Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 3 (1905)
- Issue
- Heft 38 (29.9.1905)
- Date
- 1905-09-29
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Irartkfitrker Hledaktts« it«d HefchLftsDelle: Srsnkfurl a. M.. Leiligkeuzgaffe 32, Ecke Llapperseldstraße T-r-f-« 10S07. AsrauSgsbsr: OalB H>sis. 3. Jahrgang. Freitag, de« 29. Lial 566» (29. September 1995). Ra. 38. . Jnsertionspreise: Die viergespaltene Petitzeile. 25 Pfg. Die Reklamezeile. 100 .. Platz- und Daten-Borschrift ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach Uebereinkunft. ir 1 ■ Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnementspreis pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei ins Haus. Bei der Post abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich-Ungarn Mk. 1,50, sonstige Länder Mk. 2.— I ■ . Inhalt des HauptblatteS: i Artikel: Juden und Judentum in Deutschland in: Jahre 5665. — Die Woche. — Unsere Jahresbilanz. — Aus aller Welt. — Feuilleton: Homeler Silhouetten. —Das Judengrab in der Steppe,Roman von SamuelGordon. — Vakanzen. — Fa m ilien" Nachrichten Juden und Judentum in Deutschland im Jahre 5665. Bon Le Maitre. Tie wilden Klagen der nordischen Nachtigall, der kalte, rauhe Nordwind mit seinem schrillen Pfiff und seinem wehmütigen Säuseln verkünden uns den Heimgang des Sommers und des jüdischen Jahres. Das rauhe Walten überm öden Land, die finsteren, feuchten und sternenlosen^ Herbstnächte lassen unsere Seele von mysteriösen Lüften umwittern, von Friedhöfsluft umwehen. Wir beginnen rückwärts zu schauen und glauben, etwas zu Grabe zu tragen. Bevor das letzte Wirken des jähen Wechsels das Jahr in den Ab- ' grund ewiger, vergangener Tauer rückt, empfinden wir ein tiefes Bedürfnis, zurückzuschauen, wiewohl wir. oft übermütig und fast planlos in wildem Gestrüpp vorwärts schreiten möchten. — Noch vierundzwanzig Stunden, die im Atemzug vorübereilen, und das fünfundsechzigste Jahr des siebenten Jahrhunderts im sechsten Jahrtausend unserer Zeitrechnung ist an sein Ende angelangt.- Und da beginnen wir hinter uns zu schauen, zu zählen und zu messen, was wir gewirkt und geleistet, 'was wir getan und geschaffen haben. Wie haben wir im letzten Jahre gehandelt, wie haben wir gewirkt? Tie Beantwortung dieser Fragen können wir dem künftigen Historiker überlassen, der Chronikeur hat nur Tatsachen festzustellen. Tie Juden in Deutschland haben keine Katastrophen erschreckt, kein gewaltiges Ereignis hat sie aus dem Gleichmut und der Alltäglichkeit des zu Ende gehenden Jahres gerüttelt. Das Jahr floß ihnen ruhig — und kalt dahin, und unter den Jammertönen der russischen Judenheit kamen sie selbst wenig zu Wort. Aber, wenn sie wenig gesprochen, so haben sie umsomehr in uneigennützigster Weise für das Wohl der russischen Brüder gewirkt. Taß sie wenig ausgerichtet, ist nicht ihre Schuld, sondern es liegt im Sy st e m der Sache. Daß man mit Almosen und nochmals 'Almosen dem Schicksal eines Volkes keine Wendung zum Besseren geben kann, ist eine alte Wahrheit. Aber die Tatsache, daß bei unseren deutschen Brüdern für unsere unglücklichen Stammesgenossen im Osten ein reges Interesse vorhanden ist und daß sie dieses Interesse in Praxis Umsetzen, ist eine erfreuliche Erscheinung. Gab es doch Zeiten, in der deutsche Juden jede geistige und physische Verwandtschaft mit unseren östlichen Brüdern leugneten und ihnen jede Sympathie enthalten wollten. Es ist nicht meine Aufgabe als Chronist, die Ursachen dieser Erscheinung zu untersuchen, ich müßte auch zu weit in die Philosophie der Tagesgeschichte greifen, aber ich erachte es als meine Pflicht, auf diese Erscheinung besonders, hinzuweisen, Die erfolgreiche Tätigkeit des Hülfsvereins deutscher Juden ist ebenfalls auf die hingewiesene Annäherung zwischen Ost und West zurückzuführen. Wenn wir auch einstweilen mit dem Wirken mehr als mit dem Wollen dieses Vereins zufrieden sind, so ist doch. keineswegs zu verkennen, daß gerade in der allerletzten Zeit auch auf diesem Gebiet eine Aenderung zum Bessern eiutritt. Ter Hülfsverein deutscher Juden gibt noch zwar Almosen, aber seine Tätigkeit ist von einem frischen und gesunden Geist getragen, lind das ist nicht das erste Mal in der Geschichte unseres Volkes, daß Ost und West sich nach langer, gegenseitiger Abneigung im nötigen Moment wieder findet. Im Dezenium des Damaskus geschah dasselbe. Aber was damals der Ulk eines Spaßvogels war, kann jetzt zur Wirklichkeit werden. Auch damals tauchten in den Köpfen einiger Männer territorialistische Gedanken auf; aber bald nachdem die Tamaskusaffäre ihren Hlbschluß fand, verschwanden