Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 3 (1905)
- Issue
- Heft 37 (22.9.1905)
- Date
- 1905-09-22
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2692297-2692409-2692446--01885-2696449- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Kette 4. in Ihre Stube, um auch msit Ihren üinbbinen Frieden zu schließen." „Werde ich aber auch Frieden schließen können mit meinem Gewissen?" „Warum denn nicht? Sie sind ja. nicht die erste Ihres Stammes, die den Umständen auf-diesc Weise Rechnung getragen. Haben Sie denn nichts von Ihren Leuten in Spanien, von den Maranncn, gehört?" „Wohl; doch jene waren durch die Notwendigkeit .dazu gezwungen." „Und sind Sic es denn nicht auch?" fragte er schnell. „Bitte, sagen Sie mir doch, wenn Sic mein Haus verlassen, wo Sie auch, nur für eine Nacht ein Unterkommen finden wollen? Wie denn, wenn ich mich weigere. Ihnen ein Fuhrwerk zu besorgen, wenn ich Sie ohne Lebensmittel fortzichen lasse, glauben Sie denn, daß Sie imstande wären, bei dieser Jahreszeit, die Steppe zu durchqueren? Oder wird der Selbstmord von ihrem Gotte nicht als Sünde augerechnet? Ueberlcgen Sie sich die Sache reiflich — Selbstmord ist kein — Märtyrertum." Nachdenkend ließ Rachel ihre Blicke in die Ferne schweifen. Soweit hatte er ja recht; che sie eine menschliche Behausung wieder erreichte, konnte sie von den Wölfen zerrissen, oder vor Hunger und Kälte gestorben sein. Nein; sie kann nicht fort. — Es wäre gräßlich, in der Wüste zu sterben — ihre Mutter hatte ja auch solche Angst davor gehabt. Und selbst wenn sie die gesährliche und beschwerliche Wanderschaft iibcrstand — was dann? Wohin gehe», wohin sich wenden? Wird nicht ihr Herz sich immer und immer wieder nach dem granitbedeckten Hügel zurücksehnen? Diese Stätte war jetzt ihre Heimat geworden — der Geist ihrer Mutter schwebt hier herum; hierher wird auch die Seele der Verstorbenen wieder zurückkehren, um sie zu suchen, und wenn sie nicht da ist, so lange weiter suchen, bis sie die Himmclspsorte nicht wieder findet. Freilich war es eine schwere, eine Toksündc, das Weib eines Christen zu werden! Aber hatte nicht ihre Mutter noch mit ihrem letzten Atenizugc diesen Christen gesegnet? Ein solcher Segen könnte sogar einen Vatcrmord heiligen, und der Mann, der jetzt mit ihr hernmstritt, er müßte eigentlich von ihr als Heiliger betrachtet iverden. Lange tobte der Kampf in ihr; das Elternhaus mit dem heiligen Sabbat, den freudevollen Fest- und den schmerzdurchwühltcn Fasttagen, alles was sie seit jener schrecklichen Katastrophe vergessen hatte, erwachte wieder in dem Bewußtsein ihrer Seele und mahnte sie an die Pflicht eines jüdischen Mädchen. -Doch das Feuer der Liebe hatte sie bereits erfaßt, und der Tod der Steppe schreckte sie. Das schwache Weib siegte — der Mutter Segen ward ihr zunr Vorwand, und so sagte sie denn endlich: „Ich werde versuchen, mich mit Ihrem Glauben vertraut zu machen, und wenn ich zu Ihrem Glücke auch nur ein Atom , . . ." „Nein; nicht ein Atom," unterbrach er sie freudig, „nicht ein Atom, eine ganze Welt des Glückes! Ach, das Sehnen und Verlangen meines Herzens!" Sic standen auf dem Gutshofe, der jetzt menschenleer war. — Nur Kallasch beobachtete sic scharf von der Hütte aus, er erhob jetzt ein fürchterliches Geheul, als er die fremde. Frau so dicht an der Brust seines