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Neue jüdische Presse · 1905-11-10 · Heft 43 (10.11.1905) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
3 (1905)
Issue
Heft 43 (10.11.1905)
Date
1905-11-10
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. 5tf- 43. Die Woche. Die abgclaufene Woche steht unter dem Zeichen der in ihrer Bestialität in der Geschichte der Menschheit einzigartigen Vorgänge in Rußland. Die perverse Entsetzlichkeit dieser Massacrcs ist so ungeheuerlich, daß jedes Wort zu schwach ist, sie zu schildern. Betäubt von dem Faustschlag, den die menschliche Kultur des zwanzigsten Jahrhunderts ins Gesicht bekommen hat, entsetzt durch den von der Wucht der Tatsachen aufgezwungenen Gedanken, daß aller Fortschritt in sittlicher und moralischer Beziehung ein Traum sei und die Menschheit in dieser Beziehung vielleicht noch tiefer steht, als in den finstersten Zeiten der Geschichte: finden wir nur das Wort zu einem Gedanken, zu deni Gedanken unserer jüdischen Pflicht. Es war von jeher bei uns Juden üblich, daß bei Unglücksfällen, die bas jüdische Volk trafen, die ganze Nation wie ein Mann ihrem Brndcrschmcrz dadurch Ausdruck gab, indem ganz Israel, Männer, Frauen und Kinder, in das Hans Gottes eilte. Dort ließen sie in Hespedim und Kinans, in Trauerreden und Trauerliedern ihrem Schmerz freie» Lauf und suchten bei dem Vater der Menschheit Trost. Dieser schöne Minhag hat nicht wenig zu der jüdischen Solidarität beigetragen. — Und warum sollte dies heute nicht geschehen? Sind wir so modern geworden, daß das Weh der Gesamtheit uns nichts mehr angeht? Wir stehen vor einer solche»! Katastrophe wie sic selbst in der Zeit der Krcnzzüge nicht dagewescn. Wäre da nicht geboten, daß wir nach jüdischem Brauche Hespedim abhaltcn und uns Schclauschim auflcgen, daß wir also außer der Whaltung von Trauergottesdicnstcn für die Zeit von 30 Tagen kein Theater, Konzert und dergleichen besuchen und das gesparte Geld den unglücklichen Brüdern zuwenden. Wir Juden geben so sehr viel auf das Urteil unserer Umgebung. Mögen wir durch diesen Akt den Völkern ein erhebendes Zeugnis unserer Solidarität und Volkseinheit bieten! Zu den Judenmassacrcs in Rußland läßt sich die heilige „Kreuzzeitung", das Blatt des preußischen Junkertums, wie folgt aus: Doch das ist nur eine Seite der Bewegung. Man kann sie Rcht verstehen, wenn man die Rolle übersieht, die das russische Judentum gespielt hat. Es soll dabei keineswegs verkannt werden, daß das jetzt zusammengebrochene absolutistische System.eine Schuld an der Verwilderung der russischen Judcnschast trägt. Mer ohne Grund ist der Haß gewiß nicht, der in den sogenannten Judenrayons, d. h. in den Grenzen des ehemaligen, Königsreichs Polen, die reichen Juden trifft. Sie haben, wo sie zur Macht gelangten, sie überall gemißbraucht, und die von Zeit zu Zeit sich wiederholenden Judenhetzcn haben von der Erbitterung Zeugnis abgelegt, die im westlichen und südlichen Rußland gegen sie allgemein war. Aber man schätzte sie in den Kreisen der-radikalen und revolutionären Intelligenz. Von den 2—3000 Intellektuellen männlichen und weiblichen Geschlechts, die in der Schweiz ihr Wese» trieben, waren die meisten jüd. Stammes und ebenso haben sie auf dem letzten Kongreß der verschiedenen revolutionären Parteien in Paris die leitende Rolle gespielt. Sie sind fast an ällen Attentaten beteiligt gewesen und haben es durchzusetzen verstanden, daß ausnahmslos in allen russischen Reformprogrammcn und in allen Resolutionen der zahllosen Meetings, die in den letzten Monaten in Rußland stattgcsunden haben, die völlige Gleichberechtigung der Juden einer der vornehmsten Punkte gewesen ist. Daß aber die russische Studentenschaft unter jüdischer