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Neue jüdische Presse · 1905-11-10 · Heft 43 (10.11.1905) · p. Seite 5

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
3 (1905)
Issue
Heft 43 (10.11.1905)
Date
1905-11-10
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 43. „Die Vorsteher der Stadteinwohner, die sich in dieser Sache mit der städtischen Duma vereinigt haben, wenden sich, sehr aufgeregt über die Gewalttaten eines Teiles der Bevölkerung über den anderen — an die Einwohnerschaft und an jeden Eintvohner besonders, daß sic jenen Menschen, die jede Fähigkeit, das menschliche Gefühl der Liebe zum Zweiten zu verstehen, verloren haben, ermahnen sollen, von weiteren^ Gewalttaten Wstand zu nehmen. Die Freude über das Manifest des Zaren ist durch die Gewalttaten und den Raub verstört worden. E s i st unmöglich, bei all' dem Schrecklichen kaltblütig zn bleiben. Die Vorsteher der Stadteinwohner fordern dringend, daß die Schändlichkeiten aufhören mögen." RumAnien Bukarest, 6. Novbr. Am 8. dss. Mts. wird in Focschani der'Kongreß der israelitischen Kultnsgemeinden des Landes eröffnet werden. 0 fßuiffefon. 0 Nachdruck verboten. Das Jirdengrav i» der Steppe. Roman von Samuel Gordon. Frei übersetzt von M. Pulver mann. (Schluß) Und so kam cs denn, daß Marfa nach kurzer Zeit schon, als Gregor von einer zweitägigen Reise heimkehrte, eine eigentümliche Geschichte ihm erzählen konnte. „Ich hörte sie in der Stille der Nacht aus dem Hause schleichen," so berichtete sie mit allen Anzeichen der Furcht, „und darum holte ich Bastian und Sascha, and wir alle drei folgten ihr nach. Zuerst ging sic nach dem Gerät-Schuppen und versuchte die verschlossene Türe zu öffnen. Als ihr dieses nicht gelang, ging sic nach der .Holzkammer und holte sich ein dünnes, flaches Holzscheit, mit dem sie den Hof durch die Seitenpforte verließ. Vorsichtig folgten lvir ihr bis zum-Kirchhofe. Sic ging direkt zum Grabe ihres Kindes und fing an, mit dem mitgebrachten Holzscheit die Erde aufznlverfe». Doch init dem stumpfen Werkzeug konnte sie natürlich bei dein hartgefrorenen Boden nicht viel ansrichten; sie warf es daher bald fort und machte sich daran, mit den Händen den Boden aufzuwühlen. Sic arbeitete wie rasend und stöhnte dabei laut ans; als es ihr aber trotzdem nicht gelingen wollte, das Grab zu öffne», da schlich sic verzweifelt nach Hause, was wir aus dem Seufzen entnehmen konnten. — „Siehst Du, mein Sohn," fuhr sie eifrig fort, wobei sie ihre Schadenfreude nicht ganz verbergen konnte, „sagte ich es Dir nicht damals schon, daß es eine abgekartete Sache von den Rabbinern war, daß sie eine Hexe sei, und vor unserem Hause die Komödie anfgeftthrt, um Dein Mitleid zu erregen, um Dich in ihre Netze zn locken? — Gewiß hatte sie den Auftrag bekommen, ihnen für ihren greulichen Ritus ein Kind zu besorgen: und da sie kein fremdes beschaffen kann, so scheut cs die Rabenmutter nicht, die lleberreste ihres eigenen auszngraben, um durch ihre Zaubereien Pest und Verderben über das arme Christenvolk zu bringen. Aus Rache, daß es ihr nicht so leicht gelingt, ihr scheußliches Vorhaben auszuführen, hat sic schon den Stier behext, daß er sein eigenes Kalb mit den Hörnern durchbohrt, und zn Michaelis — ich wollte cs Dir nur nicht sagen — flogen die bösen Geister förmlich bei uns ein und aus — Sascha hat sie gesehen — obwohl ich die drei Kreuze an jede Türe niit neuer Kreide angemalt hatte. — Sind dieses nicht Beweise genug für ihre Zauberei?" Gregor hatte schweigend zugehört. Seine aufgeklärten Anschauungen habe» ihm derartige