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Neue jüdische Presse · 1905-10-13 · Heft 40 (13.10.1905) · p. Seite 5

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
3 (1905)
Issue
Heft 40 (13.10.1905)
Date
1905-10-13
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr.'40. Frankfurter Israelitischer Familienblatt. Seite 5. Sie wußten, daß unter Dieben viele Notzeiten Vorkommen, und sie sagten mir: „Mmm Dir ein Mädchen in's Haus, Du wirst Zigaretten haben und alles, was Du brauchst, sie wird Dir Kleider und Essen geben." Ich antwortete ihnen, daß ich lieber ein Dieb bleiben will, als solch' ein niedriges Handwerk zu betreiben, daß ich mich nicht dazu hergeben will, einen Menschen wie eine Citrone auszupressen und sein .Blut zu trinken, lleberhaupt betrachten die Diebe ein Element, tuie die Pantoffelhelden, mit Haß und Verachtung- Es kommt ihretwegen häufig zu Prügeleien und sogar zu Totschlag. Unlängst war ich einmal ans einer Massen- Versammlung im Walde, unweit von hier. Es waren etwa 900 Mann da; ich bemerkte unter ihnen gegen 9 von diesen Pantoffelhelden und ich sagte zu meinen Bekannten: „Warum sind diese Leute hier? Für uns handelt es sich hier um ein heiliges Ideal. Ich würde, sie nicht hierher lassen, diese niedrigen Menschen." Sie antworteten mir: „Es ist eine Massenversammlung und wir haben kein Recht, jemandem den Zutritt zu verbieten. Wer will, kann kommen und zuhören." Nach einiger Zeit siedelte ich nach Homel über und lebte auch hier von dem gleichen Handwerk. Am 29. August war ich zufällig auf der Straße, aus bloßer Neugier. Diebe, wissen Sie, sind international gesinnt: Russen oder Inden, es ist ihnen altes gleich. Freilich sind die Juden lieber Taschendiebe — Räuber und Mörder finden sich eher untex den Russen. Aber auch während des Pogroms gab es Juden, welche diese Gelegenheit nicht unbenutzt vorübergehen lassen wollten. Ich geriet auf das Trottoir, gegenüber dem Schneier'schen Hause. Da man die Straße abgesperrt hatte, mußten wir hier bleiben. Man trieb uns in.einen Hof und ließ uns nicht heraus. Ich und noch ein anderer wollten durch den Schornstein kriechen und über eineir Zaun springen. Mer der Wirt schlug Lärm, vielleicht aus Furcht für sich oder für uns, weil er glaubte, daß wir uns das Genick brechen könnten, — ich weiß es nicht. Wir mußten herunterklettern. Man brachte uns in das Gefängnis. Ich saß dort sechs Moppte und verheimlichte vor den andern den wahren Grund. Ms dann die Untersuchung eingeleitet wurde und man mich fragte, wollte ich anfangs nichts zugeben, gestand aber später ein, daß ich ein Dieb sei. IN meiner Seele ging inzwischen eine Umwälzung vor, ich grübelte beständig und war nicht ganz normal. Ich sagte mir immer, daß ich ein verlorener Mensch sei und nie mehr ein ehrliches Leben beginnen könnte. Ich wandte mich an meine Kameraden und sagte: „Warum sitze ich hier mit Euch? Würden denn ehrliche Menschen für mich eingetreten sein? Sie hätten mich geschlagen und auch Ihr alle würdet es getan haben, wenn Ihr gewußt hättet, wer ich bin." Und ich wollte mich aus dieser Kammer herausreißen und in die Verbrecherkammer ' gehen. Es kam zu Zusammenstößen und Reibereien und es waren auch solche, welche mir, wenn,auch nicht ins Gesicht, so doch hinter dem Rücken ^sagten, wer ich .sei. Später, als ich zu neuen Ansichten-gekommen war, wollte ich sie um Verzeihung bitten, aber viele von ihnen waren schon nicht mehr da. Nachher ließen meine Kameraden es nicht mehr zu, daß man über mich sprach; wenn jemand auf meine Vergangenheit anspielte, hielten sie ihn zurück und begannen ein anderes Gespräch. Zu jener Zeit unterhielten sich