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Neue jüdische Presse · 1905-10-13 · Heft 40 (13.10.1905) · p. Seite 6

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
3 (1905)
Issue
Heft 40 (13.10.1905)
Date
1905-10-13
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Seite 6. Frankfurter Israelitisches FamilienblaÜ. Nr. 40. Er versank in tiefes Nachdenken. — Ist es wirklich wahr, daß man jene stille Zufriedenheit, jenes genügsame Glück so leicht, ohne jegliches Opfer, erringen könnte? — Jawohl; es muß doch wohl so sein; denn hier sieht er ja das lebendige Beispiel hundertfach vor Augen. 9!och mehr aber erkennt er diese Wahrheit an seinem Freunde, der bei all seinem Wissensdrang, bei all seinen glänzenden Erfolgen draußen, bei all den Anerkennungen der großen Welt, jene echte, wahre, innere Zufriedenheit nur hier, in der Mitte seiner Brüder, vor dem Angesichte Gottes, zu finden vermochte!! Plötzlich fährt er zusammen. — Sind denn das noch irdische Wesen, die hier stehen? Sind es nicht vielmehr himmlische Scharen, die jetzt niedergestiegen, um Preis und Jubel dem Allerhöchsten, dem Allmächtigsten, zu zollen? Laut und feierlich, hinreißend und freudig, vertrauend und hoffend klingt es fort und fort: „Adonoj hu hoelokim, der Ewige, er ist Gott!" Und flammende Begeisterung verklärt jedes Antlitz, hoffnungsfreudig blickt jedes Auge himmelwärts, selbstlose Hingebung spricht aus jeder Miene, Demut und Andacht bekundet jede Bewegung! Fürwahr, das hier sind Gotteswcsen, die das Gemeine und Niedrige von sich geworfen, deren Seele zu dem Allvater emporstrebt, dessen Allliebe sie durchdringt, dessen Schutz und Schirm sic sicher sind, dessen Huld und Gnade die drückenoc Sündenlast von ihnen genommen, niit dem sie heute das herrliche und erhabene Fest der Versöhnung gefeiert!!! Der vollen Begeisterung, die bisher laut geworden, folgte jetzt einen Augenblick tiefe Stille, die aber bald, durch einen Posaunenstoß, klar und weithin schallend, unterbrochen wurde, der Gerold bis in's Innerste erschütterte und erbeben ließ. Seit seiner Kindheit hat er die Schofar-Töne nicht mehr gehört; aber er erinnerte sich jetzt deutlich, wie er damals furchtsam des Vaters Hand erfaßt, um sich inmitten des schreckenerrcgenden Geräusches eines festen Schutzes zu versichern. Und jetzt wieder, trotz der langen Zwischenzeit, hatte er ivieder dieselbe Empfindung: das unbezwingliche Verlange», jemand anzugehörc», auf jemand sich stützen zu können; das Verlangen, einem Ganzen sich anzuschließen, um nicht so allein und verlassen dazustchen. Das war sicherlich der Ruf, von dem Saul zu ihm gesprochen: die Nachzügler zu ermuntern, die Schwankenden aufzurichten, die Widerstrebenden mit Begeisterung zu erfüllen, um die Mattherzigcn^M ermahnen, daß Israels Kraft nur in der Einheit, nur in der Gesamtheit bestand. Und als er den Schofar-Ruf voll und ganz auf sich wirken Jiejj, da verlor er plötzlich all' seine Schrecken; lieblich und sanft zog es ihn dahjn; und es war gar nicht schwer, dem Rufe zu folgen; den» er erweckte etwas zu vollem Leben, das so lange in seinem Herzen wie im Todesschlafe gelegen. Er dachte darüber nach, mit welcher Absicht er eigentlich vorhin seine Schritte hierher gelcntt? Er hatte es selbst nicht recht gewußt — aber jetzt fiel ihm ein jüdischer Spruch ein; — war cs Zufall, daß gerade dieser eine ihm nur in Erinnerung