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Neue jüdische Presse · 1905-11-17 · Heft 44 (17.11.1905) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
3 (1905)
Issue
Heft 44 (17.11.1905)
Date
1905-11-17
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite Z. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Nr. 44. Stifters aus Washington in die Lande eingezogen, und die Marokkoaffäre spricht wiederuin laut und dringend und lenkt auf sich, sofern sie darin durch die ernsten Vorgänge im inneren politischen Leben Rußlands nicht gehindert wird, die volle Aufmerksamkeit. Ich: will hier durchaus nicht den Propheten spielen und Voraussagen, womit diese Frage schließen ivird. Es ist auch gar nicht notwendig. Man braucht ja kein Historiker von Beruf zu sein, um die Art und Weise zu kenne», wie sich die europäischen Mächte ihre Kolonien „angeeignet" haben. Wie bekannt, waren es stets folgende 3 Etappen: Zuerst christliche Missionen zur Bekehrung der Ungläubigen, dann Handclsinteressen, die verteidigt werden wollten, zuletzt Okkupation ohne weiteres und Verwandlung in eine überseeische Kolonie, die tüchtig cxploitiert wird — im Namen .der Zivilisation und der Menschenliebe. Die Frage, welcher Wolf das Lamm fressen und wann er das tun wird, ist sekundärer Natur; die Haupt- und Tatsache ist — das Lamm wird erbarmungslos' von den Wölfen zerrisse». Ms Jude, vielleicht auch als Mensch überhaupt, werde ich den Mauren auch keine einzige Träne nachweinen, wenn der Tag früher oder «später heranbricht, wo das Sultanat abgeschafft und Fez zum Sitze eines europäischen Gouverneurs wird. Tenn mit dem Sturze der Herrschaft seiner scherifischen Majestät und der Einführung eines europäischen Verwaltungssystems verschwindet auch die Rechtslosigkeit, die im Lande überall herrscht, und das Jahrhunderte lang drückende Joch fällt vom wunden Nacken der unterdrückten Brüder, die, im schlimmsten Falle, wenigstens ihres Levens mehr oder weniger sicher sein werden. Wer. die Medaille hat auch ihre Kehrseite. Und hier beginnt der Punkt, an dem ich ansetzen möchte, um als orthodoxer Jude meine orthodoxen Brüder auf eine neue Gefahr, die dem orthodoxen Jüdentum droht, aufmerksam zu machen. Diese Gefahr ist zwar nur seelischer, geistiger Natur und hat mit den vormaligen, mehr körperlichen Leide» unsrer Marokkaner Brüder nichts Gemeinsames, ist aber eben darum bei weiten! gefährlicher und verhängnisvoller als jene und fordert inr dringendsten Tone unsere baldige Stellungnahme zu derselben und unser unmittelbares wirksames Zuvorkommen. Ich meine die geistige Gefahr, die unsren marokkanischen Brüdern seitens desjenigen Judentums droht, das sich in seiner Nachäffung des Christentunis ungcrcchterweise neolog-reformiert betitelt. Mit dem Aufgehen der neue» Sonne der Freiheit und' dem Eintreten unsrer Brüder in bessere und geordnetere politisch-ökonomisch-soziale Lebcnsbedingungen ist eng und unzertrennbar dasjenige geistige Stadium verbunden, das >vir die Uebergangsperiode nenne» und das für die westenropäischen Juden mit dem Anfang des verflossenen Jahrhunderts begann, während die osteuropäischen Juden fünfzig Jahre später folgten, ohne es zum großen Teile noch bis auf den heutigen Tag zu Ende durchschritten zu haben. Die weise» Sprüche unserer schriftlichen und mündlichen Lehren „Wajischman Jeschurun wajiw’ot“ und „Awdo bebefkeiro nichö leh“ bewahrheiten sich so oft, und den der politischen Fesseln losgelasscnen Sllaven ergreift eine solche Zerstörungswut, daß er alle religiösen Schranken uicderreißen möchte — und mag er auch dadurch seine ganze Existenz auf's