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Neue jüdische Presse · 1905-11-10 · Heft 43 (10.11.1905) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
3 (1905)
Issue
Heft 43 (10.11.1905)
Date
1905-11-10
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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©eite 4. Frankfurter Israelitischer FamiliendlaU. Sir. 43. Aus aller Well. Deutsches Reich. Berliu. DerHilfsvercin der deutschen Juden erläßt folgende» Aufruf: „Glaubensgenossen! Vor einigen Woche» haben wir Eure Opserwilligleit angerufen zu Gunsten der von schweren Notständen heimgesuchtcn russischen Glaubensgenossen. Dieser unser Appell hat bisher nur die Summe von rund Jfi 60 000 gebracht. Seitdem ist eine neue furchtbareKatastrophe über unsere unglücklichen Brüder herciilgebrochen. Ein Teil der von Juden bewohnten Städte in Rußland ist, wie uns telegraphisch mitgetei it wird, zcrstört. Viele Tausende sind getötet oder verwundet, bestialische Scheußlichkeiten sind verübt worden. Unzählige Existenzen sind vernichtet, und unzählige» droht noch infolge dieser Ereignisse der wirtschaftliche Untergang. Angesichts dieses unermeßlichen Jammers, der an die schrecklichsten Leidenszeite» unserer Geschichte erinnert, tut s ch l e unigc, ausgiebig st e Hilfe uuabwcislich not. Die uns zur Verfügung stehende» Mittel reichen nicht entfernt aus, um auch nur die allerdringendste Not des Augenblicks zu lindern. Der „Hilfsvercin der Deutsche» Juden" hat im Laufe dieses Jahres bereits weit über 300 000 ,IL zu Gunsten der russ. Glaubensgenossen verwendet. Auf Grund der ucucstcn Schreckensnachrichten haben wir sofort weitere namhafte Beträge nach Petersburg überwiesen, aber cs sind noch sehr große Sum men notwendig. Wir wenden uns mit der erneuten herzlichen Bitte an unsere Glaubensgenossen, uns in de» Stand zu setzen, für unseren Teil an der Rettung zu Gunsten der bejammernswerten Opfer blindwütenden Hasses, der Witwen 'und Waisen, mitzuwirkcu." Berlin. Die „Jüd. Turnzeitung. Monatsschrift für die körperliche Hebung der Juden" verzeichnet in ihrer jüngsten Ausgabe, daß trotz der heftigen Gegcnagitatiou der Gemeindcrabbincn und Reprä sentantcn sich in >! ö n i g s b e r g ein j ü bischer Turnverein gebildet hat, der in ganz kurzer Zeit auf über hundert Mitglieder angcwachscn ist. — Als ein erfreulicher Fortschritt, der ein nachznahmen des Beispiel für die Vorstände anderer Gemeinden sein möge, ist der Bericht, daß die jüdische Ge meinde in B c r l i n dem „Jüd. Turnverein Bar-Kochba" die Turnhalle einer seiner Schulen zur Verfügung gestellt hat, zu beachten. — Auch von der erfreulichen Entivicklung des „Jüd. Turn-Vcrein" in Köln sei Notiz gciionimeu. Während des Somiuco Halbjahres vereinigte dieser Verein außen dem Turnen in der Halle noch jeden Sonntag morgen seine Mitglieder zum Fußball, Barlauf usw. auf dem Exerzierplatz vor dem Krefclder Tor, auch unternahm er vcr schiedcnc Ausflüge. Berlin. Die Alliance JsraöliteUniverseile hat eine a l l g e m e > n e Sammlung für die Opfer der Judenverfolgungen in Rußland eröffnet. Als erste Gabe wurden 100 000 Franken an das Komitee in Petersburg überwiesen. Karlsruhe. Wenn -cs noch eines Beweises bedurft hätte, daß der G r. O b e r r a t der I s r a e l i t c n nicht, wie er stets vorgibt, die Vertretung sämtlicher Richtungen des badischen Judentums bildet, sondern lediglich einen Exekntivausschnß der Resorinpartci darstellt, so tvürde dieser Beweis durch einen kürzlich ergangenen Erlaß auch für den größten Optimisten erbracht sein. Bekanntlich hat Herr Rabbiner Dr. Löwenstcin-Mosbach vor etwa 2 Jahren eine nachbiblische >beschichte der Juden herausgegebrn, in welcher die Ereignisse des vorigen Jahrhunderts ent sprechend der lkcbcrzeugung des Verfassers, vom Standpunkt des gcsetzestrcuen Judentums gewürdigt werden. Dabei muß betont werden, daß der Verfasser dem Charakter und de» wissenschaftlichen Leistungen der Gegner durchaus gerecht wird und lediglich die Zerstörungssucht der Reform geißelt. 