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Neue jüdische Presse · 1905-10-13 · Heft 40 (13.10.1905) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
3 (1905)
Issue
Heft 40 (13.10.1905)
Date
1905-10-13
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Gelte 4. Nun mußte man sich entschließen, den Verletzten, der sich vor Schmerzen wand, nach Kvlomea zu befördern. Gegen den Distriktsarzt wurde die Anzeige bei der Bezirlshauptmannschaft erstattet. Dem Arzt wird nicht viel geschehen, der Jude liegt im Sterben. Lewberg. Zur Esraugim-Frage. Drei bedeutende Rabbiner Galiziens, Rabbi Scholaum Mordechai Kvhn aus Bresan, Rabbi Benjamin Arje Weiß aus Czernowitz und Rabbi Gedalje Schmelkes aus Kvlomea, haben ein gemeinsames Flugblatt versandt, in dem sie den Bezug griechischer Esraugim auss schärfste verurteilen und mit Begeisterung für den ausschließlichen Bezug palästinensischer Esraugim eintreten, auch wenn die letzteren äußerlich nicht so schön sind. Prag. Zur Erhaltung der Altneusynagoge. In der technischen Kommission des Stadtrates und vorher schon in der Enquete der Sachverständigen wurde die Frage der Regulierung der Altneusynagoge und des alten jüdischen Rathauses beraten; auf Grund der Ergebnisse dieser Beratungen wurde beschlossen, daß in der Umgebung dieser Gebäude das bisherige Niveau mäßig abfallend zur Niklaskirche beibehalten werde. Gleichzeitig wird für eine entsprechende Restaurierung der Umgebungs-Fassaden gesorgt werden. — Legat. Der vorige Woche verstorbene Bankier PH. Thorsch - Wien hat für wohltätige Zwecke ans seinem Nachlaß den Betrag von mehr als 840000 Kr. bestimmt. Herr Thorsch hatte schon im Jahre 1898 anonym zwei Stiftungen im Betrage von zusammen 400000 Kr. je zur Hälfte für israelitische und christliche Waisenkinder errichtet. Budapest. Nur einen «zerstückelten" Jaum- Kippur ließ, so berichtet die „Wlg. Jüd. Zeftg.", die hiesige neologc Gemeinde halten, indem sie anordnete, daß der Gottesdienst in ihren Synagogen 2—3 Stunden unterbrochen werden müsse. Ferner verzeichnet dieselbe Zeitung, daß das Vorstandsmitglied der neologcn Gemeinde, Magnatenhausmitglied Kornfeld am ersten Tage Rosch-ha-schonoh die Generalversammlung der Hermesbank präsidierte, obwohl er sie als Tirektionsmitglied ganz gut auf einen anderen Tag hätte legen können. Die Zahl der Gottesdienste in gemieteten Lokalen betrug an den hohen Feiertagen IM—120, und Liese zusammen mit den Gemeinde-Vereinssynagogen zählten über ISO. Für die Studenten wurde in der Jndustriehalle ein'/Gottesdienst mit 20M Sitzplätzen veranstaltet/ Anusbruck. Trotzdem die hiesige jüdische Gemeinde 160 Seelen zählt, hatte sic bisher noch keine Synagoge. Nunmehr hat sie für 110OM Kronen ein Haus gekauft und wird auf dem Grundstück eine Synagoge bauen. Palästina. Aerufaleck. Verkehrsderbesserungen. Die Hamburg-Amerika-Linie hat in Palästina auf der Route von Jerusalem nach Nazareth mrd Liberias zwei in besonders schöner Lage befindliche Hotels gegründet und zwei weitere schon vorhandene Hotels vergrößern lassen, damit in Zukunft die unter den bisherigen Verhältnissen sehr beschwerliche Reise von Jerusalem nach Damaskus (Syrien) modernen Ansprüchen gemäß ausgeführt werden kann. Me Hotels liegen je eine mäßige Tagesreise (zu Wagen oder Pferd) von einander entfernt in Nabulus (Sichem), Dschenin, Nazareth und Liberias; sie sollen namentlich als Unterkunftsstationen für die Nacht dienen und den Reisenden die Mftnahme von Zeltlagern auf Maultieren ersparen. Da Palästina uift> Syrien außer der in Bau befindlichen Mekkabahn bis heute nur über drei Eisenbahnlinien in westöstlicher Richtung verfügen, so ist das Vorgehen der deutschen Gesellschaft, die eine gute Landverbindung von Süden nach Norden herstellt, eine bedeutsame Verkchrsverbesserung. 