Spiel setzen. Der Tobsüchtige bedenkt ja niemals, daß er seine eignen Scheiben einschlägt. Es beginnt jener fürchterliche Zersetzungs- Prozeß, der unter dem heuchlerischen Vorwand, das Judentum zu modernisieren, veredeln und reformieren, zuerst mit dem nationalen Gedanke» des Judentums bricht, welches zu einer im Dienste des betreffenden Staates stehenden. Kirche herabsinkt, um dann auch den knappen Resten des religiösen Judentums Valet zu sagen, und den Fahnenflüchtigen den Zutritt zu der Eselsbrücke, die ins feindliche Lager hinüberführt, so zugänglich als nur möglich zu machen. Es ist jener Prozeß, der das Judentum in Amerika und Westeuropa zu Boden gestreckt hat, der es auch in Osteuropa und dem Newyorker Ghetto dezimierte und das ganze Judentum der amerikanisch-europäischen Kultnrwelt zu entjnden droht, jener Prozeß, den die Orthodoxen, die Wenigen ecliod boir uschenajim bmiscbpocbob, die treu und ehrenhaft auf ihrem Posten geblieben sind, so bedauern und beweinen, an dem sie aber selbst, wenn nicht die ganze, so doch mindestens die Hälfte der Schuld tragen, was aber bei einer anderen Gelegenheit und an einer anderen Stelle ad oeulos demonstriert werden soll. Hatte aber dieser Prozeß die traurige Tatsache der Entjudung des europäischen Judentums'zur Folge, o ließ er doch in den meisten Fällen de» Menschen im JUden so gut wie unberührt, so daß wenigstens der ethische Teil des Judentums zu unsrem Tröste gewissermaßen gerettet ivurde. Unsre -Freunde vom Lager des „nihilistischen Judentums" behaupten zwar mit einem gewissen Stolz, die Reform habe eine Elevation des sittlichen Niveau's unsres Volkes bewirkt, allein wir bestreiten dies an der Hand von Tatsachen auf's emphatischste, wir sind jedoch gerne bereit zuzugeben, haß die ethische Seite des Judentums bei weitem mit leichteren Verletzungen aus diesem fatalen Prozesse weggckommen ist. Die Urächcn dieser Erscheinung sind zahlreich; als Hanptaktorcn mögen hier jedoch angeführt werden, einerseits das tiefliegende religiös-sittliche Gefühl, das keine Stürme ganz. zu entwurzeln vermochten und andererseits, das mehr oder weniger hohe sittliche Niveau des chrisllichcn Milieu's, in deni die Juden, früher abgeschlossen, dann mehr intim, lebten. Wie anders aber, wie perniziös muß dieser Prozeß auch auf die allgemein menschliche Seite unsrer marokkanischen Brüder wirken, die wie die meisten orientalischen Jüdc», inehr abergläubisch als religiös sind und in einer Welt von Korruption und Verlotterung leben, die ihres Gleichen sucht? Es gehört kein besonderer Scharfsinn dazu, das Los Marokkos zu erraten. Es muß früher oder später, in engerem oder weiterem Sinne eine französische Kolonie werden. Und mit der französischen Suzeränität tritt die geistige Vormundschaft über die marokkanischen Juden an die ganz im Dienste ihrer Politik und Kultur stehende Alliance Jsraölite Universelle, die große französische Entjuduugsinstitution, die nichts weniger als diesen stolzen Namen, den ihr ihr Gründer in guter Absicht gegeben, verdient. Ich bin ein national-religiöser Jude pur sang und kein Absurdum in der Gestalt eines Germanen inosaischer Konfession und als solcher ist mir wirklich jede Entjudungsmethode, gleich ob sie nach deutschem oder französischem Muster zugeschnittcu ist, gleich, verhaßt und schinerzlich. Denn wir glauben nur an das Gedeihen einer originellen rein national-religiösen Kultur und verwerfen aus Gründen, die wir hier wegen Raummangel nicht erörtern können, jede rohe Unterdrückung .unsrer eigenen Kultur zu Gunsten einer fremden par kuree Anpassung, als verderblich sowohl für unser Volk