meine Kameraden viel mit mir. Besonders Zwaiger kam jede Nacht zu mir, setzte sich auf meine Schlafbank und sprach jo zu mir: „Sie sind noch jung. Sie können noch viel an sich ändern. Ihr Leben liegt noch vor Ihnen, Sie können leben und mit Ihrem Leben noch Nutzen bringen." Rings um uns her lärmten die anderen. Ich dachte über die Fragen nach, die er mir jtellte, konnte es aber nicht genügend tun. Ich war beständig finster und mürrisch, aber Zwaiger verstand mich. Einst geriet ich über den Aufseher in Wut und begann überhaupt zornig zu sein und erinnerte mich an geschehene Handlungen. Da setzte sich Zwaiger wieder zu mir auf mein Bett und sprach so zu mir, daß ich zu weinen begann. Darauf sagte er: „Ich .glaubte schon, daß meine Mühe verloren wäre, aber jetzt sehe ich, daß die Mühe, die ich an Dir verwendet habe, nicht fruchtlos bleiben wird." Nachdem (er mich «putz solche Weise beeinflußt hatte, schrieb ich meinen Eltern einen Brief, bat, sie um Verzeihung und sagte ihnen, daß ich mich selbst nicht verstanden hätte und daß ich von nun an ehrlich leben würde. Ich erklärte ihnen, daß ich jetzt nicht wegen einer üblen Tat, sondern für die allgemeine-iSache im Gefängnis sitze, wofür, auch ehrliche Leute zk büßen haben. — Ms ich dann keine Antwort erhielt, schrieb ich ein zweites Mal und fragte, warum ie mir nicht antworteten. Wenn fremde Menschen sich meiner angenommen haben, so niüßt ihr, meine Eltern, mich erst.vechh unterstützen. — Sie antworteten mir: „Tu hast uns vier Jahre nicht geschrieben und zürnst uns, daß ivir Dir vier Tage nicht geantwortet haben." — Nach Erhalt dieses Briefes wurde es mir sehr weh ums Herz und ich wollte um jeden Preis meine Eltern sehen. Ich sah sie nachts im Traume, weil ich tags beständig an sie dachte. Eine Zeit lang sann ich sogar auf Flucht, so schwer siel es mir, diese Momente zu überleben. Bor dem Austritt aus dem Gefängnis überkamen mich plötzlich Zweifel. Ich sagte zu Zwaiger: „Nun gut, angenommen, daß ich jetzt ein ehrliches Leben führen werde, aber was werde ich in der Gesellschaft anfangen?" Er antwortete mir: „Die Gesellschaft wird Dich nicht von sich stoßen, jedenfalls werden Dich meine intelligenten Freunde nicht verlassen." Mer ich glaubte ihm nicht und zweifelte noch immer. Als ich aus dem Gefängnis heraus war, hatte ich das Gefühl, als müßte ich die .ganze Welt um Verzeihung bitten, aber ich wußte nicht, wie ich das anfangen sollte. - Wenn es die schwerste Strafe für mich gegeben hätte, ich hätte sie mit Freuden aus mich genommen. Wenn ein ehrlicher Mann mir die Hand reichte, schätzte ich mich glücklich und bemühte mich beständig, mit ehrlichen Menschen Bekanntschaft zu pflegen. Meine früheren Gesinnungsgenossen beneideten mich um meinen Verkehr mit intelligente» Leuten, aber in Bezug auf meine materielle Lage sagten sie mir immer: „Warum quälst Du Dich unnütz?" Tie Gesellschaft gewährte inir in der Tat eine Unterstützung; sie gab mich zu einem Friseur in die Lehre und bezahlte für mich 60 Rubel. Den Patron suchte ich mir selbst aus. Ich hatte mich früher bei ihm rasieren lassen, und er kannte mich daher ein wenig. Er erwies sich als ein Geizhals und Unmensch, Lab mir nicht genügend zu esse», beutete mich aus, verbot mir sogar, mit meinen Bekannten zu verkehren und durchsuchte meine Sachen. Wer ich blieb bei ihm, trotzdem er mich wie ein Tier behandelte, und da er meine Vergangenheit kannte, war das für mich gewissermaßen eine Befriedigung. — Jetzt, da ich jeden Tag als Zeuge im. Gericht sein muß, kann ich nicht arbeiten und bin ihm noch das Kostgeld für drei Monate schuldig geblieben. Ich habe Zwaiger gesagt, daß diese Schuld