0 fßuüMon. 0 Nachdruck verboten. Das Judengrab in der Steppe. Roman von Samuel Gordo». Frei übersetzt von M. Pulvermann. (Fortsetzung). IV. „Schlaf, Kindchen, schlaf, der Vater hütet die Schaf; die Bkuttcr hütet die Lämmelein; Schlaf, Kindchen, schlafe ein." So sang Rachel ihrem drei Monate alten Töchterchen, das sie in ihren Armen hin und her schaukelte. Das Kindchen hörte aufmerksam diesen Versuchen, den kindlichen Geist zu wecken, zu, indem es die Augen so weit als möglich öffnete, und als dieses nicht mehr weiter ging, das kleine Mündchen so weit verzog, baß es wie ein Lächeln aussah. Rachel faßte dieses als ein Kompliment ihres schönen Gesanges auf, und um die kleine Schmeichlerin zu belohnen, bedeckte sie es mit einem Schauer von Küssen und preßte' es mit leidenschaftlicher Liebe an ihre Brust, , Frankfurter Israelitische« Familimblatt. Seft der Gewißheft der bevorstehenden Mutterchast war mft Rachel eine völlige Veränderung vorzegangen. Seft Monaten schon weilte sie als Herrin in diesem Hause in der einsamen Steppe, abgeschieden und vergessen von der ganzen Welt draußen, ohne Not, ohne Verfolgung. Dennoch aber hatte sie ich noch nicht einen einzigen Augenblick heimisch gefühlt. War es Marfa's feindseliges Benehmen, das sich, trotz ihrer Scheinheftigkeit und Katzenfreund- ] idjfcit, Rachel immer wieder aufdrängte; oder war es die ungewohnte, ländliche Umgebung, in die sie ich noch immer nicht hineinfinden konnte — sic wußte es selbst nicht. ' Nur das war ihr sonnenklar, daß sie ihr ganzes, langes Leben nicht so, und nicht hier verbringen könnte. Anfänglich, in ihrem grenzenlosen Jammer, in ihrer herzbeklemmenden, geistestötenden Verlassenheit, da glaubte sie hier Rettung zu Inden, wie ja auch der Ertrinkende nach dem Stacheldraht greifen würde, um sich über Wasser zu halten, bis Hilfe komme. Sicherlich wird auch ihr Hilfe kommen und sie aus diesem Zwitterleben befreien. Gregor liebt sie ja auftichtig, leidenschaftlich, und wird zu jedem Opfer bereit sein —; er hat es ja auch bereits bewiesen, indem er das Geständnis ihrer innern Abneigung gegen die Bräuche seines Glaubens lächelnd hinnahm, und er hat es auch weiter dadurch bewiesen, daß er, der streng-orthodox erzogene Russe, sich ofort bereit erklärte, um nur ihre Gewissenspein zu beschwichtigen, die hebräische Trauungsformel zu lernen, und auch am Grabe der Mutter, mit vollem Ernst zu sprechen. Gewiß wird er auch noch zu weit größern Opfern bereit sein — und wenn sie ihn sehr bitte, wenn ie die ganze Macht ihrer Beredtsamkeit anwendet, wenn sie ihn mit ihrer vollen Liebe umschmeichelt, da wird es ihr sicherlich gelingen, ihn zum Verlassen der heimatlichen Steppe zu bewegen, und mit ihr weit, weit weg jenseits des Meeres zu ziehen, wo er, als tüchtiger Landwirt, mit Geldmitteln reichlich ve. sehen, gewiß bald eine einträgliche Farm inden uirb, wo sie, geachtet und in Frieden leben könnten —. Und hat er erst mit der jetzigen Umgebung gebrochen, ist er erst diesen Kreisen entzogen, dann wird er ihr auch den letzten, höchsten Wunsch nicht versagen, und-sich zu ihrem Glauben wenden. Gewisse Andeutungen, die sie, in traulichen Stunden, als Fühlhörner ausgeschickt, hatte er keinesweges abfällig ausgenommen —; seine Intelligenz, sein menschenfreundliches Empfinden haben zwischen ihm und seinen Mitbürgern bereits eine Kluft gebildet, und sein Sehnen nach Freiheit, nach Betätigung seiner