Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 3 (1905)
- Issue
- Heft 44 (17.11.1905)
- Date
- 1905-11-17
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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ZsraitkfnrLev Zftokiitislhks familirukUtf. —' ' -- ""T > Diese Zeitung erscheint ivöchentlich. Abonnementspreis pro Bicrteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei ins Haus. Bei der Post abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich - Ungarn Mk. 1,5V, sonstige Länder Mk. 2.— 4 _ -' KedaKlioil und Hefchäfjsstelke: SrsnKfurl a. IN.. Leiligkreuzgaffe 52, Ecke Rlapperfeldstraße Telefon 10507. -J-äW- HemMgebev: Aals ch>sis. I -! Jnfertionsprcife: Die viergespaltene Petitzeile.25 Pfg. Die Reklamezeile.100 „ Platz- und Daten-Borschrift ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach Uebereinkunft. < ' 3. Jahrgang. Freitag, de« 19. Cheschwan 5666 (17. November 1905). Ro. 44. Inhalt des Hauplblattes: Artikel: Die Konsequenzen unserer letzten Katastrophe. — Die Woche. — Marokko. — Die russischen Herbstjagden. — Aus aller Welt. — Personalien. — Feuilleton: Homeler Silhouetten. — Briefkasten. — Aus der G eschäftswelt. — Familiennachrichten. Spende« für die Tausende von Opfern der entsetzlichen Judenmetzeleien in Rußland, für die unzähligen für ihr Lebtag Verstümmelten, für die Witwen und Waise«, nehmen wir entgegen. Die Geschäftsstelle des Frankfurter Israel. Famiiienblattes. __Telefon 1050?._ Die Konsequenzen unserer letzten Katastrophe. Nach und nach treffen die Schreckensnachrichten aus Rußland ein. Es werden bis 'heute scholl 70 der reich st en j n d. Gemcinden registriert, die — teils gänzlich, teils halb — vernichtet worden sind. Allein in Odessa sind S00 mehr oder minder gutsituierte Familien vollständig ihres Habs und Guts beraubt und an den Bettelstab gebracht worden. D i e N o t i st n n b e s ch r e i b l i ch! — In die Zehntausende steigen die Toten und bis in die Hunderttausend die Verwundeten, die zum Teil gräßlich verstümmelt und für ihr Lebtag erwerbsunfähig gemacht wurden. Vergebens fragt man sich: Wo waren all' die großen Organisationen der Liberalen und der Arbeiter? Vergebens fragt man sich: W a r u in steht das aufgeklärte Europa abseits? Wo sind und bleiben die demokratischen Parlamente, all' die Liberalen nnd Deinokraten, die für jede Unmenschlichkeit, die irgendwo begangen wird, Worte des Protestes finden? — Bei den soeben verübten, in der Geschichte der Menschheit einzig dastehenden russischen Juden- Massakres finden sie nur Worte — des Schweigens! Ist wirklich der Jude noch das außerhalb der Menschenrechte stehende Geschöpf, zu dem die Mordlust und die Geldgier des Mittelalters ihn machen wollte? — Soll man da nicht verzweifeln an dem Fortschritt der Menschheit? Soll man da nicht glauben, daß unser „gesittetes" Zeitalter in Wahrheit eine Zeit der größten Lüge ist, die unter dem Feigenblatt der Sitte die Blöße unmenschlicher Sittenlosigkeit verbirgt? — — Allein, was nützen die Fragen, die der Antwort vergeblich harren! Nicht au die Außenwelt kann sich unser Appell richten, denn von dort kommt uns nur, eine Hülfe, die — wenn sie auch gut gemeint ist — wenig nützen kann, da sie doch. nur vereinzelt ist. Aber an unsere Brüder allerorts ergeht unser Ruf. — Auf zur Hülfsaktion! Oeffnet Herz und Hand zur Linderung der ungeheueren Not! Es sind Euere Brüder, die Euch rufen! Es sind Euere B r üd e r, die nur Euch als die einzigen A n n c hm e r haben! Denket aber auch an die Zukunft! Haltet unentwegt wach die Erkenntnis, daß wir ans die Gnade der Völker nicht zu rechnen haben, daß nur Got? und unsere eigene Kraft es sind, auf die wir angewiesen. Das j ü d i s ch e Volk m u ß die K o n s eq u e n z e n aus diesem Vorgänge ziehen und dahingehend seinen Weg e i n s ch l ag e n. Das i st die einzige und wirkliche Hülfe! Die Woche. Graf Witte geht energisch vor: er hat über zehn Gouvernements Polens den Kriegszustand verhängt! — Und weshalb? — Die Polen verlangen eine Selbstverwaltung, einen Landtag, und das ist Hochverrat gegen das russische Vaterland, dessen Regicrnngssystem das geordnetste und beste auf Erden ist. Bei diesem energischen Vorgehen Wittes muß sich uns unwillkürlich die Frage aufdrängen, wo seine Energie den Hooligans und den sie leitenden räuberischen Behörden gegenüber geblieben ist. Tie verheißenden Depeschen au die jüdische Geldaristokratie und all die schönen Worte des schlauen, sich liberal geberdenden Ministerpräsidenten sagen