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Neue jüdische Presse · 1905-10-13 · Heft 40 (13.10.1905) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
3 (1905)
Issue
Heft 40 (13.10.1905)
Date
1905-10-13
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. richtig sind (eine Gewißheit, die der Gottesgläubige nur in dem Satze: „Naaße odom bezalmenu" besitzt). Es muß also alles, was die geistige Innenwelt sämtlicher Menschen ausmacht, objektiv wahr sein. Zur geistigen Innenwelt gehört auch das Bewußtsein, daß wir Menschen einen freien Willen besitzen, welches sämtliche geistig gesunden Menschen haben und das durch keinen philosophischen Beweis subjektiv wegzu- 'demonstrieren ist. Bekanntlich bildet ja die Willensfreiheit ein altes philosophisches Problem. In der mechanistischen Eirtwicklungslehre ist für sie kein Platz. Hier heißt es: Das Wollen ist eine Funktion des Gehirns und seiner anatomischen Beschaffenheit. Die besonderen persönlichen Eigenschaften des menschliche» Gehirns bedingen mit Notwendigkeit auch seinen Willen. Derselbe ist demnach unfrei. Wir sehen also: einerseits hat die Erkenntnis- Methode der mechanistischen Weltanschauung die absolute und bedingungslose Zuverlässigkeit unserer geistigen Innenwelt zur Voraussetzung und andrerseits gelangt man durch diese Methode zu der Konsequenz, daß unsere geistige Innenwelt uns täuscht, da sie uns nur die Freiheit des Willens vorspiegle, während diese in Wirklichkeit gar nicht existiere. Die Erkcnntniswege dieser Weltanschauung sind also in sich widerspruchsvoll in ihrer unbedingten und schrankenlosen Verwendung. Wenn auch wir oben die beiden Erkcnntniswegc in bedingter Weise anerkannten, so geschah es mit der Einschränkung, daß der Geist und die Seele des Menschen etwas anderes als das Produkt materieller Vorgänge seien und daher nicht mit demselben Maße zu beurteilen wären. Die logische Ueberlegung hat uns ja Recht gegeben. Für uns gläubige Juden ist unser Wollen frei und dafür gibt es in Thora und Talmud zahlreiche Belegstellen (Lapesach chatos rowez . . . weatoh timschaul bau — Uwocharto bachaijm — Hakaul Bibel) schomaijm chuz mcijras schomaijm usw.). Freilich ist auch so die Willens f r e i h e i t für den begrenzten Menschenverstand etwas Unbegreifliches. Haben .wir bisher einige Streiflichter auf die wissenschaftliche Unhaltbarkcit einer mechanistischen Weltanschauung geworfen, so Ivollcn wir diese Weltanschauung noch kurz aus ihre praktische Brauchbarkeit für das wirkliche Leben erproben. Wir bestreiten dabei nicht, daß in der voraussetzungsloscn Wissenschaft der ethische Wert keinen Maßstab für die wissenschaftliche Wahrheit einer Sache abgibt. Gleichwohl wird wohl jedermann die selbstverständliche Voraussetzung zulassen, mindestens auch mit in die Wagschale werfen, daß man von einer theoretisch konstruierten Weltanschauung fordern müsse, daß sie auch zu einem vernünftigen, inhaltsreichen praktischen Leben führen könne. Wie sieht es nun in dieser Hinsicht mit der mechanistischen Weltanschauung aus? Ihre Verfechter behaupten, wie so vieles andere, das gleichfalls nur Behauptung und nicht wissenschaftliche Wahrheit ist, daß diese Forderung in reichstem Maße erfüllt sei. Sehen wir einmal zu! Wo Mechanismen wirken, gibt es nur Ursache und Wirkung, Grund und Folge — die Philosophen dieser Art können sich nicht genug tun, das immer und immer hervorzuhebcn — da gibt es keine vorher beabsichtigten Ziele und Zwecke. Hier hat der Mensch keine» Zweck auf der Erde, die Erde keinen Zweck im Weltall, das Weltall keinen Zweck in seiner Totalität. Und mit solchen Lehrsätzen will man dem Leben noch einen wertvollen Inhalt geben. Da erkennt doch jeder denkende Mensch, der sich nicht durch die frcidenkcrischen Dogmen den Blick hat trüben lassen, sofort: Wenn das menschliche Dasein zwecklos, ja sogar das Weltall zwecklos und ziellos sei, dann kann man überhaupt keine Grundsätze auffindcn und angeben, wie die Menschen vernünftig leben sollen, da doch jedes vernünftige Handeln zur Voraussetzung hat, daß es ein zweckmäßiges, auf ein bestimmtes Ziel gerichtetes sei. Wir können dann keine Moral aufstcllen — eine religionslose Moral also in diesem Zusammenhänge — d. h. eine Methode ausfindig machen, die lehrt, wie man das