geblieben? — „Wer da ausgeht, um das Himmelslicht zu suchen, dem wird die Goftcsleuchtc bald erstrahlen!" Neugierig betrachteten jetzt die Beter die starre Gestalt, die mit gesenktem Haupte, mit bleichen, fest zusammengepreßten Lippen dastand. Doch Gerold achtete dessen nicht, weil alle seine Gedanken nur ans sein inneres Seelenleben gerichtet waren, bis eine allgemeine Bewegung ihm zeigte, daß der Gottesdienst jetzt beendet sei. Er war bald draußen, blieb aber stehen und wartete, bis Saul's hohe und aufrechte Gestalt erschien. Und al§ Gerold dem Freunde nahe war, da erfaßte er leidenschaftlich dessen beide Hände und flüsterte mit bebender Stimme: „Saul, mein Bruder! Adonoj hu hoelokim! Saul, Du wolltest mir nicht folgen —; willst Du jetzt mein Führer sein? Ich will Dir folgen!!" Ende. Literatur und Kunst. Beiträge zur Entstehung der jüdischen Z eitu n gs lit er atu r.*) Bereits vor mehr als 80 Jahren (Ende 1823) erschien in Warschau eine jüdische Zeitung unter dem Titel: „Der Beobachter an der Weichsel". Der Gründer dieses ersten jüdischen Blattes Antony Eisenbaum (geboren im Jahre 1703) war ein nach den Begriffen jener Zeit intelligenter, aber jedenfalls äußerst begabter Mann. Im Jahre 1823 kamen fünf Slumern, im zweiten Jahre (1821) 37 Nummern des „Beobachters" heraus. Neben dem jüdischen Texte war auch die polnische Uebersetzung des Inhalts gedruckt. Die Ausgestaltung und der Ausbau des Blattes waren sehr primitiv, die „Artikel" predigten die Assimilation. Das Papier war dick und schwer und die Schrift nicht Quadrat, sondern die sogenannte „Raschi-Schrift". Interessant ist auch, daß auf dem Blatte weder der Name des Redakteurs, noch des Herausgebers oder des Druckers vermerkt war. Das Blatt hatte drei Hauptrubriken: 1. „Nachrichten aus dem Jnlande", 2. „Nachrichten aus dem Auslande" und 3. „Verschiedenes". Auch eine „Humoristische Ecke" kommt hie und da zum Vorschein, die durch Anekdoten und lustige Bemerkungen „über ausländische Lottericzctteln" ausgefüllt wird. Die „Nachrichten aus dem Jnlande" enthielten hauptsächlich Ncgicrungsbeschle, während die anderen Rubriken fast ausschließlich der damaligen Emanzipationsbewegung, Mendelssohn usw. gewidmet waren. Bezüglich des ersten Redakteurs Antony Eisenbauin erzählt Nußbaum in seiner „Jüdischen Geschichte" und in bcn „Historischen Skizzen" (beide polnisch), daß Eisenbaum im Jahre 1826 Rektor der Warschauer Rabbincrschule wurde, welchen Posten er bis zu seinem im Jahre 1852 erfolgten Tode inne hatte. Jeder Rabbiner mußte die Approbation Eisenbaums erlangen, ohne welche niemand einen Rabbinerposten in Polen bekleiden durfte. *) Aus der Jargon-Tageszeitung „Der Weg" in Warschau. Ein einziges Exemplar dieser Urahne der jüdischen Zeitungsliteratur befindet sich in der Warschauer Synagogenbibliothek. Der „Beobachter an der Weichsel" konnte nicht lange auf seinem Beobachtungsposten bleiben, denn er vollendete nicht einmal den zweiten Jahrgang. Er war nach der 37. Nummer als erstes mißglücktes Experiment auf dem Gebiete jüdischer Journalistik „wegen Mangels an Abonnenten" eingegongen. Vierundvicrzig Jahre später, im Jahre 1867, erschien in Warschau das zweite jüdische Wochenblatt, die „Warschauer jüdische Zeitung". Diese Zeitung war ausschließlich jüdisch, ohne polnische Uebersetzung, und hatte, was Papier, Druck und innere Ausgestaltung betraf, einen „europäischen" Anstrich. Redakteur