als auch, gegen die Interessen der allgemeinen Kultur gerichtet.. Aber ich kann nicht umhin zu bemerken, daß in dem französischen Entjudungssystem eine besondere Gefahr liegt, und wer das während beinahe eines halben Jahrhunderts „segensreiche" Wirken der Miancc im Orient von nächster Nähe zu betrachten Gelegenheit hatte, wird zugebcn, das; ich recht habe. Denn hatte auch die jüdisch-deutsche „Aufklärung" des vergangenen Jahrhunderts die Juden in national-religiösem Sinne minderwertig gemacht, ja degeneriert, so kann sie doch andererseits eine glänzende Reihe von Geisteshelden auswcisen, die sie hervorgebracht hatte und die sich entweder auf dem Gebiete der sogenannten Wissenschaft des Judentums oder auf denen der verschiedensten Zweige der allgemeinen Wissenschaft, der Kunst und des öffentlichen Lebens ruhmreich anszcichneten und dadurch ihrem Volke ivcnigstcns Ehre inachten. Die Alliance dagegen kann nach einer fünfzigjährigen intensiven erzieherischen Tätigkeit im Orient zum Wohle des universellen Jsraelitentums keinen einzigen derartigen Fall erbringen. Der Typus, den die Mlianceschulen in den dortigen größeren Städten gezeitigt haben, ist, nach allen Seiten betrachtet, durchaus inferior. Das veredelnde Propfmesser der europäischen Kultur ist an den Orientalen wirkungslos vorbeigeglittcn, die Wissenschaft und die verschiedenen die Geister der zivilisierten Menschheit bewegenden Weltprobleme fanden unter ihnen keine neuen Jünger und Vorkämpfer und der aus Spanien hcrübergebrachte christliche Aberglaube, der in den mohamedanischen Ländern noch eine dicke Schicht islainitischer Superstition ansetzte, erlitt nicht den geringsten Verlust. Was aber erreicht lvard, ist eine fanatische Abneigung gegen alles Heilige und Erhabene im Judentum, in der' sie sehr oft ihre Meister und Lehrer bei weitem übertreffen, und eine oberflächliche Lcbcnsaussassung und eine heidnische Schwärmerei für die „Weltstadt" an der Seine mit ihren lasterhaften Schwächen. Tritt niit dein Siege der französischen Politik, der so ziemlich sicher ist, die Vormundschaft über die Juden Marokko's an ihre Hörige, die Alliance, so droht eine neue Gefahr dem gesetzestreuen Judentum und ist jeder Grund vorhanden zu befürchten, daß der Alliance dort eu masse gelingen ivird, was sie bereits im Osten sonst in einzelnen Fällen erreicht hatte. Denn bricht die llebergangsperiode an, die, wie bereits erwähnt, mit dem nouveau rögimo unzertrennlich verknüpft ist, so wird das marroka- Nische Judentum, sobald der Geschichte freier Lauf gelassen wird, aus ihrem Tiegel zweifellos mit zwei Minus«! herauskommcn, Minus das historische national-religiöse Judcntuni und Minus den großartigen ethisch-sittlichen Halt, der ihm in seiner Religion gegeben war. Das einzige Plus, das er additionell zu seinem Aberglauben wohl erhalten wtrd, ist der leichtsinnige Firlefanz und Flitterglanz der europäischen Großstadt, den der „emanzipierte" Asiate sich so schnell aneignet, >vie der Neger den schneeweißen Kragen, und der eigentlich ein Aberglaube am generis ist, der Aberglaube unserer zivilisierten Welt. Die marokkanischen Juden befinden sich am Rande eines gähnenden Abgrunds und so viel man sich auch freuen mag über die Besserung, die in ihr materielles Dasein sicherlich eintreten ivird, so blutet doch das Herz fürchterlich, wenn man auch nur einen Augenblick an ihrem religiös-moralischen Untergang denkt, der in seiner Targik dem Churbau bcss-bamikdosch nicht nachsteht. So groß und imminent aber auch die Gefahr ist, so leicht und möglich jedoch ist ihre Abwehr, wenn sie ernst und zeitig in Angriff