jene territorialistischen Pläne so schnell sie gekommen waren, denn die Judenheit stand dainals noch in der optimistischen Träumerei der Emanzipation. Heute scheint der territorialistische Gedanke die Gemüter im Westen doch tiefer zu bewegen, denn es handelt sich hier nicht um einige gefolterte Juden, sondern um die Existenz der Hälfte der Nation. Im Prinzip will man noch heute in Teutschland von jüdisch-national nichts wissen, aber in der Tat arbeitet man als bewußte Glieder der Nation für die jüdische Gesamtheit. Nun erkannten die deutschen Juden, beziehungsweise deren Führer, daß eine dezentralisierte Arbeit auf allen Gebieten des jüd. Lebens nicht den gewünschten Erfolg brachte, und schon lassen sich Aeußerungen wahrnehmen, die dem alte» System der Tczentralisation den Garaus machen wollen und dem Zuge der Zeit gemäß eine Zentralisation im Schaffen und Wirken entfalten möchten. Tiefer. Wunsch nach einer Zentralisierung der Arbeit macht sich aus allen Gebieten des Lebens der deutschen Juden geltend. Auf religiösem Gebiet findet dieses zentralistische Verlangen einen scharfen Ausdruck in der Zusammenschließung aller Schomre Schabbos-Bereine, in der Annäherung der norddeutschen zur süddeutschen Orthodoxie. Sozialpolitisch äußert sich das zentralistische Wollen in der strammen Organisation des .Hülfsvereins deutscher Juden mit den anderen jüdischen Vereinigungen ökonomischer oder sozialer Natur. Noch erst kürzlich wußten die jüdischen Blätter zu berichten, daß einige der bedeutendsten Führer der deutschen Juden sich dem Territorialismus angeschlossen hätten. Bor fünf Jahren wäre das unmöglich gewesen, aber was noch vor fünf Jahren unmöglich war, ist heute möglich. Dieses halbe Dezenium hat neben Kischinew, Shitomir, Homel, auch Polna und Könitz auszn» weisen. Und im Momente nationaler Trauer findet sich jeder Jude als Glied der Nation, allerdings, den Verhältnissen entsprechend, jeder nach seiner Fayon. Taher der zentralistische Zug innerhalb der Judenheit und speziell innerhalb der deutschen Judenheit. (Schluß folgt.) Die Woche. Anläßlich der Unterzeichnung des russisch-japanischen Friedensvertrages lohnt sich noch ein abermaliges Eingehen auf die Folgen des beendeten Krieges und zwar vom jüdischen Standpunkte aus. — Es ist klar: per Sieg Japans über Rußland heißt öviel als der Sieg des Fortschrittes über die Reaktion. Nun entsteht die Frage, welchen Nutzen oder Schaden für uns als Juden der Fortschritt hat. Fraglos liegt eine Zunahme des menschlichen Fortchrittes im Interesse der Judenheit; es fragt sich nur, ob auch sein Einfluß auf das Judentum selbst ein günstiger ist. — Leider müssen wir bekennen, daß der Stand des Judentums in der Gegenwart und auch in der Vergangenheit lehrt, daß in der Diaspora mit der jedesmaligen Zunahme des Fortchrittes eine zeitweise Gefährdung des Judentumeintritt, weil damit jedesmal die umgebenden Kulturen die jüdische Kultur in den Hintergrund drängen. — Und so steht der Jude, der es mit dem Erbe einer Väter ernst meint, bei jeder sozialen und - kulturellen Veränderung von größerer Bedeutung vor einem schwierigen Dilemma; er weih nie recht, ob er sich freuen soll oder nicht; wenn auch die Ueberzeugung, daß jeder wahre Fortschritt der Menschheit eine Annäherung an die Ideale des Judentumbe« deutet, ihm Zuversicht gewährt. a * Ter antisemitische Verband deutsch-nationaler Handlungsgehilfen hatte eine rege Agitation gegen den Anschluß der Kaufmanns« gerichte an den Verband deutscher Gewerbegerichte betrieben. Es geschah dies nicht im Interesse des Kaufmannsstandes, sondern in Verfolgung der besonderen Ziele der deutsch-nationalen .Handlungsgehilfen, die da glauben, bei einer Trennung der beiden Gerichte, eher Herren der Situation im Kaufmannsgericht zu werden. Glücklicherweise sind diese partikularistischen Bestrebungen nunmehr vereitelt worden, denn der „Verband deutscher Gewerbegerichte" hat sich in seiner Sitzung zu Würzburg am 18. Sept. in einen „Verband deutscher Gewerbe- und Kausmannsgerichte" umgewandelt. Unsere Jahresbilanz. Rückblick auf daS Jahr 5665. BonPeli. I. Wiederum ist ein Jahr ins Land gegangen, seitdem wir ein trauriges Stück Zeitgeschichte abgeschlossen haben, um einen neuen, wie wir glaubten : glücklicheren, Abschnitt einzuleiten — und wiederum zeigt unsere Jahresbilanz das alte Gesicht, das bekannte düstere Bild, ohne Licht, ohne Farbe . . Wie wir uns schon lange daran gewöhnt haben, unsere Geschichte nicht selbst zu machen, sondern sie von anderen machen zu lassen, so waren wir auch im abgelaufenen Jahre mehr passiv als aktiv. Unsere