Schauer- Märchen bisher als Hirngespinste eines betörten Fanatismus erscheinen lassen: er wollte auch jetzt noch nicht daran glauben: — doch die Aussagen seiner Mutter lauteten so bestimmt, daß er mindestens zu zweifeln begann. Er ging zu seiner Frau und betrachtete ihre Hände; sie waren zerschunden und ganz roh. — Mit düstren Blicken kehrte er zn Marfa zurück und sprach: „Passe weiter auf und berichte mir, was sie während meiner Abwesenheit noch etwa unternimmt." Und sic paßte sehr gut auf, und erzählte ihm nach einigen Tagen wiederum dieselbe Geschichte: das versuchte Eindringen in den Gerät-Schuppen, das Holzscheit, der Gang zum Kirchhofe und das vergebliche Bemühen, das kleine Grab zu öffnen. Gregor sprach auch diesmal kein Wort: aber seine Augen funkelten unheimlich, seine Stirne war niit drohenden Falten bedeckt und sein ganzes Wesen bekundete einen baldigen leidenschaftlichen Ausbruch, der sich verhängnisvoll gestalten mußte. Gegen Abend ließ er die Pferde anschirren und traf die gewöhnlichen Vorbereitungen zu einer mehrtägigen Reise. Als er sich von Rachel verabschiedete, glaubte er eine gewisse Befriedigung bei ihr wahrzunehmeu: ihre Hände zitterten merklich und ein fieberhaftes Glänzen war in ihren Augen. Als.er bereits den Wagen bestiege» hatte, flüsterte er noch Marfa leise zu: Frankfurter Israelitisches Faunlienblatt. „Sage Bastian, daß er den Gerät-Schuppen heute offen lassen, und dicht neben der Türe einen festen Spaten hinstellen soll." Tann fuhr er davon: doch die Reise ging diesmal nicht weit — nur bis zum Torfe, und als er das Gespann in der Schmiede eingestellt hatte, ging er z» Fuß nach dem Kirchhofe und stellte sich hinter einer Akazie aus, die ihn ganz verbarg, zumal es bereits ziemlich finster ivar. Stundenlang wartete er geduldig, mit den Angen beständig die Finsternis durchdringend, die dir schwachen Strahlen des bleichen Mondes nicht zu erhellen vermochten. Sein Herz pochte laut und sein Blut kreiste schnell und heiß durch die Adern. Rn» wird er ja selbst sehen — wenn etwas zu sehen sein sollte! sollte er sich aber überzeugen — na dann . . . .! Mitternacht war längst vorüber. Er blirb wie angewurzelt stehen: den Kopf gespannt lauschend vornüber gebeugt — der Klang vorsichtig herannahender Schritte war an sein Ohr gedrungen. Er würde diesen Fußtritt unter einer ganzen Armee erkannt haben. Durch das Klirren von Eisen auf dem steingepflaücrten Wege erkannte er, daß Marfa ihre Botschaft an Sebastian richtig bestellt. Seine Auge» wurden glühende Kohle», die alles, wohin sie fiele», in Brand setzten. Da stand sie, Rachel: das Weib, das er als einen Abgott geliebt, für dessen Besitz er unmenschliche Opfer gebracht, dein zu Liebe er mit allem, was ihm bisher teuer und heilig gewesen, gebrochen — hier stand sie, die Hexe, die Verbündete der Hölle, um das Grab ihres eigenen Kindes zu schänden-! Und wie hastig sie arbeitete, wie eifrig sie die Erdklumpen um sich warf, als könne sie nicht die Zeit erwarte», um ihr verruchtes Werk zu vollbringen —!! Einige Minunten beobachtete er sie schweigend, dann schlich er leise an sie heran. Sie hörte ihn nicht und immer tiefer drang jetzt das Eisen in die Erde ein. „Blutsauger! Vampir!" flüsterte er ihr in's.Ohr, während er mit schnellem Griff das Werkzeug ihrer Hand entwand. Mit einem lauten Aufschrei stürzte sie zu Boden und verbarg ihr Gesicht in beiden Händen. Langfam und bedächtig hob Gregor de» Spaten in die Höhe, die schneidige Kante nach unten gerichtet: so stand er einen Augenblick, das Ziel seines Schlages ruhig abzumessc». Doch ihm