und Drucker waren angegeben, ja sogar eine Liste der „Hauptmitarbciter" fehlte nicht. Der Preis der Zeitung betrug 3 Rubel jährlich für Warschau und 3 Rubel 85 Kopeken für die Provinz. Der Redakteur der „Warschauer jüdischen Zeitung" war ein gewisser Hillel Gleitstern und in der Liste der Mitarbeiter konnte man Namen finden wie A. M. Dyk, Moriz Gelkin (Bankier), Paltiel Samoschtschni, Dr. Ettingcr, Aron Tennenbaum, Hirz Hakohen Neunanowitsch uslv. Die ersten 7 Nummern wurden in der Druckerei von Efraim Baumritter und Jsak Notblatt hergestcllt, Nummer 8 in der Druckerei A. Bömberg; Nr. 0—27 bei Jsak Goldmann und von 27 bis 46 in der Druckerei Schriftgießer. Also 46 Nummern innerhalb 11 Monaten in vier verschiedenen Druckereien! Es scheint, daß der Kampf, den das Blatt gegen die Orthodoxie führte, die Ursache war, daß die Drucker mit dem Blatte nichts zu tun haben wollten. In der letzten Nummer verabschiedet sich der Redakteur von seinem kleinen Häuflein Leser. Er beklagt sich bitter darüber, daß, trotzdem in Warschau 70000 Juden leben, die keine andere Sprache verstehen, als die jüdische, die „Warschauer jüdische Zeitung" nicht mehr als 150 Monnenten in Warschau und 30 in der Provinz aufzubringen vermochte. Der Inhalt dieser Zeitung bestand, dem damaligen Zeitgeiste entsprechend, aus einem Leitartikel, einem Feuilleton und kleinen Gedichten, besser gesagt, Liedern. Das Feuilleton war satirisch, mit beißender Ironie gegen die Orthodoxie, jedoch zumeist ohne jeden literarischen Wert., Das Hauptgewicht wurde auf die Leitartikel gelegt, in denen mit Feuereifer gegen die Orthodoxie gekämpft und der Aufklärung, der „Haskalah" das Wort geredet wurde. Ausrufe, wie: „Genug geschlafen, die Fensterläden sind geöffnet, das Licht der Sonne ist in unsere Gemächer gedrungen!" waren stereotype Schlachtrufe gegen die Orthodoxie. Off enbacber Druckluft - Anlage Telefon 123. Offenbach a. ffl. Telefon 123. Unübertroffene bewährteste Tepplchr elnlgung. Montag, den 80. Oktober 1905, Vormittag 9 Dhr pünktlich lm grossen Saal der Gesellschaft der Freunde, Potsdamerstrasse 9 Hauptversammlung. .. Tagesordnung: 1. Ansprache des Prof. Dr. May bäum, Berlin. 2. Vortrap des Justizrats Dr. Engen Fuchs, Berlin. „Entwicklung und Aufgaben des Verbandes der Deutschen Juden.“ Correferent: Hermann Gumpertz, Hamburg. 3. Vortrag des Rabbiner Dr. W erner, München: „Das Judentum im Dichte moderner Exitik.“ 4. Vortrag des Justizrats Breslauer, Berlin: „Die staatliche Lage der Juden in Deutschland.“ Correferent: Rechtsanwalt Dr. Auerbach, Frankfurt a. M. 5. 'Wahl des Ausschusses. 6. Wahl der Eassenprüfer. Ausschuss des Oepbandes der Deutschen luden Berlin W. 35. .. Zn «len Feiertagen halte mein Lager in Kolonial-, Materialwaren, Delikatessen und Konserven bestens empfohlen. L. E Schmid, Frankfurt a. E, Rotiintstrasse 2. Telefon 10697. Ecke Bornheimer Landstrasse. Telefon 10697. Specialität in gebrannten Kaffee’s, Kakao, Thee’s. Sabbat-Ofen. Mein Sabbat - Ofen sollte in keiner religiösen israelitischen Familie fehlen. Grossartige Erfindung, D. R. G. M. Speisen 40 Stunden warm zu halten. Billige Unterhaltungskosten, beqneme Handhabung, geruchlos, überall hinzustellen; auch vorzüglich zu allen Backzwecken geeignet, sowie auch als Eisschrank zu verwenden. Besichtigung ohne Eaufzwang gerne gestattet. 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