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Neue jüdische Presse · 1905-09-29 · Heft 38 (29.9.1905) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
3 (1905)
Issue
Heft 38 (29.9.1905)
Date
1905-09-29
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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- Nr. 38. __ völkerung, wo die Juden in Ruhe und Frieden leben und sogar eine gewisse innere Autonomie besitzen. Tie hohe Pforte hat bekanntlich s. Zt. die Gerichtsbarkeit der Rabbiner in bestimmten Fällen des Zivilrechts anerkannt und die politischen Behörden angewiesen, den bezüglichen Urteilen der Rabbiner die vollziehende Gewalt zu gewähren. Inwiefern der diesjährige Araberaufstand in Jemen die dortige Judenheit in Mitleidenschaft gezogen hat, ist uns unbekannt geblieben. In den konstitutionellen Ländern ist cs in Punkto Judenfragc auch in diesem Jahre nicht viel anders geworden. Noch immep' die Gleichberechtigung auf dem Papier und ein tiefgehender gesellschaftlicher Antisemitismus, der bis in die hohe Verwaltung der verschiedenen Ministerien hinaufreicht. Und wenn der Radauantiseniitismus vom Schlage Ahlwardts nicht mehr auf den Gassen seine Ivilden Orgien feiert, so ist der Judenhaß umso tiefer in das innerste Wesen aller Klassen cingcdrungen und führt bei roheren Naturen auch jetzt nicht selten zu wüsten Ausschreitungen, wie das Beispiel der jüdischen F r i e d Hofsschändungen und ähnlicher antisemitischer Bub e n stü cke, die in letzter Zeit in Deutschland auf der Tagesordnung sind, zur Genüge beweist. Auch das freie Schweizer»olk verspürt allmählich den Drang, hinter den großen Kulturnationen nicht zurück zu bleiben. So verfügten in den letzten Monaten die St. Galler und die Zürcher K a n t o n a l r e g i e r u n g e n, daß russischen I u d c.n keine Hausierpatente verabfolgt werden sollen, wodurch mehrere Hunderte jüdischer Familien mit einem Schlage brotlos gemacht wurden. Dies ist das Bild der allgemeinen Lage der Juden im abgelaufenen Jahre. Aus aller Welt. Deutsches Reich. Frankfurt a. M. Bezalel, Komitee zur Begründung jüdischer Hausin du st rie und Kunstgc>verbe in Palästina sandte uns den nachstehenden Aufruf mit dem Ersuchen um Veröffentlichung ein: „Nicht Almosen, sondern Arbeit, das ist heute die anerkannte Richtschnur für jeden Einsichtigen, der an der Hebung größerer Volksmassen Mitarbeiten will. Nicht Almosen, sondern Arbeit, das muß der Wahlspruch iverdcn auch bei dem Hilfsdienst an den palästinensischen Juden. Denn eines ist klar: Daß die „Chalukkah", der Zufluß von inilden Gaben aus der ganzen Welt, so sehr er dem jüdischen Herzen zur Ehre gereicht und die Ehrfurcht vor dem alten Lande der Bibel bezeugt, unsere Stammesbrüder kn Palästina nicht wirtschaftlich fördert, sondern geradezu systematisch der kraftvollsten wirtschaftlichen Antriebe beraubt. Schaffung von Arbeitsmöglichkeit, Erziehung zur Arbeit und Selbsthilfe durch wirtschaftliche Organisation, das muß das Programm der zukünftigen jüdischen Hilfstätigkeit in Palästina sein. Ein erster Schritt sind die jüdischen Kolonien, in denen ein kräftiger und arbeitsfreudiger Bauernstand sich entwickelt. Allein es liegt in der Natur der Sache, daß die landivirtschaftliche Kolonisation nur langsam eine» Teil der landansässigen Juden aus den überfüllten Städten heraus in Licht und Luft zu produktiver Arbeit zu bringen verinag. Dagegen kann ein anderer Weg schneller zu dem Ziele führen, Tausenden Brot zu schaffen: Die Einführung von Hausindustrien und die Entwicklung eines palästinensischen Kunsthandwerks. Kaum irgend ein anderes Land bietet solche Aussichten sür das