Herr» sah. Hatte er nur deshalb iin letzten Winter drei Wölfe totgebissen und seinem Herrn das Leben gerettet, damit er von dieser Frau so fest umschlungen werde — ha! Wenn er doch nur von der Kette loskommcn könnte. — „Nun fühle ick; mich stark genug, gegen die ganze Welt anzukämpfen," rief Gregor frohlockend, als er sie aus seinen Armen wieder frcigab; „ich werde es sogleich meiner Mutter mitteilen." „Ich wünsche, ich könnte Dir dabei helfen," sagte sie schüchtern. „Nein, mein Liebling, Tu hast Deinen Teil bereits gehabt. Du hast Deinen Kamps bereits gckämpst; jetzt werde ich auch meine Aufgabe erfüllen." Marsa saß in ihrem Zimmer, wie gewöhnlich mit Strümpsestopfen beschäftigt. „Das Frauenzimmer hat mich gewiß bei ihm verklatscht," sprach sie zu sich, als Gregor bei ihr eintrat, „nun wird wohl wieder ein Tvnncrwettec losbrechen. — Meinetwegen, meine Achsen sind heute auch gut geschmiert, und auch meine "Räder werden darum gut laufen." „Mutter, ich habe Dir etwas mitzuteilen," eröffnete Gregor das Gespräch. „Ich weiß cs — wegen ihr," sagte sie, ihren Kopf mit einer verächtlichen Beivegung nach der gegenüberliegenden Stube werfend. „Du weißt es!" swrach er ganz erstaunt. „Es ist doch kaum erst eine Minute, daß ich selbst es weiß." „Daß Du was weißt?" „Daß sie meine Frau werde» wird." Marsa lächelte bösartig v.nb ließ dabei ihre gelben, krummen Zähne sehen, deren. Anblick schon Zahnschmerzen verursachte. „Deine Frau?! Ach so — Du meinst doch vor Gott — wie man sich so zweideutig auszudrücken versteht." „Und vor der Welt auch — meine rechtmäßige, gesetzliche Frau. Wir haben bereits alle Hindernisse beseitigt. Sie wird Christin werden." „Ist denn dieses nur das einzige Hindernis?" fragte 'sie noch immer mit kalter Ruhe. Frankfurter JfraMrfcheS FamilieMaü. Nr. 37. „Ich wüßte kein weiteres, das besonders' schwer in'sGewicht fallen könnte." „Und weshalb erzählst Tr» es inir überhaupt?" „Ich glaubte, daß es Dir lieb fein wird, zu erfahren, daß Du jetzt zwei Kinder haben wirst." Marsa hielt mit der Antwort zurück, die sie bereits auf der Zunge hatte. Endlich aber konnte sie sich nicht länger bemcistern, „Es ist wahr, ich habe mich schon lange nach einer Tochter gesehnt, aber ehe ich eine solche bekomme, will ich lieber kinderlos in's Grab sinken." „Wie Du willst, Mutter," sprach er mit eisiger Ruhe, im Begriff, das Zimmer tvieder zu verlassen. Doch bevor er noch die Türe erreichen konnte, hatte sic ihn leidenschaftlich am Arm erfaßt und warf sich vor ihm auf den Boden. „Im Namen des Heilands, Gregor, tue niir diese Schande nicht an," janimertc sie, mit gefalteten Händen. „Bringe nicht dieses verfluchte Wesen in das Haus, das Deine Mutter gewcihet hat. Ich beschwöre Dich, verjage das Unreine von unserer Türschwelle, damit es den bösen Zauber nicht noch ferner über uns ausübe. Ich wußte cs ja bald, daß ein Höllcugeist mit ihr in unser Haus eingckehrt war. Sie hat Dir das teuflische Verlangen in Deine Brust gehext, um uns alle zu verderben. Sie hat mir schon Deine Liebe hinterlistig entwendet, und Du weißt, ich kann und mag ohne diese nicht länger leben." „Wenn Tu mich wirklich so liebst, wie Du vvrgibst, daun hättest Tu auch nicht das Herz gehabt, mir zu fluchen." „Vergib mir, mein Sohn — vergib; ich war ja wahnsinnig vor Angst. Auch das ist ihre Schuld! Siehst