Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 3 (1905)
- Issue
- Heft 38 (29.9.1905)
- Date
- 1905-09-29
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10. Die wichtige Frage der Fortbildung, welche die Leitung des „Bundes" zuerst beschäftigte, ist inzwischen in erfolgreicher Weise gefördert worden. Wie schon früher berichtet, wurde an den verschiedensten Orten Deutschlands Fortbildungskurse unter Leitung tüchtiger Männer in Aussicht genommen. Durch freundl. Entgegenkommen der betr. Herren haben die Verhandlungen mit denselben zur Gründung folgender Kurse geführt: .Gießen, Ziabb. Dr. Hirschfeld; Darmstadt,. Rabb. Dr. Marx; Friedberg, Lehrer H. Ehrmann; Frankfurt a. M., Rabb. Dr. Breuer, Rektor B. .Falk; Schweinsurt, Rabb. Dr. Stein; Bischhcim (Elsaß), Rabb. Dr. Wolfs; Hegenheim (Elsaß), Rabb. Dr. Schüler; Schwabach (Bayern), Rabb. Dr. Manes; Ansbach, Rabb. Dr. Kvhn; Hanau, Rabb. Dr. Bamberger; Oldenburg, Rabb. Dr. Mannheimer; Bremen, Rabb. Dr. Roscnak; Würzburg, H. Gutinann; Fürth (Bayern), Dr. Warszawzki, Lehrer an der Jsrl. Bürgerschule. Sämtliche Kurse werden vom „Bund g. L." subventioniert. Diejenigen in Gießen und Friedberg sind bereits ins Leben getreten, während die anderen direkt nach den Feiertagen ihre Tätigkeit beginnen werden. An dem Fortbildungskurs Gießen nehmen zahlreiche Lehrer teil, und werden als Disziplinen: Mischnah, Exegeß, Anleitung zu Schiur-Vorträgen, Literaturgeschichte, Einführung in das Verständnis der Pijutim usw. behandelt. Getreu seinem Prinzip der weitesten Ausdehnung der Verbreitung der Tauroh unter den jüdischen Lehrern Deutschlands hat der „Bund" beschlossen, allen gesetzestreuen Lehrern, auch Nichtmitgliedern, die Teilnahme an den Fortbildungskursen zu ermöglichen. Tie Einrichtung weiterer Kurse ist in Aussicht genommen und wird z. Zt. veröffentlicht werden. Tie Kollegen der betr. Bezirke werden gebeten, sich mit den Leitern der einzelnen Kurse in Verbindung zu setzen, welche auch ihrerseits gewiß gerne alles zum dauernden Gelingen dieser segensreichen Einrichtung aufbieten werden. In anerkennenswerter Weise hat außerdem das Rabbinerseminar in Berlin (durch die Herren Tr. Hofmann, Tr. Munk und Dr. Hildesheimer) auf Veranlassung des „Bundes" einen Ferienkurs zur Fortbildung jüd. Lehrer in Aussicht genommen, welcher schon in den Weihnachtsserien ins Leben treten kann. Tie sich interessierenden Kollegen werden für den Aufenthalt in Berlin seitens des „Bundes" Subvention erhalten und werden gebeten, sich zu diesem Zwecke mit Herrn Direktor Dr. Lange in Frankfurt a. M. in Verbindung zu setzen. Behufs Vervollkommnung in den jüdisch e n D i sz i p l i n e n hat ferner das Beth-hamidrasch (Rabbiner Tr. Biberfeld in Berlin) sich frcundlichst bereit erklärt, einem strebsamen Kollegen für 1 Jahr Aufnahme zu gewähren und außerdem ein Stipendium zur Aufbringung der Mittel zur Verfügung zu stellen. Zur Behandlung in den einzelnen Vereinen und Gruppen wurde folgendes Thema festgesetzt: „In welcher Weise muß der Lehrer den anerkannten Ergebnissen der Wissenschaft im Religionsunterricht Rechnung tragen?" Geräuschlos hat der „Bund gesetzestreuer Lehrer" seine Aufgabe in Angriff genommen, in schönster Weise haben die Veranstaltungen zur Fortbildung begonnen und harren die übrigen Aufgaben ihrer demnächstigen aussichtsreichen Verwirklichung. So ist mit G--Hilfe der Boden geebnet zur Erreichung seines weiteren Zieles: Soziale und materielle Hebung des jüdischen Lehrerstandcs, Förderung seiner Interessen, Fortbildung auf der Grundlage der Ueberlicferung, sowie hierdurch bedingtes Aufblühen und Erstarken wahrhaft religiösen Lebens in weiten Kreisen. Alsheim, 21. Sept. Der Nestor der israelitischen Lehrer im Großherzogtum Hessen, Lehrer