Gedeihen eines Kunsthandwerks wie grade Palästina. Im Lande selbst sind Tausende von Pilgern und Reisenden, die es in immer wachsender Zahl besuchen, sichere Abnehmer kunstgewerblicher Erzeugnisse. Und das ganze Abendland, das in Palästina die Geburtsstätte dreier Weltreligionen verehrt, bietet ein unbegrenztes Feld des Exportes für künstlerisch gearbeitete Gegenstände für den Gebrauch der (Gottesdienste und den Schmuck von Gotteshäusern, Friedhöfen und Privathäusern. Für die Künstler selbst, wird cs wahrlich nicht an Anregungen fehlen in einem Lande, in dem jeder Fußbreit Bodens ein Dokument uralter Traditionen und versunkener Kulturen ist! Zur Verwirklichung dieser Gedanken bietet sich gerade jetzt eine Gelegenheit, wie sie kaum so bald wieder sich einstellen dürfte. Professor Boris Schatz aus Sofia, ein bekannter Bildhauer, Schüler von Antokolsky, ist im Begriffe, auf mehrere Jahre zu künstlerischen . Studien nach Palästina zu gehen. Bon ihm geht die Anregung zu unserem Plane aus. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. und er ist mit freudiger Begeisterung bereit, die Einrichtung und Oberleitung des Werkes ohne Entschädigung, nur aus Interesse an der Sache, selbst in die Hand zu nehmen. Professor Schatz ist auch im Kunstgewerbe ein Fachmann im besten Sinne des Wortes; er hat schon in Bulgarien durch ein gleiches im Aufträge der Regierung ausgeführtes Werk sich ein bleibendes großes Verdienst um das Land erworben. Auch hat er sowohl wie andere Künstler dem Unternehmen eine große Kollektion künstlerischer und kunstgetverblicher Vorwürfe, Bilder, Skulpturen, Gravüren, Antiquitäten, Bücher usw. schenkweise zur Verfügung gestellt. Benutzen wir also die selten günstige Gelegenheit! Zu beginnen wäre nach Professor Schah' Vorschlägen mit der Einrichtung einer Kunstgewerbeschule sowie von Wendkursen für Handwerker zur Erhöhung der Qualität und damit auch des Wertes ihrer Arbeit. Außerordentlich zukunstsreich ist vor allem die systematische Einführung der Teppichknüpferei in Palästina, sowie verschiedener kleiner Hausindustrien. Um die Arbeit beginnen und drei Jahre durchführen zu können, sind nach sorgfältiger Berechnung etwa 40000 Ji erforderlich, von denen 10000 JL bereits gesichert sind, und es ist begründete Aussicht vorhanden, baß ein beträchtlicher Teil der noch fehlenden Summe durch Vereine beigesteuert werden wird, falls wir erst die Hälfte des nötigen Fonds beisammen haben werden. Im Falle des Gelingens wird sich das Werk nach drei Jahren entweder selbst erhalten können, evtl, mit regelmäßigen Zuschüssen der Vereine, oder es wird mit Hülfe der bis dahin ausgebildeten Kräfte in kaufmännischer Weise weiter geführt werden, wozu die Palästina-Handelsgesellschaft in Hamburg und die Anglo-Palestine-Co. in Jaffa und Jerusalem schon ihre Mitwirkung zugesagt haben. Für jeden, der jüdisches Interesse mit sozialem Verständnis verbindet, ist hier eine schöne Gelegenheit nutzbringender Arbeit gegeben. Es soll nicht ein Almosen sein, das man mit abgewendetem Blicke hingibt, um einer augenblicklichen Not zu steuern, sondern es soll eine lebenskräftige Organisation entstehen, die aus sich selbst heraus die Kräfte des gesunden Wachstums entfalte, eine Organisation, in deren Schutze binnen kurzer Zeit Tausende, hoffentlich Zehntausende, aus nutzlosen Bettlern zu freien in Arbeit versittlichten Bürgern emporsteigen können. Hier die erste Hilfe zu gewähren, ist Pflicht und sollte Freude sein. Jacob Mexander, Hamburg; Prof. Badt, Breslau; Geheimrat M. Barschall, Siegm. Bergel, Berlin; Jonas Bing, Hamburg; Rechtsanwalt Dr. Blau, Frankfurt a. M.; Julius