Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 3 (1905)
- Issue
- Heft 40 (13.10.1905)
- Date
- 1905-10-13
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr.' 40. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Seite 3. um so schneller emporblühen, wenn auch die Menschen, die sie zu bevölkern bestimmt sind, mit gesteigerter Arbeitsfreudigkeit und mit einer gewissen idealen Hingabe sich ihrer neuen Aufgabe widmen. Bei den Stimmungen und Empfindungen aber, die einen großen Teil der Juden in Rußland beherrschen, wird eine solche Arbeitsfreudigkeit und solche Hingabe vor allem dadurch geweckt werden können, daß diekolouialen Einrichtungen den religiösen Bedürfnissen der Bewohner besonders Rechnung tragen, wie es geschehen kann, wenn die Kolonie unter der Oberhoheit einer Großmacht doch zugleich ein verständiges Maß freier Selbstverwaltung genießt. Bedrückungen, die sich aus religiösen Gegensätzen ergaben, haben häufig genug den Anlaß zur 'Auswanderung und zu kolonisatorischer Tätigkeit gegeben, und starkes religiöses Empfinden befähigte die Kolonisten, in der neuen Heimat die Drangsale der ersten Zeiten standhaft zu überwinden und auszuharreu.. Die Geschichte der Vereinigten Staaten liefert nicht das einzige, aber das gewaltigste Beispiel hierfür. Daß Sie das ideale Streben unserer russischen Glaubensgenossen nach einer gewissen Autonomie, wie sie auf jungfräulichem Boden zu erreichen ist, nicht unberücksichtigt ließen, ist gewiß berechtigt, und es erscheint mir als Verdienst, daß Sie dieses, aus den russischen Verhältnissen heraus zu erklärende Streben auf reale Ziele hinzulenken suchen. Nachdem ich diese meine Gesichtspunkte dem gcschäftsführenden Ausschuß des „Hilfsvereins der deutschen Juden" entwickelt hatte, wurde ich beauftragt. Ihnen, sehr geehrter Herr Zangwill, gegenüber das Folgende im Namen des „Hilfsvereins der deutschen Juden" zum Ausdruck zu bringen: „Ohne zu den Meinungsverschiedenheiten, welche den unmittelbaren Anlaß zur Inangriffnahme Ihres Projektes gebildet haben, Stellung zu nehmen, begrüßt der „H i l f s v e r e i n der deutschen Juden" Ihre Bestrebungen, wie jedes gesunde im Dienste des russischen Hilfswerkes stehende Unternehmen, mit warmer Sympathie, und er i st b e r e i t, im Bereiche seines Leistungsvermögens Ihre Bestrebungen zu fördern." Ich erlaube mir. Ihnen diesen Beschluß zu übermitteln, und ich verbleibe in größter Hochachtung Ihr ganz ergebener D r. P. Nathan. * * * Jcwish Territorial Organisation 15. Essex Street, Strand W. C. Oktober, 6. 1905. Verehrter Herr Doktor! Ihr freundlicher Brief, der sowohl Ihre wie des Hilfsvcrcins der deutsche» Juden Sympathie mit der Territorial-Jdec ausdrückt, wird sicherlich unserer Bcwegung die größten Dienste leisten. Daß solche Männer >vie Sie, Herr James Simon und seine Kollegen im Ausschuß Ihres Vereins bereit sind, mit uns vermittels Ihrer großen Organisation zusammen zu wirken, wird in unseren Reihen neuen Mut entfachen. Obgleich Ihre Ansichten und die meinige nicht in jeder Einzelheit übereinstimmen, so ist doch eine genügende Basis der Uebercinstimmung vorhanden, die mich Ihre in Aussicht gestellte Mitwirkung an unserer schweren Aufgabe mit größter Dankbarkeit begrüßen läßt. Ihr aufrichtig ergebener Israel Zangwill. Die Woche. Man ist bei uns in Westeuropa allgemein der