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Neue jüdische Presse · 1905-10-13 · Heft 40 (13.10.1905) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
3 (1905)
Issue
Heft 40 (13.10.1905)
Date
1905-10-13
Page
– (sequence 1)
Language
German
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^xan&fnxtex ZsmlitWs jntlitiMitt | — . »—», ( Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnementspreis pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— stei ins Haus. Bei der Post abonniert im In» und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich-Ungarn Mk. 1,50, sonstige Länder Mk. 2.— — ---- KedaKir-« imd HefchLftsftMe: Srsnkfurl 2. M.» Leüigkreuzgasse 32, Ecke Llapxerfeldstraße T-r-fo« 10507. Hera«sgever: Kaks Jnsertionspreise: Die viergespattene Petitzeile. 25 Pfg. Die Reklamezeile. 100 „ Platz- und Daten-Borschrift ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach Uebereinkunft. 3. Jahrgang. Freitag, den 14. Tischri 5666. (13. Oktober 1905). Ro. 40. Megeu der Suckothftiettage fällt die uachstwöchmtliche Nummer aus. Inhalt des Hauptblattes: Artikel: Wahre und falsche Wissenschaft. — Der Hilfsverein der Deutschen Juden und dieJüdisch- Territorialistische Organisation. — Die Woche. — Aus aller Welt. — Feuilleton: Das Judengrab in der Steppe, Roman von Samuel Gordon. — Homeler Silhouetten. — Bor Toresschluß. — Literatur und Kunst. Wahre und falsche Wissenschaft. Betrachtungen zu Parschath Bareschith. Unermüdlich sind die Verfechter des sog. „Freien Gedankens" an der Arbeit, ihre Ideen zu popularisieren. Jedes Jahr etwa um die Zeit, da der gläubige Jude seine Gedanken mehr wie getööhnlich auf Gott, den Schöpfer und Erhalter des Weltalls lenkt, veranstalten jene einen Weltkongreß, um zu verkünden, daß nicht Gott die Welt geschaffen und was sie füllet, sondern daß seit Ewigkeit der Stoff bestehe und nach ehernen, unabänderlichen Gesehen sich umgebildet und geformt habe, daß durch diesen Vorgang im Laufe . zahlloser Jahrmillionen unsre Erde, unser ganzes Sonnensystem entstanden, sowie die belebte Natur, Pflanze und Tier, aus der unbelebten Materie hervorgegangen, zu immer höherer Vervollkommnung gestiegen sei, bis schließlich als höchste Stufe der Tierentwicklung der Mensch auf der Erde erschienen sei. Einer der hartnäckigsten, wenn wir nicht gerade sagen wollen fanatischsten Vorkämpfer dieser Ideen ist der Zoologieprofessor Ernst Haeckel in Jena. Bereits vor beinahe 40 Jahren hat er seine Lehre in einem für das gebildete Laienpublikum berechneten, großangelegten Werk entwickelt, das schon durch seinen Titel „Natürliche Schöpfungsgeschichte" die feindliche Stellungnahme gegenüber der biblischen Schöpfungsgeschichte dokumentiert, und noch heute vergeht kaum ein Jahr, wo der streitbare Kämpe des Freidenkertums nicht ein größeres oder kleineres Werk zur Propagierung dieser Weltanschauung in das breite Publikum hinaussendet. Auf ihn berufen sich denn auch alle diejenigen, die, der Zeiten Not oder der Genußsucht erliegend, dem Gesetze der Väter untreu geworden sind, um ihren Wfall vor dem eigenen Gewissen und den Vorwürfen der Mitmenschen zu beschönigen, und nicht minder diejenigen, die aus ehrlicher Ueberzeugung — denn auch solche gibt es — aber infolge ungenügender Sachkenntnis, wie uns scheinen will, die traditionelle jüdische Weltanschauung mit der