend war bekannt geworden, daß „H o o - l i g a n s" cingetroffen und Exzesse zu erwarten seien, die sich hauptsächlich gegen die Inden richten würden. Die Sozialisten (Setten) beschlossen jedoch, energisch den Angreifern entgegenzutretcn. Gestern, Sonntag Mittag, vcrsaminelten sich einige hundert Hooligans in der Moskauer Vorstadt und zogen dann unter Vorantragung eines Bildes des Kaisers und Absingung der Nationalhymne nach der entlegensten ärmsten Gegend, wo sich ein jüdisches Armenhaus befindet. Dort wurde in das Bild des Kaisers geschossen, von den Hooligans selbst, aber .es wurde gesagt, daß die Juden aus den, Armenhause geschossen hätten. Bei dem Kampfe, der sich nun entspann, bekamen auch die Hooligans ihren Teil ab. Die Sozialisten nahmen sogar mehrere derselben gefangen. Auch heute haben dort Straßenunruhen stattgcfunden, doch ist es nicht zu einer Plünderung und Beraubung der jüdischen Lcvölkerung gekommen. Sonst wurde heute schon überall gearbeitet und die Eröfsnung der Bahn wird auch heute täglich erwartet. Amerika. Rew-Nork» 8. November. Die Gründung eines internationalen israelitischen Schutzbundes mit dem Sitze in Newyork wird vielfach v o r g e s ch l a g e n. Ter Bund soll zugleich der Massenansiedelung jüdischen Proletariats in den amerikanischen Großstädten und der Zentralisation der Einwanderung entgegenarbeiten. Rew-Nork, 13. Nov. Bankier Speyer gibt 50000 Dollars für die Errichtung von Lehrst ü h l e n für amerikanische Geschichte und Verfassung an der Universität Berlin. Ter Inhaber wird in deutscher Sprache lesen und auf Präsentation geeigneter Kandidaten seitens der Kolumbia Universität vom preußischen Unterrichtsministerium stets aus ein Jahr ernannt. Die preußische Regierung wird eine Professur an der Kolumbia Universität für deutsche Geschichte einrichten. Philadelphia. Im „Hebrew Union College" haben sich sür das begonnene Unterrichtsjahr 40 Studenten eingeschrieben, 7 mehr als im abgelanfeuen Jahre. _ Personalien. Berlin. Den Aerzten Dr. Jakob Wolfs, Dr. Sebastian L e v y, Dr. Salomo» Steint hal- Berlin, Dr. Wilhelm B a d t und Dr. Selmar P e ys e r - Charlottenburg wurde der Charakter als Sanitätsrat verliehen. Ter Sanitätsrat Dr. Wolf Reißer- Berlin ist zum G c h e i in e n S a u i t ä t sr at ernannt. Berlin. Herr Jacques Mühsam. Inhaber der Baumwollenwarensirma Mühsam u. Goldschmidt, wurde zum Kommerzienrat ernannt. Der Senior der Stadtverordnetenversammlung, Sanitätsrat Tr. Neu mann, hat infolge schwerer Krankheit sein Mandat n i e d e r g e l e g t. Köln a. Rh. Herrn vr. mell. S. Apfel wurde der Charakter als 2 a n i t ü t s r a t verliehe». Liegnitz. In gemeinschastlicher Sitzung der städtischen Körperschaften wurde Herr H e i n r i ch C o h », der Vorsteher der jüdischen Gemeinde, »eben dem Oberbürgermeister zum Provinziallandtagsabgeordncteu gewählt. Leipzig. Hirr ist der allgemein bekannte Kammersänger Albert G o l d b e r g, Oberregisseur der Oper am Stadktheater, nach schwerem Leiden g e st o r b c n. Er war 1847 in Braunschweig als Sohn des dortigen Kantors geboren und wandte sich zunächst auf Wunsch seiner Eltern dein kaufmännischen Berufe zu. Dem achtzehnjährigen Jünglinge drängte sich aber die Erkenntnis, daß er Künstler werden müßte, so stark auf, daß er 1865 ins Leipziger Konservatorium trat, wo seine Barironstiinme Professor Götze ausbildete. Am 2. Mai 186!» debütierte Goldberg als Oberbrahmine in