Ansicht, daß unter unseren russischen Brüdern noch ein I u d e n t u m alten Schlages gang und gäbe sei, daß ein jeder von ihnen lerne bei Tag und bei Nacht in den heiligen Büchern unseres Volkes, daß ein jeder den Sabbat Kedas Mauscheh beobachte und daß auch an den Tagen der Arbeit eines jeden Denken und Tun geleitet werde von den Satzungen des jüdischen Gesetzes. Diese Auffassung ist ein Irrtum. Es gibt in Rußland wohl eine beträchtliche Anzahl Juden, denen das Judentum ihren Lebensinhalt bedeutet; auch haben sich die russischen Juden nicht assimiliert, sondern ihre Eigenart bewahrt, und es pulsiert so in der russischen Judenheit. ein jüdisches Leben: aber der altreligiöse Sinn geht von Jahr zu Jahrt.schon seit einem halben Jahrhundert allmählich zurück. All die tiefgehenden Bewegungen, die in der Gegenwart, das unter den Nagaika-Hieben der Autokratie zu einer Sklavenhorde herabgesunkene russische Volk zu dem Bewußtsein seines Menschen-Jchs gebracht haben, all' diese tiefgehenden Bewegungen haben mit ihren gewaltigen Stürmen auch Breschen in das abgesonderte Leben der Juden geschlagen. Die Interessen wurden andere, die gottdertrauende Gläubigkeit schwand, lieberall ist eine fortgesetzte Verminderung der Jejchiwohs, der Sabbat-Beobachtung, der Gesetzesheiligung seit Jahr und Tag zu bemerken. — Und doch braucht die Zukunft ,des Judentums unter den russischen Juden dank dem Zionismus nicht allzu pessimistisch betrachtet zu werden. Die Gefahr, daß es sich zu jener Verödung wie in Westeuropa hinentwickeln könnte, dürste ausgeschlossen sein, denn das durch den Zionismus erweckte jüdische Volksbewußtscin ist eine starke Mauer, die ein jüdisches Eigenleben kraftvoll zu schützen weiß. Gerade die letzte Zeit hat wieder Beweise dafür erbracht, zu welchen Erfolgen für die Interessen des Judentums der konsequente Zionismus — nicht der Vcreinsmeicr-Zionismus, den wir bei uns so häufig antreffen — führen muß. Unter den vielen Streiks des letzten Halbjahres in Rußland gab es auch eine Anzahl Streiks jüdischer Handelsangestellter und Arbeiter, die erzwingen wollten und erzwangen, daß ihnen der Samstag freigegeben wurde. So kam es jüngst in Bjeloserje (Kiewer Gouvernement) zu einem gewaltigen Kampfe zwischen Angestellten und Prinzipalen wegen der Sabbatruhe. Unter den Bjeloserjer Juden sind viele Holzhändler, die, trotzdem sie Chassidim sind, am Samstag handeln, denn sie fürchten den Verdienst des Holzes zu verlieren, das am Samstag hineingefahren wird. Die Baalei-battim, die auf ihren „Rebbe" schwören und den „gefährlichen" Zionismus hassen, wollten ihren zionistisch gesinnten Leuten, die sämtlich den „Paualei Zion" angehören, gern in allem nachgeben, nur iin Sabbat nicht; doch dieselben streikten solange, bis sie ihren Willen durchgesetzt hatten. Das Odessaer Komitee der Chowcwe Zion veröffentlicht soeben einen Rechenschaftsbericht über die letzten drei Jahre. Tie Ergebnisse, die diese dem politischen Zionismus stets abholte» Kleinkolonisatoren gezeitigt haben, sind sehr minimale. Land ist so wenig gekauft worden, daß es selbst für eine Kleinkolonisation beschämend ist. — An Subventionen für Kindergärten und Schulen in Palästina wurden jährlich .Jf. 30 000 bewilligt. Außerdem half das Komitee der Chowewc Zion die Palästinawein- Jmport-Gesellschast „Misroch-Karmel" in