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Neue jüdische Presse · 1905-09-29 · Heft 38 (29.9.1905) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
3 (1905)
Issue
Heft 38 (29.9.1905)
Date
1905-09-29
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. Bilanz hat daher auch mehr Passiva a^ Aktiva aufzuwcisen. Unter sehr traurigen Auspizien begann das Jahr 5665 für unsere Brüder im Osten. Eine ökonomische Krise, die der ostasiatische Krieg mit sich brachte, hatte das ohnehin entsetzliche Elend im Ansiedclungsrayon womöglich noch erhöht, die rechtliche und soziale Stellung der Juden war unter dem eisernen Drucke eines Plehwe'schen Regimes geradezu unerträglich geworden, die grauenhaften JUdenmassacres waren nach längerer Pause von einer gewissenlosen Regierung als Blitzableiter sür den erregten Volkswillen wieder eingeführt worden, überall Jammer und Entsetzen verbreitend... Leider ist es im Jause des Jahres nicht.besser geworden. Pie ökonomische Krise nahm infolge der politischen Wirren, die in den bedeutendste» jüdischen Zentren vom Belagerungszustand begleitet wurden, geradezu grauenerregende Dimensionen an. In der polftischen und sozialen Stellung der Juden trat nach den Hoffnungen, die man an die Ernennung Swjatopolk-Mirskys zum Minister des Innern und späterhin an den russischen „Frühling" überhaupt knüpfte, eine Wendung — zum Schlimmeren ein. Während wir zum allgemeinen Frühlingsfest rüsteten und die Hände und Köpfe von allerhand politischen Petitionen, Deklarationen und Proklamationen voll hatten, organisierte die Beamtenclique den Auswurf der russischen Gesellschaft zu JuLenexzessen. Die Pogrome, welche bis dahin doch nur geheim und an vereinzelten Orten ins Werk gesetzt worden waren, wurden nun mit unverschämtem Zynismus zum Staatsprinzip erhoben und vor aller Welt inszeniert. Die „schwarzen Hundertschaften", aus dunklen Ehrenmännern, Chuliganen und Barfüssern aller Art bestehend, wurden ins Leben gerufen und von der Polizei ostentativ mft Geld und Waffen ausgestattet. Dieses schamlose Gesindel, dem, ähnlich wie den heiligen Wallbrüdern der Kreuzzüge, alle Verbrechen im Voraus vergeben waren, begann nun im gesamten Ansiedelungsrayon das Werk des Nordens und Plünderns mit einem Eifer 'und einer Konsequenz, die bis dahin unbekannt waren. Fcodosia, Shitomir, Melitopol, Dußjaty, Bjelostock, Brest, Kischinew II, Kertsch, Tschertassi usf., usf. heißen die neuen Artikel im langen Register des Judenmartyriums. Die verzweifelte Gegenwehr der jüdischen Jünglinge von den Selbstschutzvereinen wird durch die überlegene brutale Gewalt von Polizei und Soldateska, die Hand in Hand mft den Exzedenten gehen, zu Schanden gemacht. Das traurigste dabei ist, daß die jüdischen Kreise im Westen, die doch seinerzeit von den Kischinewcr Metzeleien tief erschüttert wurden und als Juden die nationale Schmach empfanden, sich nunmehr über die furchtbaren Vorgänge gar nicht mehr aufregen. 'Man hat höchstens nur noch ein verdrießliches Achselzucken, wenn etwa die Zeitungen von 300 Toten und Schwerverwundeten in Bjalostock zu berichten wissen. — Dies ist schlimmer als alles, was uns die Chuliganen je antun könnten... Daß unter den jetzigen Umständen der Willkür und den Chicanen der Tschinowniks mehr denn je Tür und Tor geöffnet ist, braucht nicht erst gesagt zu werden. Und wenn der Homelcr Polizeimeister Chlebnikow bekannt machen durfte, er werde jeden Juden niederschießen lassen, der sich seinem Wagen mehr als 50 Schritt nähern würde, so hat es ein höchster Staatsbeamter, der General- Gouverneur von Odessa nicht viel besser gemacht. In einer öffentlichen Proklamation machte er nämlich die Juden für alle Unruhen in Odessa verantwortlich; nur in jüdischen Häusern fände man bei Haussuchungen Revolver, Bomben und verbotene Literatur; „ohne die Juden würde kein Belagerungszustand, keine Beunruhigungen, keine Knjäs-Potemkin-Affäre vorgekommen sein." Daß Matutschenko, der Führer der Revolutionäre auf dem Potemkin schon früher gegenüber den von russischen Behörden in Umlauf gesetzten Gerüchten die Erklärung erlassen hatte, daß sich unter der Besatzung dieses Schiffes keine Juden befunden hätten, — verschlug natürlich dabei nichts. Auf rechtlichem Gebiete hat uns das abgelaufene