Meyerbeers „Afrikanerin" auf der Münchener Hofbühne. Tann kain er über Mainz, Bremen, Neustrelitz, Straßburg, Augsburg nach Königsberg, Ivo er am dortigen Stadttheatec des Tirektors Max Staegcmann nicht nur als erster Bariton, sondern auch als Regisseur mehrere Jahre hindurch, bis 1880, ivirktc. Nach Staegemanns Uebersiedlung nach Leipzig wurde Goldberg sogar Direktor des Königsberger Stadtlhcaters, welchen Posten er aber nach drei Jahren ausgab, um am Leipziger Stadttheater, dessen Direktor Staegemanu inzwischen geworden war, den Posten als Oberregisseur der Oper zu übernehmen. — Goldberg verschaffte sich den Ruf eines der ersten deutschen Opernregisseure; vor allem rühmte man seine feinsinnigen Inszenierungen Wagnerscher Opern. (Nachdruck verboten.) 0 feuilfefon. 0 Homeler Silhouetten. Skizzen von Tan, aus dem Russischen übersetzt von T. B a ch. (Fortsetzung.) VII. T i e A l t e n und die Jung e n. Es war an einem Sonntag. Wir saßen in einer ziemlich zusammengeivürselten Gesellschaft und tranken Tee. Ter Hauswirt Soimonow. Altgläubiger, dem Berus nach Wagenbauer, war ein wohlhabender, kluger Mann, höflich im Umgänge. Dieser letzten Eigenschaft begegnet man bei de» Altgläubigen nicht besonders häusig, und er wurde seiner Leutseligkeit wegen von allen Nachbarn, Christen >vie Juden, sehr geachtet. I» der „nationalen" Frage hielt er eine neutrale Stellung imic, und am Tage des Pogroms hatte er mehreren jüdischen Familien Unterkunst in seinem Garten gewährt. — Die übrige Gesellschaft bestand aus zwei Altgläubige», den nächsten Nachbarn Soiinonoiv's, zivei Eisenbahnschaffnern, einem Lokomotivführer, einem Gehilfen aus.der Wagenbauabtcilung der Eisenbahnwerkstätten und zivei Schlossern. Ich >var bei Toimonow durch Vermittlung seines jüngste» Sohnes eingeführt worden, der ebenfalls Schlosser »var, unlängst vor Gericht als Zeuge figuriert, jedoch solch' eine Aussage gemacht hatte, daß er dadurch de» Unwillen des Proknrors erregte, und der Vorsitzende es für nötig fand, ihn sogar zu unterbrechen und zurechtzuweisen. Ter junge Soiniouow hatte noch einen jungen Freund mitgebracht, der übrigens abseits saß und es vorzog, sich mit den Frauen zu unterhalten. Ihrer ivaren vier: eine Alte, ihre Schivestcr und zwei Töchter: ein junges Mädchen und eine junge Frau. Der Jugend hatte sich auch Soiinonoiv's Schwiegersohn, d^r ein ivenig älter war und beim Schwiegervater in der Wagenbauerwerkstättc arbeitete, zugesellt. Außer der siedenden Teemaschine standen noch zwei Flaschen Bier und eine Flasche Branntwein auf dem Tische. Tie Eisenbahnschasfner tranken Bier, die Gesellen aber Branntwein und dazu einen Imbiß aus gebratenen Fischen und kaltem Fleisch. Im ganzen waren fünfzehn Menschen in der geräumigen Stube, die noch weiteren Platz bot, sogar Gläser und Teelöffel reichte» für alle, den» die Familie Soimonow lebte in ivohlhabcnden Verhältnissen und der Alte liebte cs, bei Gelegenheit Gäste aufzunehmen. Die Unterhaltung drehte sich natürlich um den vorjährige» Pogronr. Wenn in Homel drei Menschen zusammenkommen, so können sie von nichts anderem sprechen. Jetzt beurteilten wir den Pogrom sozusagen vom mittleren bürgerlichen Standpunkte aus. Tie Gesellschaft, welche sich bei Soimonow versammelt hatte, war zu anständig, um zum Beispiel unmittelbaren Anteil am Pogrom zu nehuien. Diese Leute betrachteten nur ans der Ferne, wie die Raubmörder „arbeiteten" und das Militär die