Leitung stand und wohl noch steht, ist eine wohl von niemanden zu bestreitende Tatsache. Die russische Revolution könnte daher auch eine jüdische Revolution genannt werden. Man mag auch das erklären und entschuldige». Aber nachdem schon in der Bulyginschen Verfassung die völlige Gleichberechtigung der Juden anerkannt worden war, und nachdem jetzt durch das jüngste Manifest des Zaren alle Schranken gefallen sind, die ihnen hinderlich sein konnten, ist von dem Bund und seinen Parteigenossen die Parole ausgegeben worden: Fortsetzung des Kampfes, bis die Monarchie zu Boden liegt und die russische Förderationsrepnblik ihr siegreiches Haupt erhebt und das hat zu einer furchtbaren Gegenkundgcbung geführt, welche vornehmlich die russischen Juden, aber auch alle diejenigen trifft, die mit ihnen gegangen sind, und dem gemeinen Mann als ihre Mitschuldigen gelten. Die Behauptung, daß die Umgestaltung der russischen Verhältnisse als das Werk der Juden angenommen werden muß, ist eine so bodenlose Infamie, daß nur der verbissenste Judenhaß sie ausdenken kann. Ter beste Beweis für das Gegenteil ist, daß gerade in den Gouvernements, in denen den Juden der Aufenthalt verboten ist, die Revolution am schlimmsten gehaust hat. Und Iver ivollte es der geknechteten und geknebelten jüdische» Intelligenz Rußlands verdenken, daß auch sie sich stellenweise der Revolution angeschlossen hat. Man braucht wahrhaftig nicht' revolutionär zu sein, um gegen die verrottete korrupte Mißwirtschaft des czarischen Wsolutismus sich aufzulchnen. Die einzigen im russischen Reiche, die mit dem alten Regime zufrieden sind, sind nur die von der Staatskrippe sich nährenden Beamten und Geistlichen, die auch die Urheber der gegenwärtigen Massacres waren. Ebenso ist die fernere Behauptung der Kreuzzeitung von der Mittäterschaft der Juden bei Attentaten aus der Luft gegriffen und erfunden. Die erste Hauptversammlung des Verbandes der deutschen Juden. (Offizieller Bericht.) (Schluß). Ter Korreferent zu dem ersten Thema über die Entwicklung und Ausgaben des Verbandes der Teutschen .Juden, Herr Hermann Gnmpertz-Hamburg, ist leider erkrankt, und der Vorsitzende der Verjammlung spricht sein herzliches Bedauern darüber ans, daß dieser Redner am Erscheinen verhindert ist. Alsdann sprach Rabbiner Tr. Werner-München über „Tos Judentum iin Lichte moderner Kritik." Ter Redner besprach zunächst die Mgriffe, welche von der Babel-Bibel-Partci gegen den Monotheismus erhoben wurden, und sodann die Mgriffe, welche die Rassenfanatiker gegen das Judentum gerichtet haben. Ter Talmud erzählt, so führte der Redner unter anderm aus, daß ein Mann zwei Frauen hatte, eine ältere und eine jüngere. Tie ältere entfernte seine schwarzen Haare, damit er älter aussähe; die jüngere entfernte seine grauen Haare, damit er.jung aussähedie Folge war, daß er ganz kahlköpfig wurde. «« erging es auch dem Judentum. Tie Assyriologie hat uns die grauen Haare, die moderne christliche Theologie die schwarzen Haare ausgcrissen. Ta kam, so fuhr der Redner unter stürmischem Beifall fort, die Rassenthcorie und' sagt, der Schädel taugt auch nichts. Wir verlangen nur eine tendenziöse Wissenschaft; wir geben Babel, was Babels ist, und der Bibel, was der Bibel ist. -Aus Babel starrt uns trotz seiner Kultur der krasse Götzendienst an; aus der Bibel weht uns göttliche Weisheit, reine Heiligkeit entgegen, hier weht Menschengeist, dort weht Gottesgeist, hier herrscht Menschenkunst, dort haben wir Sinaihöhe. Es ist betrübend und traurig zugleich, daß der größte und berufenste Vertreter der Wissenschaft sich nicht scheute, vor den höchsten Herrschaften auszurufen, daß der Gott des Judentums ein Nationalgott sei. Tagegen müssen wir ganz energisch