mich drückt, aber, ich habe nicht das Geld, sie zu bezahlen. Wenn man mich freisprechen und nur einige Rubel aus der Kasse geben wird, werde ich ihm diese Schuld zurückerstatten. (Fortsetzung folgt.) Vor Toresschluß. Erzählung von Samuel G o r d o n. Frei übersetzt von M. Pulver mann. (Schluß)—. Mit schwerem Herzen und traurigen Gedanke» verließ Gerold jetzt seine Wohnung. Er versuchte, in irgend einem Hotel eine Mahlzeit einzunehmen; doch vergeblich; er brachte keinen Bissen herunter. Plan- und ziellos wandertc er in der Stadt herum, bis das Theater geöffnet wurde, um dort eine Mlenkung zu finden; und er glaubte, dieses um so eher zu erreichen, als er dem neuen Stücke, das hier zum ersten Male gegeben wurde, schon seit Wochen mit großer Spannung entgegen gesehen hatte. Allein schon der erste Akt war für ihn genug, obwohl die übrigen Zuschauer wie elektrisiert waren und das ganze Haus mit dröhnendem Mplaus erfüllten. Er allein vermochte der Handlung nicht zu folgen; die Darsteller auf der Bühne kamen ihm wie leblose Schatten vor, die nur mechanisch sich hin und her bewegten. Beim Nachhausegehen kam er bei dem Hause des Professor Kunow vorbei, das in allen Etagen hellerleuchtet war und vor welchem eine lange Reihe glänzender Equipagen standen. Er war froh, daß er nicht im Gesellschaftsanzuge war, so daß es erst keinerlei Ueberlegung bedurfte, ob er hinaufgehen sollte. Ms er sein Zimmer betrat, fand er ein parfümiertes Briefchen der Frau Geheimrat Daminski vor, in welchem sie ihn zu einem Täßchen Tee „ganz unter uns, nur ich und nrein Töchterchen —" einlud. Mit einer Gebärde der Verachtung und des Abscheus zerriß er das Kärtchen in winzige Stücke, die er in's Feuer schleuderte. Wie es ihn wieder anekelte, das schale, seichte „Gesellschaftsleben", mit seinem geheuchelten, oberflächlichen Lächeln. Eben hat sein Herz begonnen, wahr und aufrichtig zu schlagen und mit sich selbst in Einklang zu kommen, weil geschickte, Freundesfinger es verstanden, eine süße Melodie darauf zu spielen — und nun sollte er wieder in den mißtönenden, disharmonischen Zwiespalt zurückgeschleudert werde«. Voller Ungeduld warf er sich auf das weiche, üppige Bett. Wenn er doch nur ein einziges Mal schlafen könnte — einen gesunden, natürlichen Schlaf; nicht jenes betäubende, ermattende Hinbrüten, das ihm noch am nächsten Morgen bleischwer in den Gliedern zu liegen pflegt —. Und während er sich fast die ganze Nacht schlaflos hin und her gewälzt, da dämmerte ein Gedanke in ihm auf, verschwommen »och und nebelhaft, weil er ihm gar so befremdlich, gar so zwecklos bäuchte; er konnte zwar nicht glauben, daß dieser Gedanke auch nur den nächsten Morgen überleben wird i— aber dennoch wurde er klarer und deutlicher, fester und greifbarer, so daß, als Gerold frühzeitig die Lagerstätte verließ, das, was er für eine nächtliche Vision, für einen geisterhaften Spuck gehalten, bereits Form und Gestalt angenommen und zu einem festen Entschlüsse sich verdichtet hatte. Ohne das ihm Vorgesetzte reichhaltige Frühstück auch nur eines Blickes zu würdigen, begab er sich in den nahegelegenen Wald, dessen geheimnisvolles 'Rauschen, dessen buntfarbige Blätterpracht beruhigend und beschwichtigend auf seine Nerven einwirkte. Stundenlang wanderte er da herum, nur mit dem einen Gedanken beschäftigt, mit vollem klaren Bewußtsein zu prüfen, ob die nächtliche Eingebung auch vor dem Tageslicht Bestand halten werde, ob; der im traumhaften Zustande gefaßte Entschluß nunmehr sich verflüchtigen oder zum festen Borsatze ausreife» wird. Endlich war er so weit. — Gegen vier Uhr Nachmittag ging er zur Stadt zurück, festen Schrittes »ach der