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Neue jüdische Presse · 1905-09-22 · Heft 37 (22.9.1905) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
3 (1905)
Issue
Heft 37 (22.9.1905)
Date
1905-09-22
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 37. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Kräfte überall helfend eingegriffen. Dabei wurden alle Pläne, die auf eine Besserung der Lage der Juden in Rußland selbst und auch außerhalb Rußlands hinzielten, sorgfältig geprüft, und wo es zweckentsprechend war, nach Möglichkeit gefördert. An den Vortrag knüpfte.sich eine längere interessante Debatte, die die völlige Uebercinstimniung der Anwesenden mit den Ausführungen des Referenten dartat. Hierauf wurde eine große Reihe von Bewilligungen beschlossen. Dem Komitee znr Hilfe durchreisender russischer Juden in Kopenhagen sind J& 2500, dem jüd. Unterstützungsverein für Obdachlose in Hamburg JL 2000, den: Bremer Komitee für hilfsbedürftigednrchreisendeJuden./l. 1500 von neuem bewilligt worden. Alle diese Komitees stehen im engsten Zusammenhang mit dem Zcntralbureau für jüdische Auswanderungsangelegenheiten, das dem Hilfsverein der Deutschen Juden und der Großloge „U. O. B. B." untersteht. Der jüdischen Gemeinde in Bialyst o k sind zur Verteilung an die durch die bekannten Excesse ihres Ernährers beraubten Familien Jt. 5000 zur Verfügung gestellt worden. Ter neu gebildeten Gesellschaft „Bezalel" zur Förderung des Kunst Handwerks in Palästina ist für das Jahr 1908 unter gewissen Voraussetzungen 3700 JL bewilligt worden. Ter Hilfsverein beschloß ferner, das Defizit der jüdischen Kindergärten in Jerusalem im Betrage von 1900 Frs. zu decken. Es wurden ferner für eine Mädchenschule inJerusalem und andere iDchnlzwecke in Palästina und Rumänien namhafte Beträge votiert. Mit Rücksicht darauf, daß die fiuauzieltcn Mittel des Hilfsvereins durch die trostlose Lage in Rußland und durch die zunehmende Auswanderung auf das Aeußerste in Anspruch genommen wurden und da leider nichts darauf hindeutct, daß selbst nach dem Friedensschluß die Lage unserer Glaubensgenossen eine Besserung erfahren werde, hat der geschäftsführcnde Ausschuß sich dafür ausgesprochen, demnächst mit einem öffentlichen Aufruf an den bewährten Wohltätigkeitssinn unserer deutschen Glaubensbrüdcr zu wenden. Hamburg. Vorige Woche hat das Israelit. K inder-Hospizin Duhnen beiCuxhaven die letzten diesjährigen Pfleglinge — 120 an der Zahl — nach ihrer Heimat entlassen. Während der drei Sommermonate haben ca. 300 Kinder im Hospiz Aufnahme gefunden. Ter Erfolg der Kur war fast bei allen ein vorzüglicher. Die Verwaltung geht mit der Wsicht um, nächstes Jahr auch eine Winter- Kur einzurichten. Köln a. Rh. Im „Jsr. Genieindeblatt" lesen wir: „Die Stadtvertretung der großen Kunststadt am Niederrhein, die vor 2 Jahren die ganze Kulturwelt zu sich zu Gast geladen, hat einen heroischen Beschluß gefaßt, der die wahre Kulturhöhe der Düsseldorfer Stadtväter in hellstem Lichte erstrahlen läßt; sie hat nämlich die Aufstellung des mit einem Kostenaufwande von 500 000 M. projektierten Heine- Denkmals .verboten. In Folge dieses Beschlusses hat sich das Denkmals-Komitee aufgelöst. Wackeres Düsseldorf!" Weinheim. Zur Landtagswahl-Bewegung. Tie Antisemiten sollen den Buchbindermeister Wilhelm Walter in Mannheim als Landtagskandidaten im Weinheimer Wahlkreise ausgestellt haben und auf die Unterstützung des Bundes der Landwirte hoffen. Herr Walter war früher