modernen Irrlehre vertauscht haben. Wir haben daher allen Grund, uns mit dieser freidenkerischen Weltauffassung auseinanderzusetzen, und wir wollen aus.dem großen Gebiete für heute einige grundlegende Gesichtspunkte zur Besprechung herausgreisen. Die leitende Idee, die dieser „entgotteten", aus mechanischen Prinzipien beruhenden, also mechanisti- . scheu Welterklärung zu Grunde liegt, ist . folgende: Der seit Unendlichkeit in Form des. sog. Nrnebels vorhanden gewesene Stoff hat sich vermöge der ihm innewohnende», nach notwendigen Gesetzen wirkenden Kräfte entwickelt und das heutige Weltbild, von dem wir Menschen selbst ein Teil sind, gesormt. Einer göttlichen Schöpferkraft habe es dazu also nicht bedurft, und alles lasse sich vernunftgemäß erklären. Entwicklung und Unendlichkeit, das sind die Schlag- und Zauberworte, die alle Rätsel lösen sollen. Wir wollen hier davon absehen, daß eine Unendlichkeit in diesem angewandten Sinne an sich schon über die menschliche Vernunft geht. Wir wollen hier nur die Tatsache ins Auge fassen, daß die Begriffe Entwicklung und Unendlichkeit unvereinbarlich sind. Man überlege nur: Tie augenblickliche Weltlage muß notwendig in diesem Augenblick so sein, wie sie wirklich ist. Tenn wie die Wirkung durch die Ursache, so ist die heutige durch die gestrige Weltlage, die gestrige durch die vorgestrige ausschließlich und notwendig bedingt, da unabänderliche, jeden Zufall und jede Willkür ansschließende Naturgesetze wirksam sind. Nun hat die Welt, wenn sie seit Unendlichkeit besteht, gestern schon ebenso lange bestanden wie heute, da eine Unendlichkeit nicht kleiner sein kann als die andere und es ist nicht einzusehen, weshalb die augenblickliche Weltlage gerade in diesem Zeitpunkt ihr augenblickliches Gepräge zeigt, warum sie nicht gestern, nicht schon vor tausend und abertausend Jahren dieses gleiche Gepräge gehabt habe, warum nicht damals schon dieselben Menschen, Tiere und Pslanze» gelebt haben, wie heute. Ter gegenwärtige Zeitpunkt ist uns nur ein Beispiel, wir können und müssen ebenso ans jeden beliebigen Zeitpuntt, auf die Zeit Karls des Großen ebenso wie die Zeit unserer fernsten Nachkommen, dieselbe Frage stellen. Es ergibt sich also: Eine Entwicklung kann nicht unendlich s e i n, s i e m u ß i m m e r c i n c n A n f a n g h a b c n. Sonst ist es wider unsere Vernunft. Tiefen Gedanken hat auch S. R. Hirsch in einem Aufsatz: Ges. Schriften, Bd. I. S. 415 ff., des weiteren ausgeführt. Einen mathematisch-physikalische» Ausdruck hat diese Tatsache in dem sog. Entropie-Gesetz gefunden, das dahin lautet, daß im Weltall die vorhandene Menge mechanischer Bewegung stets abnimnit zu Gunsten der Wärmemenge, die stets zunimmt. Man wird nun leicht einsehen, daß, wenn dieser Prozeß seit Ewigkeit andauern würde, längst jede mechanische Bewegung im Weltall verschwunden sein müßte, die Gestirne sich nicht mehr bewegen, Mensch, Tier und Pflanze nicht mehr existieren würden usw. usw. Da dies aber doch ohne Zweifel nicht der Fall ist, da die Sonne kreist und Menschen leben, ist folglich auch unmöglich, daß dieser Prozeß seit Ewigkeit vor sich geht, ist also bewiesen, daß die Welt einen Anfang hatte. Mit den bisherige» Feststellungen allein fallen schon alte Systeme, die eine Welt ohne Anfang und ohne Gott annehmen, unerbittlich zusammen, mögen sie Materialismus, Pantheismus