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Neue jüdische Presse · 1905-11-10 · Heft 43 (10.11.1905) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
3 (1905)
Issue
Heft 43 (10.11.1905)
Date
1905-11-10
Page
– (sequence 1)
Language
German
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3frorlitifd)rs familirnlilntt. ^sdaktton und Hefchaftsstelle: Srsnkfurl s. M.. Leiligkreuzgaffe 32, Ecke Lkapperfeldstraße Herefon 10307. Herausgeber: Saks cheis. 3 Jahrgang. Freitag, den 12. Cheschwan 5666 (10. November 1905). No. 43. Jnsertionspreise: Die viergespaltene Petitzeile.2‘> Pfg. Die Reklamezeile.100 „ Platz- und Daten-Borschrist ohne Verbindlichkeit. ' Beilagen: Preis nach Uebereinkunst. .Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnementspreis pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei ins Haus. Bei der Post abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich - Ungarn Mk. 1,50, sonstige Länder Mk. 2.— Inhalt des Hauptblattes: Artikel: Freiheit. — Die Woche. — Die erste Hauptversammlung des Verbandes der deutschen Juden. — Aus aller Welt. — Feuilleton: Das Judengrab in der Steppe, Roman von Samuel Gordon. — Homeler Silhouetten. — Familiennachrichten. Spenden für die Tausende von Opfern der entsetzlichen Judenmetzeleie» in Rußland, für die unzähligen für ihr Lebtag Verstümmelten, für die Witwen und Waisen, nehmen wir entgegen. Die Geschäftsstelle frankfurter Israel, Iamilienblattes. __Telefon 10507._ Freiheit! Frei lasse deine Tränen fließen, du tausendfach unglückseliges.Hans Israel, denn du bist srei, vogel- Jeder, der die Mörderaxt heben kann und das Mordgewehr zn schwingen vermag, darf dich erbarmungslos zur Strecke bringen. Frei ist dein Leben, wie das des Vogels in den Lüften, nur kannst im nicht entfliehen. Tenn wo anders als im Grabe, steht dir eine Zufluchtsstätte Frei ist dein Leben, wie das des Wildes auf dem Felde, nur wird dir keine Schonzeit gewährt. Denn ob die Völker in Finsternis ihrer Barbarei wandeln, oder sie zum- Lichte der neu tagenden Freiheit erwachen, immer bist du, mein armes Volk, das Opferlamm. Immer dein Blut, das in erster Reihe vergossen wird; deine Tränen, die nur vom Entsetzen zum Versiegen gebracht werden; dein Jammern, das zum Himmel emporschreit! Rußland, das große Sklavenhaus, soll durch Kriegsnöten und unter Todesschauern zuin Freilande werden. Auch Israel, das vom Sklavenjoche am schwersten gedrückt ward, sollte aufatmen dürfen; wie mit Zauberschlage, so hofften wir, werden die Ketten fallen, und ihm ein besseres, menschenwürdigeres Los beschieden sein. Wie freuten wir uns da bei dem Gedanken, daß nunmehr dieses namenlose Elend, wenn nicht aufhören, so doch gemildert werden sollte; wie atmeten wir da förmlich aus bei der Aussicht, die regellose Flucht unserer heimatlos gewordenen Brüder, diese herzbrechenden Jammerzüge von Jung und Mt, die ziel- und zwecklos in eine ungewisse Ferne fliehen, sollten unterbleiben! Eine Sorge nur beschlich das Herz derjenigen, die gewohnt sind, ihren Blick auch auf die Zukunft zu richten, die Sorge: werden die so jäh befreiten Sklaven, die überdies das moderne Egypten nicht verlassen dürfen, um eine eigene Freiheit zu empfangen, sondern unter der Botmäßigkeit der Frohnvögte und schließlich nur als Gäste am Freiheitstische anderer verbleiben/ sich dieser Freiheit würdig zeigen? Werden sie, die im Unglücke so groß sich gezeigt haben, so opferwillig und tvdesmntig, auch im Glanze des Glückes sich bewähre», oder werden sie nach der übermenschlichen Anstrengung, die dieser Kampf, diese Leiden gekostet haben, jämmerlich in sich zusammeiisittken? Werde» sie auch fürderhin zu ihrem Volke und zu ihrem Gotte sich mutig bekennen, oder werden sie in lämmerlicher Feigheit es versuche», unter falscher Flagge zn segeln? Es war, mit einem Worte, die Sorge, daß wir jetzt in Rußland dasselbe lächerlich traurige Schauspiel, wie es in Deutschland in der Mitte des vorigen Jahrhunderts nach der Emanzipation der Juden sich abspielte, mit seiner Masseuflucht aus dem Judentum und all dem eklen Renegatentum, aufs Neue aufgeführt sollen sehen müssen. Tie Angst: auch die russischen Juden könnteu alsbald soweit kommen, daß auch die Trengebliebenen für die Lebensinteressen des jüdischen Volkes und seine Befreiung — Sympathie haben werde» . . . Dies waren unsere Sorgen und Freuden. Aber ach, Sorge und Freude war verfrüht, den» ihre Ursache, die anbrechende Freiheit, besteht für uns zunächst in nichts anderem, als in der Freiheit des Wir sind