einmal im Wahlkreis Eberbach-Buchen als Kandidat lanziert worden, hatte aber keine einzige Stimme erhalten. Seine allerdings etwas spärliche Anhängerschaft plante auch, ihn in einem Mannheimer Wahlkreis als Mittelstands-Kandidat aufzustelten, hat aber damit bis jetzt wenig Anklang gesunden. Würzburg. Den Bemühungen des Herrn Distriktsrabbiner Nathan Bamberger gelang es, das Generalkommando des 2. bayerischen Armeekorps zu veranlassen, in Rücksicht auf die Roschhaschonoh-Feiertage am 30. Sept. und 1. Oktober, die Entlassung der jüdischen Einjährigen für 29. September früh anzuordnen, sowie die Einberufung dei neuenEinjährigen bis zum 2. Oktober zu verschieben. Oesterreich-Ungarn. Wien. Der Stadtrat hat in seiner letzten Sitzung beschlossen, gegen die Entscheidung des Ministeriums des Innerndurch die dem Ministerialrekurs der Gemeinde Wien gegen den Statthalterei-Erlaß in Angelegenheit des Schächtverbotes keine Folge gegeben wurde, die Beschwerde an den Verwaltungsgerichtshof zu ergreifen. Ta der Gemeinderat hierzu seine Zustimmung geben muh, so wird man wahrscheinlich schon in allernächster Zeit eine neue Auflage der Schächtdebgtte erleben und da wird wohl den diversen antisemitischen Sachverständigen in jüdischen.Ritualfragen wieder einmal willkommene Gelegenheit geboten sein, ihre Weisheit leuchten zu lassen. Budapest. Die Nachricht , von dem Ankauf der großen und reichhaltigen Bibliothek des seligen Rabbiners Dr. Kayserling durch die hiesige Gemeinde bestätigt sich leider nicht. So weit sind wir hier noch nicht, um eine Gemeindebibliothek zu benötigen. Es wäre aber dringend zu wünschen, daß die seltene und wertvolle Sammlung zusannncnbliebe und von einem der großen deutschen oder amerikanischen Institute erworben würde. Sie enthält ca. 4000 Bände und dürste für Geschichte und Wissenschaft des Judentums eine nahezu komplette Sammlung bieten. Lemberg. Galizische Zustände. In der Milzkewitsch-Schule, in die die Juden sich leider am meisten drängen, ist es jetzt dem Direktor eingefallen, die jüdischen Schülerinnen in den Klassen getrennt von den christlichen zu setzen. In dem Pzemischler-Seminar für Mädchen werden nicht mehr wie ein Prozent jüdische Schülerinnen zugelassen. Storozynetz lBukowina), 15. Sept. In hiesiger Stadt, die unter 5000 Einwohnern zwei Drittel Juden zählt, brach am letzten Montag Nachmittag bei dem Kaufmann A. Schwarz am Ringplatz ein Feuer aus, welches infolge der Schindeldächer der Häuser innerhalb einer halben Stunde den ganzen Ringplatz in ein Flammenmeer verwandelte. Bald waren 42 Gebäude — darunter 25 Wohnhäuser — heruntergebrannt und 50, meist nicht versicherte Familien obdachlos. Die Schuld an der großen Verheerung bei hellem, lichten Tage, trägt der traurige Zustand des Löschwesens. Es fehlte Wasser, von 8 vorhandenen Wasserfässern waren nur 2 gebrauchsfähig, sogar die Feuerspritze wollte nicht funktionieren. Nyiregyhüza, 16. September. In der verflossenen Nacht habe» unbekannte Täter den hiesigen israelitischen Tempel aus g e r au b t. In ihrer Wut darüber, daß sie keine Sammelbüchsen vorfandeu, zerstörten sie Alles, was ihnen in die Hände siel; auch entwendeten sie die heiligen Thorageräte. Der Wha^en beträgt über zweitausend Kronen. Rußland. Petersburg, 14. Sept. Wie verlautet, beabsichtigt die Regierung, einer Lösung der Judenfrage >d a d u r ch a u s z u w e i ch e n, daß sie das W e ft g e B i e t non der allgemeinen Gesetzgebung absondern und die Juden lediglich