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Neue jüdische Presse · 1905-09-29 · Heft 38 (29.9.1905) · page 9

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
3 (1905)
Issue
Heft 38 (29.9.1905)
Date
1905-09-29
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
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Beilage zu Nr. 38 des Frankfurter Israelitischen FaMienblattes. ' Inhalt der Beilage:; Artikel: Fünfzig Jahre Reformjudentüm. — Aus der zionistischen Bewegung. — Personalien. — Aus den Vereinen. — Aus der Lehrerwelt. — Vor Tagesschluß. — Sprechsaal. — Literatur und Kunst. — Aus derGeschäftwelt.— „JüdischeJugend." Fünfzig Jahre Reformjudentum. Dieser Tage kam uns eine Predigt zu Gesicht, die anläßlich des 50jährigen Bestehens der Orgelsynagoge zu Mannheim von dem dortigen Stadtrabbiner Tr. Steckelmacher gehalten und dem Druck übergeben wurde.*) Es ist nicht die Rede selbst und ihre homiletische oder oratorische Bedeutung, die uns veranlaßt, mit einigen Bemerkungen darauf einzugehen, sondern die Tendenz, die darin zum Ausdruck gelangt. Der Redner feiert die Errichtung jener Synagoge als „den Beginn einer neuen Aera" im Judentum, und die Jubiläumsfeier bedeutet ihm den Ausdruck der Dankbarkeit gegen „die Edlen, die mit der rechten Einsicht und vor allem mit dem rechten Mut die Forderungen der Zeit erfaßt und die sich bleibende, fortdauernde, fruchtbare Verdienste um die Gemeinde und durch ihr Beispiel auch um andere Gemeinden erworben haben." Er schildert dann die „Verheerungen", die das Mittelalter verursacht hatte, die „Unordnung und Veräußerlichung" in den Synagogen, das „wirre Geschrei der Betenden oder Streitenden", daß man „dichteste Nacht der lichtesten Neuerung" vorzog und gegen die Neuerer sogar die weltliche Obrigkeit anrief. Man könnte danach glauben, daß die letzten 50 Jahre nach einer Periode des Verfalls einen beispiellosen Ausschwung des Judentums gebracht hätten. Ter Mannheimer Stadtrabbiner ist wohl kaum ein so schlechter Geschichtskenner, daß er im Ernste diese Meinung hegen sollte; umsomehr ist diese tendenziöse Verherrlichung der Reform zu verurteilen. Die letzten Jahrzehnte sind im Gegenteil durch einen erschreckenden Niedergang des jüdischen Lebens gekennzeichnet, und eine Ausnahme bilden nur diejenigen Gemeinden, in denen das traditionelle Judentum einen maßgebenden Einfluß besitzt. Jene Alten wußten wohl, warum sie „die dichteste Nacht der lichtesten Neuerung" vorzogen. Sie lehnten sich nicht gegen die Beseitigung der Mißstande auf; soweit solche vorhanden waren, waren sie «schon von den Autoritäten unter den alten Rabbinern scharf bekämpft worden. Wogegen man' sich sträubte, das war die Verkirchlichung ''des Judentums, die Protestantisierung des Gottesdienstes, die Einführung fremder, dem jüdischen Gesetz zuwiderlaufender Einrichtungen. Und wenn von der Anrufung der weltlichen Obrigkeit gegen die Neuerer gesprochen wird, so vergißt man oder verschweigt, baß der erste, der im Judentum die Unterdrückung gegnerischer Anschauungen durch Polizeigewalt in Hebung brachte, Israel Jakobson, der Vater der Reform, gewesen ist. Und wem verdankt denn das Reformjudentum in Baden seine dominierende Stellung, wenn nicht der „weltlichen Obrigkeit"? Als einen Erfolg der Orgelshnagoge feiert es auch der Redner, daß „dieses Gotteshaus das heiß^ begehrte Ziel unzähliger Frommgesinnter geworden und geblieben, die sich hier immer wieder erbauen, erheben und begeistern"; und diese Erbauung und Erhebung, meint er, waren „nicht etwa nur flüchtige Regungen, sondern offenbarten ihre veredelnde Kunst auch im Leben", in der Innigkeit und Zartheit des Familienlebens, in dem treuen Zusammenhalten der Familienglieder, in der Redlichkeit und Rechtschaffenheit im Handel und Wandel, in der Wohltätigkeit. — Wir hatten bisher geglaubt, diese schönen Eigenschaften unseres Volkes seien aus dem Geiste der Thora hervorgegangen und durch ihn erhalten worden. Daß die Orgelsynagogen oder die Reform sie durch ihre veredelnde Kraft bewahrt hätten, diese Behauptung ist zweifellos originell. Ten Beweis dafür dürste Herr Dir. Steckelmacher auch wohl schul- *) Rede, gehalten anläßlich des 50jährigen Bestehens der Synagoge zu Mannheim am