Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Presse · 1905-11-10 · Heft 43 (10.11.1905) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Presse
Volume
3 (1905)
Issue
Heft 43 (10.11.1905)
Date
1905-11-10
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2692297-2692409-2692452--01991-2696562
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 43. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Seite 3. -gelangten. Tie- Zurücksetzung ist hier um so schmerzlicher, als sie nicht wie sonst bei Bewerbungen um Staatsstellen, bestimmte Klassen, sondern alle Juden ohne Unterschied ihres Berufes trifft, als gerade der Heeresdienst als der höchste und wichtigste dem Staate zu leistende Tienst erachtet wird und als endlich in Stunden der Gefahr, wenn alle Unterschiede schwinden, auch die des Glaubens und BekenntnisfcS aufhören. Allgemeine Gründe für die Ausschließung der Inden vom Offiziersdienst gibt es nicht und werden niemals angeführt. Immer wird ihre Qualifikation betont, nur gerade in jedem einzelnen Falle liegt ein besonderer Umstand vor, der den Bewerber ungeeignet macht. Und dabei weiß man ganz genau, daß es den jüdischen Soldaten an Umgangsformcn und Takt, an Mut und Tapferkeit nicht gebricht. Was die näheren Gründe der Zurücksetzung der Juden betrifft, so glaubt man, Teutschland, insbesondere Preußen, dürfe nicht im liberalen Sinne regiert werden. Man meint, mit Schwert und Altar die für staatsfeindlich erkannten Elemente Niederhalten zu können, die nur auf dem Gebiete des Geistes überwunden werden können. Man glaubt, durch die einseitige Begünstigung einer Religion eine größere Macht über die Massen zu erlangen, endlich aber, und das ist der wichtigste Punkt, ist es die Macht der Bureaukratie, die ihre Alleinherrschaft durchsetzen will. Doch wehe dem Lande, das seiner Bureaukratie überliefert lvird, lvehe Teutschland, wenn es seine Bureaukratie so mächtig werden läßt, wie die russische geworden ist. Tcs'halb ist es gerade die wichtigste Aufgabe der 'Juden, so lange zu kämpfe», bis sie die verfassungsmäßigen Rechte auf jedem Gebiete errungen haben. Wenn wir uns eng zusammenschließen, immer und überall unser Recht fordern, dann werden wir dem deutschen Vaterlande und den deutschen Juden den größten und einen dauernden Tienst erweisen. Daß wir dazu berechtigt sind, des sind wir gewiß, wen» wir uns an das laute und klare Kaiserwort halten: Teutschland heißt Kultur, Freiheit für jeden in Religion sowohl wie in Gesinnung und Betätigung. Rechtanwalt St. Auerbach- Frankfurt a. M. behandelte ausführlich die Verhältnisse in Süddeutschand, die zwar dort etwas besser, aber auch keineswegs ideal seien. Tie volle Gleichberechtigung, wie sie das Gesetz verlangt, ist auch dort noch nicht durchgedrungen. In Hessen gibt cs allerdings in einer Reihe von Verwaltungszweigcn eine vollständige Gleichberechtigung, so in technischen Fächern, an Schulen und Universitäten, im Subalterndienst. Toch versagt hat die Gleichberechtigung vollständig in der Justiz und in der allgcineineu Verwaltung. In Württemberg ist es etwas besser mit der Justiz, aber an den höheren Schulen gibt es keinen einzigen jüd. Lehrer. In Bayern ist die Gleichberechtigung in sehr vielen Verwaltuugszwcigcn, vor allem auch in der Justiz, ziemlich durchgeführt, wenn auch in gewissem prozentualen Verhältnis. Aber in den leitenden Stellen gibt es keine Juden. Auch das Großherzogtum Baden versagt bei der Besetzung der leitenden Stellen. Ter Einfluß der norddeutschen Bureaukratie gewinnt in Süddeutschlaud immer mehr an Boden. Ter deutlichste Beweis dafür ist die Zurücksetzung im Militärwesen. Wenn wir die Tatsachen betrachten, die die staatliche mißliche Lage der Juden in Teutschland ergibt, so verdichtet sich die Berichterstattung zur wuchtigen Anklage, erhoben im Namen des Gesetzes und der Menschlichkeit. Diese Anklage muß in uns peinliche Empfindungen auslösen, einerseits wegen