irdische Leben am nützlichsten und förderlichsten in materieller wie ideeller Hinsicht sowohl für die eigene Person, wie die Gesamtheit einrichten kann, wenn man nicht weiß, weshalb und wozu der Mensch lebt, resp. wenn man überhaupt verneint, daß es einen Daseinszweck gibt. Mit anderen Worten: Es ist ein Nonsens, eine Frankfurter Israelitischer Familinchkatt, mechanistische Moral aufstellen zu wollen und wer daran noch zweifeln sollte, der lese einmal die gewundenen und gezwungenen Ausführungen auf ticm diesjährigen Freidenkerkongrcß in Paris, hinter deren Unverständlichkeit man Deckung suchte für die Ausschaltung Gottes bei Begründung einer Moral, die, an sich hochstehend, im Prinzip ja doch nichts anderes ist und sein kann als das Sittcngesetz der Thora, nur daß man seine Herkunft durch allerlei Vcrklausnlicrungen verdunkelt. Wir haben bisher noch gar nicht davon gesprochen, 'ob bei der Unfreiheit des Willens, die eine niemals zu beseitigende Konsequenz jeder mechanistischen Welterklärung ist, ein sittliches Handeln möglich sei; — wir bestreiten dies auf das entschiedenste. Halten wir aber mit dieser Unfreiheit des Willens noch den „Kampf ums Dasein" zusammen oder, wie ihn Hacckcl einmal definiert, „den Kampf aller gegen alle", und bedenkt man, daß das eine sowohl wie das andere Notwendigkeit und Naturgesetz ist, dem sich kein Geschöpf entziehen kann, so ist vollends nicht einzusehen, wie einem solchen Boden eine reine Sittenlehre entwachsen soll. Was können die schönsten Moralgrunbsätze helfen, wenn alle Menschen gegen alle Menschen und Tiere im Kampfe liegen müssen und wenn sie nicht den freien sittlichen Willen haben können, auf diesen Kampf zu verzichten? Man kommt zu einem ganzen Labyrinth von Widersprüchen und Sinnlosigkeiten, wenn man das Gebäude einer Ethik errichten will, dessen drei Grundsäulcn sind: Zwecklosigkeit des Daseins, Unfreiheit des Wollen» und Handelns und Kanipf aller gegen alle. Wir haben uns im .Vorausgehcndcn hemüfft, an einzelnen grundlegenden Beispielen nachzuwcisen, daß die mechanistische Weltanschauung durch und durch in sich widerspruchsvoll ist. Wir haben schon einmal betont, baß es uns nicht auf den Namen ankonimt, den man all diesen im Grunde wesensgleichen Weltanschauungen gibt; wir fügen noch hinzu, daß wir auch in der Voranstellung des schmückenden Beiwortes „idealissisch" vor jede dieser Bezeichnungen keine Wesensänderung der Sache selbst erblicken können, daß wir darin nichts anderes als eine neue schmackhaftere und lockendere Zubereitung eines alten Gerichtes sehen. Bei unseren Ausführungen haben wir niemals irgend ein Ergebnis der Wissenschaft in Frage gezogen, soweit es sich um die Feststellung von Tatsachen handelt. Wir gehören im Gegenteil zu den aufrichsigsten Bewunderern der modernen Wissenschaft und erkennen voll Dankbarkeit gerade die Verdienste Haeckels um die Bereicherung der biologischen Wissenschaft an. Aber seine Philosophie ist nicht Wahrheit, sie ist tiefster Irrtum. lieber das Buch, Welhrätsel betitelt, in welchem Haeckel sein Glaubensbekenntnis ablegt, urteilt Paulsen, Professor der Philosophie in Berlin: „Ich habe mit brennender Scham dieses Buch gelesen, mit Scham, über den Stand der allgemeinen Bildung und der philosophischen Bildung unseres Volkes Wir verhehlen uns nicht: Man kann auch an uns Bibelgläubige Fragen stellen, die wir nicht beantworten können. Das ist aber in Hinblick auf den stets unvollkommenen Stand menschlicher Wissenschaft und auf die Unzulänglichkeit menschlicher Fähigkeit überhaupt nur natürlich: Hanistoraus lahaschem elokenu, wehaniglaus lonu ulwonenu. Unser System aber ist in sich widerspruchsfrei, die Thora gibt Antwort der Seele (Th oras Haschemtemimoh meschilvas nofesch). Berechis boro clokim ist das befteiende und befriedigende Zauberwort für den menschlichen Geist und das menschliche Herz. Reschis chochmoh jiras haschem .... dessen seien wir stets eingedenk. J. F. Der Hilfsverein der Deutschen Juden und die Indisch-Territorialistische Organisation. Wir erhalten von dem Hilfsverein der deutschen Juden folgende Mitteilungen zum Abdruck: Berlin lV. 35, d. 10. Okt. 05. Herrn Zangwill ist es bereits gelungen, die hervorragendsten Männer der englischen und Amerikanischen Judcnheit isür seinen Plan