9h»i hatten einige Lehrer des Mosbacher Bezirk das Buch beim Religionsunterricht benutzt. Ms diese Tatsache dem Oberrat bekannt wurde, erging an die Synagogenrätc der Gemeinden, in welchen die bc treffenden Lehrer amtieren, ein Ufas, der es wert ist, im Wortlaut mitgeteilt zu. werden: Gr. Oberrat der Israeliten. „Die Lehrbücher für den isr. Religionsunterricht betr. R. 1821. Aus der Lcktionstabelle der dortigen Religionsschulc für das Schuljahr 1901/0 haben wir ersehen, daß in iiachbiblischer Geschichte nach dem Geschichtsbuch von Dr. Löwenstcin unterrichtet ivird. Nach Paragr. 8 Ms. 3 der Verordnung vom 18. 2. 1881 den Lehrplan betreffend (Beilage 3 B. O. Bl. 1885, S. 36) dürfen heim Religionsunterricht nur die von uns empfohlene oder zugelassene Lehrbücher benutzt werden, zu diesen gehört das bezcichncte Buch nicht. Der dortige Rcligionslchrcr ist sofort darüber zu vernehmen, ivcr die Benutzung des fraglichen Buches beim Religionsunterricht veranlaßt hat, ob cs auch in den Händen der Schulkinder sich befindet, bejahenden Faltes, wie viele Kinder es bc sitzen. Gleichzeitig ist dem Lehrer zu eröffnen, das die Benützung des Buches in der Schule und jede Unterrichtsertcilung nach demselben alsbald aufzuhören hat. Die Erklärung des Lehrers ist mit dem dortigen Bericht hierher vorzulegen." Wir schicken voraus, daß der Oberrat formell das Recht haben mag, ein Buch auf den Judex zu setzen. Man braucht sich aber nur die einfachsten Machen zu .vergegenwärtigen, um zu erkennen, welcher Hohn aus die angeblich in Baden so peinlich gewahrte Gewissensfreiheit in diesem Vorgehen des Oberrats liegt. Orthodoxe Lehrer unterrichten in orthodoxen Gemeinden /denn nur um solche handelt es sich) nach dem Lchrbuchc des ihnen Vorgesetzten Rabbiners, welches die Geschichte nach der von ihnen vertretenen Uebcrzeugung darstellt. Das Jnqnisitionsamt des Oberrats aber verfügt, daß eine hochnotpeinliche Untersuchung einzuleiten ist, und daß die Benutzung des ketzerischen Buches alsbald aufzuhören hat. Daß den Obcrrat dabei andere als parteireligiöse Rücksichten geleitet haben, erscheint den Umständen nach völlig ausgeschlossen. Und das prompte Einschreiten gegen dieses gefährliche Buch wird in noch helleres Licht gestellt, wenn man damit die Konnivenz des Oberrats vergleicht, wo es sich um seine Parteigänger handelt. So dürfen z. B. in Baden Männer Religionsunterricht erteilen, die öffentlich den Sabbat entweihen,- die Kinder orthodoxer Eltern müssen einen Religionsunterricht besuchen, in dem wichtige Gebote der Thora als veraltet, ihre Erzählungen als Mythen hingestellt werden. Das ist vollkommen in der Ordnung, und die Gewissensfreiheit ist nicht gefährdet, dlber dafür muß gesorgt werden, daß die Jugend nicht durch orthodoxe Bücher vergiftet lvird. — Wie lange, so muß man fragen, wird es noch dauern, bis endlich die Gewissensbedrückungen, die unsere „Liberalen" ausüben, aufhören und in Baden den Bekenner» des traditionellen Judentums wirkliche Religionsfreiheit gewährt wird. Stratzburg. Eine Synagoge auf Auktion. Der Ort Basscnbcrg (Kreis Schlettstadt) ivar noch vor 20 Jahren das Zentrum der jüdischen-Bc völkcrung des Wcilertales. Daher >var auch dort die Synagoge und der Gottesdienst für die jüdische Bevölkerung des Tales. Es wohnten da über 50 jüdische Einwohner. Ihre Zahl hat aber seitdem immer mehr abgenonnneu, und nun wohnen nur noch zwei solcher Familien mit nenn Köpfen in Basscnberg, welche