schien ein neuer Gedanke zu konnnen und er schleuderte den Spaten weit von sich. Zärtlich legte er seinen Arm um ihren weichen Nacken: seine Lippen preßten sich leidenschaftlich ans die ihrigen, während seine freie .Hand »ach dem Dolche in seiner Tasche tastete. „Nein, Du sollst einenreinen Tod sterben — schon der glücklichen stunden wegen, die Tu mir bereitet hast," flüsterte er mit grausiger Wollust, als sein spitzer Stahl ihr tief in das .Herz drang. Lautlos brach sie zusammen, düster und unheimlich sah er den warmen Lebenssaft ihrer Brust entströmen. Langsam ließ er sich nieder und bettete ihren schönen Kopf auf seinen Kuieen. Mechanisch, fast unbewußt, öffnete er ihr Kleid, um nach der Wunde zu sehe» — und seine Hand erfaßte einen kleinen Kindcrschuh, der von ihrem Blute ganz dnrchtränkt war — — —! Sie schlug die Augen aus. „Mein Gregor," röchelte sie, kaum verständlich, „der — Schuh — unsere Olga — kann — nicht — selig ruhen — in ihren — Sarg — legen — bald — bald —!" Seine Lippen berührten die ihrigen, und er fühlte ihren schwachen Gegendruck. „Tank — Tank — mein Gregor —" hauchte sie kaum hörbar. „Mein — Grab — neben — »ici — ner — Mut — ter!" Ter Todesengel hatte bereits seine Trauersittige über sie ausgebreitet: doch mit dem Aufwand ihrer letzten Kraft sprach sie deutlich und vernehmlich. „Gott, Du bist gerecht, und Tein Urteil ist gerecht! Herr vergib! Gepriesen sei Tein heiliger Na . . . .!" * * * Am nächsten Tage hatten Marfa und Bastian vollauf zu tun. um im Dorfe das Gerücht zu verbreite», daß die junge Herrin, durch den Schmerz über den Tod ihres Kindes zur Nachtwandlerin geworden und in diesem Zustande, wie schon oft, nach dem Kirchhofe zu dem kleinen Grabe gegangen war, wo sie das Opfer eines gemeinen Verbrechers geworden und dabei ihren Tod fand. Und dann ging Bastian zu seiner Tochter und befahl ihr. sich mit dem schönsten Kleide aufznputzcn, um den Herrn zu trösten und zu erheitern. — Doch Rachel bekam keine Nachfolgerin —; es war keine Zeit dazu vorhanden. — Drei Tage nach Rachels Bestattung, nachdem ei» zweites Grab in der Steppe entstanden war, fand Marfa ihren Sohn starr und steif in seinem Zimmer, mit deni verhängnisvollen Dolch tief in seiner Brust. Auf dem Tische lag ein Zettel, der folgende Worte enthielt: „Ich kann ohne sie keine Ruhe finden und nicht länger leben. — Darum folge ich ihr nach jenem Lande, wo keine Lüge und keine Falschheit vorhanden ist, um in Treue und Wahrheit mit ihr für ewig vereinigt zu bleiben." Ende. Seite 5 (Nachdruck verboten.) Homeker Silhouette». Skizzen von Tan, aus dem Russischen übersetzt von T. Bach. (Fortsetzung.) Montag morgen war ich am Bahnhose. Ich sehe, wie vier russische Arbeiter einen jüdischen ins Gesicht schlagen. Er schreit um Hilfe! Ich stthrte ihn in einen Laden, der »och offen war. Ich >var aber ganz allein dort. Unser Bersammlungspunkt war bei der großen Synagoge. Ich ging dorthin. Dort befände» sich eine Menge Frauen und Kinder. Die Männer schrieen alle durcheinander. Ich sagte zu ihnen: „Wenn wir hier nur stehen werden, wird nichts dabei herauskommeu. Gehen wir dorthin!" — Wir kommen zur Mouopolbude, dort stehen zwölf Soldaten, das Gelvehr geschultert, hinter ihnen eine Menge Arbeiter, welche schon mit dein Plündern begonnen haben. Federn fliegen, Fensterschcibeil klirren. — „Brüder daher!" — . . . . Etwa anderthalb Hundert Leute eilten auf unfern Ruf herbei. Tie Raubmörder, welche hinter den Soldaten standen, begannen uns mit Steinen zn bewerfen. Die Soldaten standeu den Raubmördern Auge in Auge gegenüber, rührte» sich