der sittlichen Verwerflichkeit dessen, was wir anklagc», und andererseits, weil uns das Gefühl der Scham überkoinmt in bezug auf die Begründung,? die für die Versagung unserer Rechte gegeben wird, weit diese Begründung unwahrhaftig und nnstichhaltig ist. Man stützt sich auf die Lolksstimmung, und. ihr zu Liebe will man die Zahl der jüdischen Beamten nicht vermehren. Wenn "der Staat davon ' Nutzen zieht, daß die jüdischen Geisteskräfte als außerordentliche Professoren, als Honorarprofessoren, die Jugend lehren, daß technische Unterbeamtc in großer Zahl tätig sind, ohne in die leitenden Stellen zu kommen, und beim Militär die Juden nur die unteren Chargen besetzen dürfen, so liegt darin eine Ausbeutung des geistigen Kapitals, das Deutsche jüdischen Glaubens in sich tragen, und gegen diese Ausbeutung kann nicht genügend Front gemacht werden. Im Interesse des Judentums und des Staates ist auch die Taufe und die verderbliche Wirkung, welche dieselbe nach. sich zieht, zu beklagen. Nicht nur die religiöse Gemeinschaft wird gesprengt, sondern auch die Unwahrhaftigkeit hierdurch gefördert. In Tausenden von 'Familien wird durch die Taufe innerer Zwiespalt erregt, der ungeahnte verderbliche Folgen für den Staat hat, der sich auf die Familien zu stützen hat. Wenn wir andererseits uns die Frage vorlege», ob wir nicht in den 'Jahren, seitdem die Emanzipation zur papierenen Tat geworden ist, auch diese verdient haben, so können wir auf das Ausland und zum Glück auch auf manches im Vaterland verweisen, daß die Juden in höheren Stellungen sich glänzend bewährt und befähigt gezeigt haben. Männer jüdischen Glaubens haben vereint mit christliche» Volksgenossen der deutschen Kultur zum Siege verholfen. In Kunst und Wissenschaft,'in Handel und Industrie haben sich die Juden sehr hervorgetan, auf den Schlachtfeldern haben sie dem deutsche» Namen Ehre gemacht, und es waren auch die Juden, die, von ihren christlichen Volksgenossen gewählt, mitgeschmiedet haben die rechte Form der deutschen Einheit. Dieser Blick auf die Vergangenheit muß uns stärken für die Zukunft und uns den Weg weisen. Unser Kampf muß vor allem sein der Kampf für unser Recht. Er muß liegen in der geistigen Mitarbeit an allem, was das deutsche Volk bewegt, aber neben der stillen Arbeit habe» wir laut und offen unsere Rechte zu betonen und zu verlangen von jenen, die sie uns versagen. Wir betteln nicht, mehr um Gnade, sondern unser Ruf nach unseren Rechten ergeht an diejenigen, die beschworen haben, die Verfassung zu achten und gewissenhaft zu beachte». Tiefer Ruf kann nicht verhallen, weil er der Empörung und Entrüstung entstammt derer, die ihre Pflicht erfüllthaben und in ihren Rechten gekränkt sind." Auch diese beiden Referate, deren erstes wegen der mühevollen und sorgsamen Sichtung des unifasscnden Materials besondere Anerkennung verdient, wurden seitens der Bersaminlung mit lebhaftem Beifall aufgenomiiien. Ter Ausschuß brachte auch zu di.'s.u» Punkte eine Resolution ein, die folgende» Wortlaut hat: „Verfassung und Gesetz geivährleistcn die Gleichberechtigung aller Teutschen ohne Unterschied des religiösen Bekenntnisses. Gleichwohl findet bei der Besetzung öffentlicher Aemter fast überall eine Zurücksetzung oder Ausschließung von Personen jüdische» Glaubens statt. Tie Zurücksetzung entfällt in der Regel, sobald der Uebertritt zum Christentnni vollzogen ist. Dieses Verfahren enthält eine Verletzung des bestehenden Rechts. Es verstößt gegen die Gerechtigkeit, denn es schafft Ungleichheit der Rechte bei gleichen Pflichten. Es bedeutet eine sittliche Gefahr, weil von Staats wegen der aus äußerlichen Gründen vorgenommene Religionswechsel gefördert wird. Es widerstreitet dem Staatsintcresse, weil Kräfte ausgeschaltet werden, die dem Staate Ersprießliches zu leisten gewillt und befähigt sind. Ter Verband der Deutsche» Inden legt gegen diese festgesetzte Rechtsverkümmeruiig Verwahrung ein und beauftragt