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Neue jüdische Presse · 1905-11-10 · Heft 43 (10.11.1905) · p. Seite 6

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
3 (1905)
Issue
Heft 43 (10.11.1905)
Date
1905-11-10
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 Frankfurter Israelitisches Familienblätt. Nr. 43. aufseher. Bor Gericht bezeugte der Kreishauptmann Jelensk selbst, Laß es auf der ganzen Welt' keinen sanfteren Menschen gebe, als den jungen Schlesinger. Ter Vater hat zwei Advokaten zur Verteidigung engagiert; dieser Gefängnisaufseher hatte ihm solch' einen Schrecken eingejagt, daß er noch immer fürchtete, man könnteseinen Sohn 'zur Zwangsarbeit verurteilen. ----- . Tie andern freilich hielten sich - tapfer; solch' einen Menschen, wie den Aufseher, habe ich noch nicht gesehen. Ohne Schimpfen ging es bei ihm nicht ab. „Ach, ihr! Sogleich lasse ich einen Convoi kommen und haue Euch alle kurz und klein!" Als man uns brachte, begegnete er uns mit den Worten: „Was habt Zhr mir lebendige Juden gebracht, lieber wären mir-«te! Was," schreit er, „revoltieren wollt Ihr? Tie Russen wollt Ihr schlagen, Ihr Fliegen? Kommt nur heraus... Ich will. Euch „zehn-', auf einmal erwürgen" . . . Jeden Tag pflegte er zu uns zu kommen, fehle sich, auf die Bank und malte sich aus, was er nicht alles mit uns machen würde, wenn cs nach seinem Willen ginge. — »Nun, einerlei," —sagt er — „es wird ohnehin mit Euch ein schlechtes Ende nehmen. Tiefer da wird den Strick bekommen," '— und auf Schlesinger zeigend — „dieser wird in Fesseln geschmiedet werde» — so wahr ich lebe." — Tie Andern hören unwillkürlich seinen Worten zu, ich gehe auf und ab, und bemühe mich, nichts zu hören. Tann begann das Verhör, die Konfrontation der Zeugen. Me Tür des Äontvrs befindet sich gerade'gegenüber unserer Kammer. Von dort werden die Namen laut ausgcrufen. Ter Zeuge hört natürlich alles. j>Sagen Sie, Zeuge, ist das derselbe Peisach Neikin?" — „Zu Befehl, Euer Hochwohlgeboren." Wir sagten uns: was sind das für Beweise. Tas ist schon dorher alles abgemacht. Gehen wir alle nicht hin'.' —- ' . Endlich begann das Gericht. ... Wenn man sich Krän. erinnert, ist es einem leid und man kann nur mit den Zähnen knirschen. Warum verfuhren sic so mit: uns? Für nichts- und wieder nichts mußten wir soviel leiden. In der Schloßstraße wollten wir einen der Raubmörder ergreifen. Tvktor Cheisitz wies den Pristaw Tschudowitsch auf ihn hin, aber dieser sing-an zu schreien: „Was, Jhr, macht, daß 'Ihr fortkommt von hier, sonst gebe ich ' den Befehl zu schießen!" So ging man mit uns um." „Weshalb ist in Homel die Feindschaft so groß zwischen den.Russen und Juden?" fragte ich. „Was für eine Feindschaft?" beeilte sich Neikin zu entgegnen. — „Tie Hälfte meiner Kameraden sind Russen. Als, ich ein kleiner Knabe war, haben wir zusammen Aepsel gestohlen. Ein - Gymnasiast sagte zu mir: Jude! Ich antworte ihm: Goi! Wir ohrfeigten einander, und jetzt sind wir. die besten Freunde." „Ter Raubmörder waren gar nicht so viele," fuhr Neikin fort, „vielleicht 200, höchstens 300 Mann, und in Homel gibt es mehr als 15 000 Russen. Wer war denn in dieser Bande? Grubenreiniger, Vagabunden, Trödelmarktgesindel, sogar diese wurden von den Antisemiten aufgehetzt. Tie ehrlichen Leute waren auf unserer Seite. Tie Unscrigen verbargen sich immer bei den christlichen Nachbarn. Ach, wenn uns das Militär nicht gehindert hätte, so wären wir mit den Raubmördern schon fertig geworden, wir hätten sie gewiß nicht mal anfantzen lassen. Es wäre alles still und ruhig. verlaufen." „Was werden Sie anfangen, wenn man Sie sreispricht?" fragte ich Neikin. „Jetzt bin ich Soldat!" erwiderte Neikin ruhig. „Um Gottes willen!" rief ich voll Entsetzen aus. „Was sind Sie für ein Soldat. Sie haben ja gar nicht das nötige Alter." „Ich habe einen jüdischen Geburtsschein, dieser ist umgeändert worden, Ter Großvater wollte dadurch irgend welche Privilegien erlangen. Jetzt läßt sich nichts mehr daran ändern." „Ich bin schon, abgegeben," fügte er hinzu, nachdem er eine kleine Weile geschwiegen hatte. „Ter Militärchef sagte zu mir: „Tu hast verstanden, die Russen zu plündern. Tu wirst es auch verstehen, die Japaner zu schlagen. Nachher wirst Tu das Recht haben, in Moskau zu leben, dort einen Laden zu eröffnen." Ter Militärchef sagte: „Was tut es, daß er klein ist.". Darauf antwortete der Doktor: „Klein, aber durchtrieben: Tie Kleinen schlagen sich noch besser. Nehmt Euch an den Japanern ei» Beispiel." So wurde ich direkt in die aktive Armee eingeschrieben." Ter arme, kleine Peisach Neikin! Wo mag er jetzt sein? Wahrscheinlich ist er jetzt schon auf dem Wege nach Sibirien, um den Japanern Mulden fortzunehmen. (Fortsetzung folgt) Schuhmacherei D U P P. Börneplatz 23. Reparatur. ' ' Billigste Preise. Familiennachrichten. (Aufnahme in diese Rubrik kostenlos). Geburten. Ein Sohn, Herrn Louis Grebenau (Stern), Frankfurt a. M. Ein Sohn, Herrn Dr. Alfred Bischosswerder (Jsay), Frankfurt a. M. Ein Sohn, Herrn Hermann Levi (Hecht), Frankfurt a. M. Ein Sohn, Herrn Moritz Mayer (Stern), Frankfurt a. M. Eine Tochter, Herrn Dr. med. John Rothschild (Schwab), Frankfurt a. M. . Ein Sohn, Herrn Max Joseph (Stainz), Frankfurt a. M. . . Ein Sohn, Herrn Joseph Stein (Schlepnger), Frankfurt a. M. - Eine Tochter, Herrn Albert Cahn (Wolf), Frankfurt a. M. Frida Simon, Vendersheim, mit Dav. Mayer, Weisenheim a. S. Eheschließungen. Hermann Noßbaum, Frankfurt a. M., mit Sclma Sießel, Frankfurt a. M. Mendel Wechsler, Fürth, mit Kela Bamberger, Kissingen. Manfred Moses Oppenheimer, Frankfurt a. M. Babette Baum geb: Krämer, 73 I., Usingen. Bertha Margaretha Loewenhaar geb. Schwarzadler, 61 I., Frankfurt a. M. Rebecka Stern geb. Scheuer Wwe., 60 I., Frankfurt, Röderbergweg 97. ' Robert Spangenthal, 51 I., Frankfurt a. M., Hermannstr. 37. Isidor Sonnenberg, 39 I., Frankfurt a. M., Königswarterstr. 26. Jacob Meyer, 62 I., Limburg. 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