K- Marx, feiert heute in voller Körperfrischc seinen 81. Geburtstag. Stratzburg i. Elsaß. Der Ausschuß des Elsaß- Lothringischen Rabbinerverbandes versendet folgendes Zirkular an sämtliche elsässischen Rabbiner auch an die Nichtmitglieder des Verbandes: „Bei der Debatte über Probeprcdigten in der Generalversammlung vom 4. Juli hat unter den Anwesenden Einstimmigkeit geherrscht über das Entwürdigende dieser ganzen Institution für den Rabbinerstand; es wurde als wünschenswertes Ziel angesehen, die Abschaffung der Probepredigten bei uns herbeizuführen. Die Versammlung hielt sich jedoch nicht für berechtigt, in einer derartig prinzipiellen Angelegenheit auch für die Abwesenden bindende Beschlüsse zu fassen. Es wurde daher dem Ausschuß zunächst als Aufgabe gestellt, die Ansicht aller Kollegen in diqjer Frage zu hören. Wir bitten Sie daher sich über ff. Fragen gütigst äußern zu wollen: 1. Halten Sie Probepredigtcn für etwas den Rabbiner Herabwürdigendes? 2. Halten Sie die Wschaffung derselben für erstrebenswert? 3. Würden Sie sich eventuell verpflichten, dies zu verwirklichen? Brümr (Oesterreich). Herr Dr. Ludwig Levh, ein Schüler des Breslauer Rabbinerseminars, wurde am 17. dss. Akts, feierlichst in sein Amt als Rabbiner der hiesigen Gemeinde eingeführt. Bukarest. Den hiesigen orthodoxen Oberrabbiner G. S. Schor hat König Karl von Rumänien zum Ritter des rumänischen Kronenordens ernannt. Tiefe hohe Auszeichnung erfolgte in Anerkennung der Dienste, die der Frankfurter Israelitisches Famllienblatt. Herr Oberrabbiner der Judcnschaft und dem Lande leistete. Voriges Jghr hielt er bei verschiedenen Anlässen vor dem Militär Ansprachen. Nach einer dieser Reden erschien eine Abteilung von 200 Soldaten mit Rcgimcntsfahne und Musikkapelle unter Führung eines Obersten vor dem Hause des Rabbiners, um ihm Ehrenbezeugungen zu erweisen. Herr Oberrabbiner Schor wird von der Regierung in jüdischen Angelegenheiten als Sachverständiger angehört. Er vertritt die Interessen der Rabbiner beim Ministeriuni. Nachdruck verboten. Bor Toresschluß. Erzählung von Samuel G o r d o n. Frei übersetzt von M. Pulver mann. Gerold Gawrilof's Junggesellen-Wohnung konnte man zu jeder Zeit als ein allerliebstes Schmuckkästchen bezeichnen, und sie war ganz besonders behaglich und komfortabel an diesem trüben, regnerischen Herbstnachmittag, da die Abenddämmerung bereits hekcinbrach und das nächtliche Dunkel sich mehr und mehr ausbreitete. Seit einer halben Stunde saß der Besitzer dieser herrlichen Räume und sein Gast, Saul Mogilow, in bequemen, weichgepolsterten Lehnsesseln, die förmlich zum Nichtstun cinluden und die sicherlich viel dazu beitrugen, daß die Unterhaltung nur schläfrig, monoton sich hinschleppte und nicht recht in Schwung kommen wollte. i Und doch war Saul Mogilow, der junge und begabte Mediziner, als ein vortrefflicher Gesellschafter allgemein bekannt — er mußte cs wohl sein, sonst würde er auch nicht mit Gerold Gawrilof aus 'so vertrautem Fuße stehen; denn Gerold gab sich nicht billig weg in seinen Freundschaften —; er war mit irdischen Glücksgütern reich gesegnet — was ja schon seine ganze vornehme Umgebung deutlich bekundete — er hatte Welt und Menschen kennen gelernt, und drum konnte er es sich auch leisten, in der Wahl seiner Bekanntschaften sehr vorsichtig und auch sehr wählerisch und anspruchsvoll zu sein. „Mein Anscheine nach hast Du es vergessen, heute Deine Zunge gehörig einzuölen, Saul," sprach er endlich, nachdem beide eine ganze Weile wieder schweigend vor sich hingebrütet hatten. „Das tut mir wirklich leid, Gerold," war Saul's Antwort. „Ich weiß es selbst, daß ich Dir heute langweilig erscheinen muß. Ich fühle mich tatsächlich ganz und gar nickst in der Stimmung, eine alltägliche Unterhaltung