den Ausschuß, alle Maßnahmen zu ergreife», die zur Beseitigung dieses Zustandes geeignet sein können. Tie deutsche» Juden hegen zu ihren rechtlich denkenden Mitbürger» das Vertrauen, daß sie ihnen im Kampf für ihr Recht die Unterstützung nicht versagen werden." Landtagsabgeordneter Rechtsanwalt D r. C o h n- Tessan beantragt alsdann, die drei Resolutionen in dem vorliegenden Wortlaute anzunehine». Ter Antrag wurde angenommen, und der Vorsitzende konnte unter lebhaftem Beifall der Versammlung die einmütige Annahme dieser Resolution konstatiere». Er brachte alsdann aus der Zahl der viele» eingegangene» Begrüßungstelegramme dasjenige von Herrn Geheimen Regierunsrat Professor Dr. Cohen-Marburg zur Verlesung: „Bereinigt mit Ihnen in .Hochhaltung unserer Religion und im Kampf für unsere Rechte, wünscht Gelingen unserm Verbände zum bestem des Vaterlandes." Nach der einstündigen Frühstückspause hob Abgeordneter Justizrat Cassel- Berlin in einer kurzen Bemerkung hervor, daß er dem Irrtum Vorbeugen wolle, als ob vielleicht nur seitens der jüdischen Abgeordneten in den Parlamenten eine Abwehr der Verkümmerung der Gleichberechtigung der Juden erfolge. Bei verschiedenen Gelegenheiten seien Christen für die Rechte der Juden eingetreten, so die Abgeordneten Güßling, Tr. Crüger, Dr. Wiemer, Dr. Barth und Eugen Richter im Landtage, während im Reichstage Professor Eickhoff, Stadtrat Kämpsf und Müller- Sagan mit vollem Nachdruck gegen.die Verkümmerung des Rechts der Juden Stellung genommen haben. Er bezeichnet es als eine Pflicht der Loyalität, auf die Bundesgenosseuschaft der christlichen Abgeordneten, die hoffentlich nicht ohne Nachfolge auch aus anderen Parteien bleiben werde, hinzuweise». Ter Vorsitzende vollzog alsdann die Wahl des Ausschusses und der Kassenprüfer. Für den Ausschuß erfolgt die Wahl der bisherigen Mitglieder und Kommissionsvorsitzenden durch Zuruf: neu hineingcwählt wird Stadtrat A r o n s o n - Bromberg. Zu Kassenprüfern werden die Herren Justizrat D r. L e w i n - Stettin und Dr. I. Ginsberg -Berlin vorgeschlagen und gewählt. Tann trat die Versammlung in die Diskussion zu den drei Referaten ein, die nur etwas länger als eine Stunde in Anspruch nahm. Herr B l u m e n t h a l - Cassel bestreitet, daß die Emanzipation unseren Vätern mühelos in den Schoß gefallen sei.und bezeichnet es als eine Verkennung der Arbeit von Männern, unter anderen Gabriel Metzers, denen jeder Jude zu Dankbarkeit verpflichtet sei. Justizrat Fuchs erklärt, gründlich mißverstanden zu sein, da er ausdrücklich erklärt habe, daß der Juden-Emanzipation Abwehrkämpfe der deutschen Judenheit nicht vorangegange» seien, wohl aber einzelne dafür gestritten hätten. Rabbiner Dr. V o g elfte i n - Stettin, bittet dringend unter Bezugnahme ans die Werncrschen Ausführungen, dahin zu wirke», daß der Begriff der Minderwertigkeit unserer Religion aus dem jüdischen Lager schwinde. Es sei von der größten Wichtigkeit, immer zu betonen, daß das Gesetz der Nächstenliebe, wie es das Judentum vor Jahrtausenden ausgestellt habe, sich mit den Begriffen, die heute von den edelsten Vertretern der Moral und Ethik gelehrt werde», vollständig decke. Unsere Jugend müsse wieder von der Begeisterung für das Judentum erfülltwerden. Tr. Klee- Berlin bestätigt, daß es nur die Arbeit einzelner Juden gewesen ist, die uns die Emanzipation gebracht habe, und nicht eines organisierten Zusammenschlusses der Juden. Er begrüßt den Verband als die Einheit im deutschen Judentum, als den Jungbrunnen »euer Kraft nicht im Kampfe gegen einander zur Durchsetzung der eigenen Wünsche und der Parteiwünsche, sondern im Kampfe für unser Judentum, der uns immer wieder die Unitas des deutschen Judentums vor Augen führe» soll. 2 r. Adler- Lübeck bittet, das Korreferat des Herrn Hermann Gumpertz vollinhaltlich zur Kenntnis zu geben, da man daraus werde ersehe» können, daß für alle Parteien innerhalb des Judentums Gelegenheit