Koustantiuopel und die Kolonisationsgesellschaft „Göuloh" gründen, — das ist alles! Aus aller Wett. Deutsches Reich. Berlin. Ueber die jüdischen Gemeinden in Deutschland bringt Dr. Thon-Berlin in der September-Nummer der „Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden" eine interessante statistische Arbeit. Die Zahlen entsprechen ziemlich den tatsächlichen Verhältnissen, denn es sind nur wenige Synagogen-Gemeinden und die kleine Anzahl gottesdienstlicher Vereine dabei nicht berücksichtigt worden. Deutschland zählt 1855 Synagogen. In den jüdischen Gemeinden Deutschlands wirken 217 Rabbiner, 1101 Vorbeter, 369 Religionslehrer ohne Vorbeteramt, 180 Schächter, 404 Synagogendiener; jüdische Bolksschullehrer, die im Nebenamte Kultusfunktionen ausüben, giebt es 171 und solche ohne Kultusfunktionen 299, sodaß wir im ganzen 2741 jüdische Gemeindebeamte zählen. In 487 Gemeinden wird täglicher, in 1147 allsabbatlicher und in 216 nur an den Festtagen Gottesdienst abgehalten. Bezüglich der Details verweisen wir auf den Originalartikel in der Zeitschrift, die durch das Bureau für Statistik der Juden in Berlin-Halensee, Westfälische Straße 46 zu beziehen ist. Berlin. Die jüdische Gemeinde veranstaltete außer in ihren sechs Synagogen noch in zwölf gemieteten Sälen Ja um - Kippur - Gottesdien st e. In sämtlichen Gottesdiensten wurde am Vorabend, des Vormittags und des Nachmittags je eine Predigt gehalten. Der Vormittags-Gottesdienst begann erst um 9 Uhr, nur bei 5 von den 18 Gottesdiensten begann er schon um V/s Uhr. Köln a. Rh. Das Komitee, das sich zur Beschaffung weiterer Mittel für den Neubau des isr. Asyles.für Kruncke und Altersschwache gebildet hat, hat seine Tätigkeit begonnen Dem Asyl ist übrigens dieser Tage eine größere Stiftung zugesalle». Der jüngst verstorbene Lehrer am Konservatorium, Professor Isidor Seiß — ein getaufter Jude — hat ihm 25 000 JL letztwillig vermacht. Oesterreich-Ungarn. Wien. Ueber einen neuerlichen Borstoß in dem Vernichtungskriege gegen den jüdischen H a n d e l s st a n d berichtet „Bloch's Wochenschrift", wie folgt: „Der Wiener Stadtrat hat in letzter Zeit den Beschluß gefaßt, es sei der Magistrat zu beauftragen, das Aushängen von Waren vor denVerk a u f s l ä d e n nur auf besondere Bewilligung der magistratischen Bezirksräte unter Rücksichtnahme auf die jeweiligen Beschlüsse der Bezirksvertretungen zu gestatten. Weiters sei zu veranlassen, dem Magistrat eine exekutive Handhabezu bieten, welche es selbst sür den Fall der Erfolglosigkeit der verhängten Strafen ermöglicht, daß dem Uebxlstände des A u s st e l l e n s u n d der Ausräumung v o u Ware n wirksam entgegeugetreten werden könne. Nur den Eingeweihten dürste cs bekannt sein, wohin dieser stadträtliche Beschluß zielt, dem Anscheine nach handelt es sich allerdings um eine allgemeine, den Straßenverkehr regelnde Maßregel, in Wirklichkeit hat die stadträtliche Ordonnanz zum Zweck, den kleinen jüdischen Handelsleuten Wiens den Todesstoß zu versetzen, zumindest ihre Existenz zu gefährden und fortgesetzt das Damoklesschwert über ihnen schweben zu lassen. Ter kleine jüdische. Händler ist nämlich mit Naturnotwendigkeit auf das Ausstellen und Ausräumen von Waren vor seinem Geschäfte angewiesen. Sein Verkaufslokal ist bekanntlich enge, infolge der unerschwinglichen Miete im Raume beschränkt, den