jüdische Selbstverteidigung bezwang. Sie ergriffen vor alle» Tinge» Maßregeln, um ihr eigenes Hab' und Gut zu schützen. — „Weiß Gott," sagte der alle Soimvnoiv nachdenklich, „es ging ja alles gut, »veil die Russen und Juden doch beinahe zu einer Rasse gehören, aber es war so, als ob plötzlich eine Blase gesprungen märe. Weiß Gott, wodurch sie aufgeblase» wurde." „An allem sind diese räudigen Temokrate» schuld," bemerkte der Schaffner Androssow, „ich würde ihnen zeigen!" Er hatte ein feistes, rotes Gesicht, hervorstehende Augen und einen dichten Schnurrbart mit gewichsten Spitzen. — „Was sind das. Temokrate»?" fragte ich. An diesem Tage hatte ich zivei Erklärungen dieser Hauptfrage des Homeler Lebens gehört. Tie eine, mehr gelehrten Charakters, kam von dem in Homel nicht unbekannten Gymnasiallehrer Baikin und lautete folgendermaßen: „Demokraten sind diejenigen, welche Anspruch erheben aus die Teilnahme ain tziewinn bei der Produktion, ohne an den Ausgaben teil zu nehmen." Zu den Erklärungen des Lehrbuches der alte» Geschichte von Jloivaiski, nach ivclchem Brikin die Gymnasiastinnen unterrichtete, sägte er seinerseits »och andere, ausführlichere hinzu. „Demokraten, das sind jüdische Rebellen," sagte er, „sie empörten sich schon gegen die römische Obrigkeit. Jüdische Demokraten haben Jerusalem zu Grunde gerichtet." — Die andere Erklärung kam von jüdischer Seite, von dem Kleinhändler Tosselmann. Sie zeichnete sich durch ihre rätselhafte, epigrammatische Form aus: „Die Demokraten haben Löcher in de» Schuhen und Bücher in den Taschen. Wir sind nicht cinsache Juden, sagen sie, >vir proklamiere», datz wir jüdische Proletarier sind." — . Es erfolgte bald noch eine dritte Bezeichnung: „Gesindel," sagte Androssvw, indem er verächtlich die Unterlippe aufivarf, „räudige Schuster." „Ha, was, >vir sind auch Menschen," verspottete er den Akzent der vermeintlichen Schuster. — „Hauptsächlich sehen die Demokraten auf die Uhr; sie arbeiten nur von sechs bis sechs, mehr verlange nicht von ihnen," erklärte unparteiisch der Schlvicgersohn SoiinouoivS. Mir schien jedoch, daß diese Unparteilichkeit einige Sympathie für die Stundenarbeit in sich barg. — „Was ist das für eine Ordnung," entgegnete darauf unverzüglich der Alte. „Meiner Ansicht nach ist das keine Ordnung: »venu Dir z. B. die Arbeit nicht gefällt, kannst Tu ja fortgehen." — „Natürlich," bestätigte der Meistergehilfe, „als vor drei Jahren bei uns die Gesellen streikten, ließ die Verwaltung ihnen auch sagen: »vem es nicht gefallt, der möge fortgehen." — „Ta kommt z. B. zu mir der Tischler Mowschowitsch," begann Soimonow von Neuem, „er »veint und klagt, daß die eigenen Kinder Jtzka, Schmul, Ruwim von ihm verlangen: „Zahle uns Gehalt, sonst iverden wir nicht arbeiten." Er hobelt selbst und sieht dabei auch auf die Uhr. Wenn die Uhr sechs ist, legt er den Hobel fort. Ist das gut?" — Tie Moralpredigt des alten Wagenbauers war sichtlich an die Adresse der eigenen Jugend gerichtet, welche Sympathie für die Herzlosigkeit der jüdischen Schuhmacher und Tischler ossenbarte. „Wir haben sie gesehen, diese jüdischen Temokraten," jagte der andere Kondukteur, ein kleiner, boshafter Mensch mit faulen Zähnen und einem üblen Geruch ans dem Munde. „Sie ziehen in ganzen Banden von einer Straße zur andern. — Wisset, wer wir sind!" „Das ist ihre Börse; dort aus der Troitzky-Straße bieten sie ihre Arbeit seil," erklärte der Lokomotivführer. —