gegeben fei, sich an den Verband anzuschließen. Justizrat D r. Fuchs erwidert, daß das Korreferat vorliege nnd im wesentlichen die Stellungnahme znm Bolksschulgesey und Tenlschrift zur Schüchtfrage behandele. Zum dritten Referat regt Rabbiner Sr. Jacob-Güttingen an, eine genügende praktische und wissenschaftliche Vorbildung der Verteidiger des Judentums in die Wege zu leiten, für die Wissenschaft der Apologetik Lehrstühle und llnterrichtsgclegenheit zu schaffen, in Verbindung mit den Lehrstühlen, apologetische Seminarien einzurichten» an denen Theologen sowohl wie Juristen, Mediziner, Journalisten und auch Kaufleute sich zu zielbewußten und kundigen Verteidigern des Judentums ausrüsteii könnten. Zur Förderung dieses neuen Studiums, das ja kein Berufsstndium sei, könnten sich die verschiedensten Organisationen vereinigen, da es ja ein Grenzgebiet zwischen praktischer nnd wissenschaftlicher Tätigkeit sei. Als eines der Ziele würde die Schaffung eines praktischen Handbuches der Apologetik zu gelten haben. Rabbiner D r. Frank- Köln geißelt den Glaubens» ivcchsel der Inden nnd das Verhalten des Staates, der auf den Uebertritt eine Prämie seht. Als Krebsschaden bezeichnet er es, daß >vir uns gegen diese fahnenslüchtigen Verräter zu tolerant zeigen. Ter Vorsitzende schließt hieraus die Verhandlungen mit der Bitte, das Gehörte nicht nur zu den Andersgläubigen, sondern im iveseutlichen zu den Glaubensgenossen hinauszutragen. Justizrat Geiger- Frankfurt a. M. bringt den Tank der Versammlung für die musterhafte, unparteiische und energische Leitung der Verhandlungen zilm Ausdruck. Im Anschluß an diese Hauptversammlung fand abends in dem gleichen Sitznngsfaale ein vom hiesigen Gemeindevorstand gegebenes glänzendes F e stm a h l statt, das in angeregtester Stimmung verlief und zu dem sich etwa 290 Teilnehmer ei »gesunde» hatten. Nachdem das Kaiserhoch, da) Justizrat Tr. Lach »rann ausbrachte, verklungen und die Musik die Kaiserhymne intoniert hatte, hieß Herr Julius I a c o b y, der Vorsitzende der hiesigen Gemeinde, die Gäste namens des Geineindcvorstaudes herzlich willkommen. Herr Louis Sachs, der Vorsitzende der Repräsentanteuversaminlung, svrach namens dieser dem Verbände de» herzlichste» Tank aus für die Einigkeit, die dieser unter den Juden geschaffen habe. Rechtsanwalt Tr. Blau-Frankfurt am Main dankte namens der Gäste für die Begrüßung und die erwiesene Gastfreundschaft. Justizrat Cassel- Berlin feierte die innigen Beziehungen zwischen Teutschtum und Judentum, Rabbiner Dr. Werner- München toastete auf die daheimgebliebenen und das Haus hütenden Frauen der Gäste. Justizrat T i m endo r fe r - Berlin, der Präsident der Großloge des U. O.- B. B., forderte die zahlreich anwesenden Brüder zu einem Hoch auf den Verband auf, Kirchenrat Dr. Kr o n e r-Stuttgart toastete auf die jüdische Jugend, die unsere Zukunft ist, .Herr Benas Levy -Berlin auf den Ausschuß des Verbandes. Unter lebhaftem Beifall der Versammlung ließ alsdann Prof. Phil i p p s o n - Berlin alle Führer und Förderer des Verbandes der Teutschen Inden leben, Rechtsanwalt D r. H o r w i tz - Berlin trank namens der Mitglieder des Zentralvereins, der alles tu» werde, um dem Verbände und damit der Gemeinschaft aller Glaubensgenossen zu dienen, auf das Gedeihen des Verbandes, während Justizrat Beit Simon -Berlin in seiner Rede empfahl, nicht allein mit Mut, sondern auch mit Klugheit dem gesteckten Ziele zuzustreben. Wir schließen unseren Bericht mit der Mitteilung, daß an dem der Sitzung folgenden Tage im Verbandsbureau auf das an den Kaiser gerichtete Huldigungstelegramm folgende Antwort aus dem Zivilkabinet telegraphisch eingegangen ist: „Seine Majestät der Kaiser und König lassen der Hauptversammlung des Verbandes Deutscher Juden für den Ausdruck treuer Ergebenheit bunten. Auf Allerhöchsten Befehl der Geheime Kabinetsrat v. Lucanus."

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.