auch dem Zuge nach deikStadt, dem die anderen bereits gefolgt sind, folgen wollen. Die dortige Syua goge ist mangels Besucher deshalb geschlossen worden und ist zum Verkaufe an den Meistbietenden ausgesetzt. Jena, 4. Novbr. EineVersaminlung deutscher Studenten Jenas nahm zur Ansländcrfrage Stellung. Nach heftigen Angriffen namentlich gegen russisch-jüdische Studenten wurde erflärt, daß rechtlich die deutschen Studenten den Vorrang vor den Ausländern haben müssen. Jena, 7. Novbr. Die russischen Studenten erklären die von den deutschen Studenten gegen sie erhobenen Beschuldigungen für Verleumdungen und stellen den Besuch der Vorlesungen so lange ein, bis ihnen durch die Univcrsitäts-Be- Hörden Genugtuung gegeben wird. vor, in einem jetzt brach liegenden und nur eine spärliche Bevölkerung enthaltenden Territorium, und er meint, die Juden nach Art der jüdischen Landlvirte in Tunis könnten die Kolonisation wohl bewerkstelligen. Im großen und ganzen aber ist Sir Harry — überzeugter Zionist. Er meint, jedes Neuarrangcment in der politischen Kontrolle des näheren Orients müsse in seinem Programm cinschließen einen starken und unabhängigen jüoischen Staat inSyrien und P a l ä st i n a, der sich bis zum Westufer des Euphrat erstreckt, und der jedenfalls sowohl Jerusalem als auch Damaskus umfassen muß. Dieser jüdische Staat, führt Sir Harry in einem Artikel der ängcschcnen „Fortuightly Review" aus, müßte ein orientalisches Belgien sein, neutralisiert und geschützt durch die zivilisierten Mächte, ein P u f f e r st a a t, eine Schweiz zwischen den Bestrebungen Deutschlands und Britanniens. Rußland. Oesterreich-Ungarn. Wiett. In No. 43 des .Jüd. Bolksül." lesen wir: Herr Obcrrabbiner Dr. Moriz Güdcmann muß vorigen Donnerstag vormittags ein schmerzhaftes Gesühl des Neides gegen seinen katholischen Berufskollegen von der Votivkirche empfunden haben. Die eben verflossenen hohen und höchsten Feiertage haben in keinen! jüdischen Tempel so viele Juden zu vereinigen vermocht, als ain genannten Donnerstag vormittags in der Votivkirche beisammen waren. Der Anlaß hierzu war allerdings auch ein außerordentlicher. Ein Judenmädchen wurde zu einer echten, nnvcr fälschten Baronin umgctauft. Und was für Juden mädcheu! Die Tochter eines anerkannten, berühmten Publizisten, eines Mannes, der es sich ruhig gefallen ließ, im Ruf eines „guten" Juden zu stehen, dessen satirisch-sarkastische Gedichte stets den Aufputz gut jüdischer Jahrbücher bildeten. Wer erinnert sich nicht an das herrliche, tieftraurige Gedicht „Der jüdische Student" von Julius Bauer, das, wenn wir nicht irren, zuerst in einem Jahrbuche der „Jüdischen Lese- und Redchalle" erschienen ist und dann den Siegeszug durch die gesamte jüdische Presse machte?! Oder welcher Jude hat nicht Julius Bauer zugejubelt, als sein von jüdischem Schnierz und jüdischem Zorn diktiertes Gedicht „An Carmen Sylva erschien, zu einer Zeit, >vo die große Judenflucht aus Rumänien unser Herz erschütterte?! Und dieser selbe Julius Bauer hat sein einziges Kind, seine einzige Tochter — also nicht um einen Sohn handelt cs sich, dem eine Karriere gesichert werden sollte — zur Taufe geführt, und tont Israel, das irgendwie zur „Gesellschaft" gezählt werden will, assistierte ent weder persönlich oder durch eine schriftliche (Gratulation. Großbritannien. London. Sir Harry Johnson, eine bekannte Autorität in kolonialen Angelegenheiten, schlägt einer scits eine jüdische Kolonie in N o r d a f r i k a Nikolajew, 4. November. Die Plünderungen dauerten den ganzen gestrigen Tag sowie die heutige Nacht ununterbrochen fort. Einige hundert Juden, M ä n u e r.u n d Frauen, flüchteten nach der Synagoge; die Synagoge wurde osort belagert. Bombcnin das Gotte shaus geschleudert