zu führen und wäre überhaupt gar nicht hergekommcn, wenn Du nicht darauf bestanden hättest." „Warum? Was ist denn heute mit Dir los? — Bist Du wieder mit einer neuen Erfindung beschäftigt, die die Welt abermals elektrisieren wird? — Um des Himmels Willen, Saul, höre endlich aus mit Deinen Entdeckungen, die uns.Laien immer mehr die niederschmetternde Tatsache vor Augen führen, welch ein gebrechlicher, miserabler Mechanismus das Menschenwesen ist!" „Weißt Du, Freundchen," fuhr er lächelnd fort, „Du tutst alles Mögliche, um uns zu beweisen, daß der Mensch nur ein elender Wurm ist, — und wir sind albern genug, als Gegenleistung Dich als einen bedeutenden, klugen Mann zu preisen. Ich halte dieses für kein ehrliches Tauschgeschäft." „Darum, Gerold, sollst Dil wenigstens die nächsten zwei Tage vor mir sicher sein; denn solange werde ich das Studieren und Erfinden an den Nagel hängen." „Meinst Du es wirklich so?" rief Gerold lebhaft, „dann werde ich Dich ganz und gar mit Beschlag belegen, und Du kannst Dich darauf verlassen, langweilen wirst Du Dich unter meiner Führung durchaus nickst —. Höre das Programm, das ich aufgestellt: zunächst speisen wir heute zusammen im „Russischen Adler", dann besuchen wir das Theater, wo das neue französische Stück gespielt wird, von dem alle Welt schon seit Wochen spricht; sodann . . . ." Er hielt inne, als er'Sauls abwehrende Kvpfbewegung wahrnahm. „Hast Du keine Lust in's Theater zu gehen?" fragte er ein wenig verwundert. „Ist mir auch recht, dann gehen wir zur Soiree beim Professor Kunow, der schon lange den Wunsch.geäußert. Dich persönlich kennen zu lernen. Er hat Deine letzte Abhandlung ..." „Gerold, ich banke. Dir herzlich für Deine guten Absichten," unterbrach .ihn Saul; „allein, ich bitte Dich, sei nicht ungehalten, daß ich diesen einen Tag für mich ganz allein verleben möchte." 'Willst Du auf's Land gehen?" „Nein; ich bleibe in der Stadt." Gerold sah ihn verblüfft an. „Hast Du Geheimnisse vor mir? Heraus damit, und quäle mich nickst länger mit Deinen halben Andeutungen." „Es war durchaus nicht meine Absicht, ein Geheimnis daraus zu machen," erwiderte Saul gelassen; „morgen, oder vielmehr heute Mcnd feiern wir unfern Versöhnungstag." Gerold lachte laut auf. „Nun ja; ein rotangestrichener Tag im jüdischen Kalender! Wer bas erllärt mir noch nicht Dein Verhalten." „Ich habe diesen Tag stets als eine Zeit der Selbstprüfung, der inner» Einkehr gefeiert," fuhr Nr. 381 Saul langsam fort, als wollte er seinem leichtlebigen Freunde jedes Wort ganz besonders einprägen; „und da Du doch auch in meinem - Glauben geboren bist, w kann ich cs mir wohl ersparen. Dir noch eine besondere Erklärung über die Bedeutung dieses Tages zu geben." „Allerdings," war Gerold's verächtliche Erwiderung. „Ich erinnere mich ganz genau, daß dieses die Zeit ist, wo die Juden sich den Himmel als eine Gcrichtsstnbc vorstellen, Ivo Gott eine große Bücherrevision vorniinmt, wo die Engelscharen als Ankläger und Verteidiger viel beschäftigt sind und. wo ein starker Verkehr in Strafen und Freisprechen herrscht-" , Saul überhörte absichtlich bc-n; leichtfertigen Scherz eines Freundes. „Dieses Fest," sprach er, „bedeutet iür mich sehr viel. Es entführt mich der Unruhe des weltlichen Treibens; es heiligt mein unbedeutendes Streben; cs weihet meine ganze Lebensempfindung; denn es zeigt mir, daß schließlich doch noch ein höherer Zweck, ein erhabeneres Endziel vorhanden ist, dem wir unsere Kraft widmen sollen. Diese Zeit bedeutet für mich einen Antrieb, wenn ich in den Erdennichtigkeiten erschlaffen will; sie gibt mir Gelegenheit, die weltlichen Eitelkeiten auf ihren wahren Wert zu prüfen; außerdem schärft sie mir noch eine heilige Menschenpflicht ganz besonders ein, indem sie das Band festigt — zu.meiner Schande sei cs gesagt: vielleicht das einzige Band — das mich mit meinem Volke, mit meinem Stamme verbindet, und mackst mich zum wesentlichen Bestandteil seines Schicksals und seines Kampfes." .