aber nicht. Ta fingen die Unsrigen auch an, mit Steinen zu werfen, risse» das Trottoir auf, bewafsneten sich mit Brettern. Die Soldaten begannen, sich uns rückwärts zu nähern. Plötzlich sehe ich, daß wir nur zehil Mann sind. Wir ergriffe» die Flucht. Am anderen Ende wird ebenfalls geplündert. — „Schießt, schießt, um Gottes willen, wer nur einen Revolver hat!" . . . . d. h. in die Lust. Einer von den Unsrigen feuerte im Laufen in die Luft und tötete dabei beinahe ein Mädchen, das auf einem Balkon stand. Bon der Bahuhosstraße ertönt ebenfalls Fenstergeklirr und der Ruf „Hurra!" Ich lief zu unserem Hause, da ich wußte, das; wir einen Revolver haben. Die Meinigen mnringen mich mit Geschrei, wollen mich nicht sortlajsen. Die Mutter klammerte sich au mich fest. — „Gehe nicht fort," schreit sie, „sie werden Dich totschlagen! Auch uns wird man, wenn Du nicht da bist, niedermachen!" . . Mir stand der Schaum vor dem Munde. Ohne inir Rechenschaft zn geben, setzte ich mich hin, um mich zu erholen. Ta kam Scelik, mein Kamerad, aus der Werkstätte. Vom Bahnhose her hört man fürchterliches Geschrei. Dieses Geschrei werde ich nie vergessen. Jetzt weiß ich, daß es das Geschrei der Raubmörder war, aber damals dachte ich, daß die geschlagenen Juden schreie». Ich weiß nicht, was in mir vorging, aber ich mußte dort sei», mit ihnen zusammen, wenn mich auch der Tod erwartete. — Mein Lehrer ging vorüber, ich riß mich los und lies ihm »ach. Ich sehe, wie zwei junge Leute vor einem Soldaten fliehen, der ihnen mit dem Flintenkolben »achjagt. Ich stürze auch zu ihm. Plötzlich kommen drei Arbeiter gelaufen, schreien: „Jude (Schid)!" Ich wandte mich zurück, holte den Lehrer ein. Ich war ganz bleich vor Schreck, lause bis zu unserer Ecke, suche irgend einen Ausweg. Ueberall sehe ich Soldaten austauchen. Ein Offizier und zwei Soldaten treten an mich heran, fangen an, mich zu untersuchen und finden die Wurfkugel. Ta. übten sie an mir Selbslgericht. schlugen mich auf dem Wege zum Gefängnis, dort warfen sie mich zu Boden und traten niich mit Füße». Sogar die Arrestanten von oben schreien ihnen zu: „Was tut Ihr, Ihr schlagt einen Menschen tot!" Man hob mich ans und stieß mich in die Arrestaiitcnkanimer. Ich siel aus die Bank und brach in Tränen aus. Ich weine niemals, aber dann konnte ich niich nicht beherrschen. Am zweiten Tage des Roschhaschonohfestcs mußten wir Arrestantenkleider anlegen. Wir konnte» uns nicht an dieselben gewöhnen ilnd fühlte» uns sehr ungemütlich dabei. Als >oir uns umkleiden mußte», wälzte sich Dobkin auf den, Boden, und Schlesinger schlug init dem Kops gegen die Wand. Besonders außer Fassung war Schlesinger, der Sohn eines Kaufmannes, ein ganz ungebildeter Mensch, der nichts begreift. Ganz unerwartet lvnrde er sestgenommen. Man sagte ihm: „Tu hast vom Balkou geschossen." Drei Tage aß er nichts, weinte nur. — „Das Ende meines Lebens ist gekommen," sagte er. Der Gefängnisaufseher hetzte jinen gefesselten Kriminalverbrecher gegen uns aus. Sowie wir in den Korridor hinanskomnien, erscheint dieser, schüttelt seine Ketten, bis wir alle die Flucht ergreifen. Schlesingers Vater ist ein ziemlich reicher Kanfmaun. Ihn hat diese Geschichte gegen zwanzigtausend Rubel gekostet. Er ist nach Kiew gefahren, hat Kaution geleistet. Dennoch wollte man den Sohn zuerst nicht sreilassen. Tann stellte er Zeugen, welche anssagten, daß Schlesinger ein ruhiger Mensch ist und gar nicht-geschossen haben konnte, das bezeugten , sogar alle Polizisten, die Pristaws und die Revier-

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