nichts. Wenn solche Massakres, wie die geschehenen, stattfinden konnten, während er die Zügel der Regierung in Händen hat, dann war es nicht seine Ohnmacht, sondern der Mangel an gutem Willen. Das zeigte auch sein Vorgehen nach den Massakres, indem er zur Niitcrsuchung eine Tenatorenkommissivn einsetzte — und diese Herren werden sicherlich den schuldigen Gouverneuren nicht wehe tun. Witte weiß, daß die Entstehung der Massakres nur in der Entrechtung der Juden zu suchen ist, und wenn er sich nicht scheut, zu verkünden, daß man den Juden die Gleichberechtigung nur » a ch n n d nach gewähren dürfe, dann heißt das so viel, als den Massakres Vorschub leisten. * - * * Wenn man augenblicklich die jüdische Presse Rußlands in die Hand nimmt, dann bricht einem schier das Herz. Eine solch' unsägliche Ve rzw e islun g, e i n e so g r o ße Tro stlo si gk e i t spricht aus jeder Zeile, daß der Leser in all' den Jammer mit hineingezogen wird und vor lauter Weh' seine Augen schließen muß. Bei dieser Stimmung ist es von der in Wilna erscheinenden Tageszeitung „H a s m a n" eine Tat, daß sie die russische Judenheit dazu auffordert, sich an Witte mit der kategorischen Forderung ihres guten Rechts zu wenden, zu verlangen, daß die Negierung aus den.Millionen angehäufter Gelder der jüdischen Karobka (Fleischsteuer) den unermeßlichen Schaden der russischen Juden einigermaßen ersetze, da sie durch die Behandlung der Juden indirekt die Massakres verschuldet habe. Ob diese Forderung von Erfolg sein wird? — Wir glauben cs nicht! — Aber das eine Gute wird dieser Schritt nach sich ziehen, er wird Klarheit schaffen, denn er wird der ganzen Welt zeigen, was man von der sogenannten liberalen Regierung unter Wittes Regime zu erwarten hat. * * * Was die letzten Tage uns aus dem Gebiete der Hilfsaktion zur Linderung des jüdischen Elends in Rußland gebracht haben, ist ein erfreuliches Zeichen des jüdischen Brudergefühls. An allen Orten und in allen Ländern wird eifrig gesammelt: die Resultate übersteigen bereits mehrere Millionen Mark. Hoffentlich wird diese Tätigkeit noch weiter, bis man die ruinierten Existenzen einigermaßen hergestellt hat, nicht erlahmen. Schließlich genügt doch ein jeder Jude, der helfen kann, nur seiner Bruderpflicht. Im ein onu lonu, mi lonu, wenn nicht wir für uns, wer dann für uns! Marokko. Dieses Reich des dunklen Kontinents gehört jetzt zu den Ländern, die am meisten bekannt sind und 'über die jetzt am meisten gesprochen und diskutiert wird, bei der allgemeinen zivilisierten Welt durch die nimmer zu sättigende Habgier der sogenannten europäischen Großmächte und die verschiedenen gelungenen oder mißlungenen mehr oder weniger geistreichen Coups, die an den grünen Tischen der Wilhelmstraße, von Towningstreet, Quai d'Orsay usw. geplant werden, bei dem kleinen Teil derselben, der mit dem Namen Judenheit bezeichnet wird, auch durch das Joch der Unterdrückung, das dort mit besonderer Härte auf etwa 500 000 seiner Söhne lastet nnd das vollständig vogelfreie Leben, das sie dort unter den fanatisch-barbarischen und sittlich verkommenen Mauren führen. Diese Popularität (wenn man diesen Ausdruck auch nur leihweise in diese»! Falle gebrauchen darf), deren sich dieses Land jetzt erfreut, ist übrigens nicht sehr alten Datums. Sie begann, wenn ich mich nicht irr«, mit dem ersten Schuß, der auf Seiten der Japaner fiel, und den ersten Booten des mächttgen Zarenreiches, die sie auf den Mgrund des Gelben Meeres zur Stillung seines Länderdurstes entsandten. Wer das dröhnende Tum-dum der schweren Kanonen, die die kleinen rührigen Söhne Nipons unaufhörlich mit so großer Meisterschaft und so effektiv auf den tönerne» Koloß, der mit seinen Riesentatzen Asien und Europa umklanimern wollte, richteten, übertöntc die schwache Stimme, die vom jenseitigen Ufer des Mittelländischen Meeres zu uns herüberkam und flehentlich um ein wenig Interesse und Aufmerksamkeit für sich bat. Die Kollegen vom europäischen „Konzert", die die plötzlich ausgebrochene „gelbe Gefahr" in unaussprechliches Staunen versetzte, waren zu beschäftigt mit dem schadenfrohen Wzählen der mörderischen Schläge, die aus den armen unbeholfenen Tölpel von Freund herabgehagelt waren, und die in ihrem Dienste stehende Presse besaß so viele Kriegs- und sonstige Korrespondenten im fernen Osten, daß sie beim besten Willen nur wenige Zeilen der Marokkofrage widmen konnte. Nun aber ist die Kanonenmusik verklungen und ein dauernder Friede ist dank den Bemühungen des genialen Friedens-