Jahr keine wesentlichen Veränderungen gebracht. Bon den 350 barbarischen Gesetzen, die, wie 'Herr Witte 'sich köstlich euphemistisch ausdrückte, „die Rechtsgleichheit der Juden einschränken", ist auch in Frcmksurter JfraeMischer FamivenblM diesem Jahre der mehr oder weniger weitgehenden Zugeständnisse an die Gesellschaft kein einziges gestrichen worden. Mögen so nmnche unverbesserliche Optimisten von den Witte'schen Versprechungen Großes für die Verbesserung der Lage in Rußland erwarten — uns fehlt die, sagen wir gelinde, naive Selbsttäuschung, um in dieser Kundgebung des schlauen Diplomatcn mehr als einen Kniff der russischen auri sacra fames zu erblicken. Uebrigens hat ja Witte selbst Jacob Schiff gegenüber erklärt, die Russen seien nicht genügend entwickelt, um sich die Juden zu assimilieren (die- Assimilation ist natürlich immer der Preis, den man von uns für das bischen Recht zum Leben und Atem verlangt), man müsse daher die Erweiterung der Rechte der Juden langsam und allmählich vor sich gehen lassen. Was in der Sprache der russischen Offiziellen „langsam und allmählich" heißt, davon könnten wir bereits ein Liedchen singen. Wieviel übrigens ein Versprechen von Witte nach dieser Richtung hin zu bedeuten hat, zeigt unter anderem auch die Tatsache, daß noch vor kurzem ein Londoner jüdischer Bankier anläßlich der Verhandlung wegen einer Anleihe von ihm die Zusage erhielt, es werde allen Juden durch ein Gesetz das Recht des Aufenthaltes in Sibirien gewährt werden, was aber nicht hinderte, daß kurz darauf sogar die Rechte der in Sibirien geborenen Jude n dahin eingeschränkt wurden, daß sie sich nur an ihren Geburtsorten aufhaltcn dürften. Nicht viel mehr als von den Witte'schen Zusicherungen hat man sich von der R e i ch s d u m a zu versprechen. Wie vorauszusehcn war, hat die russische Bureaukratie aus dem Bestreben der Selbsterhaltung heraus ein wunderliches Ding von einem Wahlmodus ausgearbeitet, bei welchem die Städte, der Sitz der für die verrottete Reaktion gefährlichen Intelligenz, mithin auch die Juden nur wenig' auf ihre Rechnung kommen. Das Wahlrecht vollends auf Grund des Bermögcnszensus reduziert die Möglichkeit einer jüdischen Vertretung in der Reichsduma auf ein Minimum, da Großkapitalisten unter den Juden in nur geringer Zahl zu finden sind. Zudem macht sich in den Reihen der intelligenten Opposition eine Bewegung geltend, dieses Unding von einem Parlamente einfach zu boykottieren und bas Feld den Scharapow's, Kruschewan's und Konsorten zu räumen. Was dabei sür uns herauskommen würde, braucht nicht erst gesagt zu werden. Vor allen Dingen vergesse inan aber auch nicht, daß die Duma jedenfalls nur beratenden Charakter haben wird, sodaß auch bei der idealsten Zusammensetzung ihre Wirkung leicht würde illusorisch gemacht werden können. — Etwas Gutes hat uns das abgelaufene Jahr freilich doch gebracht, nämlich die Beendigung des blutigen Krieges in Ostasien, mit dem auch unsere ungeheuren Opfer an Gut und Blut wegfallen. Von diesem Drucke, der anderthalb Jahre lang wie ein Alp auf uns lastete, können wir nun mit den anderen Völkern Rußlands erleichtert aufatmcn. II. Dies war im allgemeinen die Lage in Rußland im letzten Jahre. In den übrigen östlichen Ländern, wo unsere Brüder bekanntlich ebensowenig wie im Zarenreiche auf Rosen gebettet sind, ist es in diesem .Jahre nicht viel anders geworden. In R u m ä n i cn , wo nach den rosafarbenen Berichten sanguinischer Journalisten in letzter Zeit ein Umschwung in der öffentlichen Meinung zugunsten der Juden eingetretcn sein soll, beranlaßte die Einwanderung eines einzigen Juden aus Bessarabien, Wolf Cohn, mehrere Blätter zu ellenlangen Hetzartikeln über „die Invasion der Juden aus Rußland". Gegenwärtig rüstet die jüdische Bevölkerung Rumäniens zur Beteiligung an der allgemeinen rumänischen Ausstellung 1906, um zu zeigen, daß die Juden ganz bedeutende Arbeit im Lande geleistet und sich demnach Verdienste um das Land und das Recht erworben haben, als ebenbürtige Rumänen bchairdelt zu werden. Ob dabei auch etwas herauskommen wird? Das ist.freilich eine Frage, die man angesichts unserer traurigen Goluscrfahrungen wohl schwerlich wird bejahend beantworten können. < Von Galizi en war in diesem Jahre nicht