Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 3 (1905)
- Issue
- Heft 39 (6.10.1905)
- Date
- 1905-10-06
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Veite 4. 1855 wurde die heutige Synagoge in der Markus« stratze durch den verewigten Oberrabbiner A. Stern eingeweiht. Oesterreich-Ungarn. Wie«. In derketztenSitzung d es Kultusvorstandes machte die Debatte über ein Gesuch von 105 orthodoxen Gemeindemitgliedern des 8. und 9. Bezirkes um Bewilligung eines orthodoxen Bethauses einen peinlichen Eindruck, da sich herausstellte, daß das Präsidium das Geküch aus eigener Machtvollkommenheit gegen die Stimmen zweier Mitglieder des Vertreterkollegiums abgelehnt hatte. — Auf Antrag des Herrn Ritter von Taussig wurde nunmehr beschlossen, das Bertreterkollegium anzuweisen, Erhebungen darüber anzustellen, ob die statuarischen Bestimmungen für die Bewilligung gegeben sind, in welchem Falle das Vertreterkollegium schon heute ermächtigt wird, die Bewilligung zu erteilen. AatvorSaa (Galizien). Hier veranstalteten eine Anzahl zur Waffenübung einberufencr Ersatz« reservisten einen förmlichen Pogrom auf Juden. Die Offiziere waren zu einem Feste gefahren, und diese Gelegenheit benutzten nun die Reservisten zur Ausführung der judenfeindlichen Ausschreitungen. Es wurden Fenster eingeschlagen, Geschästsbuden geplündert, und die Juden, deren das Gesindel habhaft werden konnte, mörderlich geschlagen. Erst als der einzige, in der Kaserne befindliche Offizier herbeieilte und mehrere Verhaftungen vornehmen ließ, konnte den Ausschreitungen ein Ende gemacht werden. Frankreich. Paris. Der Nachlaß des Barons Alphonse Rothschild. Nach der jetzt beendeten amtlichen Aufnahme beträgt der Nachlaß des Barons Alphonse Rothschild in Paris rund 940 Millionen Francs. Der ftanzösische Staat erhält an Erbschaftssteuern 21 Millionen Fr. Die Witwe des Barons Alphonse Rothschild, Baronin Leonore, eine Schwester des Chefs des Londoner Hauses, des Barons Nathaniel Rothschild, erbt 470 Millionen, der Sohn, Baron Eduard Rothschild und die an Herrn Eftussi verheiratete Tochter Beatrice erben je 224 Millionen Fr. Paris» 28. September Das Zentralkomitee der Alliance Jsraelite bewilligte für die Abgebrannten in A d r i a n o p e l eiste weitere , Unterstützung von 5000 Frcs., ferner 5000 Frcs. für die Opfer der antisemitischen Militärkrawalle in Bialystock Rußland. DwiuSk. Die hiesige .Chewroh zur Hülfe für jüdische Arme" beabsichtigt ein „A u s k u n f t s - bureau für Auswanderer" zu eröffnen. Mohilew a. Dnjepr. Auf Befehl des Gouverneurs wurde am 23. September der Augenarzt Jakob Anatoljewitsch L u r j e nach dem Archangelschen Gouvernement in die Verbannung geschickt. An demselben Tage, da ihm der VerLannungsbefehl zugestellt wurde, mußte er seine Familie mittellos in der Stadt zurücklassen, wo er sein ganzes Leben verbracht und viel Gutes getan hat, denn die Polizei ließ eine Begleitung seiner Angehörigen nicht zu. Die Stadt hat in dem Unglücklichen einen beliebten und tüchtigen Arzt verloren, der unermüdlich tätig war, den armen Kranken seine Hülfe zu gewähren, und die jüdische Bevölkerung verlor in ihm einen Mann, der sich zu jeder Zeit ihren Interessen widmete. Die ganze Stadt — Juden und Christen — ist über die Verbannung, für welche kein Grund bekannt und sicherlich auch nicht vorhanden ist, aufgebracht. » ‘ \ M1 | 1 0 leuiffefon. 