oder Monismus heißen; alles nur verschiedene Namen für ein und dasselbe Ting. Doch betrachten wir die mechanistische Weltanschauung noch von einer anderen Seite. Auf -welchem Weg erlange» wir Kunde und Vorstellung vom Wesen der Welt? Diese, die Weisen aller Zeiten viel beschäftigende Frage erscheint dem naiven Verstand leicht zu beantworten, ist es jedoch keineswegs. Für die mechanistische Welterklärung gibt es nur eine Antwort; auch Haeckel gibt sie und sie leuchtet dem naiven Menschenverstand gleichfalls ohne weiteres ein. Auch wir halten sie für — bedingt — richttg, wollen sie aber einmal in ihrer unbedingten Geltung schärfer ins Auge fassen: Zur Erkenntnis der Welt führen zwei Wege: Tie Erfahrung und das Tenken, d. h. die Wahrnehmung der Außenwelt durch unsere Sinnesorgane und die geistige Verarbeitung der gewonnenen Eindrücke zu Schlußfolgerungen usw. Auf Grund der so erlangten Erkenntnis suchen nun die Atheisten — nennen wir sie einmal beim rechten Namen, wenn auch die Herren Monisten und Spinozisten diese. Bezeichnung weit von sich weisen — die Rätsel des Daseins zu lösen und behaupten, daß dies auch die einzig richtige und zuverlässige Methode sei. Wollen wir einmal diese zwei Wege betrachten: Tie sinnliche Wahrnehmung: Jedermann weiß, daß bei einzelnen Tieren gewisse Sinne schärfer ausgeprägt sind als beim Menschen und daß auch der Mensch in vielen Fällen nur durch Zuhilfenahme geeigneter Instrumente (Hörrohr, Mikroskop usw.) die Leistungsfähigkeit seiner Sinne erweitern kann, ohne dadurch je eine solche Höhe der Leistungsfähigkeit zu erreichen, die nicht noch eine Steigerung für wünschenswert und denkbar erscheinen ließe. Aus diesem Hinweis erhellt sofort, daß wir in jedem Falle nur lüangelhafte und begrenzte Kenntnisse der uns durch unsere Sinne vermittelten Eigenschaften der Tinge haben können. Wie aber, wenn die uns umgebende Außenwelt noch Eigenschaften besäße, für deren Wahrnehmung beim Menschen gar keine Sinnesorgane vorhanden wären?' Dieser Gedanke leuchtet nicht so ohne weiteres ein. Tenken wir uns aber einmal einen Blind- oder Taubgeborenen, so wird der eine niemals eine^Borstellung von Licht, der andere nie von Schall haben können. Run können wir uns aber doch vorstellen» daß' es noch andere Naturkräfte als Licht und Schall usw. gibt, die wir, mit Auge und Ohr begabten Menschen nur deswegen nicht kennen, weil uns» die adäquaten Sinnesorgane fehlen, weil wir nur fünf, und keinen sechsten und siebten Sinn besitzen, Tie wahrzunehmen. Dieser Fall ist nicht nur denkbar, sondern auch wahrscheinlich. Man hat nämlich bei einzelnen Tieren Sinnesorgane gefunden, deren Bestinnnung deshalb unbekannt ist, weil die Menschen eben kein ähnliches Organ besitzen und daher auch nicht die betresfende Sinnesempfindung. Es ist also klar, daß die uns durch unsere Sinnesorgane vermittelte Welterkenntnis quantitativ und qualitativ mangelhaft sein mutz. Mer das ist es nicht, worauf wir an dieser Stelle besonderen Wert legen. Tie geistige Verarbeitung der sinnlichen Wahrnehmungen ist der zweite Erkenntnisweg. Wir diskutieren hier gar nicht, wie soeben, die Frage nach Zulänglichkeit der Mittel; wir betonen nur, daß dieser Weg die nicht'zu bestreitende Voraussetzung hat, daß die Geistestättgkeiten des (gesunden) Menschen objettiv

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