und bald folgte Ex - plofton auf Explosion, innerhalb wenige r Augenblicke st a n d d i e Synagoge in Hellen Flammen. Von denjenigen Personen, die noch nicht von den explodierten Bomben in Stücke gerissen oder im Flaminenineer ningekominen waren und die nun ins Freie zu flüchten versuchten, wurden sämtlich von der f a n a t i s ch e n M e n g e n i e d e r g c h a u e u. An den Verwundeten, ja selbst an den Toten wurden die grauenhaftesten Schändungen verübt. Polizei und M i l i t ä r sahen den fürchterlichen Vorgängen vollständig untätig zu. Augenzeugen wollen sogar wissen, daß Polizei leutc selbst in zusammengerottete Haufen von Inden, die sich ihren Verfolgern gegenüber zur Wehr zu setzen versuchten, ein gehauen oder in sie hi nein geschossen h ä t t e n. E s gibt keinen einzigen jüdischen Ge - schästsladcn mehr in der Stadt, sämtliche sind z e r st ö r t. Das Signal zum Mordbrennen auf die jüdische Bevölkerung kam so plötzlich, daß nicht zwanzig Juden durch eilige Flucht aus der Stadt ihr nacktes Leben zu retten vermochten. scheint, daß gewissenlose ^gent Provokateurs den Mob aufhetzten und ihn zu diesen Schandtaten verführten. Radomisel. Streiks und Not. Die Streikbewegung, welche vom vorigen Jahre ab hier in Rußland so scharf hervorgetreten ist, läßt sich jetzt noch mehr wahrnehmen. Alles streikt und wir sind hier in großer Verlegenheit. In zahlreichen Ortschaften im Kiewer Gouvernement verläßt das ganze Hausgesinde ohne vorherige Kündigung den Dienst. In der benachbarten Stadt Schitomir sind alle Gymnasien, städtische Schulen, sogar die jüdische Talmud- Thoraschule geschlossen. Die Knaben und Mädcheu fordern Freiheit, Mschaffung des Prozentsatzes für Juden und für die llnbemittelteu freien Schulbesuch. Die Not ist unbeschreiblich. Viele jüdische Familien haben im ganzen Haushalt kein einziges Wäschestück, weder aus Leinen noch aus Baumwolle. Ein Jude, der hier eine Waschanstalt eröffnet hatte, erzählt mir, daß die Frauen der hiesigen jüdischen Handwerker kein einziges Stück weißer Wäsche in .ihrer Wirtschaft besitzen, während die männlichen Mitglieder der Familie sich jeder mit einem einzigen Hemde behelfen müssen. Die Juden lassen nicht waschen, und zwar ipcniger aus llnrcinlichkeit, als aus richtiger, unverfälschter Armut. Vor den Feiertagen war ich in Berditschew, Kiewer Gouvernement, und was ich da sah, war ein Bild ewiger Finsternis! Mles ist da tot, stumm, düster und verfallen! Die Straßen sind vor lauter Wasscrpfützen unpassierbar; die Misthaufen machen sich breit, dampsen in der Sonne und lösen sich bei Rcgenwetter zu einem niehligen Brei üuf. Me eigenen Hilfsquellen der Stadt können nur einen geringen Teil der Bevölkerung auskömmlich ernähren. In Berditschcw würden 30 bis 40 Manufakturisten ein gutes Auskommen haben, allein die Stadt besitzt deren mehr >vie 500! Zertrümmerte Fensterrahmen und von den Wänden abbröckcliideLtukkatur zeugen für die völlige Hoffnungslosigkeit der Wohnungsinbaber, und nur die drei großartigen Synagogen mit ihrem berühmten Kantor Rise Belzer bringen den Armen noch Trost und Aufrichtung. IN dem benachbarten jüdischen Städtlein Brusilow sah ich bei meiner Durchreise 18 Personen in einem Raum im Hospitale liegen midsterben. Krebs, Wochenbettfieber, Nierenentzündung, Geschwülste, Knochenbrüche sah ich da neben- und durcheinander. Die Träger alter dieser Leiden lagen ohne Unterschied von Geschlecht und Alter auf schmutzigem Lager gemeinsam in einem engen, düsteren Zimmer. So leben wir hier! „Jüd. Volksbl., Wien." Elisabethgrad, 3. Novbr. Die Stadtverwaltung hat sich infolge der stattgehabtcu Judcnmetzeleien an die Bevölkerung mit folgendem/ Ausruf gewendet;

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