viel die Rebe. Soviel aber wissen wir, daß die Gewalt¬ Nr. 38. akte der Kirche jüdischen Unmündigen gegenüber, die schon seit einer geraumen Zeit im Schwange sind, auch in diesem Jahre lustig fröhlich fortflorierten. — Die trostlose ökonomische Lage der galizischen Juden dürfte wohl im abgclaufcnen Jahre, infolge des neuen österreichischen Hausiergesetzes, das darauf äusgeht, den jüdischen Hausierern ihren küniincrlichcn Lebenserwerb völlig abzuschneiden, sich noch erheblich verschlimmert haben. Nach all dem Gesagten darf es nicht Wunder nehmen, daß die E m i g r a t i o n aus den östlichen Ländern im letzten Jahre einen wahrhaft epidemischen Charakter trug und ins Riesenhafte an schwoll. Leider aber ist noch immer in der brennend gewordenen Emigrationsfrage nichts geschehen und auch die im abgelaufeneu Jahre stattgefundcne Frankfurter Konferenz hat keine praktischen Erfolge gezeitigt. Und so müssen >vir nach wie vor in demütigender Ohnmacht zusehen, wie Hunderttausende unserer Brüder sich plan- und systemlos nach allen Richtungen der Windrose zerstreuen, wie Tausende gleich gemeinen Verbrechern in ihre diversen „Vaterländer" per Schub zurückbefördert werden, oft nur ans Betreiben geschäftlicher Rücksichten, wie es im deutschen Reiche im Interesse d e s N o r d d e u t s ch e n L l o y d s g e s ch i e h t. Dabei zeigen die Jmmigrationsländer immer mehr die Tendenz, sich vor den jüdischen Einwanderern abzuschließen. So mußten wir es noch in den letzten Wochen erleben, daß in England, der klassischen Zufluchtsstätte für alle Verfolgten und Unterdrückten, die Alien Bill durch Königl i ch c S a n k t i o n am Tage der Parlamentsvcrtagung Gesetz wurde, trotzdem Earl Spencer im Oberhause sehr nachdrücklich bewiesen hat, daß die Zahl der russischen Juden, die in England ein Verbrechen begehen, geradezu verschwindend gering sei und daß sich die Bill nichtsdestoweniger nicht etwa gegen die Deutschen, Franzosen und Italiener, welche ein großes Kontingent zu dem fremden Verbrechertum liefern, richte, sondern speziellgegen dieehrl i ch e n und f k e i ß i g eAi russischen Jude n. Unter dem Zwange dieser Verhältnisse ist es nun schon, Gott sei cs geklagt, in letzter Zeit so weit gekommen, daß s ö r m l i ch e .S p e k u l a t i o n e u auf das Judeueleud unternommen wurden. So wußten die Zeitungen vor einigen Wochen von einem Agenten zu berichten, der im Londoner Whitechapel tätig ist, sür die ehemaligen Sklavenbesitzer von Sao Paulo, der brasilianischen Provinz mit dem gelben Fieber, wo seit der erfolgten Negeremanzipation ein großer Arbcitermangel herrscht, jüd. Arbeiter zu gewinnen. Diesem Agenten sei es bereits gelungen, für die Sklavenarbeiten auf Plantagen mehr als 1000 Juden zu "gewinnen, und er beabsichtige nunmehr, nach Rußland zu gehen, um daselbst „den Fischfang cngros zu betreiben". „Hoffentlich," bemerkt die „Welt"*) zu dieser. Nachricht, „werden unsere dortigen Brüder sich noch rechtzeitig an die Geschichte der 500 polnischen Bauern erinnern, welche vor Jahren sich verleiten ließen, nach Sao Paulo auszuwandern. Ter größte Teil dieser erfahrenen Landarbeiter ging im ersten Jahre am gelben Fieber zugrunde, während der Rest durch die polnische Rettungsgesellschaft in ihre Heimat zurückgebracht werden konnte." — Von unseren versprengten Brüdern habe» wir dieses Jahr wenig neues und noch weniger Erfreuliches erfahren^ Von Persien (Schiras) kamen Nachrichten über Judenexzesse. Zum Glücke sind die mohammedanischen Fanatiker nicht so raffiniert und spitzfindig strategisch, wie die - Arrangeure der Judenmassakres unter den Bekenner» der Religion der Liebe. . . . -ir«1 ' Ob die Hoffnungen, die seit wenigen Monaten die Juden von Marokko beseelt, ein-französisches Protektorat werde ihnen mit einem Schlage die Gleichberechtigung bringen, begründet ist, wird die Zukunft zeigen. Das Beispiel von Tunis, das seit 1800 unter französischer Oberhoheit steht, und wo sich die Juden dennoch in der denkbar traurigsten Lage befinden, wirkt gerade nicht ermutigend. Tie Türkei läßt nach wie vor ihren jüdischen Untertanen volle Gerechtigkeit widerfahren^ Sie ist wohl das einzige Land mit größerer jüdischer Be- *) Nr. 33, 13. .

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