frei, wie es der Vogel in den Lüsten ist, nur haben wir nicht Wohin vor unseren Mördern zu fliehen. Zu Tausenden und Tausenden werden wir hingemordet und kein Mensch unter den Mächtigen in der ganzen Knlturwelt erhebt für uns seine Stimme. Wir sind frei, Freiwild! Der neue Ministerpräsident telegraphiert an einen reichen Juden, er könne nicht helfen, wie sehr er auch enrpört sei. Dies heißt, er braucht Geld und fürchtet, unter diesen Umständen es nicht zn bekommen. Wir aber fürchten,. diese Furcht sei nnbegründet. Auch nach den Schreckenstagen von Kischineiv blieb die gesamte Kulturmenschheit ruhig. Aber ivenigstens in den Reihen Israels merkte man ein deutliches Beben. Herzen und Hände öffneten sich weit, und die Hilfe, soweit sie Menschenhand bei solchem Unglück bieten kann, floß in reicher Fülle. Dann, aber kamen Zeiten, wo die Hiobsposten einander sich jagten und auf dem Fuße folgten; das Entsetzen. wurde unser tägliches Brot, sodaß wir uns daran als an eine tägliche Erscheinung gewöhnten. Wer zählt all die Städte, in denen Juden im letzten Jahre in Rußland gemordet und geplündert wurden, die aber verhältnismäßig nicht den hundertsten Teil an Hilfe erhalten haben! Es hatte den Anschein, als habe die Größe des Unglücks uns unfähig gemacht, es zic empfinden. Und doch sollte unser entsetzengewohntes Herz durch weit grausigere Schreckensnachrichten aus seiner dumpfen Erstarrung emporgerüttelt werden! Die unheilvolle Kunde der letzten Tage wird auf dem ganzen Erdenrunde, überall da, wo noch jüd. Herzen schlagen, den Jammerruf und Entsetzensschrei eines ganzen, zu Tode gehetzten Volkes zum Himmel aufsteigen lassen. In 25r Städten ward geraubt und gemordet; nach viele» Tausenden zählen die hingeschlachteren Opjer, und ungeheuerlich ist die Zahl der vernichteten Existenzen und der bejammernwerten Witwen und Waisen! Die Staatsgewalt war rechtzeitig zur Stelle, nur bestand ihre Aufgabe darin, die dem Tode Geweihten mit Wasfengeivalt an der Telbstwehr zu hindern. Vergebens werden wir nach dem Verbleib der mächtigen Freiheitsbataillone der Arbeiter fragen, wissen wir doch, daß es sich hier bloß um Judengut und Judenblut handelte! Ratlos steht jeder Fithleiide und Denkende diesem herzzerreißenden Elende gegenüber. Vergebens fragt sich ein jeder: was tun, lvomit helfen? Gewiß, es ist uns nicht zu helfen, denn wir sind eine Hirten- und führerlose Schafherde; jeder, der will und mag, führt uns, nachdem er sich mit unserer Wolle bekleidet, nugehindert zur Schlachtbank. Menschenhände können nunmehr das geschehene Nnglück nicht mehr gut machen, dem namenlosen Elende und der unschilderbaren Rot, die über zentausende von jüd. Familie» wie ein vernichtender Sturm herringebrochen, nicht nbhelfeu; aber gemildert soll und muß es Ivenigstens werden. Hier darf es nicht dabei sein Bewenden haben, daß einige Wohltäter ihr Möglichstes tun, denn hier vermögen Einzelne gar nichts. Das Elend und die drohende Not ist so groß, so ungeheuerlich, daß nur die äußerste Lpserwilligkeit der Gesamtheit etwas auszurichten vermag. Vieles, sehr vieles muß da geschehen, um dem Unglücke znm kleinste», zum allergeringsten Teile zu steuern! Aber was wir tun können, das soll und muß schnellstens geschehen, damit die armen Unglücklichen sich nicht von Gott und Menschen zugleich verlassen dünken und an beide verzweifeln! Das uns jetzt ereilte Unglück ist größer, als jemals; auch in den finsterste» Zeiten des Mittelalters hat die Mordwnt und Vernichtungsgier unserer Feinde diese grause Höhe nicht erreicht. Darum muß unsere Tatkrast und Opserbereitschast eine entsprechende werden. Jung und Alt, Arm und Reich sei zum Hilsswerkc bereit, keiner darf Zurückbleiben! Diejenigen aber, die dafür arbeiten, dem jüdischen Volke eine eigene Freiheit zn erringen und die sich wohl in diesen Schreckenstagen im Stillen mit neuen, heiligen Eiden zugeschworen, in diesem Streben nicht zn erlahmen, mögen auch diesmal die erste» sein, die unter das Volk gehen, um für seine Söhne und Töchter Liebes- und Opfergaben zu sammeln. Ueberall, >vo au den Pfosten der Spruch, de» Israel in Todesangst und Oie fahr rust, und den die meisten un serer erschlagenen Brüder aus ihren erbleichenden Lippen hatten, der Spruch: „Höre Israel, der Ewige, unser Gott, der Ewige ist einzig!" steht, werden sich ihnen die Türen weit öffnen und Bruderhände entgegenstrecken. An die Arbeit, aus znm Rettungswerke, alle, die ihr Inden und dieses Namens würdig seid! S. Berlowitz.

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