Sabbat Schelach lecho 5665 (1. Juli 1905) von Dr. M. Steckelmacher, Stadt- und Konferenzrabbiner. big, bleiben. Tatsache ist jedenfalls, daß überall, wo die Reform herrscht, der jüdische Geist entschwindet und die Taufen zunehmen. Ten Beweis hierfür bilden Berlin und — Mannheim. Tie Einwürse gegen die Zulässigkeit der Orgelmusik beim jüdischen Gottesdienste sucht der Herr Rabbiner durch die Behauptung zu entkräften, daß „Orgelmusik im 2. Tempel bezeugt sei", und daß, „wenn Tavid, der wohl alle damals bekannten Musikinstrumente benutzt hat, auch das wundervolle Jntrument gekannt hätte, über das wir verfügen, er ich dessen zur Verherrlichung seines Gottes, zum Ausdruck seiner tiesinnigcu religiösen Empfindungen erst recht bedient haben würde." Vielleicht werde» die heutigen Vertreter der „Wissenschaft des Judentums" auch noch den Tamenchor für den 2. Tempel Nachweisen. Wir empfehlen aber Herrn Dr. Steckelmacher, das vor kurzem von Prof. Berliner neu veröffentlichte Gutachten des Rabbiners Tavid Oppenheim zu studieren, daraus würde er erfahren, was es mit jener Legende von der Orgel im 2. Tempel auf sich hat, und er könnte darin auch die Widerlegung der von ihm ebenfalls wiederholten Behauptung finden, daß man wegen der Trauer uni Jerusalem die Musik in der Synagoge nicht gestatten wollte. — Und Hand auf's Herz! Wenn wirklich die Orgel im 2. Tempel nicht bloß ein Phantasiegebilde, sondern Tatsache wäre, war sie dann das Vorbild der heutigen Orgel in der Synagoge und nicht vielmehr die Orgel der christlichen Kirche? Man muß die Urteilskraft seiner Zuhörer und ihre geschichtlichen Kenntnisse wahrlich sehr gering einschätzen, wenn man ihnen derartige Dinge einzureden wagt. Herr Dr. Steckelmacher ist so ehrlich, anzuerkennen, daß trotz der segensreichen Wirksamkeit der Reform dennoch „schmerzliche Schäden" vorhanden sind: religiöse Gleichgültigkeit, Unterschätzung des religiösen Rituals, offener Abfall. Aber er meint, beim Fortbestehen der alten „Mißstände" (wir wissen nicht, ob er das ganze überlieferte Judentum als einen Mißstand empfindet), würden sie in noch weit erschreckenderem Maße zu Tage getreten sein. Diese Art retrospektiver Geschichtsbetrachtung ist sehr bequem. Es kann jemand ruhig behaupten, wenn Hannibal Rom erobert hätte, so würden wir heute viel weiter in der Kultur sein, und das Schießpulver wäre dann 500 Jahre früher erfunden worden; er wird von niemandem widerlegt werden. — Es wird ja gewiß niemandem einfallen, für die traurige Zersetzung des Judentums die Orgelsynagogen allein verantwortlich zu machen. Allein die dort vertretene Richtung, die Untergrabung der Autorität, die Leugnung der Göttlichkeit der Thora, die Anbequemung an die „Forderungen der Zeit", bas sind allerdings die Ursachen für die so tief beklagenswerte Auflösung, für das Schwinden des jüdischen Geistes. Herr Tr. Steckelmacher spricht zuletzt schöne Worte vom Frieden in den Gemeinden. Aber der Frieden kann nur dann gewahrt bleiben, wenn man jedem, auch dem Orthodoxen, sein Recht zukommen läßt. Taß dies in Baden in jeder Beziehung der Fall ist, kann nach unserer Kenntnis der Verhältnisse nicht behauptet werden. Daraus resultieren auch die in neuerer Zeit unternommenen Versuche, dem gesetzestreuen Judentum einen, größeren Einfluß zu verschaffen. Herr Tr. Steckelmacher irrt, wenn er meint, diese Versuche seien von „nicht heimischen" Elementen ausgegangen. Sie sind nur bie Folge des Uebergewichts der Reform, das nachgerade unerträglich geworden zu sein scheint. Im übrigen darf unseres Erachtens eine gute Sache auch von „nicht heimischen" Elementen vertreten werden. Sonst würde ja auch Herr Dr. Steckelmacher selbst keine Berechtigung haben, seine Ideen zu propagieren; denn wenn wir nicht irren, hat seine Wiege weder in Mannheim, noch überhaupt in Deutschland gestanden. Was in neuerer Zeit zur Hebung des Judentums geschehen ist, das ist von den Orthodoxen und den Zionisten ausgegangen, die beide von den Reformrabbinern mit besonderem Hasse bedacht werden. Wenn aber die Reform als veredelnde Macht gepriesen wird, so muß dagegen schon im Interesse der historischen Wahrheit protestiert werden. Aus -er zionistischen Bewegung. Frankfurt a. M. Der Vorstand der Frankfurter