dort, unter keinen Ilmständeu aber ins eigentliche Rußland zulassen will. Warschau. Der hier kürzlich verstorbene Lesser Lewi hat eine größere Summe fürZweckederjüd i s ch e n Auswanderung testamentarisch bestimmt. Es ist das der erste Fall in Rußland, daß ein Jude zum besten der Auswanderung Geld hinterläßt. Kiew. Kaufleute 1. Gilde werden hier 372 gezählt, wovon 355 Juden sind. Die Dokumente dieser Gilde kosten 800 Rubel das Jahr. Dieselben geben den Juden das Recht, hier zu wohnen, ebenso ihren Familien und Brüdern; nach 15 Jahren erhalten die jüdischen Kaufleute 1. Gilde das Recht des unbeschränkten Aufenthaltes. Kaufleute 2. Gilde gibt es hier 255 Christen und 115 Juden; dieses Dokument kostet 186 Rubel jährlich. Frankreich. Paris. Den Abgebrannten in Adrianopel sandte die Alliance Israelit«: 3000, das Haus Rothschild 5000 Franken. Niederland. Amsterdam. Zu den Feiertagen wird den jüdischen Soldaten ein vierwöchentl i ch e r Urlaub bewilligt. Bulgarien. Philippopel, 17. Sept. Der vor kurzem ausgebrochene Brand in Adria»opel hinterließ unverwischbare Spuren. 1270 Häuser und 1887 Gebäude verzehrten die Flammen. Das jüd. Viertel litt am meisten; viele Synagogen sind verbrannt. Tie Situation unserer Glaubensgenossen in Adrianopel ist unsäglich traurig. Mehr als zehntausend Seelen sind obdachlos geblieben, die meisten wohne» in den Stadtgärten oder auf öffentlichen Plätzen. Ter Oberrabbiner von Adrianopel, Hr. Zemach, sandte Telegramme um Hilfe an alle jüdische» Gemeinden der Türkei und an einige Bulgariens. In Konitantinopel wurde bis jetzt die Summe von 38 250 Piaster, in Philippopel 2193 Franken gesammelt. .Tie türkische Regierung, die Alliance usw. leisteten Hilfe, so daß die Unglücklichen vorläufig wenigstens vor Verhungern geschützt sind. Das Traurigste dabei ist, daß die reichsten Juden Wrianopels, vom Unglück getroffen, Hab und Gut verloren, und zum Bettelstab greifen müsse». I. Kanel. Amerika. New-Aork. Die New-Uorker Bankiers, welche Herrn Witte . in Portsmouth auf dessen Wunsch besuchten, haben chre Ansichten über die Verbesserung der Lage der Juden in Rußland niedergelegt und das Tokument, das von den Herren Jacob H. Schiff, Jsaac Seligman, Adolph Lewisohn und anderen leitenden jüdischen Bankiers und Ge- Eeile 3. schästsleuten unterzeichnet ist, Herrn Witte zugesandt. In diesem Schriftstück, das der „American" veröffentlicht hat, wird ü. a. ansgeführt: „Ter Ausspruch der russischen Regierung, daß die Frage wegen der LagederJuden in Rußland eine rein innere ist, und andere Länder nichts angeht, kann nicht mehr aufrecht erhalten werben. Wenn Einwohner eines Staates durch Maßregeln seiner Regierung gezwungen werden, denselben zu verlassen, so dürfen diejenigen Länder, die ihnen ei» Asyl bieten, die Verhältnisse, welche die Auswanderung verantaßten, kritisieren und darauf bestehe», daß diese verbessert werden. Von einer Einmischung in Tinge, die sie nichts angehen, kann dabei nicht die Rede sein. Ties ist die Haltung des amerikanischen Volkes im allgemeinen und die Juden halten es für ihre Pflicht, alles in ihrer Macht Stehende zu tun, um eine Verbesserung der Lage der Juden in Rußland herbeizuführen. Nur durch die Gewährung voller bürgerlich e r R e ch t e an die jüdischen Untertanen des Zaren können die Ursachen der Unruhen entserut werden. Gegenüber der Behauptung des Herrn Witte, daß die russischen Juden noch nicht genügend vorbereitet für die Ausübung der Bürgerrechte seien und daß die völlige