0 Nachdruck verboten. Das Judengrab i« der Steppe. Roman von Samuel Gordon. Frei übersetzt von M. Pulvermann. (Fortsetzung). Rachel konnte sich vor Freude und Rührung .kaum noch länger halten, sie küßte der alten Frau immer und immer wieder leidenschaftlich die Hände und das Gesicht. Sie nahm dankbar, das Kleidungsstück und betrachtete und bewunderte es pflichtgemäß vpn allen Seiten, obwohl es einen eigenartigen Geruch ausströmte, der ihr widerwärtig in die Nase stieg. .„Ziehe es nur an," ermutigte Marfa; „die rote .Farbe wird vortrefflich zu Deinem schwarzen Haar passen." Und als Rachel den. Kopf wegwendete, um den dumpfen, abscheulichen Tust nicht einzuatmen, da machte sich Dtarsa selbst daran, ihr die Kleider zu öffnen; dadurch war Rachel gezwungen, ihr Zögern aufzugeben, um nicht ihre Schwiegermutter durch das Verschmähen ihrer sicherlich wohlgemeinten Gabe-zu verletzen und zukränken. „Herrlich! Wunderschön!" rief djese mtt falscher 'Begeiferung, als Rachel mit dem Kleiberwechseln Frankfurter Israelitischer Familienblatt. ferttg war. „ES steht Dir großartig. Und weißt Du was?" fuhr sie in ihrem Entzücken Wetter fort, als sei ihr eben eine neue Idee gekommen; „so wie Du jetzt bist, mußt Du tu die Küche gehen und Dich den Mägden zeigen, und Du wirst sehen, welchen Eindruck es auf sie machen wird; sie werden Dich sofort als die eigentliche und richtige Herrin aus dem Gute erkennen — — Rachel ging gern auf den Vorschlag ein. Der unausstehliche, widrige Geruch war durchaus keine Einbildung ihrer aufgeregten Nerven. Wahrscheinlich war es jahrelang mtt einem betäubenden Pulver cingestreut gewesen, um es gegen Mottenschaden zu bewahren, und draußen, in der scharfen, kalten Lust, wird es sich sicherlich bald verflüchtigen. Nach einer Minute war sie auf dem Wege zur Küche, der an Kallaschs Hütte vorbeiführte —. Marfa blickte ihr mit aufgeregter Spannung nach. Als Rachel in die Nähe des Hundes kanl, sprang dieser plötzlich auf, schnüffelte unruhig in der Luft herum und schnappte hungrig nach allen Seiten. Sie blieb verwundert stehen; gewöhnlich wurde sie von ihm mit einem Frestdengeheul begrüßt. Doch vielleicht war es die fremde Tracht oder die grelle Farbe, die ihn jetzt so erregte; sie ging einen Schritt näher, um ihn zu beruhigen; allein sein wildes, drohendes Bellen ließ sie erschreckt wieder zurückweichen. Plötzlich wurde der Hund ganz füll; aber sein Körper krümmte sich tigerartig, seine Äugen waren blutunterlaufen und mit einem mächttgen'Ansatz warf er sich mtt seiner ganzen Schwere gegen die Kette. Rachel fuhr entsetzt zurück und wollte lieber umkehren. Noch einmal ein solcher Sprung und er mußte die Kette sprengen oder sich das Genick brechen — wahrscheinlich aber das erstere. Sie flüchtete nach dem Hanse zurück, fand aber die Haustüre verschlossen — sicherlich hat das alte, verrostete Schloß sich verfangen; zugleich aber hörte sie schon Marfas Schritte näher kommen — sie atmete beruhigt auf — einen Augenblick noch und sie war in Sicherheit. Es war aber auch die höchste Zeit — Kalasch war sicherlich toll geworden. Bei dem Hin- und Herzerren hatten sich seine Füße in ein dickes Strohseil verwickelt, das in der Nähe der Hütte lag, und das schien ihn rasend zu machen. Rachel hörte, wie Marfa sich am Türschloß zu schaffen machte; allein die Türe öffnete sich immer noch nicht —. „Schnell, schnell, um Gotteswillen!" rief Rachel in ihrer Angst. „Oeffne schnell — die Kette kann nicht mehr lange halten!" Tie Tür blieb noch immer verschlossen. . „Mutter, öffne!" drängte Rachel. „Mein Gott! Er hat' sich losgerissen —." „Jesus, Maria und. Josef!" hörte Rachel Marfa stöhnen. „Der Riegel hat eingeschnappt und mir die Hand noch eingequetscht. 