zu gewinnen, und auch die. englische Regierung hat in Form eines, in sehr Nr. 4Ö. warme»» Tone gehaltenen Schreibens seitens des Kolonial-Ministers Lyttelton an Herrn Zangwill ihre Bereitwilligkeit zum Ausdruck gebracht, jedem wohlerwogenen Plan der neuen Territorial-Organisation wohlwollend zu erwägen. Herr Zangwill hat auch eine Reise, nach Deutschland unternommen, um die große jüdische Organisation in Deutschland für seine Pläne zu interessieren. Der nachfolgende Briefwechsel beweist, daß er bei dem Hilfsverein der deutschen Juden weitgehende Sympathien gefunden hat. Eine ähnliche Sympathiekundgebung für die Bestrebungen des Herrn Zangwill, ist auch von dem Präsidenten der Großloge für Deutschland, U. O. B. B. VIII, Herrn Justizrat Timendorfer in Berlin, in Form eines Schreibens an Mister Zangwill erfolgt. Hochgeehrter Herr Zangwill! Der geschäftsführende Ausschuß des „Hilfsvereins der deutschen Juden" war am 17. Sept. 1905 zu einer Sitzung zusammengetreten unter dem Vorsitz des Herrn James Simon. Ich legte dem Ausschuß gemäß unserer Verabredung Ihre Anschauungen über die Frage der Beschaffung eines Territoriums zwecks Besiedelung mit jüdischen Auswanderern aus dem östlichen Europa dar. Sie hoffen in erster Reihe von der Britischen Regierung geeignete Ländereien zu erhalten, ohne daß Sie Verhandlungen mit anderen Staaten für diesen Zweck ausschließen. Sie »vollen, daß das zu erwerbende Territorium gesund gelegen sei und sowohl die Möglichkeit für eine landwirtschaftliche wie für eine industrielle Entlvicklung gewährt, und Sie erstreben für die neue Ansieblung ein gewisses, der Individualität jüdischer Kolonisten angepaßtes Maß freier Selbstverwaltung unter staatlicher Aufsicht und Oberhoheit jenes Reiches, von dem das Gebiet übernommen wurde. Die Schwierigkeiten, die der Verwirklichung eines solchen Planes entgegenstehen, sind zweifellos große; daß sie aber unüberwindlich sind, kann nach meinem Dafürhalten nicht erwiesen werden. Mit der gebotenen Vorsicht und Sachkunde in Angriff genommen, und aus kleineren Anfängen folgerichtig entwickelt, liegt ein Gelingen durchaus im Bereiche der Möglichkeit. Unter diesen Voraussetzungen aber verdienen Ihre Bestrebungen, wie mir scheint, die aufrichtigen Sympathien aller jener, die helfen wollen, um die völllig unerträgliche Lage unserer Glaubensgenossen in Rußland zu lindern. Millionen Juden sind in den westlichen Grenzgebieten des russischen Reiches durch gesetzgeberische Maßregeln zwangsweise zusammengepfercht. Diesen Massen ist fast jede Möglichkeit genommen, sich wirtschaftlich aus dem tiefsten Elend empor zu arbeiten, und jede neue Kindergeneration steigert die allgemeine Armut, weil die karge Arbeitsgelegenheit, die den Erwachsenen kaum erlaubt, das Leben zu fristen, durch die Heranwachsenden Arbeitsfähigen noch weiter geschmälert wird. Auswanderung, Hunger, Krankheit und an einzelnen Orten Juden-Massakres, die seitens der planmäßig mißleiteten Volksmasse stattfinden, schaffen in gewisse»» Umfange immer wieder einigen Raum. Ein solcher grauenerregender wirtschaftlicher und politischer Notstand lähmt oder verlangsamt zugleich die intellektuelle Entwicklung der betroffenen Volksmassen. Es ist nicht meine Ansicht, daß durch Auswanderung diesen traurigen Zuständen endgiltig gesteuert werben kann; Millionen eine neue Heimat zuzuweisen, wird eine Unmöglichkeit bleiben. Das Schich'al der Masse der russischen Juden ist unlösbar mit dem Schich'al des russischen Volkes verknüpft. Das ist auch die Ansicht der vorausschauenden Juden in Rußland. Nur gemeinsam mit allen russischen Untertanen, deren Leiden zum Teil ebeuso große und meist nur etwas mildere sind, kann auch für die Juden eine bessere Zukunft Heraufziehen. Allein da ein Bruchteil der jüdischen Bevölkerung Rußlands und anderer östlicher Länder alljährlich in jedem Falle auswandert, so ist es von hohem Werte, daß die Möglichkeiten vervielfältigt werden, die diesen Elementen geboten werden können, um sich eine neue Heimat zu gründen. Eine Kolonie kann nur gedeihen, wenn das Klima und die Bodenverhältnisse die nötige Voraussetzung für eine gesunde Entwicklung darbieten; aber eins Kolonie, bei der diese Grundlagen gegeben sind, wird

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