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Neue jüdische Presse · 1905-10-06 · Heft 39 (6.10.1905) · p. Seite 5

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
3 (1905)
Issue
Heft 39 (6.10.1905)
Date
1905-10-06
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 39. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Seite 5. IV. ' Gaisky. Er. hatte ein mageres, gebräuntes Gesicht und eine stattliche Figur, welche ungewöhnliche Kraft und Geschicklichkeit verriet. Er trat geräuschlos auf und sprach sehr leise. Sein Gesicht war beständig umwölkt, als ob er krank oder von einem schweren-Kummer bedrückt wäre. Man hatte mich am zweiten Tage im Gerichtssaale auf ihn aufmerksam gemacht. „Das ist Gaisky, ein gewesener Dieb. Er hat schon 16mal vor Gericht gestanden. Wer jetzt hat er sich ganz verändert, ist mit Leib und Seele seinen Ideen hingegeben; er erlernt ein Handwerk und nährt sich von trockenem Brot. Er ist ein Fanatiker geworden, wie man sie selbst in dem fanatischen Hömel selten findet." Ich faßte natürlich Interesse für ihn, aber ich hatte es nicht nötig, seine Bekanntschaft zu suchen, denir Gaisky kam am folgenden Wend zu mir und erbot sich mit rührender Naivität, mir die Geschichte seines Lebens zu erzählen. Ich werde seine Erzählung fast wörtlich wiedergeben und nur im Interesse des besseren Zusammenhangs einige Abschnitte umstellen. „Wir lebten früher im Dorfe, mein Vater handelte mit Getreide. Dann starb er, die Bauern betrachtete» uns als schutzlos, schlugen uns die Fenster ein nnd taten uns sonst alles zu Leide. Ws 'ich sieben Jahre alt war, führte man mich in den Cheber, aber ich haßte den Cheber und wollte mit aller Gewalt zu meinen Spielkameraden. Ich erinnere mich, wie mich meine Mutter einmal dahin führte, wie ich nicht gehen wollte und mich von ihr losriß. Die Mutter begann zu weinen, sie tat mir leid und ich weinte auch, aber lief trotzdem davon. Deshalb habe . ich auch nichts erlernt. Darauf siedelten wir nach Jekaterinoslaw über. Mein Bruder erhielt eine Anstellung bei einem Deutschen in einer Seifensiederei, mich aber brachte man zu einem Schreiner in die Lehre. Meine Kameraden verleiteten mich dazu, Lotto zu spielen. Ich begann zu verspielen, immer mehr und mehr: ich raffte, was ich konnte, zusammen und verspielte es. Einst gab man mir einen Rubel und - schickte mich Material zu kaufen. Ich verspielte diesen Rubel. Dann sanii ich darüber nach, wie ich den Schlägen, die mich erwarteten, entgehen könnte. Ich beschloß fortzugehen und begab mich zu meinem Kameraden. Er hatte mich schon oft zu sich gelockt und mir gesagt: „Ich" schlage mich' doch durch, und auch Du wirst bei mir nicht umkommen." Wir lebten nun zusammen. Er entwendete von Zeit zu Zeit Kleinigkeiten, Galoskben oder Aehnliches. Wir waren dabei guter Dinge. Dann versuchte ich, es ihm nachzumachen und ick begann, auch solche Kleinigkeiten, wie Mütze», Galoschen und anderes zu stehlen. Man faßte mich das erste Mal ab. als ich zwei Mützen entwendet hatte. Es wurden Nachforschungen angestellt. Man brachte mich in Untersuchungshaft, wo ich über einen Monat festgehalten wurde. Ms dann die nötigen Erkundigungen eingezogen waren, verurteilte man mich zu drei Monaten Gefängnis. Das erschien mir schrecklich und ich wollte nicht ins Gefängnis gehen. Ms ich aber dahin kam und dort viele meiner Bekannten, mit denen ich in der Untersuchungshaft zusammen gewesen war, wiederfand, überzeugte ich mich, baß man auch im Gefängnis, trotz mancher Unterdrückung, leben kann. Fetzt will ich Ihnen ein anderes Moment aus meinem Leben erzählen. Ms man mich aus der Haft entließ, war mein Herz erbittert. Ich begann, auf die ehrlichen Leute mit Verachtung herabzusehen. Man prügelte mich unterwegs und auf der Wache. Mir schien es, daß alle mich ansehen und sich dabei denken: Du bist ein Dieb. Dann machte ich nähere Bekanntschaft mit anderen Dieben, lernte ihre Sprache und alle ihre Kunstgriffe kennen. Ich wurde mehrmals ertappt, sestgenommen und meinen Verwandten zur Aufsicht übergeben. Sie versuchten, mich zu überreden und zurückzuhalten, und ich hörte auch auf sie. Mer als ich fortging, war alles wieder vergessen. Die Gewohnheit saß schon zu fest in mir. Der deutsche Fabrikant, in dessen Seifensiederei mein Bruder angestellt war, hatte in der Zeitung gelesen, daß man einen Gaisky arretiert hatte. Er fragte ihn, ob das nicht sein Bruder sei. Mein, Bruder antwortete ihm, es sei nur ein Namensvetter. Wer er quälte ihn immer mit diesen