genommen werden sollte. Was später unmöglich sein wird, ist jetzt durch ein wenig Rührigkeit und lleine Mittel zu erreichen. Wenn es wahr ist, daß der deutsche Schulmeister den Franko-germanisch. Krieg gewonnen hat, so kann umsomehr in einem derartigen Kriege die Orthodoxie die Erziehung der marokkanischen Juden aus den Händen der Miancc, so lange es noch Zeit' ist, winden und die llebergangsperiode so behutsam als nur möglich überwachen, um sie gefahrlos und ohne Katastrophen zu gestalten. Meint die Orthodoxie es wirklich ernst mit de»! „Erbe der Väter" und glaubt sie nicht mU ein paar billigen Seufzern über „die Sünden des Geschlechts" abzukommen, so muß sie. endlich rührig werden und aufhören, durch ihre notorisch gewordene Trägheit, dem Feinde stets das Spiel leicht zu Machen. Die Taktik des ewigen Rückzugsschlagens, die wir während eines für das Schicksal des Judentums so wichtigen Jahrhunderts, wie das verstrichene war, ausgeübt haben und die nichts als ein Zeichen der Ohnmacht ist, hat uns so wenig genützt, wie sie General Kuropatkin von Nutzen war, und da sie beinahe das ganze europäische Judentum verheert hat, so ist es höchste Zeit, mit ihr gründlich auszuräumen. Zcitgeinäße llebel müssen durch zeitgemäße Waffen bekämpft werden, und wenn die Orthodoxie lebensfähig ist und retten möchte, was noch zu retten geblieben ist, so muß sie unbedingt organisiert zur Offensive übergehen und d i e Werkzeuge an sich reißen, mit denen ihre Feinde ihr ungeheures Vernichtungswerk 'ausgeübt hatten. In unserem Falle ist cs nicht einmal mit großen Opfern verbunden, obwohl es seiner riesigen Trag- Ivcitc nach cs vollständig verdient, zur Lebensaufgabe Vieler gemacht zu werden; es erfordert nur, wie bereits gesagt, ein wenig Rührigkeit und kleine Mittel. Ich brauche hier jedoch, nicht die Mittel zu präzisieren und den Kriegsplan genau zu entwerfen, ich erachtete cs nur als meine heiligste Pflicht, meine Gesinnungsgenossen („meine Brüder in Hawajoh" wie ein christelnder Reformrabbiner sich ausdrücken würde) auf die neue Gefahr, die einer unsrer festesten Burgen droht, aufmerksanr zu machen, womit eigentlich meine Aufgabe als erledigt betrachtet werden könnte, lVIiere is a will, liiere is a way, und wenn die Orthodoxie, mindestens die deutsche, die materiell am besten gestellt ist, ihre ernste Aufmerksamkeit nach dieser Richtung wendet, so wird sie selbst einsehcn, wie spielend leicht sie hier den Sieg erringen könnte. Es,fehlt weder an guten und religiösen Pädagogen in Deutschland, noch, an gläubigen jungen Leuten in: Orient und in Osteuropa, die bereit wären, nach einer genossenen Ausbildung zum Lehrerberuf, die Erziehung des jungen Geschlechts ihrer marokkanischen Brüder zu ihrer Lebensaufgabe zu machen, noch mangelt es an frommen Wohltätern, die die dort zu gründenden Schulen subventionieren wollten, welche, nebenbei bemerkt, von der deutschen Regierung, natürlich aus ihren handelspolitischen Interessen, mit Freude begrüßt und ernstlich beschützt würden. Was aber fehlt, ist die Rührigkeit, die rechtzeitige Anregung. Es ist durchaus fern von mir, das von Rabbiner Dr. Horovitz in Frankfurt a. M. gegründete Lehrerseminar für die russischen Juden einer Kritik zu unterziehen, aber ich kann nicht umhin, zu bemerken, daß dasselbe mehr den orientalischen als. den russischen Juden gewidmet sein sollte. Denn in Rußland hat sowohl der Russe als auch der Jude jede kulturelle Bevormundung Westeuropa's — ob mit Recht, ober mit Unrecht, lasse ich dahingestellt sein — längst abgeschüttelt, und das Wort „Aus-

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