„Ein „Band" nennst Du cs?" rief Gerold, nur den letzten Satz seines Freundes herausgreifend. „Sage lieber „eine Fessel, eine'Kette," und anstatt „Schicksal" kann Du getrost „Verdammung" setzen, und Du hast das Richtige getroffen! Für eine sentimentale, phantastische Empfindung — denn nur auf eine solche kommt es höchstens heraus — sollen wir, willst Du Deine weitansschanenden, weitreichenden Pläne und Talente in den winzigsten Raum einzwängen; willst Du Dich freiwillig und mit sehenden Augen in allerlei Hindernisse und Hemmnisse hineinstürzen! — — Ich sage Dir, Saul, Deine Handlungsweise ist unverzeihlich, verbrecherisch! — Du, der Du zu höheren 'Dingen berufen bist, zu schaffen und zu wirken für das Heil und Wohl des Menschentums, — Du hast kein Recht, nur einem Teile, nur einer Sekte anzugchören. Die ganze, große Welt verlangt und braucht Dich — —. Das ist der einzige Ruf, dem Du folgen mußt!" „Und Du, Gerold?" »Ich? Ich' bin eine Null — der ausgeprägte Alltagsmensch. Bei mir hat es sehr wenig zu bedeuten, wem ich angehöre; das Wenige, was ich schaffen würde, könnte weder Gutes noch Böses bewirken — das volle Bewußtsein meiner Bedeutungslosigkeit ist ja auch die einzige Ursache, warum ich noch nicht gänzlich vom Stanun losgebrochen bin. In jedem Falle habe ich dem Zeitgeiste Rechnung getragen und allerlei Zugeständnisse gemacht; in erster Reihe, ist aus „Gerschon Gabrielsohn" der „Gerold Gawrilof" geworden, weil ich es unterlassen will, meinen anrüchigen und verpönten Ursprung den Menschen in's Gesicht zu schlendern. Der alte Stamm glaubt noch immer, mich als seinen Zweig betrachten zu können. — Meinetwegen! Ich wünsche ihm viel Glück zu dieser schönen Besitzung. — — Doch Du, Du hast mit der Riesin Natur gekämpft. Du hast ihr ihre Geheimnisse abgernngen; Du bist aus dem besten Wege, durch Deine Forschungen, eine Weltgrößc zu werden — und plötzlich, läßt Du Dich von Alteweibergcschichten beeinflußen und von dem gesteckten Ziele seitwärts abdrängen?! Geh; Du bist ein Phantast — ich habe keine Geduld mit Dir." „Wenigstens eine von den alten Weibern, die mir diese Geschichten erzählt, war eine Heldin," sprach Saul mit zuckenden Lippen, während eine Träne in seinem Auge glänzte. , „Daraus folgt aber noch lange nicht, daß sie die Mutter eines Helden war," war Gerold's nüchterne Gegenrede. „Wenigstens für mich bist Du kein Held mehr, Saul. Du fürchtest ja der Abgeschmacktheit die Maske abzureißen, weil sie zufällig alt und grau geworden ist, und weil Du zu feig bist, der Wahrheit in's Gesicht zu schauen. Der einzige Beweggrund, der Dich hindert, gerade und aufrecht durch das Leben zu gehen und Dein Gesicht offen der Welt zu zeigen, ist ja doch nur eine mattherzige Sentimentalität —. Oder im günstigsten Falle kannst Du Dich von dem stumpfsinnigen jüdischen Pöbel als Märtyrer bewundern lassen. — Doch, vergiß es nicht, daß der Unterschied zwischen diesem und einem ausgemachten Narren nur in einer eigensinnigen, trotzigen, Auffassung besteht." „Also ein Narr oder ein Feigling!" sprach Saul mit überlegenem Lächeln. „Wenigstens läßt Du mir die Wohltat des Zweifels angedeihen — was Dir aber die doppelte Belästigung auferlegt, meine Anschauungen nach Leiden Seiten hin anhören zu müssen. ' Wohlan, der Feigling soll den Vorrang haben. — Ein Haufen verfolgter, abgequälter, schwacher Menschen lagert in einer Wildnis. Zur Nachtzeit sitzen sie alle, Männer, Frauen, Greise und Kinder, bebend und zitternd da, wann wohl der unsichtbare Feind den tätlichen Schlag gegen sie