protestieren. Ter Gott des Judentums ist im Gegensatz zu den Nationalgöttern der einig einzige. Entweder der Gott der Propheten, der Gott der Bibel oder gar kein Gott. Das ist unser Besitz, der uns mit Ehrfurcht ersüllt, den wir nicht antasten lassen werden. Tie andere Methode, die in unserer Zeit gegen das Judentum angewendet wird, ist scheinbar, entgegengesetzt, kommt aber zu demselben Ziele. Man bestreitet nicht unser Alter, man bestreitet aber nur unsere Jugend, unsere ewige Kraft, unsere Existenzberechtigung. Die Gegner sagen, wir haben nicht die Feindesliebe, und darum sind wir minderwertig. Ten Feind zu lieben, lehren wir allerdings nicht, weil oft der sittliche Kampf eine Notwendigkeit ist. Was die Lehre von der Feindesliebe hervorgebracht hat, deslebendige Zeugen sind wir Juden. Wsdann beleuchtete der Redner noch einen dritten Gesichtspunkt, von dem aus die moderne Kritik der Jüdenfrage sich leiten läßt und besprach diejenigen Angriffe, die von sozialer Seite angeblich ini ökonomischen Interesse gegen die Juden in.den letzten Jahren erhoben worden sind- Niemals hätte in unserer Zeit die gegen uns gerichtete Bewegung eine solche Ausdehnung angenommen, wenn nicht in Wort und Schrift immer wieder die Wahnidee verbreitet worden wäre, daß die Juden in ihrem Handel und Wandel zu einer sozialen Gefahr sich herausbilden. Ter Kundige lveiß, Ivie unwahr diese Behauptungen sind, er weiß, daß unser Schrifttum von den ältesten bis zu den letzten rabbinischeu Erörterungen Über die Rechte und Pflichten der Arbeitgeber und der Arbeitnehmer von echt sozialer Weisheit erfüllt ist, daß die Geschichte nicht nur von unsäglichen Leiden, .sondern auch von der edelsten sozialen Wirksamkeit Israels Zeugnis ablegt. Wirklich jüdisch sein, heißt sozial sein in des Wortes edelster Bedeutung. Tas Judentum hat zuerst der Menschheit die soziale Fürsorge für die Armen und Schwachen gelehrt und dieselbe stets betätigt. Auch die Statistik, die man besonders in der letzten Zeit als Beweismittel . gegen uns angebracht hat, hat vollständig versagt. Bei vorurteilsfreier Prüfung der Zahlen sind die Resultate wie Granftblöcke, an denen der Gischt der brausenden Leidenschaften abprallt. Zinn Schluß weift der Redner noch daraus hin, wie vielen sozialen Sinn die deutschen Inden durch die Tat an den Tag gelegt haben. Ter Verband würde sich ein Verdienst erwerben, wenn er nicht nur erforschen würde, was wir leiden, sondern auch was wir leisten. Diese Statistik, zu der das Material in allen Gemeinden Teutschlands gesammelt werden müßte, würde beweisen, daß die Juden nicht soziale Gefahren Hervorrufen, sondern soziale Wohlfahrt fördern. Als heilige Pflicht erkennen sie es an, mit ihrem Wollen und Können, mit hingebender Tatkraft an allen allgemeinen sozialen Aufgaben der Gegenwart mitznarbeiten. Tas Resultat der Statistik wird ein solches sein, daßnvir laut verkünden können, der Jude ist ein sozialer «egen, wenn er die Freiheit und die Rechte hat. Bei der Bedeutung, welche dieser Vortrag hat, dürste ein kurzes Referat nur unvollkoinmcn seinen wertvollen Inhalt wiedergeben. Wir können uns deshalb, da der Vortrag in extenso gedruckt wird, nur auf diese wenigen Andeutungen beschränken. Tie tiefe und mächtige Wirkung, welche dieser hochinteressante und gedankenreiche Vortrag hervorrief, gab sich in minutenlangem, stürmischem Beifall deutlich kund. Folgende Resolution gelangte anschließend zur Verlesung: „Tie Hauptversammlung des Verbandes der Deutschen Juden weist aus tiefster Ueberzeugung die gegen die Lauterkeit der jüdischen Religion gerichteten Angriffe zurück und wiederholt die längst bekannte Wahrheit, daß das Judentum, die Mutter der monotheistischen Religionen, aus der Grundlage