Synagoge, wo, wie er wußte. Säul seine Andacht zu verrichten pslcgte. Ter Weg dahin war ihm nicht unbekannt: denn schon einmal früher hatte er seinen Freund dahin begleitet — allerdings nur bis zum Eingang — als jener bei der Wiederkehr des Todestages seiner Mutter zur vorgeschriebenen Seclenfeier sich dorthin begeben. Gerold blieb dicht am Eingänge stehen, um alle einzelnen Vorgänge besser überschauen zu können. Und was er da sah, das ergriff ihn mit unwiderstehlicher Kraft. Nie vorher hatte er solche hoffnnngsfrohe Demut, nie vorher solche freudige Ergebung in einem Menschenantlitz so sichtbarlich wahrgenommen! Losgelöst von allem Weltlichen, von sich werfend alles Irdische, äußerlich in das fleckenlose Sterbegewand gehüllt, innerlich zur reinen Höhe der Seligkeit sich aufschwingend, jener Macht vertrauend, die dem Auge verborgen bleibt, um in der Brust das beseligende Feuer des unerschütterlichen Glaubens zu entzünden. Wie eine höhere Eingebung überkam es ihn plötzlich, daß. ivenn er öfter Gelegenheit hätte, seine verpönten Stammesgenossen so zu sehen, wie sic über das Alltägliche und Gewöhnliche in ernster Andacht sich erhoben, er wäre wahrlich nimmer dazu gekommen, sie als eine Bande kriechender Erd« linge, als einen Haufe» staubleckender Selbstsüchtlinge zu betrachten! Wären sie nur solche gewesen — sie hätten nimmer de» Rassenstolz, die Erinnerung an die herrliche Vergangenheit, den Stempel stiller Größe und Hoheit unverdienter Leiden, die feste Zuversicht auf eine freudige Zukunft, sie hätten all diees nicht so in sich aufnehmen und, jahrhundertelang, znm wesentlichsten und hauptsächlichsten Bestandteile ihres ganzen Daseins umgestaltcn können! Hier, von keinem Späherauge bewacht, von den Mauern des Heiligtums umschlossen, von der Gemeinde Israels umgeben, hier merkte man auf den ersten Blick: sie wußten ganz genau, wer und was sie waren — sich selbst, und — der ganzen Menschheit!! Und der Gottesdienst ging weiter und weiter, und die Abendschatten wurden länger und länger; ein feierliches, geheimnisvolles Halbdunkel herrschte im ganzen Raume, und nur noch vereinzelt drang hin und wieder ei» glänzender Strahl der untergehenden Sonne herein, hier das andächtig gebeugte Greisenhaupt verklärend, dort wieder das begeisterte Jünglingsauge noch feuriger gestaltend. Bald aber flammten die Lichter auf, die Gemeinde rüstete sich znm Schlußgebet, als wollte sie dem erhabenen Tage noch besonders weihevoll das Siegel ausdrücken. Ter Rabbiner bestieg die Kanzel. „Licht flammt aus im Innern des Heiligtums," so fing er an, „doch Licht im Innern der Menschenbrust vermag nur das Gotteswort zu entzünden — Tauru su auru — das Gotteswort, das von jeher das Dunkel des Unglaubens erhellt und die Finsternis deS Aberglaubens erleuchtet, das Gotteswort, das die Nebel des Zweifels verscheucht und den Schleier der Unwissenheit lichtet: das Gotteswort, das den lichtscheuen Menschenhatz verdrängt und eine» Strahlenglanz über die Menschenliebe ergießt! Das Gotteswort, das nicht im Himmel sich befindet, das Tu nicht jenseits des Meeres zu suchen brauchst, das Dir gar nicht fern, sonder» sehr nahe ist! Das Gotteswort, das kein phantastisches Verhimmeln, aber auch kein starres, ermüdendes Einerlei von Dir verlangt: das die Erdenfreude Dir nicht versagt, und die Lebenslust Dir nicht verbietet! Das Gotteswort, das nur einen bescheidene» Sinn, ein demutsvolles Herz, eine lautere Seele von Dir heischt . . . ." Gerold lauschte mit gespannter Aufmerksamkeit: ihm war es, als spräche der Mann dort nur direkt zu ihin allein, als sei jedes Wort auf ihn gemünzt.

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