Bodenstein, Justizrat Oscar Cassel, Berlin; Gustav G. Cohen, Hamburg; Justizrat Dr. H. Meyer Cohn, Berlin: Geheimrat Prof. H. Cohen, Marburg; Direktor M. Torn, Berlin; Ober-Rabb. Dr. Ehrenpreis, Sofia; Tr. D. Feitelberg, Berlin; Senator Leopold Fischer, Hannover; Sally Flörsheim, Dortmund; I. Freymark, Prof. F. Gernsheim, Berlin; Land-Rabb. Dr. S. Gronemann, Hannover; Rabb. Dr. Guttmann, Breslau; Fabrikbes. S. Hepner, Charlottenburg; Sanitätsrat Dr. Heßberg, Essen; Dr. Hirsch Hildesheimer, Berthold Israel, Berlin; Jozef Israels, Haag; Dr. A. Klee,' Berlin; Dr. F. Kremenetzky, Wien; Kirchenrat Dr. Kroner, Stuttgart; Prof. L. Landau, Berlin; Rabb. Dr. Leimdörfer, Hamburg; Prof. L. Lewin, Direktor P. Lewy, Prof. Max Liebermann, E. M. Lilien, Berlin; Konsul Litten, Königsberg i. Pr.; Willibald Loewenthal, Berlin; Ludwig Mathiason, Hamburg; Dr. E. Mittwoch, Dr. Franz Oppenheimer, Berlin; Direktor Dr. Pakscher, Dresden; Simon Pfeffer, Breslau; Prof. M. Philippson, Charlottenburg; Rabb. Dr. Porges, Leipzig; Z. Rheinhold, Hamburg; Rabb. Dr. Rosenthal, Breslau; Rabb. Dr. L. Rosenthal, Köln; Stadtrat Salomonsohn, Hohensalza; Rabb. Tr. Ad. Salvendi, Dürkheim; Prof. Boris Schatz, Sofia; Dr. P. Schottlaender, Rittergutsbesitzer, Breslau; Moritz Simon, Wiesbaden; Dr. S. «oskin, Berlin; Isidore Spielmann, London; Hermann Struck, Berlin; Gustav Tuch, Hamburg; Rabb. Dr. Vogelstein, Stettin; Moritz Marburg, Hamburg; Prof. O. Marburg, Berlin; Emil Wassermann, Bamberg: Rabb. Dr. Werner, München; Dir. D. Wolffsohn, Köln; Dr. Th. Zlocisti, Berlin. Berlin. Auf je 100 männliche Einwohner kamen im Jahre 1902 in Preußen 62,8 Protestanten, 35,7 Katholiken und 1,1 Juden. Dagegen waren vom Hundert aller reichsinländischeu Studenten auf den preußischen Universitäten im Durchschnitte der Semester 1902/3 65,62 evangelisch, 26,65 katholisch und 7,41 jüdische. Wenn man bedenkt, daß die meisten Beamtenberufe den Juden verschlossen sind und andererseits ihren hohen Anteil an den studierenden Elementen in Erwähnung.zieht, so wird einem klar» warum sich ein akademisch gebildetes Proletariat unter den Juden herausbilden muß. Bielefeld, 20. September. Heute fand die Ein - w e i h u n g der mit einem Kostenaufwand von 250 000 Mark erbauten neuenSynagoge statt. Ter Bau ist im Stile deutscher Renaissance auf byzantinischer Grundlage errichtet und umfaßt etwa 800 Plätze. Einen besonderen Schmuck erhielt das Gotteshaus durch künstlerisch ausgeführte Kuppelfenster: die nicht unbedeutenden Mittel hierzu wurden durch Stiftungen mehrerer Gemeindemitglieder zur Verfügung gestellt. Die Weiherede hielt Rabbiner Dr. Coblenz. Der Feier wohnten die Spitzen der städtischen Be- Eeite 8. Hörden bei. Dem Vorsitzenden des Vorstandes der Synagogengemeinde, Bankier Moritz Katzenstein wurde der Kronenorden vierter Klasse verliehen. Die hiesige jüdische Gemeinde ist von 350 Mitgliedern im Jahre 1870 auf jetzt über 1000 Seelen angewachsen. Bamberg. Auf Gesuch der hiesigen Kultusgemeinde haben die beiden städtischen Kollegien der Einrichtung eines rituellen Frauenbades im Stadtbad ihre Genehmigung erteilt. Hanau, 26. September. Unliebsames Aufs e h e n erregt hier eine große Annonce in der Hanauer Zeitung, in der die Firma Gustav Aron u. Co., Inhaber Löb, ihrer Kundschaft anzeigt, daß ihre Geschästslokalitäten während der israelitischen Feiertage (Samstag, 30. Septbr. und Sonntag, 1. Okt.) geöffnet bleiben. Es ist der erste Fall, daß hier an den hohen Feiertagen ein jüdisches Geschäft geöffnet ist; — doch das ist Sache des Herrn Löb; — was wir festnageln wollen, ist die Ungehörigkeit die darin liegt, dies auch noch in