Luxus von Schaufenstern kann er sich selbstverständlich nicht gestatten. Er ist bemüßigt, von den Waren, die er zum Verkaufe führt, Schaustücke auszustellen, sonst würden die Passanten ahnungslos vor seinem Geschäftsladen vorübergehen. Der kleine Händler ist auch gänzlich außerstande, materiellen Aufwand sür Reklame: Inserieren in den Zeitungen, Kolportage von Preiskuranten usw., zu machen. Will man den kleinen Handelsmann behindern, durch Ausstellen und Ausräumen einzelner seiner Warensorteu die Aufmerksamkeit der Passanten aus seinen Berkaufslnden zu lenken, so kann er gewiß sein, ohne Losung zu bleiben, die Warenvorräte würden ihm als Ladenhüter bleiben, er würde nicht imstande sein, die aus Borg genommenen Vorräte zu bezahlen, und was die Hauptsache, es würde ihm der Verdienst entgehen, sich und seinen Hausstand zu ernähren. Es dürfte von unseren Gegnern und Widersachern ins Treffen geführt werden, die Maßregel sei ja eine allgemeine, nicht nur die jüdischen Händler betreffende. Man weiß ja, wie mans macht. Gegenüber den Ariern wird Nachsicht geübt, der Jude wird unnachsichtlich behandelt. Es ist noch in frischer Erinnerung, wie der Magistrat in einem analogen Falle sich vis-ü-vis einem jüdischen Cafetier benommen hatte, dem das Aufstellen von Tischen vor seinem Cafe am Stubeiiring beharrlich verweigert wurde, während dies den arischen Konkurrenten ansnahmlos gestattet ist. Tie Folge davon war, daß dieser jüdische Cafetier total zugrunde ging und sein Kaffeehaus sperren, beziehentlich mit derartig enormen Verlust losschlagen mußte, daß er sein ganzes Vermögen einbüßte." Wien. Der am 2. ds. in Lundenburg zu Grabe getragene Großindustrielle Hermann Edler von K u f f« n e r hat letztwillig vermacht: 10 000 Kr. als Armenstiftung für die Stadtgemeinde Lundenburg, 8000 Kr. als Spitalstistung, 4000 Kr. zur Bekleidung armer Schulkinder christlicher Konfession, 10 000 Kr. als Armeniliftung für die Jsraelitengemeiude, 6000 Kr. als Kultussteuerstiftung, 2000 Kr. zur Bekleidung armer Schulkinder israelitischer Konfession, 20 000 Kr. als Stiftung für erwerbsunfähig gewordene 'Arbeiter der Knffnerschen Lundenburger Zuckerfabrik und 20 000 Kr. als Stiftung für erwerbsunfähig gewordene Beamte und Angestellte desselben Unternehmens. Lemberg. Nette russische Zustände herrschen in manchen Gegenden Galiziens. So ereignete sich jüngst in Gwozdinetz, daß ein Bauer aus einem benachbarten Torfe spät abends mit einem jüdischen Schuster Händel ansing, im Verlause welcher der Bauer dem Juden mit einem mitgebrachten Ziegelsteine den Kops einschlug und ihm lebensgefährliche Verletzungen beibrachte. Herbeigeeilte Juden brachten den Juden zum Tistriktsarzt. Der Arzt war eben im Begriff, in den Zirkus zu gehen und lehnte die Behandlung des Juden „zu so später Nachtstunde" rundweg ab. Vom Arzte wurde der Jude blutüberströmt zum Gerichtsratc gebracht, der versprach, am anderen Tage das übrige zu veranlassen und den Begleitern des Verletzten den Rat gab, im Gemeindeamt den Bürgermeister zu ersuchen, daß er den Tistriktsarzt herbeiholen lasse. Zum Glück waren iin Gemeiudeamte noch einige jüdische Gemeinderäte, unter ihnen auch Herr Goldfeld anwesend. Letzterer nun sandte einen Boten in den Zirkus, um den Arzt zu holen, der aber auch der amtlichen Aufforderung nicht Folge leisten wollte.