Gleichstellung derselben mit den übrigen Russen nicht ohne ernste innere Unruhen durchgeführt werden könne, machen die Verfasser des Tvkuincnts geltend, daß die M i l l i o n r u, s i s ch e r I uden, die nach den Bereinigten Staaten yekommen ist, gute Bürger geworden sind, obgleich sie plötzlich aus dem tiefsten Dunkel an das helle Licht politischer und bürgerlicher Freiheit kamen, und daß sie sich ihrer Aufgaben als Bürger der großen Republik vollständig gewachsen gezeigt haben." G Femllelm. © Nachdruck verboten. Das Judengrab in der Steppe. Roman von Samuel Gordon. Frei übersetzt von M. Pulver mann. (Fortsetzung). „Sie sind überrascht," fuhr er niit großer Wärme fort, „und doch glaubte ich. Sie genügend vorbereitet zu haben: — doch Sie scheinen es nicht bemerkt zu haben, da Ihre Augen stets von Tränen erfüllt waren. Und so sollen Sie es jetzt wenigstens hören!" „Bon dem ersten Augenblick, als ich Sie sah, wollte ich Sie besitzen. Ich will nicht heucheln, und gestehe es Ihnen, daß ich kein Heiliger bin. Es war nicht allein das Mitleid, das mich zu Ihnen hinzog. Mein Herz hungerte schon lange nach Liebe: allein das, was ich bisher geschaut, hat mich wenig oder gar nicht befriedigt — bis Sie kamen. Und darum ivollte ich Sie nicht weiter ziehen lassen. Ich wußte, daß die Vorsehung nicht grausam ist, das Glück zu zeigen, um es bald darauf wieder zu entreißen; aber auch nicht verschwenderisch, ein Glück zum zweiten Male zu gewähren, wenn man es das erste Mal sich hat entschlüpfen lassen." „Mer das ist doch rein unmöglich," ries sie ganz bestürzt. „Warum denn unmöglich?" Seine Stimme klang fast barsch. „Weil ich Jüdin bin. — Ihr Gott ist verschieden von dem meinigen!" „Und was denn weiter? Mögen sie es doch unter sich ausmachcn, welches der richtige ist. Einst, später, werden wir es ja vielleicht erfahren. — Bis dahin aber wollen wir das Paradies im Voraus genießen. Behalten Sie ruhig Ihren Gott, aber schenken Sie mir Ihr Herz." „Meinen Gott behalten?" wiederholte sie. „Wie könnte dieses wohl geschehen? Kennen Sie denn nicht das Gesetz, baß ein Christ, der ein Mädchen meines Stammes heiratet, ohne daß dieses zu seinem Glauben Übertritt, einer schweren Gefängnisstrafe anheimfällt? Sollte das der Lohn Ihrer Freundlickckeiten sein, wenn ich es zugebe, daß Sie sich meine: oegen in's Unglück stürzen? Oder soll ich mich zu Jjrer Religion bekennen —! Sie glauben es nicht, wie unwahr mir alles vorkommt: wie fremd Ihre Heiligenbilder, Ihre Kreuze, Ihre niüßigen Priester, daS knieende Volk, wie mir . . . ." Gregor hörte ihr mit Hoffnungsfreudigkeit zu. Ihr Tispiitiereu bedeutete schon eine halbe Nachgiebigkeit. „Sie wollen sagen, daß Sie all dieses hassen," unterbrach er sie; „Sie brauchen sich nicht zu scheuen, es offen anszusprechen. Auch für mich bedeutet es nur eine sehr leicht zu entbehrende Glückseligkeit. Mehr brauche ich ja eigentlich nicht zu sagen. Ich verlange nichts Großes von Ihnen. Wenn Ihre Religion wirklich so stark und fest in sich selbst ist, wie Sie etwa denken — da wird sie wahrlich durch eine Verbeugung vor einem Kreuze oder durch einige Wassertropfen aus dem Taufbecken auch keinen größeren Schaden davon tragen. Ich wünsche diese Ihre Nachgiebigkeit in dem eine» Punkte, nur aus dem einrigen Grunde, damit Sie unwiderruflich mein rechtmäßiges Weib werden können. — Warum denn nicht? Wenn Sie mit meinem Priester fertig sind, gehen Sie ruhig

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