'Lauf, lauf schnell nach der Küche, oder der Hund zerreißt Dich!" Starr vor Entsetzen sah Rachel auf das rasende Tier, mtt der halben Kette am Halse, vergeblich bemüht, die Füße aus dem Strohseil zu befreien, das sich immer mehr uird mehr zu,einem unentwirrbaren Knäuel verschlungen hatte. Und das war die einzige Möglichkeit ihrer Rettung; wenn sie nur durch die Settenpforte fliehen und diese hinter sich zuschlagen könnte, so erreicht sie vielleicht noch die Scheuer, ehe er Zeit hat. Aber den Zaun zu springen. Der Weg zur Küche war ihr ja voUständig versperrt. Kaum aber hatte sie die Hälfte der Entfernung zurückgclegt, als sie auch schon den Hund hinter sich herkeuchen hörte. Sie vernahm das Klirren der Kette, das Rascheln des Strohseiles, das er hinter sich herschleiste. Sie fühlte seinen heißen Wem, den er pfeifend ansstteß, und sie war einer Ohnmacht nahe. Zugleich aber hörte sie auch den Hufschlag eines eilig herannahenden Pferdes; vielleicht bringt ihr dieses Rettung. Mit der Schnelligkeit, die nur die Todesangst eingibt, stürmte sie nach der Pforte, die sie mtt Riesenkraft aufriß und gelängte auf das freie Feld. Doch Kallasch war flinker als sie. Schon im nächsten Augenblick fühlte sie seine haarigen Pfoten auf ihren Schultern und seine feuchte Zunge im Nacken. In demselben Augenblick aber hörte sie auch eine Donnersttmme rufen: „Mllasch, nieder! Kallasch, hierher!" Und nieder gingen die borstigen Pfoten und winselnd kroch das Tier flach auf der Erde. Daraus schon erkannte Rachel, wer ihr Retter war, obwohl sie, in ihrer Angst, die Stimme gar nicht erkannt hatte. „Was geht denn hier vor?" rief Gregor, mit bleichen, verzerrten Zügen zu seiner Frau hintretend und sie in die Arme schließend. Sein Gesicht war kreideweiß und seine Stimme heiser, als ob er mit dem Anruf des Hundes die ganze Kraft verbraucht hätte. Unter Tränen und Schluchzen berichtete Rachel,' was passiert war, und je weiter sie erzählte, desto tiefer senkten sich seine Augenlider. Er sing an den Zusammenhang zu ahnen —. ,',Und wenn ich einige Briefschaften nicht vergessen hätte, würde ich Dich bei meiner Rückkehr.in zwanzig Stücken zerfleischt wiedergefunden haben," sprach er leise zu sich selbst. „Ja, in zwanzig Stücken," wiederholte er gedankenvoll, als ob diese Nr. 39. Zahl eine besondere Bedeutung hätte. Sein Ästige fiel auf den Hund, den er mtt eiserner Kraft an der Kette festhielt. Das Tier war wieder ganz ruhig geworden, und ging, den mächtigen Kopf an Gregors Schaftstiefel reibend, zutraulich wie immer nebenher. Doch auch diese Zeichen der Unterwürfigkeit änderten nicht Gregors traurigen, ernsten Blick. „Komm Kallasch," sprach er streng. Mit der rechten Hand stützte er Rachel, die sich immer noch nicht erholen konnte, während er mit der linken den Hund fester am Halsband faßte. Bor Marfas Fenster angelangt, blieb er stehen. „Drehe Dich nach der anderen Seite," befahl er Rachel.; Sie gehorchte schweigend, ohne zu wissen', was es bedeute. Sie hörte einen scharfen Knall, und als sie entsetzt herumfuhr, sah sie Kallasch zuckend am Boden liegen, mtt einer