Geisteskraft, haben längst seine Unzufriedenheit über die Zustände.in seinem Vaterlande erregt. Rachel war darum ihrer Sache ziemlich sicher, und sie wollte nur noch einen günstigen Zeitpunkt abwarten, um ihren Entschluß zur Ausführung zu bringen. — Da fühlte sie sich Mutter — — und eine namenlose Angst bemächtigte sich ihrer. Was bei andern Frauen Wonnenschauer erregt, das wurde ihr zur Seelenqual — denn nicht nur bedeutete dieses einen Aufschub ihres Vorhabens, sondern es stiegen auch Zweifel in ihr auf, ob Gregor's freibenkende Nachsicht, die er ihr gezeigt, sich auch auf sein eigenes Fleisch und Blut erstrecken, ob seine Liebe zu ihr stark genug sein würde, all die religiösen Empfindungen, die er gleichsam mit der Muttermilch eingesogen und die sich durch alle Scheingründe der Welt nicht völlig ausrotten ließen, bei seinem Kinde von vornherein für überflüssig zu halten. Sie brauchte sich ja nur ihren eigenen Wscheu zu vergegenwärtigen, den sie bei dem Gedanken empfand, durch ihr Kind die Zahl derer zu vermehren, die ihrem Volke fluchen, um auch bei ihm den gleichen. Widerwillen vorauszusetzen, seine Nachkommen dem verachteten Stamme einverleibt zu sehen. Und wenn es gar eine Knabe sein sollte! Ihr Herz wurde schwer, wenn sie Vergleiche anstellte zwischen dem Pomp und Wafwand bei der russischen Taufe eines Erstgeborenen und der scheinbar körperlich-schmerzlichen Aufnahme eines jüdischen Knaben in den Bund Mbrahams. So. wußte sie im Voraus, wohin das Vaterherz sich wenden würde. Und ist ihr Knabe erst im Schoße der Kirche ausgenommen, dann wird Marfa, mft Hilfe des orthodoxen Popen, der ihr, Rachel, noch immer ein gewisses Mißtrauen entgegenbrachte, schon Mittel und Wege finden, um ihn dem mütterlichen Einflüsse zu entziehen; zumal auch. Gregor in ihm den Stammhalter, den Erben seines altadeligen Namens sehen wird, den er vielleicht doch nicht ohne weiteres der angestammten Scholle, mit all den verbrieften Vorrechten und Privftegien, wird entziehen wollen. Ein eisiger Schauer überlief ihren Körper, wenn sie daran dachte, daß ihr Kind als Jüngling und Mann feiner Vtutter sich schämen oder sie gar verachten sollte! Ihr einziges, inniges Flehen war daher jetzt, daß cs ein Mädchen sein möchte; denn nicht nur wird bei der untergeordneten Stellung der russischen Frau, die noch lebhaft an die Leibeigenschaft erinnert, die Geburt eines Mädchens weniger freudig begrüßt, sondern es würden bei Gregor viele Schwierigkeiten wegfallen und auch der spätere Uebertritt zum Judentum viel leichter sich gestalten. Und ihr heißes Sehnen'gingin Erfüllung — es war ein Mädchen, für das sie darum nicht nur Nr. 40. die natürliche Mutterliebe, sondern auch eine gewisse Dankbarkeit empfand, weil sie in dem winzigen Gechöpfchen jetzt schon eine Bundesgenossin erblickte, ihr Vorhaben zu erleichtern. Das einfache Liedchen, das sie'eben gesungen,, ührte ihr wieder das erhoffte trauliche und patriarchalische Familienleben im Farmhause lebhaft vor Augen, und in ihrer seligen Erwartung überhäufte sie das kleine Wesen immer wieder mit ihren leidenschaftlichen Küssen. Gregor hatte das liebliche Bild von Mutter und Kind eine ganze Weile sttllvergnügt angeschaut und prach jetzt lächelnd: „Und wann komme ich endlich daran?" „Da hast Du es. Du Neidhammel," scherzte Rachel, ihm das Kind hinhaltend, „aber — nur einen einzigen; sie liebt Deine Küsse nicht besonders — ie schmecken zu sehr nach dem stachligen Schnurrbart." „Die Mutter denkt in dieser Hinsicht anders als die Tochter," gab er frohgelaunt zurück. „Das bildest Du Dir nur ein, mein Herr und Gebieter! Nein, die