Du es denn nicht ein, daß das Verderben bereits begonnen hat? Hattest Du denn bisher je Ursache gehabt, Dich über mich zu beklagen? Oder fehlt Dir etwas zu Deinem Behagen? O, sage es mir nur, und der Sonnenaufgang soll mich schon wach finden und die Mitternacht soll mein. Streben sehen, um es nur für Tein Wohlergehen zu verwenden. Bist Du jetzt mit mir znsriedcn? Ö, sage ja, Gregor! Jage es fort, das Judcnweib, die böse Zauberin,-nein, ich stehe nicht eher auf, bis Tu mir Dein Versprechen gegeben." „Steh' auf, Mutter," war seine ernste Antwort. Wie ein gehetztes Wild sprang sie ans, der Ton seiner Stimme ließ ihr keinen Zweifel, daß sie das Spiel verloren. „Bin ich nicht eine recht folgsame, gehorsame Mutter?" sprach sie jetzt mit schneidendem Hohn. „Ich sehe cs jetzt, dieses hergelaufene Weibsbild gilt Dir mehr als Deine Mutter, und Tein Wille ist stärker als der mcinige. Gehe nur hin zu ihr, und sage ihr, wie ich. mich vor Dir ini Staube gewälzt, daß ich mein Mutterherz schwach und trocken geredet, daß aber dennoch Deine Ohren verstopft geblieben.- Sage ihr, wie ich um mein einziges Glück gckämpst und dennoch unterlegen bi», loctf ihre Hcxenkraft sich mächtiger erwiesen als mein «chmerz, als meine Tränen. Und wenn sie in ihren buhlerischen Küssen und wollüstigen Blicken innchält, dann kann sie ja lachen — über mich lachen, und über meine Niederlage sich lustig machen.-Aber, Gregor, sage ihr auch das: Auch ich kann lachen! Höre nur, wie ich lachen kann —! Und dieses Lachen soll meine Mitgabc zu Deiner Hochzeit sein — — — Gregor hörte noch lange die Ausbrüche dieses wahnsinnige», höllischen Lachens — und ein eisiger Schauer durchbcbtc seinen ganzen Körper. Aber auch innlittcn seines Schreckens empfand er eine stürmische, leidenschaftliche Seligkeit. Jetzt konnte ihm kein Mensch den Besitz seines Weibes mehr streitig machen — er hat cs für einen hohen Preis erworben — für dieses Lachen seiner eigenen Mutter.- Rachel hörte cs ebenfalls, nur wußte sie nicht, was cs zu bedeuten hatte. Krampshast preßte sie beide Hände an die Ohren und dachte darüber nach, ob dieses Herz und Nerven zerreißende Gellen auch bis dort hinaus znni Grabe in der Steppe dringen könne, um die Mutter in ihrem Todesschlaf zu stören. (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck verboten.) Homeler Silhouetten. Skizzen von Tan, aus dem Russischen übersetzt von T. Bach. (Fortsetzung). „Von wem spricht er denn?" fragt einer der Zuhörer mit fieberhafter Neugier, derselbe, welcher unlängst cingestanden hatte, daß er alles vergessen habe. — „Von wem," wiederholt der Leser. „Kann ich das wissen? Nicht von uns; wahrscheinlich von denjenigen, die höher stehen, als wir . . . . „Was sagst Du La?" bemerkt ein anderer Zuhörer unwillig. „Darf man so etwas sagen?" . . . „Wenn, es aber wahr ist, wie soll man es denn nicht sagen?" erwidert der Leser einsichtsvoll. „Du siehst doch selbst, es steht 'in der Zeitung gedruckt! . . ." Die Zeitung „Swet" als Verkündiger der „militärischen Wahrheit!" . . . Welch eine Wendung haben die Dinge genommen! Ter Dorfbewohner aber versteht die nötigen Nachrichten sogar aus den offiziellen Zirkularen herauszulese». — „Mlcs ist in der Zeitung gedruckt," fährt der neue Verteidiger der Oesfcntlichkeit fort, „wie die Japaner tapfer kämpfen, wie sie den unsrigeil „Lumpen" zurufen und selbst ganz neue Kleider tragen." „Sie sind selbst Lumpen," wirft der Bursche mit dem Laib Brot ein. „Ihrer sind noch einmal so viel als wir, deshalb haben sic über uns das Uebergewicht." — „Es ist nicht wahr,." erwidert der Verteidiger der Oesfcntlichkeit beharrlich und furchtlos. „In den Zeitungen heißt es, daß die Japaner nach der Wissenschaft verfahren." „Nach der Wissenschaft?" wiederholt der Bauer im Lederwams niißtrauisch. „Man erzählt sich, daß die Japaner unseren geschrieben haben: Nehmt alles zurück, Port-Arthur und Korea, nur soll cs heißen, daß wir gesiegt haben." „Es ist nicht wahr," wiederholt der Zeitungsleser beharrlich. — „Ter Japaner gibt nichts zurück. In den Zeitungen steht geschrieben ..." Die Gruppe, die sich um die Streitenden versammelt hat, wird immer größer. „Ach, geh," sagt plötzlich der Bursche mit dem Laib Brot. „Lies mal Deine Zeitung, was man dort Wahres schreibt . .' ." \ „Was gibt cs da für eine Unruhe?" fragt ein vorübergehender Untcrossizier. „Wir lesen eine Zeitung vom Kriege," erwidert der Bauer in .der Pelzweste. „Ich werde Euch zeige», was Zeitung lesen heißt," sagt der Unteroffizier grob, „geht aus Eure Plätze." „Geh selbst!" antwortete ihn, der Bauer mit deni Brot, nicht weniger grob. „Glaubst Du, daß wir dümmer sind als Tu? Wir wollen auch wissen, was vorgeht." „Es ist euch befohlen, die Japaner zu schlagen, und basta." „Lest, Brüder!" „Hier ist-ein Soldatcnbries," sagt bersLeser, „vom Kriegsschauplatz: „Manche Chinesen führen Brot herum," liest er „und verkaufen ein zweipsündiges Weißbrot für einen Rubel und noch mehr, aber wir haben nicht so viel Geld, um cs zu kaufen . . . ." „Ach, Gott!" ertönen Seufzer aus der Menge. „Das ist eine Schmach," sagt der Bursche mit dem Brot in der Haich. „Aushangen, muß man sie, diese Betrüger, für solche Preise!" Am Ladentisch gibt es wieder Lärm; die müden Unteroffiziere sorgen aber nicht mehr für Ordnung. Vom Hof kommen immer neue und neue Menschen herein. Auf den Bänken .ist kein Platz mehr vorhanden, und viele setzen sich auf den Fußboden. Ich hatte schon dem dritten etwas „Kleingeld für ein Schnäpschen" gegeben. Es war Zeit, nach Hause zu .gehen. So gut es ging, drängten" wir uns zum andern Ladentisch durch, wo heißes Theewasser verkauft wurde. Ter Ausgang war vollständig versperrt, und um nach außen zu gelangen, waren wir genötigt, ein Brett unter .dem Ladentisch heranszureißcn und auf allen Vieren ans dem schmutzigen Boden, unter den Brettern des Ladentisches, bis zum Ausgang fortzukriechen. BeiZwaiger. „Halten Sie sich mehr nach links, sonst fallen Sie!" Wir bewegten uns auf einem engen Holztrottoir vorwärts. Stellenweise bestand es nur aus zwei Brettern und wir konnten nur im Gänseschritt vorwärts kommen. Um uns her — höllische Finsternis und undurchdringlicher Schmutz. Bei einem Fehltritt mußte man über die Knice in denselben versinken, ohne jede Hoffnung, hcranszukommen. In diesem Augenblick fing ich an zu begreifen, weshalb die Trottoir-Statuten, die Frage, wer dem Anderen auf dem Trottoir den Weg freigeben soll, in dem sozialen und nationalen Leben Hömels solch' eine wichtige Rolle spielen. Tenn, wie seltsam cs auch klingen mag, die Hanptbeschuldigung, welche, durch die Voruntersuchung im Homeler Prozeß gegen die Juden vorgebracht wurde.