Fragen. Daun hatte mein Bruder sich mit einem Mädchen verlobt und sollte 200 Rubel Mitgift bekommen, aber als man von meiner Aufführung hörte, löste sich die Partie auf. Meine Mutter ist durch mich alt geworden. Sie hatte mich niehr als die anderen geliebt und gehofft, in mir einmal eine Stütze zu finden. Wer dazu war es natürlich nicht gekommen. Als ich das zweite Mal das Gefängnis verließ, kam ich auf den Gedanken, mein Handwerk lieber auf Reisen auszuüben, und ich reiste von Jekaterinoslaw nach Sinelnikow und Charkow. Bei den Unsrigen hieß es: „Ein Dieb, der an Ort und Stelle sitzt, leistet nicht viel, aber ein umherreisender Dieb ist etwas gmcz anderes." Es kamen hie und da Fälle vor, wo ich Mitleid oder Reue verspürte. So war es uns zum Beispiel einmal gelungen, einem Juden 65 Rubel zu entwenden- Er fiel in Ohnmacht und wollte sich darauf unter die Lokomotive stürzen. Ich dachte mir: weshalb soll meinetwegen ein Menschenleben zu Grunde gehen, ich gebe ihm lieber das Geld ab. Ich hatte noch 8 Rubel eigenes Geld, sodaß ich noch bis nach Jekaterinoslaw hatte fahren können. Mit mir war ein anderer Kamerad, der zwar nichts von der Sache begriff, aber, da er jünger war, fügte er sich mir. Und wie nun der Jude, umgeben von einer großen Menschenschar, dastand und weinte, schlichen wir an ihn von hinten heran, und ich schob ihm leise seinen Geldbeutel in die obere Tasche seines Ueberziehers hinein. Dann sagte ich ihm: „Suchen Sie nur gut ikach, vielleicht finden Sie das Geld noch irgendwo." Er begann seine Kleider zu durchsuchen, fand das Geld und lachte und weinte zu gleicher Zeit vor Freude. Man führte ihn in ein Zimmer, zählte fein Geld durch und ließ ihn bis zur nächsten Station von einem Gensdarmen begleiten, weil er Lanz außer sich war. (Fortsetzung folgt.) Lausanne (Franzos. Schweiz), Institut Bloch. Israelit Knaben-fensionat Schon seit Jahren bestehend. Direktor: B. Bloch. Familiennachrichten. (Aufnahme in diese Rubrik kostenlos). Gebürte«. Ein Sohn, Herrn Max Braunthal (Bock), Frankfurt, Hölderlinstr. 12. Eine Tochter, Herrn Carl Hesdörffer (Michaelis), Köln. Eine Tochter, Herrn Emanuel Kamburg (Hirschmann), Osfenbach. Eine Tochter, Herrn Jacob Steigerwald (Kleeblatt), Frankfurt. Ein Sohn, Herrn Manfred Straus (Feltheimer), Stuttgart. Eine Tochter, Herrn Robert Adler (Heß), Frankfurt. Verlobte. Jda Goldstein, Mutzig, mit Direktor I. Nobel, Antwerpen. Regine Ullmann, Nürnberg, mit Hermann Katz, München-Johannesburg. Rosa Pinczower, Liegnitz, mit Dr. jur. Josef Münz, Nürnberg. Jsabella Bollag, Freiburg, mit Leopold Kieser, Worms. Verehelichte. Max Mayer, Frankfurt, Unterlindau 52, mit Marie, geb. Epstein. Sterbesälle. Gustav Marx, Mannheim. Mayer Rosenfeld. Stuttgart. . _ Hermann Gutmann, 19 I., Bankier, Stuttgart. Siegmund Oettinger, Bankier, Regensburg. Auguste Midas, 54 I., Fürth. Sofie Heidingsselder, 54 I., Fürth. Paula Hainburger, 20 I., Wiesbaden. Hugo Loebl, 27 I., Frankfurt. Johanna Marx, geb. Adler, 63 I., Frankfurt, Rechneigrabenstr. 20. Meier Goldschmidt, 64 I., Frankfurt, Königswarterstraße 26. j Barmizwohs. (Ohne redaktionelle Verantwortlichkeit. Wir bitten um gefl. Mitteilung der Barmizwohs; die Aufnahme geschieht kostenlos.) Abraham Perlmutter, in der Synagoge des Waisenhauses. David, Sohn des Herrn Ferdinand Sundheimer, Börnestraße 44, und Siegmund, Sohn des Herrn Samuel Silber, Bergweg 42, in der Synagoge Schühenstraße. Arthur, Sohn des Herrn Eduard Schott, Baumweg 39, in der Synagoge Börneplatz. Wocheu-Kaleirder. (Zeitangaben nach dem Lnach.) Samstag, den 7. Oktober: Schabbes Schuwob. Wochenabschnitt Haasinn. Sabbath-Ausgang in Frankfurt a. M.: 8 Uhr 35 Min., Straßburg 6 Uhr 35 Min., Berlin 6 Uhr 15 Min. Sonntag, den 8. Oktober: Erew Janm-Kippur, Janm-Lippnr-Ausgang in Frankfurt a. M.: 6 Uhr 25 Min., Straßburg 6 Uhr 30 Min., Berlin 6 Uhr 10 Minuten. Kaiser Friedrich Quelle - Offenbach a. M. - Vornehmstes Tafelwasser. Offenbacher Druckluft -- Jlnfage Telefon 123. Offenbach a. II. Telefon 123. Unabertroffene bewährteste Tepplchrelntgung. Fräulein Schulze, Sie vertreiben mir die Kundschaft mit dem bellenden Husten und Sie stecken mir das andere Personal an. — Aber ich kann doch nichts dafür, wenn ich erkältet bin. Was soll ich denn machen? — Was sollen Sie machen? — Fah's ächte Sodener Mineral-Pastillen sollen Sie kaufen! Sie wiffen doch, daß die in ein Paar Stunden schon lindern und auch den hartnäckigsten Husten beseitigen. 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