die Leffentlichkeit hinauszutrommeln. Mülheim a. d. Ruhr. 24. September. Heute fand die feierliche Grundsteinlegung der hiesigen Synagoge statt. Königsberg. Bon den 51 jüdischen Gemeinden der Provinz O st Preußen haben nur noch drei (Königsberg, Memel, Tilsit) einen täglichen Gottesdienst. In Westpreußen liegt baS Verhältnis so, daß von 54 jüdischen Gemeinden noch 20 einen täglichen Gottesdienst abhalten lassen. — In Allenstein mit 480, Insterburg mit 350, Elbing mit 450, Culm mit 3-10 und Könitz mit 384 jüdischen Seelen ist nur am Sabbat ünd Feiertagen Gottesdienst. Die Provinz Ostpreußen zählte 1871 noch 14425 und 1900 nur noch 13 877, die Provinz Westpreußen 1871 noch 26 632 und 1900 nur noch 18 226 jüdische Seelen. Rastatt (Baden). Hier wurde der Grund st ein zum Neubau der Synagoge gelegt. Oesterreich-Ungar«. Bukaczowce (Galizien). Seltenes Dtebstahlobjekt. Aus der hiesigen Synagoge wurden in der Nacht vom Sonntag zum Montag vier Thorarollen gestohlen; von den Tätern fehlt noch jede Spur. Schweiz. Luzern, 22. Sept. Bei dem XIV. Weltfriedenskongresse, der dieser Tage hier stattfindet, stand unter anderem eine Resolution zur Beratung, wonach den Armeniern im Kaukasus das Mitleid beS Kongresses und der russischen Regierung die Entrüstung des Kongresses ausgesprochen wurde darüber» daß sie die Greuel weder verhütet noch unterdrückt habe. Auf Antrag der Madame Marajat-Cheliga aus Paris, Präsidentin der Frauenliga für Erziehung zum Frieden, wurde auch das Verfahren der russischen Regierung gegen die Juden mit in das Tadelsvotum einbezogen und zwar durch einstimmigen Beschluß des Kongresses. Zürich. Die Entscheidung der Justiz- und Poli-eidirektion des Kantons Zürich auf das Gesuch bezüglich des Hausierverbots fürrussische Israeliten lautet: „Auf das Gesuch um dauernde Belassung von Hausierpatenten an israelitische russische Staatsangehörige kann nicht eingetreten werden. — DaS Patentbureau ist jedoch ermächtigt solche Patente zur Zeit noch zu erteilen bezw. zu verlängern, aber nur in der Meinung, daß mit Ende Oktober 1905 die Gültigkeit aller dieser Patente erloschen sein soll." Rntzland. Warschau. Mit Genehmigung beS russischen Ministeriums der Volksausklärung ist die Aufnahme von Juden in das Warschauer Polytechnikum diesmal ohne prozentuale Einschränkung erfolgt. Mle jüdischen Aspiranten, die sich rechtzeitig gemeldet hatten, haben an der Hochschule Aufnahme geftmde». Petersburg. In den Kreisen der wohlhabenden jüdischen Bürgerschaft von Petersburg ist eine Subskriptionsliste für ein Ehrengeschenk sür den PräsidentenRooseveltin Umlauf. In dieser Form will die russische Judenschaft dem Präsidenten ihren Tank dafür abstatten, daß Roosevelt in seinen wiederholten Konferenzen mit Witte und auf diplomatischem Wege auf die bedrängte Lage der russischen Juden hingewiesen, im Namen der Humanität bezügliche Vorstellungen bei der russischen Regierung erhoben und auf eine Linderung des traurigen Schicksals der jüdischen Massen Rußlands hingewirkt hat. Rumänien. Bukarest. Die rumänischen Juden scheinen unter der Aegide des neuen Ministeriums Kontukazino erneuten Bedrückungen entgegenzugehen. So hat der Präfett des Kreises Botoschani jetzt die Ausweisung aller jüdischen Einwohner seines Kreises vom flachen Lande verfügt; eine Eingabe christlicher Bürger, diese Verfügung aufzuheben, war erfolglos. 230 Familien mußten nun ihren Wohnsitz verlassen und in die Städte ziehen, ohne daß ihnen Zeit gelassen wurde, ihre Geschäfte regulär zu liquidieren. Wer nicht freiwillig ging, wurde gewaltsam auf Wagen sortgeführt.

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