Mutter denkt auch nicht anders — sie handelt nur anders." „Um so schlimmer für sie, wenn Gedanken und Handlungen nicht bei ihr übereinsttmmen." Rachel erschrak heftig. Hatte er ihre geheimsten Gedanken erraten und sollte es eine versteckte Ablehnung im Voraus sein? Ein Blick auf ein lächelndes Gesicht - jedoch beruhigte sie bald wieder; denn es überzeugte sie,, daß er nur, üvie immer, gedankenlos, in liebenswürdiger Weise ein Wortgeplänkel beabsichtigte. Marfa saß inzwischen am entferntesten Ende des Zimmers, scheinbar bei der Sache gänzlich unbeteiligt. Die Hornbrille aus ihrer gekrümmten Nase gab ihr das Ansehen einer Eule, was durch das hervortretende Kinn noch bedeutend verstärkt wurde, und der verbissene Zug um den Mund trug keineswegs zur Erhöhung ihrer Schönheit bei. Als es zur Kuß-Episode kam, da singen die starken Stricknadeln in ihrer Hand mächtig zu klirren und zu zittern an; ie stand geräuschvoll aus und verließ wortlos das Zimmer. . Ein langes Schweigen trat ein. Gregor starrte gedankenvoll in das prasselnde und flackernde offene Kaminfeuer, im stillen sich wundernd, warum sein verstorbener Vater von dem altgewohnten Heizapparat abgewichen war, und anstatt des üblichen Kachelofens, diesen offenen'Kaminherd hat errichten lassen. Zufällig streifte'sein Blick die neben ihm sitzende Rachel, und ihm kam unwillkürlich der Gedanke, daß ja auch er von der alten Tradition abgewichen war. — — Hoffentlich hat er auch das gute Glück von seinem Vater ererbt, der ja nie Ursache hatte, sein neues Experiment zu bereuen. — Nun, bis jetzt hat er auch noch keine Ursache dazu gehabt! Rachels Gedanken wiederum waren inzwischen mit Marfa beschäftigt. „Deine Mutter will mir immer noch nicht ihr Herz zuwenden," war das Resultat ihres Nachdenkens, das sie jetzt leise aussprach. Gregor antwortete nicht; hätte er es getan, so müßte er eigentlich vorher erst fragen, ob seine Mutter überhaupt ein Herz besaß. „Ein einziges Mal nur," fuhr Rachel sinnend fort hr „war sie freundlich zu mir — an dem Tage, als sie mir das rote Kleid gab. — Aber Du hattest damals so laut und barsch zu ihr gesprochen, daß sie sicherlich nur darum wieder so kalt und unfreundlich zu mir geworden ist- „Ich weiß es nicht — ich habe sie nicht danach gefragt —" war seine kurze Antwort. „Ich tat es einmal —; doch ihre Antwort war derarttg, daß ich es seitdem nie wieder gewagt habe." „Ich höre Feodor Vorfahren," unterbrach er sie, schnell sich erhebend und froh, diese Unterhaltung abbrechen zu können. „Mußt Du durchaus heute fahren, Gregor?" fragte sie schüchtern. . „Ja, Kind. Ich habe die Reise aufgeschobe», solange es nur irgend ging, aber mit jedem Tage, den ich noch länger zögere, sinkt der Preis für die Schaffelle immer ttefer, und warte ich noch eine Woche, dann muß ich sie ganz Umsonst weggeben, um sie nur los zu werden." „Ja, Du hast recht," seufzte sie hörbar; „natürlich mußt Du fahren." (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck verboten.) Homeler Silhouette«. Skizzen von Tan, aus dem Russischen übersetzt von T. Bach. (Fortsetzung). Damals überkam mich der Gedanke, daß ich unehrlich sei und ein niedriges Leben führe, aber ich gab mich dem Trünke und den Karten hin und vertrieb diese Gedanken. So machen es alle Mebe: sie suchen im Schnaps und in den. Kurten zu vergessen, daß sie Diebe sind, um leben zu können. Ich hatte eine Geliebte, aber ich ließ sie im Sttch und nahm eine andere. Es waren hier auch solche, die sich bon solchen Frauenspersonen unterhalten lassen. Man nenüt sie ,,Pantoffelhelden".

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