eines reinen Gottesglaubeiis die alle Menschen umfassende Nächstenliebe lehrt, volle Hingabe an das Vaterland gebietet und die Betätigung sozialer Wichten als religiöses Ideal aufstellt." Zn Punkt 4 der Tagesordnung referierten alsdann Justizrat Brcslauer-Bersin und Rechtsan- Ivalt D r. E r n st A u c r b'a ch - Frankfurt a. M. über „Tie staatliche Lage der Juden in Deutschland". Nachdem Justizrat Breslauer kurz die staatsrechtliche Stellung der Juden, die bekanntlich durch die Artikel 4 und l2 der preußischen'Verfassung vom 31. Januar 1850 und für ganz Teutschland durch das Bundesgesetz vom 3. Juli 1869 festgcstellt ist, erörtert, die Kämpfe sftzziert hatte, die zum Erlaß des Gesetzes von 1869 speziell in Preußen geführt worden sind, und die die Gesetzesbestimmungen einschränkenden Reskripte und Vcrsügungen der verschiedenen Minister beleuchtet hatte, wies, er auf die Zurücksetzung und Ausschließung der Juden in allen staatlichen Stellungen hin, so in der Tiplomatie und der allgemeinen Staatsverwaltung, .im unteren Verwaltungsdienst, auf denr Gebiete der Schule, ans den Universitäten, in der Verwaltung der öffentlichen Arbeiten und endlich in der Justizverwaltung, wo ebenfalls eine planmäßige Zurücksetzung der Juden statthat. Am Reichsgericht ist kein Jude, auch jüd. Präsidenten gibt es nirgends, an den Oberlandesgerichten waren früher zwei Juden, keiner ist Senatspräsidcnt geworden. Tie neueste Ernennung in Kassel kommt hier nicht in Betracht. Bei den Landgerichten sind vielfach jüdische Richter als Beisitzer der Zivilkammer beschäftigt, viele vertreten den Vorsitzenden Monate und Jahre, aber Direktoren werden sie nicht. Bei den Amtsgerichten werden Inden wie jeder andere als Spruchrichtcr beschäftigt, aber aufsichtsführende Amtsrichter werden sie nicht. Tie jüdischen Gerichtsassessoren erhalten Kommissorien, nur wenn gar kein christlicher Assessor mehr für das Komissorium anfzutreiben ist. Zn Richtern werden sic im äußersten Notfall ernannt. Man drängt die jüdischen Assessoren in die Rechtsanwaltschaft und beklagt sich nachher darüber, daß in der Rechtsanwaltschaft zu viel Juden seien. Auch den Referendarien wird nach Möglichkeit der Eintritt in die Justizverwaltung erschwert. Zu Notaren wird nur ein verhältnismäßig kleiner Teil von Juden ernannt, man führt ganz offen zwei verschiedene Listen. Zu Laienrichtern muß man Juden ernennen wie Christen. Handelsrichter gibt es in den Großstädten fast mehr jüdische als christliche: überall haben sie sich bewährt und gezeigt, daß sie mit gleichem Eifer, mit gleicher Pflichttreue ihres Amtes walte», wie ihre christlichen Kollegen.' Tagegen gibt es viele Gebiete in Teutschland, in denen die Juden nicht inehr zum Schöffen- und Geschwornendienst zugelassen werden. Bedauerlich ist es aber, daß die. zurückgesetzteu Personen von der Justizverwaltung sofort für qualifiziert erachtet werden, jene Stellen zu bekleiden, wenn sie sich zur Taufe bequemen. Diese Tatsache ist um so bedauerlicher, weil sie bei einer Verwaltung, die zum Schutz für Recht und Gerechtigkeit eingesetzt ist, Äm schwersten wiegt. Kann denn in Zeiten der Gefahr sich der Staat aus Beamte verlassen, die um solcher äußeren 'Vorteile willen, ihren Glauben wechseln, und dies in Zeiten, in denen ihre Glaubensgenossen in jeder Weise zurückgesetzt und zurückgedrängt werden? Schreckt.denn aber nicht auch jeder gute Staatsbürger davor zurück, daß öffentlich von Staatswegen eine Prämie auf die Taufe gesetzt wird,? Auch aus dem Heeresdienst werden, die Juden ferngehalten. Alle Beschwerden sind vergeblich gewesen, und jeder Kriegsminister hat neue Ausreden ersinnen müssen, wenn Beschwerden an:ihn

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