Zionistischen Vereinigung teilt uns mit, daß die Generalversammlung des Vereins am 10. Oktober, abends Uhr, ini Kursaal Milani stattsindet. In der Vorstandssitzung vom 26. September gaben die Herren I. L. Goitein, Tr. Hanauer, I. Gans und Fritz Sondheimer die Erklärung ab, daß sie in keinem Falle eine Wiederwahl in den Vorstand annehmen werden, weil sie der Ueberzeugung sind, daß, nachdem sie dem Vorstande lange Jahre angehörten, es im Interesse des Vereins liegt, neue Kräfte mit der Leitung zu betrauen. Paris, 24. Sept. Gestern Abend fand hier eine große ziou. Versammlung statt. Nach einer kurzen Rede Greenbergs (London) legten Nordan und A l. M a r m o r e ck ihren Wählern den Rechenschaftsbericht über den 7. Kongreß ab. Personalien. Berlin. Der persische Generalkonsul Max Leon erhielt vom Schah von Persien den Sonnenu. L ü w e n o r d c n 2. Klasse mit Brillanten. Altona. In Hamburg verschied Frau Dr. Johanna Löb, Witwe des hiesigen Oberrabbiners Dr. Löb s. A. Posen. Kanzletrat Louis Kantorowicz, Sekretär der königlichen Spezialkommission, ist im Alter von 66 Jahren gestorben. Rakel lPosen). Die hiesige jüdische Gemeinde hat Herrn Stadtrat Isidor L e s s e r anläßlich seines Wegzuges in Anerkennung des rege» Eifers, mit welchem er die Interessen der Geineinde und deren wohltätige Institutionen gefördert hat, zum Ehren Mitglieds ernannt und ihm ein kunstvoll ausgestattetes Ehrendiplom im Beisein des Vorstandes und der Repräsentanten durch Herrn Vorsteher L. Bärwald überreichen lassen. Budapest. Se. Majestät hat den Großgrundbesitzern und Großkaufleutcn Hermann Groedel de Gyulasalva, Bernhard Groedel de Gyulasalva und Dr. Albert Groedel de Gyulasalva, sowie ihren gesetzlichen Nachkommen, in Anerkennung ihrer auf dem Gebiete der Industrie und der öffentlichen Wohltätigkeit erworbenen Verdienste, die ungarische Baronswürde mit dem Prädikate „Bogduni" unter Aufrechterhaltung ihres Prädikates „Gyulafalva", und dem Generaldirektor der Siebenbürger Holzindustrie-Aktiengesellschaft Arthur Böcsey, sowie seinen gesetzlichen Nachkommen, in Anerkennung seiner auf dem Gebiete des Handels erworbenen Verdienste, den ungarischen Adel mit dem Prädikate „Fenyvesi" verliehen. Prag. Den hiesigen ordentlichen Professoren, Hofrat Dr. Horaz Kras'nopolski und Hofrat Dr. Alois Zucker wurde von Sr. Majestät das Ko mthurkreuzdesFranzJosef -Ordens verliehen. Rew-Aork. JnBuffalo starb David Rosenau, ein hervorragender Geschäftsmann. Er war 1840 in Bayern geboren und kam 1854 nach Amerika. Rosenau spielte in verschiedenen jüdischen Vereinen eine hervorragende Rolle. Aus de« Vereine«. Berlin. Der Verein .Züd. Genesungsheim" hat, nachdem ihm von einem hochherzigen Berliner Spender Jk 100 000 zugewendet morden sind, in Bad Elmen ein sieben Morgen .großes Terrain erworben. Das Heim, welches der Verein auf diesem Terrain erbauen wird, wird eine Fläche von IV» bis 2 Morgen einnehmen, und mit dem Bau wird bereits in den nächsten Tagen begonnen werden. Aus der Lehrerwett. Frankfurt a.M. Mitteilungendes „Bundes gesetzestreuer jüd. Lehrer Deutschlands." Mit großer Befriedigung darf der „Bund gesetzestreuer jüd. Lehrer" auf die Arbeit der letzten Wochen zurückblicken. Bewiesen schon die sich täglich mehrenden Anmeldungen aus allen Teilen Deutschlands die freudige Aufnahme, welche die Idee der Sammlung aller gesetzestreuen Glieder der jüdischen Lehrerschaft gesunden hatte, so ist es auch der Leitung des „Bundes" nach der produktiven Seite gelungen, in der Erreichung des gesteckten Zieles erheblich vorwärts zu kommen. Die Gründung eines geeigneten Organs zur Vertretung der Standesinteressen, Pslege der Fortbildung und Förderung der Wissenschaft wurde beschlossen. Dasselbe wird demnächst unter der Leitung eines erfahrenen, tüchtigen Lehrers erscheinen, und die Interessen des „Bundes", sowie der gesetzestreuen jüd. Lehrer überhaupt wirksam vertreten. In höchst erfreulicher Weise haben sich die Beiträge zur Versorgungs -Kasse gemehrt, sodaß nach baldiger Einrichtung und dem Aufbau derselben aus versicherungstechmscher Grundlage deren Inkrafttreten zum Segen aller Mitglieder und deren Angehörigen in Kürze zu erwarten ist.

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