blutenden Wunde im Köpfe. „Ach, Gregor, warum hast Du dieses getan?" jammerte sie außer sich, „Hast Du mir nicht selbst erzählt, baß er Dir bas Leben gerettet?" „Ja; ich schulde ihm meines; aber beinah hätte er Deines in Zahlung genommen," antwortete er ruhig, den noch rauchenden Revolver wieder einsteckend. „Jetzt sind wir quitt, und ich bin sicher, er wird kein 'Unheil mehr anrichten." Etwas Unangenehmes schien sich jetzt ihm bemerkbar zu machen, denn unruhig drehte er sich nach allen Sellen. . >! i i~I IM Hl „Die Luft scheint ja hier ganz verpestet zu sein —. Sollte er von dem Hunde herrühren —? Nein, in Deiner Nähe, Rachel, spüre ich es am stärksten —." Er hob den Saum ihres Kleides auf und roch daran. Mit funkelnden Augen und knirschenden Zähnen ließ er ihn fallen. „Ich dachte es mir—" flüsterte er unhörbar. Er warf einen mitleidigen Mick auf den Hund. „Armes Tier," fuhr er wehmütig fort; „Du hctttest ganz recht, wütend zu werden, wenn man Blut dazu verwendet, um einen Weiberrock rot zu färben." Und dann sprach er laut, mit weithin vernehmbarer Stimme: „Rachel,, ich werde meiner Mutter sagen, daß sie Dir in Zukunft keine Geschenke mehr machen soll." (Fottsetzung folg.) (Nachdruck verboten.) Homeler Silhouetten. Skizzen von Tan, aus dem Russischen übersetzt von T. B a ch. (Fottsetzung). „Aber es gibt solche, welche anders tun. Das war in Schorowza auf dem Pokrowschen Jahrmarkt; die „Gojim" fingen an, die Buben zu plündern. Der Pristaw kehrt sich um und sagt: „Weshalb ergreift Ihr kerne Maßregeln?" „Da kehrten die Juden sich auch um und ergriffen „Maßregeln", verjagten die ganze Bande, sperrten fünfzehn Mann ein und hielten sie einen Tag und eine Nacht ohne Essen fest. — Ich sage Ihnen, es gibt aber auch Dnmmköpfe, alte Juden, z.B. der Kaufmann Rawingkin." „Gut," sagt er, „wenn mein Sohn hereinfällt, haut ihm den Kopf ab, mir wird es nur angenehm sein. Jeder denkt dabei an den freinden 'Sohn, nicht an den eigenen." „Einmal, zu nächtlicher Zeit, höre ich im Schlafe Plötzlich klopfen; ich stand auf, öffnete die Tür, Verzeihung, noch in Unterkleidern. „Wo ist Ihr ältester Sohn?" „Wozu haben Sie ihn nötig?" „Einen Stein ihm an den Hals zu binden und in den Fluß zu werfen!" — Ich erschrack so, daß meine Zähne aufeinander schlugen. — Da begann er die Bücher durchzusehen, ohne davon eine Silbe zu verstehen. Da waren deutsche Bücher und verschiedene andere. Ich blickte auf ihn und stellte die Theemaschine auf: „Werben Sie Thee trinken?" „Ich werde trinken! Wer Sie," sagt er, „werden sich streng zu verantworten haben. Wir werden Euch schon die Flügel beschneiden!" Da hielt ich es nicht mehr aus. „Seht zu, daß man sie Euch nicht beschneidet," sage ich. „Man krsiisiert Euch schon in allen Zeitungen, daß Ihr Kinder in den Windeln und weißhaarige Greise festnehmt." — Da riß er die Augen auf. „Wo," sagt er, „habt Ihr das gelesen?" „Ich habe es in „Rußj" gelesen," sage ich, „man schreibt schon längst darüber." Da wurde er wirklich still. — „Es ist traurig," endete der Alte. „Schlimme Tage erlebt man jetzt. Man hat sein Lebtag nichts Gutes gesehen. Jetzt kann man nicht mehr leiden, man hat keine Geduld mehr dazu." „Auch der Wurm krümmt sich, weni^ mau ihn tritt, der Hund fletscht die Zähne, wenn man ihn hetzt. Die Maus kann in Zorn geraten und der Sperling hat ein Herz. Auch der Schwächste läßt sich nicht ungestraft beleidigen." —